Dylan Lick – Genie ohne Publikum

Er ist ein Theaterautor ohne Theater. Dylan Lick hat fünf Stücke geschrieben, die bisher noch nie aufgeführt wurden.
Lick hat gewaltige Parabeln auf die Konsumgesellschaft geschrieben. Seine Stücke spielen in Einkaufszentren oder auch in Beerdigungsinstituten.
Dylan Lick wuchs in Wales heran. Im Alter von zwanzig Jahren ging Lick nach London und schlägt sich dort seit dieser Zeit mehr schlecht als recht mit diversen Jobs durch. Er war Bäcker, Müllmann, Leichenwäscher, Verkäufer. All diese Jobs waren die ideale Schule für seine Stücke, die mit zum Besten zählen, was man aufführen könnte. Leider tut man es nicht. Oder besser gesagt: Noch nicht! Vielleicht kann dieser Bericht ja einige Theaterleute animieren, endlich ihre Aufmerksamkeit auf das Schaffen des Dylan Lick zu richten. Zu wünschen und zu gönnen wäre es ihm allemal.

Eines seiner ersten Stücke „Musenschlächter“ zeigt den alten Pablo Picasso als sabbernden und ewig geilen Tunichtgut, der seine großen Momente betrauert und nur eines noch kann: Frauen zerstören! Sicherlich eine ganz eigene, aber reizvolle Interpretation von Lick.

PP: Das Fenster dort, es scheint mir neu zu sein!

Diener: Nein, Meister. Immer schon da gewesen.

PP: Du Narr. Du wagst es mir zu widersprechen.

Diener: Äh, nein. Scheint mir auch neu …

PP: Und diese Form.

Diener: Sie haben Recht. So, wie soll ich sagen, fensterartig.

PP: Idiot. – Ist sie schon wach?

Diener: Vorhin schlief sie noch. Soll ich nach ihr sehen?

PP: Das würde dir so passen, geiler Bock. Lass sie. Ich könnte so lange zeichnen.

Diener: Das habt ihr schon lange nicht mehr getan.

PP: Ich zeichne täglich. Ich zeichne hier in meinem Kopf.

Diener: Eine gewaltige Leistung.

PP: Was schwätzt du da? Das Zeichnen liegt mir im Blut. Das Zeichen und das Lieben. So wie dir das Dienen im Blut liegt.

Diener: Leider.

PP: Was hast du gesagt.

Diener: Schönes Fenster dort.

PP: Was sind das für unsinnige Gedanken. Das ist nur ein Fenster. Mehr nicht.

Dylan Lick

Sein vielleicht bestes Stück heißt „Endlich tot“ und erzählt in dreißig Bildern die Geschichte eines Beerdigungsinstituts.
Es sind extravagante Kammerspiele, die mit bitterem Humor erzählt werden. Hier trifft der Juniorchef des Unternehmens Frank zum ersten Mal auf seine zukünftige Frau Sue. Ihr Vater ist gerade gestorben.

Frank: Kommen Sie, setzten Sie sich. Es ist immer …

Sue: Was?

Frank …immer ein Verlust, wenn wir einen nahen Angehörigen …

Sue: War kein naher Angehöriger.

Frank: Entschuldigung?

Sue: Sein Tod ist mir egal.

Frank: Aber, es war doch ihr Vater.

Sue: Und?

Frank: Ich dachte …

Sue: Das ist der Fehler der meisten Männer.

Frank: Was? Vater zu werden?

Sue: Nein. Vater sein zu wollen. Mit ihrem Willen schaden die Männer ihren Kindern immer nur.

Frank: Ach …

Sue: Ja! Mein Vater wollte, dass ich Ärztin werde. Ich bin es geworden. Und ich bin todunglücklich.

Frank: Welch bizarre Metapher an diesem Ort.

Sue: Sie haben recht. Man sollte sich mit Metaphern hier zurück halten.

Frank: Nein, so meinte ich das nicht.

Sue: Doch. Hier liegen nur Leichen rum.

Frank: Nicht nur. Sehen sich mich an.

Sue: Nicht sauer sein, aber Sie sehen auch schon wie eine Leiche aus.

Frank: Ach …

Lick betont in den Vorworten zu seinen Stücken immer wieder, dass für ihn die wichtigste Inspiration aus dem elisabethanischen Theater kommt. Er fühlt sich den Werken eines Christopher Marlowe näher als den Stücken seiner jungen Kollegen.
Er ist der am meisten nicht gespielte Dramatiker der Gegenwart. Wir sollten ihn endlich auf die Bühne holen. Das Theater hat es vielleicht nicht nötig. Das Publikum schon.

Ausgewählte Stücke von Dylan Lick:

Musenschlächter
Endlich tot
Die Entdeckung Amerikas
All meine schwarzen Träume

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2 Antworten zu Dylan Lick – Genie ohne Publikum

  1. Das Erinnert mich daran schreibt:

    Die Walliser haben die Angewonheit allem was Macht hat hinterherzulaufen. Vielleicht sollte er sich davon verabschieden. Trotzdem Interessant.
    Gibt es irgendwo eine Abhandlung von „All meine Schwarzen Träume“ oder etwas zum nachlesen?

  2. guidorohm schreibt:

    Man sollte stets die Augen offen halten, dann kann man vielleicht eine Ausgabe finden!

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