4. April 2012, Mein Leben als Buch, 8.27 Uhr

Kaffee, Zigarette.
Ich träumte heute Nacht davon, dass ich Teil eines Buches wäre. Nicht nur eine Gestalt in irgendeiner Geschichte, sondern tatsächlich ein Mischwesen aus Mensch und Papier. Mein Rücken war aus Karton, der mit den Daten meines Leben übersät war, darunter fand man eine kurze Inhaltsangabe und ein Foto, das mich mit Zigarette zeigte.
Vorsichtig näherte ich mich den Buchhandlungen. Das waren Gefangenenlager. Da saßen meine Freunde, eingepfercht wie gemeine Strauchdiebe, Vergewaltiger, Mörder, Bankräuber. Zugegeben, bei manchen trafen die Vorwürfe zu. Aber nicht bei allen. Ich spähte durch die Scheiben. Das war krank. Widerlich. Diese Bücher mussten sich prostituieren. Standen wie Stripteasetänzerinnen auf kleinen Bühnen.
Das Leben als Buch war nicht einfach, denn ein Körper aus Papier verlangt besondere Vorsichtsmaßnahmen. Man muss sich vor dem Regen schützen, denn aufgeweicht, finden die Rippen nie wieder zu ihrer alte Form zurück. Feuer bedeutet das Ende. Darüber müssen wir gar nicht lange reden.
Dann sind da noch die Leser, die manche von uns wie zweitklassige Bücher behandeln. Und das nur, weil wir nicht im richtigen Umfeld aufwuchsen. Großer Verlag. Unzählige Lektoren, die sich um die Erziehung mühen. Ein mächtiger Verleger, der sich um alles kümmert. Beziehungen sind eben alles. Da muss man sich nicht wundern, wenn manche Bücher unter die Räder geraten, wenn sie sich auf schäbigen Holztischen jedem anbieten, der bereit ist, ein paar Cent zu investieren. Straßenstrich. Jetzt bist du ganz unten angekommen. So schnell geht das.
Sie nennen dich: Mängelexemplar. Wie das schon klingt. Vielen Dank!
„Du wirst es nicht schaffen.“
„Du hast dich nie richtig verkauft.“
So oder so ähnlich reden sie dann mit dir, obwohl du für nichts etwas kannst. Du hast dich ja nicht mal geschrieben, du bist nur das Buch. Missbraucht, ausgenutzt, auf den Wühltisch geworfen. Eine Gesellschaft, die so mit ihren Büchern umgeht, sollte sich überdenken. Da läuft eine Menge schief.
Es hätte auch anders kommen können. Das weißt du. Aber man hatte nie eine richtige Chance. Keine große Startauflage, kaum Besprechungen, keinen Freund beim Spiegel, der dich mit Antisemitismusvorwürfen ins Gespräch brachte. Nichts.
Wir haben nur uns, einen Rücken, der uns schmerzhaft bewusst macht, dass er sich bald lösen wird. Es geht dem Ende zu. Wir werden kläglich verrotten, wenn nicht in einem Antiquariat, dann in einer Kiste auf einem Dachboden. Lebendig begraben. Da muss man noch froh sein, wenn man eine Poe-Ausgabe ist, weil man dann den Schrecken bereits gewöhnt ist. Wir werden davon träumen, wie es hätte sein können. Gefeiert und in Masse hergestellt. Will man das denn wirklich? Einzigartigkeit. Darum geht es doch in der Literatur.
Ja, was soll ich noch erzählen? Das träumte ich in dieser Nacht. Ich konnte nicht sofort aufstehen, weil ich mit einem Buchständer erwachte. Das kann passieren, wenn man von solchen Dingen fantasiert. Irgendwann legte ich den Ständer einfach zur Seite und wühlte mich aus dem Bett.

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