10. Dezember 2010, Komm, Kindlein, komm, 5.39 Uhr

Sie läuft. Friert. Ihre Hände versteckt sie in den Manteltaschen. Die Welt liegt unter einer Schneedecke. Sie sieht niemanden an. Den Kopf hält sie gesenkt. Sie stößt gegen einen älteren Mann. Bleibt stehen. Hebt den Kopf wieder nicht. Sie sagt nichts. Der alte Mann hebt den Arm. Will etwas sagen. Seine Worte vereisen. Er senkt ebenfalls den Kopf. Sie gehen beide weiter. In verschiedene Richtungen. Der alte Mann wird sich nicht an ihr Gesicht erinnern. Er ist auf dem Weg zum Fluss. Er will auf den Fluss blicken und an seine Frau denken. Er saß oft mit ihr dort. Nie im Winter. Aber jetzt ist alles anders. Deshalb geht er auch im Winter zum Fluss.
Sie aber macht sich wieder auf den Weg. Sie wird noch einige Leute anstoßen. Gedankenverloren. Sie hat einen Plan. Sie hat einen Auftrag. Sie hat kein Kind, aber einen Plan. Sie wird zum Krankenhaus gehen. Denn im Krankenhaus gibt es Kinder. Sie wird sich als Krankenschwester ausgeben und sich ein Kind holen. Dort gibt es doch so viele Kinder. Dort sind Frauen, die wieder ein Kind bekommen können. Sie stampft über den Schnee. Das Weiß schluckt alle Geräusche. Man kann sie kaum hören. Sie schwebt über die Gehsteige. Sie ist mit sich und ihrem Kind beschäftigt. Sie wird es aufziehen. Lieben. Beschützen. Sie will dieses Kind. Sie hat ein Anrecht darauf. Sie läuft an einer Bäckerei vorüber. Hört ihren Magen knurren. Nein. Sie ist eine gute Mutter. Erst das Kind. Dann sie. Sie kann später essen. Sie biegt um die Ecke. Dort ist das Krankenhaus. Sie bewegt in den Manteltaschen ihre Finger. Sie wird die Finger brauchen. Alle. Sie muss das Kind mit den Fingern packen. Sie wird es unter ihren Mantel halten. Dort ist es warm. Es soll auf keinen Fall frieren. Sie lächelt. Ist stolz auf sich. Sie ist eine gute Mutter. Ja, sie wird sich jetzt ihr Kind holen. Mein Kind, denkt sie. Sie ist nur noch wenige Meter entfernt. Sie stockt für einen Moment. Dreht sich um. Sieht sich um. Da ist nichts. Nur Häuser und fremde Menschen. Sie zittert. Dann geht sie auf den Krankenhauseingang zu. Sie ist eine gute Mutter. Komm, Kindlein, komm, denkt sie und verschwindet in dem Gebäude.

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