Winters Ideen

„Das Geschwätz dieses Pseudo-Autors ist erbärmlich. Fällt dem Rohm nichts besseres ein?“ Oswald Assler (Ein Kommentar vom 8. April 2011, hinterlassen im Blog „Aus der Pathologie“.)

Entsetzliches ist geschehen, denn Winter sind die Ideen abhanden gekommen. Er kann es nicht verstehen, kümmerte er sich doch stets fürsorglich um seine Ideen. Täglich fütterte er sie mit Tagträumereien und ausgewählter Lektüre.
Und nun dies.
Die Ideen haben sich aus dem Staub. Sie scheinen geflohen zu sein. Vielleicht haben sie sich gar ein neues Zuhause gesucht.
Undankbare Ideen, zürnt Winter ihnen.
Bestürzt steht er in seinem Arbeitszimmer. Die Welt dreht sich um ihn. Winter konzentriert sich. Er kennt dieses Gefühl. Eine Krankheit, an der so mancher Schriftersteller leidet.
Schweiß sickert wie Öl an seiner Schläfe hinab. Träge, fast zeitlos.
Winter versucht sich im Schläfenblick. Die Augen sind ungeübt. Sie bleiben in ihren Höhlen. Der Schläfenblick will nicht gelingen.
Diesen Blick wird er am Abend noch einmal üben müssen. Außerdem steht noch seine Hirngymnastik auf dem Programm. Im Areal für Romane haben sich einige Fettpolster angesammelt. Die müssen weg. Ein paar Dehnübungen mit Thomas-Mann-Sätzen haben da bisher immer geholfen.
Winter vertraut auf sein selbst erstelltes Fitnessprogramm. (Winter verhob sich letzten Winter an einer im Eigenbau gefertigten Alliteration. Aber das passierte nicht noch einmal, zumal sich Winter nach diesem Zwischenfall nur noch auf bekannte und erprobte Gewichte verließ.)
Winter setzt sich in Bewegung. Er durchsucht seine Wohnung, denn irgendwo müssen die Ideen ja abgeblieben sein.
Papier für Papier nimmt er in die Hand. Er hält die Papiere gegen das künstliche Sonnenoberlicht. Er kontrolliert jeden Zettel. Manche befragt er gar.
– Wo befanden Sie sich am 26. August 1970? Sie schweigen? Sie wissen, solch ein Schweigen macht Sie nur noch verdächtiger.
Die Zettel sind harte Kerle. Sie schweigen beharrlich.
Drum lautet das vorläufige Ergebnis: Nichts!
Zwar findet er rasch notierte Namen. Leider sagen ihm die Namen nichts.
Die spielen auch die unwissend Stummen, denkt er.
Wer ist Rainer Kohlenwerk?, denkt Winter. Ja, gab es den denn nun wirklich? Oder sollte Kohlenwerk in den Schächten seiner Romanbergwerke schuften?
Winter kann die Frage nicht eindeutig beantworten.
Weil ihm die Suche nicht schnell genug von der Hand geht, beschließt Winter, die Zeit müsse nun beschleunigt werden. Drum spult er seine Suche vor.
So etwas erfordert Übung. Das Ganze ist eine kolossale Anstrengung für Geist und Körper.
Wie auf Rollschuhen rast Winter nun von Stapel zu Stapel. Seine Hände schwirren aufgeregt durch die Luft, deren Lichtverhältnisse sich im Sekundentakt verändern.
Nach wenigen Minuten ist alles auf den Kopf gestellt. Winter drückt seine innere Stopptaste. Das Bild gefriert. Winter bekommt keine Luft. Er ringt mit dem Tod, der sich bereits auf die neue Wohnung namens Winter freut.
Mit letzter Anstrengung fällt sein Hirnzeigefinger auf die Play-Taste.
Gerettet. Das war knapp.
Winters Leben läuft in den gewohnten Bahnen weiter.
Nur eine Idee hat er noch nicht gefunden. Er kratzt sich am Kopf. Schneeflocken fallen zu Boden. Ja, ist es denn schon wieder Winter?
Winter setzt sich erschöpft an seinen Schreibtisch. Er lässt seinen Blick schweifen.
Könnte er sich denn nicht einfach eine Idee stehlen?
Winter stellt sich das so vor: Er stürmt mit geladener Poesiewaffe die Wohnung eines befreundeten Schrifterstellers. Winter sieht es genau vor sich.
Winter wird schreien: Pack deine ganzen Ideen hier in diesen Sack. Ruf nicht die Polizei. Die Hauptperson deines letzten Romans befindet sich in meiner Gewalt. Vergiss die Angelegenheit hier und keinem wird etwas geschehen.
Sicherlich wäre dies eine der Möglichkeiten, um endlich an das kostbare Gut Idee heran zu kommen.
Winter sieht keine andere Möglichkeit. Hier geht es um seine Existenz. Er packt nach seiner Poesiewaffe. Er lädt die Celan durch. Funktioniert.
Winter dreht sich zur Tastatur hin. Er marschiert in sein Textgebäude hinein. Er poltert und schreit.
Winter ist auf dem Weg.
Mann, denkt Winter, was für eine Welt.
Er schraubt den Wortdämpfer auf seine Celan.
Er hält die Luft an.
Showtime.

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3 Antworten zu Winters Ideen

  1. autorphilipp schreibt:

    Sehr schöner Text mit vielen guten Ideen.

  2. Alfred Harth schreibt:

    Mit was für Tricks Sie arbeiten müssen, Herr Rohm! Das Medikament „Celan“ zu einer Schusswaffe umzumodellieren, um damit eine Figur aus Ihrem Theaterstück „Keine Blogs für Süddeutschland“, einen gewissen Oswald Assler,
    unter Druck zu setzen und nebenbei Winter zu revitalisieren. Jazzmusiker mussten auch immer Handstände, Purzelbäume und andere Jonglierereien auf der Bühne absolvieren, wenn sie im Showgeschäft bleiben wollten. Aber wieviel
    strategische Politik wird heutzutage von Schriftstellern abverlangt wird, ts, ts…

  3. guidorohm schreibt:

    Sehr geehrter Herr Harth, Sie sind mir ja nun kein Unbekannter, daher weiß ich auch, welch ein genauer Leser Sie sind!

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