Die Gerechten

Wir hatten uns gleich für den Nachmittag verabredet. Aufregung. Alle redeten durcheinander.
Diese verfluchten Nazis, schrie Ilse.
Natürlich stimmten wir ihr zu.
Und Robert schrie, wir müssen etwas unternehmen.
Später fühlten wir uns gut. Besser. Beatrix meinte sogar, auch wenn eine der Verkäuferinnen verbrannt sei, wir müssten uns keine Vorwürfe machen.
Beatrix sagte: Wir sind die besseren Menschen.
Die meisten von uns schwiegen. Sie widersprachen ihr aber auch nicht.
Raimund hatte das Werbeplakat an der Bäckerei entdeckt.
Ein schwarzes Kind. Große dunkle Augen.
Die verhungern doch alle, sagte Beatrix. Und diese Bäckerei verdient sich mit dem Elend von so einem kleinen Kind auch noch eine goldene Nase.
Fabian trat nach vorne. Fabian, der später zündelte. Den wir nie mehr sahen.
Manche behaupten, er wäre in den Untergrund gegangen. Ich halte das für Unsinn.
Fabian legte den Kopf schief. Seine Gedanken schienen schwer. Er klagte ständig über Kopfschmerzen.
Wir können das nicht zulassen, sagte Fabian. Wir müssen etwas unternehmen.
Und was?, fragte Sybille.
Sybille. Klein, schweigsam. Die hatte noch nie einen Freund. Die wurde von uns nicht ganz ernst genommen. Lebte noch bei ihrer Mutter. Trotzdem engagierte sie sich. Wir engagierten uns alle.
Wir waren gegen so viele Dinge. Atomkraft. Rassismus. Wir platzen förmlich aus unseren Häuten vor lauter Mitmenschlichkeit.
Fabian achtete nicht auf Sybille. Das taten wir nie. Warum sollten wir das tun? Es war schon genug, dass sie bei uns dabei sein durfte.
Wir müssen das Plakat zerstören, sagte Fabian. Das ist Rassismus. Übler Rassismus. Die treten hier auf den Rechten eines kleinen Negerkindes herum.
Das mit dem Negerkind sorgte für Unruhe. Petra beschimpfte Fabian. Die Benutzung des Wortes Neger sei bereits auch schon eine Art von Rassismus. Sie dachte über ihre eigenen Worte nach. Das sei keine Art von Rassismus. So fange er an, der klare und totale Rassismus. Also stritten sich Petra und Fabian eine Weile. Sie bekamen sich regelrecht in die Haare. Wir stimmten Petra zu. Neger durfte man nicht sagen. So jemand wie Fabian dürfte eigentlich nicht in unserer Gruppe bleiben. Wir berieten über Fabian. Und nach einer halben Stunde entschieden wir uns für ihn. Er ist noch jung. Er muss noch lernen, was man sagen darf, und was man nicht sagen darf.
Die Sprache ist eine gefährliche Sache, erklärten wir ihm. Die Bibel ist frauenfeindlich. Wir versuchten es mit Beispielen. Aber er verstand uns nicht. Das sahen wir seinem Gesicht an.
Fabian ist ein Draufgänger. Und deshalb ist er jetzt auch verschwunden. Ich denke nicht, dass wir ihn noch mal sehen werden.
Wir haben auch unsere Treffen vorerst eingestellt. Unsere letzte Aktion war von der Sache her richtig. Sie ging nur etwas weit.
Der Laden brannte komplett ab. Eine der Verkäuferinnen starb in den Flammen. Zum Glück riefen wir die Feuerwehr. Die konnten ein Ausbreiten der Flammen auf das restliche Gebäude verhindern. Da wohnen viele Migranten. Das hätten wir uns nie verziehen.
Das mit der Verkäuferin tut uns natürlich leid. Aber die hätten das mit dem Plakat einfach nicht tun dürfen. So ein Schmutz hat in diesem Viertel nichts verloren.
Und dann hat jemand gesagt, Sybille wäre eine Gefahr. Sie wäre schwach. Sie würde uns verraten.
Sie haben gesagt, Sybille wäre eine Feindin der Sache geworden. Es wäre besser, wenn sie einfach verschwinden würde.
Ich halte das für einen Fehler. Aber sie haben sich schon alles genau überlegt. Sie haben einen Wagen besorgt. Jochen soll den Wagen fahren. Fahrerflucht. Das käme doch immer wieder vor.
Ich versuche, sie zurück zu halten.
Wir sind doch die Gerechten, rede ich auf sie ein.
Ja, ja, sagen sie, deshalb müssen wir auch kämpfen. Wir dürfen nicht aufgeben.
Aber Sybille hat nichts getan, sage ich. Sie sehen mich merkwürdig an.
Manche aus der Gruppe gehen mir inzwischen aus dem Weg. Ich sehe mich ständig um.
Ich spiele mit dem Gedanken, von hier fort zu ziehen. Sicher ist sicher, vor allem seit ich von dem Verkehrsunfall gehört habe.
Sybille war ein gutes Mädchen. Ich habe ihr Grab besucht. Ich habe geweint.

Jemand tippt mir auf die Schulter. Ich zucke zusammen. Ehrlich gesagt, ich will gar nicht wissen, wer das ist.
Ich halte die Luft an und drehe mich um.

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