Die Wortwischer

Worte!
Buchstaben, die vom Tisch in eine Zeitung hinein geschoben werden.
Füllmaterialien, damit man nicht durch die Zeitung fällt.
Man liegt nicht weich. Man liegt auf einem Gitter.
Man liegt auf einem Totschlag.
Auf einem Kindsmord.
Auf einer Vergewaltigung.
Auf einem Bombenangriff.
Auf einem Krebstod.
Auf der Wettervorhersage.
Die Wortwischer kehren ihre Worte in die Zeitung hinein.
Heute kippen sie ihre Abfälle ins Intermeer. Da ist ein Netz, das wird sie schon fangen.
Die Worte zappeln im Netz.
Die Worte schnappen nach Luft.
Die Worte werden elend verenden.
Die Worte fallen durch das Netz.
Die Worte werden das Meer nicht verschmutzen, denn sie sinken zu Boden. Dort liegen sie stumm und tot. Hoffen auf einen Taucher, der sie finden wird.
Die Wortwischer fahren mit ihrem Schiff nicht weiter. Sie hocken vor ihrem Funkgerät. Sie warten auf Nachrichten aus aller Welt, die sie in ihre Zeitung packen und ins Intermeer werfen dürfen.
Die Wortwischer sind schon lange keine Wortfischer mehr.
Das Meer ist ihnen zu groß und zu tief. Auch gefährlich. Darüber schreiben sie nicht, denn sie schreiben nie. Sie wischen die Worte vom Tisch.
Es gibt eh schon zu viele Worte, sagen sie.
Die Worte seien noch lange nicht vom Aussterben bedroht.
Die Wortfänger vor Japans Küsten sind verstummt. Ihre Worte sind verseucht. Die werden ihre Worte einfach nicht mehr los.
Worte.
Worte über Worte.
Worte in einem schlanken Wortkörper.
Die fetten Jahre sind vorbei. Die Fernsehbilder fordern die schlanken Wortkörper.
So ein Körper muss schwitzen.
So ein Wortkörper muss Inhalt verbrennen.
Rein mit deinem Körper in die Boulevardpresse, schreit der Fernsehtrainer.
Die Kamera folgt den Wortkörpern auf Schritt und Tritt.
Susanne aus Dortmund hat in der Nacht heimlich einen Roman gelesen.
Zur Strafe muss sie sich nun alle Staffeln DSDS ansehen.
Susanne aus Dortmund leidet.
Sie weint vor der Kamera. Die Kamera liebt echte Tränen. Die Kamera liebt das menschliche Leid.
Mit dem Leid kann man Geld verdienen.
Mit Worten nicht.
Jede Träne spült Geld an die Fernsehküste.
Dort stehen sie und starren zu den Wortwischerbooten.
Man beobachtet das Intermeer.
Keine Welle zu sehen. Kein Tsunami. Die Ruhe vor dem Sturm. Möwen kreischen. Segeln scheinbar frei am Himmel.
Über Möwen müsste man einmal schreiben.
Das Fernsehen mag keine Möwen, die nicht leiden. Möwen müssten unter Tränen einen Mord gestehen. Erst dann wären sie von Interesse.
Man könnte die Möwe abschießen, sagt ein Wortwischer.
Die Möwen sehen dem Treiben zu.
Die Möwen erkennen den Plan.
Die Möwen schreien auf.
MORDDEUTSCHE ZEITUNG steht auf dem Schiff dieser Wortwischer.
Die Möwen hacken ihre Schnäbel in den Himmel. Den Himmel stört es nicht, wenn man sich in ihm verhakt. Der Himmel hat andere Sorgen. Neurodermitis. Seine Haut wird allmählich vom vielen Schmieren mit Abgasen dünner.
Der Himmel kratzt seinen Rücken.
Der Himmel hat andere Sorgen. Auch Wortwiederholungen kümmern ihn nicht.
Die Möwen schlagen Purzelbäume am Himmel.
Die Möwen teilen das Wolkenmeer.
Die Möwen inszenieren ein Lufttheater.
Die Möwen wischen Wortreste vom Meeresspiegel, in dem sie sich noch nie erblickten.
Sie werfen mit dem Wortunrat nach den Wortwischern.
Möwen und Wortwischer spielen ein Spiel. Die Zeit auf dem Meer und am Himmel muss kurzweiliger werden.
Worte.
Am Abend kehren die Wortwischer heim. Sie bekommen eine dürre Wortsuppe aufgetischt. Mehr wollen sie nicht. Worte haben sie am Tag genug gesehen.
Sie löffeln stumm ihre Wortsuppe.
Die Möwen sitzen einsam auf Bojen. Sie schlafen auf den Bojen. Sie halten die Bojen für ein Stück Land.
Sie träumen Löwen zu sein.
Dann würden sie die Wortwischer mit einem lauten Brüllen verjagen.
Die Sonne geht unter.
Die Sonne verdampft im Meer.
Die Wortwischer schalten den Fernseher ein. Im Fernsehen scheint stets die Sonne.
Im Fernsehen wird geliebt.
Im Fernsehen wird gestorben.
Die Wortwischer horchen auf. Jetzt kommt ein Bericht über das Leben der Wortwischer. Die Wortwischer sehen aufmerksam hin. Die Wortwischer sind erstaunt. Die Wortwischer lernen ihre Leben kennen.
Ein Wortwischer berichtet vom langsamen Wortsterben.
Alle sitzen sie vor den Fernsehern. All die Wortwischer. Sie weinen bei den Worten über das Wortsterben.
In der Nacht liegen sie noch lange wach. Sie denken an den nächsten Tag.
Sie werden wieder auf das Intermeer hinaus fahren. Sie werden Worte in ihre Zeitungen wischen.
All die schönen Worte, denken sie manchmal.
Und dann beugt sich plötzlich einer zur Seite. Er hat ein Wort gestohlen. Das Wort liegt unter seinem Bett. Er wird auf das Wort achten. Das Wort sieht kurz auf. Das Wort hustet. Er wickelt ein Tuch um das Wort, damit es nicht frieren muss.
Das Wort lächelt ihn an.
Dann schlafen der Wortwischer und seine Frau.
Auch das Wort schläft.
Das Wort träumt von seinen Eltern. Das Wort will nach Hause. Das Wort hat Sehnsucht nach anderen Worten.
Es wird still im Haus.
Die Nacht kehrt ein.
Das Wort erwacht. Das Wort wickelt sich aus dem Tuch. Es blickt noch einmal zum Wortwischer hin. Schon hoppst es auf das Fenstersims. Das Fenster ist offen. Das Wort späht in die Nacht hinein. Dann springt es.
Das Wort ist fort.
Ein Wildwort auf der Flucht.
Hier kann es nicht glücklich werden, denn dies ist die Stadt der Wortwischer.
Es hetzt und rennt. Das Wort streift Häuserwände.
Das Wort erblickt den Blätterwald.
Dort könnte ich mich verstecken, denkt das Wort.
Und schon ist es verschluckt. Wir können das Wort nicht mehr sehen.
Wir können über das Wort schreiben.
Wir können dem Wort Glück wünschen.
Vielleicht wird das Wort überleben.
Noch ist Nacht. Am Tag werden die Wortjäger durch den Wald streifen.
Wir bleiben zurück.
Wir bleiben bei den Wortwischern.
Wir werden sie begleiten. Wir fahren mit ihnen auf das offene Intermeer hinaus.
Wir werden über ihre Gesichter schreiben.
Über ihre Hände.
Über all die Worte, die sie längst verloren haben.
Wir setzen uns nieder und schreiben.
Wir wollen noch Wortfischer sein.

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