Der Präsident in seinem Sessel

Er sitzt vor seinem Fernseher, einem gigantischen Flachbildschirm, der aus Mangel an Wandstärke von dreißig Männern seiner geheimsten Geheimpolizei gehalten wird, guten und verschwitzen Männern, denen er die Anweisung gab, sollte sein Blick sich einmal über den Bildrand hinaus verirren, um so zufällig auf einem ihrer Gesichter zu landen, ihn bitte anzulächeln, damit sein schlechtes Gewissen nicht allzu gereizt und in Mitleidenschaft gezogen würde. Er sitzt in einem flauschigen Bademantel in einem Sessel, dem ihm dereinst ein amerikanischer Präsident schenkte, der nichts dafür verlangte, außer Ergebenheit, die er ihm bereitwillig aushändigte.
Sein Volk demonstriert auf den Straßen. Sie wollen ihn nicht mehr haben, aber er, Präsident M, von Allah, Gott und dem Chef des amerikanischen CIA dereinst zum Führer dieses Landes ausgerufen, winkt ab. Da seien Unruhen zu beobachten, die ihn aber nicht weiter beunruhigen, da dürfe man nicht gleich klein beigeben, und überhaupt, ein Marsch von zwei Millionen Demonstranten habe gar nichts, aber auch rein gar nichts zu bedeuten.
Er bittet um einen Tee. Da sich die Dienerschaft aus dem Staub gemacht hat, bittet er den Verteidigungsminister um diese kleine Gefälligkeit, der sich mit einem Lächeln an den Innenminister wendet, der aber in diesem Moment unsägliche Schmerzen in beiden Händen verspürt. Der Verteidigungsminister verdreht die Augen und schlendert in die Küche, während die Demonstranten vor dem Palast seinen Kopf verlangen. Er kann es hören, denn sie gieren nicht nur nach seinem Kopf und dem Kopf des Präsidenten, sondern gleich noch nach allen Köpfen der seit über dreißig Jahren amtierenden Regierungspartei, die sich um alles in diesem Land kümmerte, nur nicht um freie Wahlen, aber das wäre dann wahrhaft auch zu viel der Bemühungen geworden.
Präsident M ruft seine Minister um ein festes Nervenkostüm an, während nur wenige Meter entfernt, die ersten Demonstranten über die Palastmauer klettern.
Es gebe keinen Grund zur Aufregung, lässt M über den Regierungssprecher mitteilen; dann richtet er den Flachbildschirm durch Anweisungen über ein Megafon neu aus, da einer der Träger sich einen Schwächeanfall leistete.
Die ersten Scheiben bersten. Steine fliegen in den Raum. Sie liegen ihm zu Füßen. Präsident M lächelt gütig über diesen Akt der Ehrerbietung. So Steine wüssten eben noch, was sich gehöre und wie man einem so großen Staatsmann zu huldigen habe. Er lässt die Steine rasch durch den Innenminister mit einer Ehrennadel behängen, erklärt sie zu „Ehrensteinen des Staates“, um sich dann auf seine Regierungsrede vorzubereiten, die er, sind die Demonstranten erst einmal bis zu ihm vorgedrungen, halten wird. Er wird sich für ihr zahlreiches Erscheinen bedanken. Dann wird er auf Reformen hinweisen, die die Lage sicherlich beruhigen wird.
Draußen im Garten wird es lauter und lauter. Präsident M lächelt und wartet auf sein Volk. Sie lieben ihn sehr. Das kann er deutlich hören. Er lehnt sich in den Sessel zurück und blickt erwartungsvoll auf die Tür.

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