Die Gesichter des John Demjanjuk

Der folgende Artikel ist ursprünglich bei GETIDAN erschienen

Wenn wir dereinst sterben – röchelnd und vielleicht trotzdem mit einem Lächeln im sich auflösenden Gesicht -, dann werden wir mit einem Paket im Arm gehen, in das wir unser Glück und unser Unglück, unsere Schuld und unsere Unschuld gewickelt haben. Ein Reststaub wird in der Erinnerung derer kleben bleiben, die uns kannten. Der Wind wird den Staub mit der Zeit in alle Himmelsrichtungen tragen, damit er dort unteilbar mit all den Erinnerungen verschmilzt, die niemanden haben, der sie benutzt. Denn Erinnerungen wollen gelebt werden, man muss sie in die Hände nehmen, drehen, wiegen. Erinnerungen verändern ihr Aussehen, sie werden hübscher und hübscher, bis man sie zu all den anderen Dingen stellt, die sich auf oder in einem Schrank befinden. Erinnerungen werden ab diesem Zeitpunkt zum Teil einer Aufbewahrungskultur, zu Staubfängern, die spätestens mit dem Tod dessen, der sie bewahrt hat, auf dem Müll der Geschichte landen.

Man muss schon sehr viel Schuld auf seinen Rücken geladen haben, damit man nicht zu schnell ad acta gelegt wird. Das sollte kein Anreiz sein, von nun an in Gewaltverbrechen zu schwelgen, denn der Tote – so der Stand in diesem Augenblick, auch wenn hier Religionen wiedersprechen – wird sich nicht an der Erinnerung, die er hinterlässt, erfreuen. Tot ist tot und verfault.

Nun ist einer gestorben, dessen Bilder so zweifelhaft unterschiedlich sind, dass ich sie nicht einsortieren kann. Mal erscheint er mir als “netter Onkel”, dann wieder als ein Mann, der unter seinen Hautlappen verschwindet, der unter sein eigenes Gesicht zu kriechen scheint, als ob es nur eine Maske wäre, die er irgendwo gefunden hätte.

John Demjanjuk ist tot, dieser Mann, dem so viele Verbrechen angelastet wurden, dass man eine Maske finden muss, um die Zahl, die einem da entgegen geschleudert wurde, überstehen zu können. Aber jeder will leben, Opfer und Täter, jeder muss mit den Bildern, die sich in seinem Kopf angehäuft haben, ein Auskommen finden.

Ich stelle ihn mir vor, denn ich habe ihn nicht gekannt, sondern nur die Bilder, die die Medien mir zeigten. Ich stelle ihn mir in seinen Nächten vor, die er verbrachte, und die irgendetwas mit ihm zu tun haben mussten, denn in den Nächten, da liegen wir einsam und sind mit uns allein.

Ich kann nicht über Schuld und Unschuld des John Demjanjuk schreiben, weil ich zu wenig darüber weiß. Nur sein Gesicht, fotografiert in zahllosen Augenblicken, das kann ich beschreiben, kann darüber nachdenken.

“Verurteilt wegen Beihilfe zum Mord an 28.000 Juden.”

Und dann sehe ich mir ein weiteres Foto an, ein weiteres Demjanjuk-Gesicht, ein Foto, das ihn in die Ferne der Vergangenheit blicken lässt. Er scheint sich zu verlieren, denn wie kann man sich nicht verlieren, wenn man eine solche Schuld auf sich geladen hat.

Wer wäre ich gewesen, der das Glück hatte, sich nicht in solchen Zeiten entscheiden zu müssen? Eine Frage, die man nicht beantworten kann, eine Frage, als ob man nach Gottes Existenz fragen würde, und doch ist es eine Frage, die man stellen muss, immer und immer wieder, damit man sich nicht in falschen Gewissheiten verliert.

Niemand ist ein guter Mensch. Wir streben nach einer Größe, die es nicht gibt, die wir uns suchen, die wir in Büchern finden, in Personen, die einen Weg gehen, der uns begehbar erscheint. Wir werden zu unseren eigenen Erfindungen.

Da saß er, John Demjanjuk, ein Mann, der kein Mann mehr war, sondern ein Wesen mit Mütze und Sonnenbrille, das in den weiten Flächen einer grünen Jacke verschwand. Hinter der Brille aber, da muss es ihn gegeben haben, der Mensch, der, was er auch getan hat, es tat, weil er sich etwas davon versprach, was sich nicht einlöste.

Und wieder ein Bild und wieder Demjanjuk. So viele Bilder, so viele Gesichter. Wenn man verschwinden will, dann muss es nur genügend Fotografien geben, die einen irgendwann verschleiern. Auf diesem hier, das ich nun ansehe, sitzt er vor Gericht (ich vermute es). Krank sei er, der Kopf ist nach hinten gelehnt, weil er erschöpft zu sein scheint. Der Mund ist leicht geöffnet.

“Verurteilt wegen Beihilfe zum Mord an 28.000 Juden.”

Vielleicht liegt der Kopf im Nacken, damit die Erinnerungen in eine Schräglage geraten, damit sie nach hinten purzeln, damit sie keinen Halt mehr finden. Der Mund könnte geöffnet sein, damit das Gift der Vergangenheit entweichen kann.

Nein, ich weiß es nicht, denn ich kenne Demjanjuk nicht. Da sind all die Bilder eines Mannes, den ich irgendwann vergessen haben werde, denn auch meine Erinnerung will sich auf das konzentrieren, was ihr wichtig erscheint. Jedes Gesicht, jedes Wort, jede Tat kann keinen Platz darin finden.

Es kann sein, dass man sich dafür schämen sollte, dass man sich verstecken sollte unter Hautlappen, die im Laufe der Jahre über das eigene Gesicht fallen.

Wer war John Demjanjuk? Ich weiß es nicht, weil ich nicht einmal weiß, wer ich bin.

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