19. Dezember 2010, Flughafenrevolution, 8.26 Uhr

„Haben Sie schon davon gehört?“
„Was meinen Sie denn?“
„Es gibt einige Passagiere, die sich zusammen geschlossen haben. Sie wollen die Macht hier übernehmen.“
„Ich verstehe Sie nicht. Ich warte nur auf meinen Flug.“
„Das ist es ja. Die ja auch. Aber es gibt Stimmen, die bereits munkeln, dass es all diese Flüge, auf die wir warten, nie geben wird.“
„Irgendwann hört es auf zu schneien und dann …“
„Vertrauen sie nicht auf die verlogene Propaganda der Meteorologen. Die wurden doch längst von der Flughafenleitung gekauft. Die stecken mit denen unter einer Decke.“
„Unsinn. Lassen Sie mich bitte in Ruhe.“
„Sie müssen eine Entscheidung treffen. Wollen Sie nach unserer Machtübernahme zu denen gehören? Sie können sich aber auch für den richtigen Weg entscheiden. Wir haben bereits erste Kampflieder. Außerdem haben wir ein Zentralkomitee gegründet. So ein Flughafen gehört uns allen. Nicht nur diesen Ausbeutern.“
„Sie steigern sich da etwas zu sehr rein. Die Flieger werden bald wieder abheben. Vertrauen Sie mir.“
„Pah! Sie tun mir wirklich leid. Was haben die mit Ihnen gemacht? Hat man sie gefoltert? Gehirnwäsche? Sehen Sie den Schnee dort draußen. Das ist kein normaler Schnee. Nein. Das kann man sehen. Das ist bezahlter Schnee. Der soll so harmlos vom Himmel segeln. Huch, ich bin ja nur Schnee und lieg hier rum. Nicht mit uns. Wir haben unsere Verbindungen. Wir wissen über alles Bescheid.“
„Und was haben Sie jetzt vor?“
„Wir werden zuerst die Schalter unter unsere Kontrolle bringen. Dann stürmen wir die Buchläden und Imbisse. Wir werden alles besetzen. Auch die öffentlichen Toiletten. Blasendruck wird dann zum Entscheidungsdruck. Gehöre ich zu denen oder zu euch. Ja, so wird das laufen.“
„Und dann …? Später?“
„Na, das ist doch klar. Wir werden auf ein Ende des Schneechaos warten. Und dann werden wir endlich in Richtung Süden fliegen. Weit dort runter. In warme Gefilde.“
„Wollen denn überhaupt alle in den Süden?“
„Die haben sich dem Druck der Mehrheit zu beugen.“
„Und wenn die Mehrheit Richtung Norden fliegen will?“
„Dann wird sich eine andere Mehrheit finden, die nach Süden will.“
„Sie sollten sich unbedingt ausruhen.“
„Oh nein, mein Lieber! Wir arbeiten unsere Pläne bereits aus. Es gibt so viel zu tun, so viele Flughäfen, und wir werden sie alle mit unseren Thesen überziehen. Lang lebe der Internationale Tourismus, lange lebe Karl Müller!“
„Karl Müller?“
„Gott, Sie Unwissender. Karl Müller hat das „Manifest der Touristischen Partei“ geschrieben. Das müssen sie doch kennen?“
„Nein, nein, entschuldigen Sie mich bitte, ich habe dort drüben einen alten Freund entdeckt …“
„Dein Gesicht merk ich mir, oh ja, und wenn es dann zu den ersten Schaufensterprozessen kommt, dann bist du ganz bestimmt dabei. – Hey, die haben ja gerade meinen Flug durchgesagt. Na, endlich. Das wurde ja auch Zeit.“

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