23. Mai 2012, Aus den „Verordnungen des Schriftstellermorgens“, 5.55 Uhr

Rohm sitzt gemäß der „Verordnungen des Schriftstellermorgens“ an seinem Schreibtisch, neben sich die erwünschte Tasse Kaffee, im Mund die in Paragraph 2 Absatz 1 geforderten drei Zigaretten, die, sanft qualmend, Figuren äußerster Fragilität erschaffen, so eben einen singenden Waldarbeiter, der im nächsten Moment von der Nachbildung des Mount Everest abgelöst wird.
Früher, ja früher („Früher war alles schlechter“, pflegte sein Großvater Julius Rohm oft zu murmeln), da arbeitete er halbtags für eine astrologisch-hellseherische Vereinigung im Badischen, war zuständig dafür, aus dem Rauch einer Zigarette die Zukunft seines Gegenüber zu weissagen. Viel Verantwortung ruhte auf seinen Schultern, stapelte sich in seinem Gewissen, das Menschen mit dem Wissen nach Hause schickte, welches Buch sie in drei Tagen lesen, welches Mittagessen sie in vierzehn Tagen kochen, welche Person sie in neun Monaten erschießen würden. Nichts für Rohm, der sich die Verantwortung von den Schultern und die Bilder aus dem Gewissen wischte, mit einigen kurzen raschen Bewegungen, die ihn nicht viel Zeit und Mühe kosteten. Dann verschwand er von dort.
Rohm tippt bereits, wie in Paragraph 9 Absatz 3 verlangt. Dort heißt es wortwörtlich: Der Schriftsteller sollte unaufhörlich tippen, er sollte auch tippen, wenn er bereits schläft, wenn er in der Badewanne liegt, wenn er beim Einkaufen ist, nie sollte er es unterlassen, das Tippen enden zu lassen, denn das würde einem Eingeständnis gleich kommen, einer Schreibblockade, die es mit allen Mitteln zu verhindern gilt. Drum tippe der Schriftsteller beim Eieraufschlagen, beim Nähen, beim Pornodreh, an allen Feiertagen tippe er, so auch am Sankt Nimmerleinstag, am Weltende, ja, man sollte ihn auch vor dem Jüngsten Gericht tippend erblicken.
Rohm unterbricht sich, singt: „Tipp, tipp, tipp …“, und verschwindet in der Küche, Nachschub für seinen Kaffeebecher holend. Er balanciert die Kanne, deren Aussehen in Paragraph 24 Absatz 9 der „Verordnungen des Schriftstellermorgens“ genau beschrieben ist und stellt sich vor, er würde über ein straff gespanntes Seil tippeln. (Auch wie und auf welche Art die Wohnung zu durchqueren ist, wurde in den Verordnungen dargelegt.)
Erschöpft plumpst er in seinen Stuhl. „Tipp, tipp, tipp …“ und tippt, niemand scheint etwas von seinem kleinen Betrug mitbekommen zu haben, eiligst weiter, auch wenn das, was auf dem Bildschirm erscheint, schon lange keinen Sinn mehr ergibt.

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