Der Kaffeetrinker

Der Kaffeetrinker hebt die Tasse, er führt sie zum Mund, schlürft ein wenig der nachtdunklen Brühe, nur um die Lippen zu schließen, die Mundwinkel nach oben zu ziehen und zu denken, heiß, dann stellt er die Tasse zurück, er hat die erste Aufgabe seines Kaffeenachmittags absolviert, nun lehnt er sich gemütlich zurück und sieht sich um, seine Augen schweifen, sie flanieren durch den Raum, um schließlich an einer jungen Frau hängen zu bleiben, die sich gerade nach unten zu einem Kind beugt, sie spitzt ihre Lippen, lächelt, auch der Kaffeetrinker muss lächeln, und so lächeln sie für einen kurzen Moment des Einverständnisses miteinander, der Kaffeetrinker wissend, die Frau unwissend, sie wird sich nicht daran erinnern können, während der Kaffeetrinker noch Stunden später über diesen Akt menschlichen Miteinanders sinnieren wird, er wird sich in seinem Bett drehen und an die Frau denken, er wird ihr Lächeln in seinem Gesicht noch einmal nachspielen und sich so weniger einsam fühlen, dann wird er sich auch an andere Begebenheiten des Tages erinnern, so an den zitternden Briefträger, der mit dem Wind herein stürmte, sich nach Postgut bückend, nur um andere Stücke an den Boden zu verlieren, dieser nervöse kleine Mann, dem der Kaffeetrinker am Abend und im Bett liegend, eine Zitteraufführung geben wird, eine Frau, die sich in sein Bett verirrt hätte, würde bekümmert aufmerken und ihn fragen, ob ein Notarzt zu informieren sei, der Kaffeetrinker würde dies verneinen, er würde sich darauf berufen, dass dieses Gespräch nicht stattfinden könne, da sich bisher noch nie eine Frau in sein stets durch eine Wärmflasche wohlgewärmtes Bett verirrt hätte, er bedauere dies sehr, aber seine Fantasie würde der Einsamkeit Abhilfe schaffen, diese Bemerkung seinerseits sei nicht mit einer sexuellen Anzüglichkeit zu verwechseln, denn es gehe ihm seit Kinderbeinen an um die reinste und frommste Form des Gefühls, dem er sich daher auch dauernd überlasse, sei es tagsüber beim Kaffee oder in den Nächten beim Wiederholen der bei Tageslicht erschauten Gesten, und schon merkt der Kaffeetrinker auf, denn die Mutter ist mit dem Kind aufgestanden, sie schlüpft in ihren Mantel, sucht nach der Bedienung, die nicht auszumachen ist, leidet diese doch seit Jahren an einem nervösen Magen, der sich erst auf der Toilette wieder beruhigen lassen will, und so hockt sie wohl auch in diesem Moment auf der Brille, vielleicht mit einem Magazin, um den Sorgen und Nöten berühmter Leute nachzuhängen, die sich mit Nöten, wie einem verärgerten Magen nie und nimmer herum ärgern müssen, denn solcherlei Unsinn befällt den Normalsterblichen, nicht aber den von Gott gesegneten Engel, der sich dafür mit der Presse anlegen muss, auch mal mit einem aufdringlichen Fan, nie, aber auch wirklich nie mit einem Durchfall, denn mit derlei profanen Ergüssen gibt sich ein gewisser Menschentypus nicht ab, der Kaffeetrinker ahnt, hier irrt sich die Bedienung, sie sitzt einem Schwindel auf, aber er will ihre Weltsicht nicht zerstören, denn dies könnte sie in ungeahntem Ausmaß unglücklich machen und nichts liegt dem Kaffeetrinker ferner, also springt er von seinem Platz auf, etwas, was äußerst selten geschieht, er lässt seine Tasse Kaffee im Stich und springt der aufbrechenden Mutter bei, die Hand aufhaltend, um die von ihr verköstigten Getränke zu kassieren, die diese Tat des auf sie zu eilenden Mannes aber fehlinterpretiert, hält sie ihn doch für einen bettelnden Menschen, der, wenn er sich schon Kaffee leisten kann, auf keinen Fall auf ihr Almosen angewiesen sein kann, also senkt sie den Blick und dreht sich von ihm weg, der Kaffeetrinker stoppt, verwirrt durch diese Drehung, er hält den Atem an, das Sonnensystem scheint ihm in Gefahr, da kommt die Bedienung vom stillen Örtchen zurück, sie entschuldigt sich bei der jungen Frau, nimmt das Geld entgegen, erwidert mit Wechselgeld, und entlässt die wieder lächelnde Frau aus ihrem kleinen Laden, der ohne die Stammgäste nicht überleben könnte, sie blickt zu dem Kaffeetrinker, fragt ihn, was er wünsche, er bestellt, entsetzt, so überrascht angesprochen worden zu sein, einen Tee und geht mit fahrigen Bewegungen zu seinem Platz zurück, beunruhigt über die unorthodoxe Bestellung, die mit Sicherheit zum Bersten des Universum führen wird, er sieht seinen Abend gefährdet, da fragt die Bedienung nach, ob es ihm mit dem Tee ernst sei, er atmet erleichtert auf, sagt, kein Tee natürlich, die Bedienung geht an ihren angestammten Platz hinter der Theke zurück und beinahe scheint ihm alles im Lot, da entdeckt er eine kleine Einkaufstasche, vergessen von der jungen Mutter, er will danach greifen, da verspürt er einen Stich in der Brust, das Herz, das Herz, denkt er, zu viel des Stresses für einen Tag, er schließt die Augen, atmet in aller Ruhe ein und aus, konzentriert sich auf seine Mitte, die er schließlich findet, er hat für diesen Tag genug, der Kaffeetrinker bleibt bei seinem Kaffee und wartet auf den Abend, während er auf die einsame Einkaufstasche starrt, die ihn trauriger und trauriger werden lässt, er sehnt sich schließlich nach dem Bett, nach seinem Schauspiel, denn nur in der Imitation fühlt er sich wirklich ganz bei sich.

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