Nur die Nacht wird bleiben

Er sitzt bereits in den frühen Morgenstunden an seinem Schreibtisch.
Ein Zug donnert in der Ferne durch die Nacht. Vielleicht aber rast der Zug auch nur durch seinen Kopf.
Ein Tick. Ein Spiel seiner Fantasie.
Noch versteckt die Nacht die Häuser, die er, an seinem Schreibtisch sitzend, nicht sehen kann.
Er geht davon aus, dass es die Welt dort draußen, von der so oft in den Nachrichten berichtet wird, auch wirklich gibt.

– War das so?
– Was meinen Sie?
– Wann sind Sie morgens aufgestanden?
– Es war immer noch dunkel. So gegen fünf Uhr in etwa.
– Und sie haben nichts mitbekommen …?
– Sie meinen vom Verschwinden der Welt?
– Wie gehen Sie damit um.
– Ich kann nicht sagen … Ich versuche mich zu erinnern. Ich kann mich an eine Welt mit Menschen erinnern. Aber vielleicht war es auch nur ein Traum.

Er klickt sich durch verschiedene Nachrichtenseiten.
Unruhen hier.
Kriege dort.
Schmerzverzerrte Gesichter. Menschen, die man beim Sterben fotografiert hat.
Seine Frau schläft noch.

– Sie waren verheiratet?
– Ich dachte es.
– Früher gab es Menschen.
– Ich weiß es nicht. – Jetzt gibt es nur noch mich. Und die Programme, die ich für mich geschrieben habe. Ich bewege mich durch eine Welt, die ich für mich erschaffen habe. Ich muss das tun. Ich will ja schließlich nicht …
– Sie wollen nicht verrückt werden? – Aber mich gibt es doch? Wir unterhalten uns in diesem Augenblick.
– Nein! Es gibt nur mich, und es gibt die Antworten, die ich mir gebe. Ich bin alleine. Ich weiß nicht, was geschehen ist. Vielleicht gab es schon immer nur mich. Vielleicht träume ich aber auch nur.

Er schiebt den Stuhl nach hinten. Er geht ins Schlafzimmer hinüber.
Seine Frau muss aufgestanden sein. Das Bett ist leer.
Sie ist fort.
Er könnte sie rufen.
Nein!
Er schüttelt den Kopf.
Du musst endlich wach werden, denkt er. Dieser Traum bringt dich um.
Er blickt aus dem Fenster.
Dunkelheit, die alles verschluckt.
Die Dunkelheit wird bleiben.
Diese Welt ist aus Nacht gemacht. Die Erinnerung an Tageslicht muss eine falsche Erinnerung sein.
Vielleicht eine implantierte Erinnerung.
Vielleicht hat man ihn auf diesem unwirtlichen Planten ausgesetzt, weil man mit ihm Experimente durchführt.
Er könnte ein Versuchskaninchen sein.
Wie verhält sich ein Mensch in der Einsamkeit?

– Ja und?
– Was?
– Wie verhält sich ein Mensch in der Einsamkeit?
– Ich weiß es nicht.
– Sie müssen es doch wissen. Sie sind der einzige Mensch auf diesem Planeten.
– Laut den Daten meines Computers platzt dieser Planet bald aus den Nähten. Überbevölkerung. Kriege. Überschwemmungen. Radioaktive Verseuchungen. Mediale Verseuchungen. Täglich sterben Menschen dort draußen …
– Die sie seltsamerweise noch nie zu Gesicht bekommen haben.
– Richtig!
– Und trotzdem soll es die alle geben?
– Laut meinem Computer schon.
– Der Computer gaukelt Ihnen eine Welt vor. Es gibt keine weiteren Menschen. Sie sind der letzte Mensch. Sehen Sie aus dem Fenster. Eine ewige Nacht. Die Sonne ist erloschen. Die Temperatur sinkt von Tag zu Tag. Selbst wenn es noch Menschen gibt, könnten die bei dieser Kälte nicht überleben.
– Mich gibt es noch!
– Das wissen wir nicht mit Sicherheit. Sie könnten ein Replikant sein. Sie haben selbst gesagt: Ihre Erinnerungen könnten implantiert sein.
– Ich bin keine Nachbildung. Ich bin ein Mensch.
– Vielleicht.

Er öffnet die Tür. Kälte schlägt ihm entgegen. Er kann nichts erkennen. Nicht einmal die Hand vor den Augen.
Ja, vielleicht gibt es diese Hand überhaupt nicht, denkt er.
Er legt den Kopf zur Seite.
Da war etwas.
Ein Geräusch.
Ein Keuchen.
Er denkt: Der Wind.
Das war nur der Wind.
Nur zwei Schritte. Schon hat ihn die Dunkelheit verspeist. Zurück bleibt die Nacht, die sich nicht erinnern kann.
Die nicht antworten kann.
Die nicht weiß, ob es einmal Menschen gab.

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