Vergessene Romane (3)

Rainer Kerbel kennt sich mit Hass aus. Er hat ihn beschrieben und am eigenen Leib spüren müssen.
Kerbel gilt zu Beginn seiner Karriere als einer der experimentierfreudigsten und talentiertesten Autoren seiner Generation. Dann kommen zwei Romane, die ihren Schöpfer zerstören sollen.
„Mogadischu“ erzählt die Gefangennahme einer Familie durch den eigenen Sohn. Kerbel seziert in dem Roman das deutsche Gemüt wie kein anderer Autor vor ihm. Die finale Exekutionsszene, bei der die Eltern durch die Hand des Sohns sterben, gilt vielen bis heute als Ungeheuerlichkeit.
Und nur ein Jahr später folgt der Roman „Nazi“, der die Enttarnung eines ehemaligen SS-Offiziers durch einen jungen Mann beschreibt. Auch dieser Roman wird ein Skandal. Warum? Bei Kerbel wird der Nazi als alter und müder Mann beschrieben. Der junge Mann aber ist ihm Quell des Bösen. Denn dieser benutzt die Vergangenheit des alten Mannes. Sie wird ihm zur Legitimationsmatrize eigener Untaten. Selbst nach einer Vergewaltigung weist der Junge alle Schuld von sich. Er sei ein Opfer. Er trage zwar den Keim des Bösen in sich, aber gesät hätten ihn die Nazis. Der Roman wird verboten. Es kommt sogar zu Demonstrationen. Kerbel zieht sich aufs Land zurück. Er schweigt und hat dieses Schweigen nie wieder aufgegeben.

… Da war er. Gerber! Karl presste sein Auge an das Schlüsselloch. Es schien ihm eine ganze Welt. Er sah sich den Alten mit dem Stock genau an.
Wie der schnauft, dachte er.
Jetzt oder nie!
Er riss die Tür auf und sprang raus. Landete direkt vor den Füßen Gerbers. Der blieb stehen und sah ihn erstaunt an.
„Sieg Heil, Herr Gerber!“, brüllte Karl. Er knallte die Hacken zusammen und hob den rechten Arm.
Gerbers Lider flatterten. „Was?“, röchelte er und legte eine Hand an sein rechtes Ohr. Dann blickte er zur Decke. Dorthin wies Karls Hand. „Was ist da oben, mein Junge?“, fragte er.
Dieses raffinierte Schwein, dachte Karl.
„Da oben ist ihre Vergangenheit!“, schrie Karl.
„Meine was?“
„Ihre VERGANGENHEIT!“
„Meine Frau ist schon tot“, murmelte der Alte. „Schon lange. An mehr Vergangenheit kann ich mich nicht erinnern.“
Karl machte einen Schritt zur Seite und stellte sich ihm in den Weg.
„Ich habe sie erkannt“, sagte Karl.
„Was?“
„ERKANNT!“
„Irland? Was ist mit Irland?“ Der Alte schlurfte um ihn herum und nahm die erste Stufe in Angriff.
Ich könnte ihn stoßen, dachte Karl. Das wäre kein Mord. Das wäre Gerechtigkeit. Er ist ein Massenmörder. Er hat es verdient.
Plötzlich drehte sich der Alte zu Karl um und keuchte: „Könnten Sie mir vielleicht helfen. Die Treppen … Ich packe sie kaum noch.“
Karl bebte innerlich. Dann nahm er ihn am Arm und stützte ihn doch …

Rainer Kerbel

Rainer Kerbel gibt kurz nach der Veröffentlichung von „Mogadischu“ ein Interview. Dort erklärt er: „Kunst muss immer ein Akt des Schmerzes für Künstler und Publikum sein, weil Leben Schmerz ist. Das Leben ist eine Aneinanderreihung von Verletzungen und Erniedrigungen. Alles läuft am Ende auf den Körper hinaus. Manche wollen den Körper besitzen. Andere wollen den Körper vernichten. Sex und Verbrechen. Leben und Tod. Dies ist die einzig wahre Weltgeschichte. Und die Aufgabe des Autors ist es, diese Geschichte zu erzählen.“
In „Mogadischu“ greift ein Sohn zu den Waffen und übernimmt das Elternhaus.

… Klaus griff nach dem großen Messer. Er hatte seine Mutter oft damit beobachtet. Er musste nur zwei Schritte machen. Schon stand er hinter ihr. Sie goss sich gerade Kaffee in eine geblümte Tasse. Sie stellte die Kanne ab. Sie hatte ihn nicht gehört. Langsam setzte er die Klinge am Hals seiner Mutter an und zischte: „Keinen Laut, du Ausbeuterin. Du bist eine Gefangene. Wenn du dich rührst, dann werde ich dich töten.“ Sie stand da, still und starr wie jedes Jahr der Weihnachtsbaum. Klaus wurde es für Sekunden ganz feierlich ums Herz. Dann besann er sich. Er war ein Freiheitskämpfer. Er hatte eine Aufgabe zu erledigen. Es galt sich vom Mief des Elternhauses zu befreien. Endgültig.
Seine Mutter kicherte.
„Das ist nicht zum Lachen“, zischte er.
„Aber Klaus …“
Klaus verstärkte den Druck auf die Klinge und fuhr damit am Hals lang. Sie spürte sofort die Wärme ihres eigenen Blutes.
„Nicht lachen, Mama“, sagte er.
„Versprochen. Ich lache nicht mehr“, keuchte sie …

„Mogadischu“ ist ein Familienroman, eine Groteske, ein Gesellschaftspanorama, Sozialkritik und eine merkwürdig genaue Studie des Terrorismus in Deutschland.
Man kann ohne Übertreibung behaupten, dass Rainer Kerbel zwei der wichtigsten Nachkriegsromane der deutschen Literatur geschrieben hat. Leider wurde er vergessen. Es ist Zeit, sich wieder an ihn zu erinnern.

Romane von Rainer Kerbel:

Mogadischu (vergriffen)
Nazi (vergriffen)

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