9. Dezember 2010, WELTUNTERGANG, 5.43 Uhr

Das ist ein Film über den Weltuntergang, schreit Jan, dann schlägt er seine Hauptdarstellerin, die den Kopf zur Seite neigt und leise weint, er winkt mich zu sich, kommen Sie nur zu mir, Mr. Rohm, ruft er, und dann wieder, Mr. Rohm, er nennt mich seit unserem ersten Treffen so, und nun stehe ich hier, sprachlos, während Jan einen Schauspieler bedroht, der sich um die weinende Marie kümmern will, er solle das ja unterlassen, schreit Jan, sonst bekäme er auch eins auf die Fresse, sie müsse in der nächsten Szene weinen, deshalb habe er ihr eine Ohrfeige verpasst, das sei die Einstimmung für die kommende Szene gewesen, ich stehe nun dicht bei ihm, sein Atem riecht nach Schnaps, trinken Sie, würde ich ihn gerne fragen, aber ich lasse das, weil ich mich nicht in das Gespräch einmischen möchte, das ist ein Film über mich, erklärt mir Jan plötzlich, aha, murmele ich, ich dachte, Sie drehen einen Film über den Untergang der Menschheit, schon, schon, sagt Jan, aber alles hat irgendwie mit mir zu tun, er kratzt sich den unrasierten Hals, alles hat mit mir zu tun, schreit er mich an, Sie haben doch auch ein Tagebuch im Netz, schreit er, die, die, ich helfe ihm aus, sage, die Pathologie, genau, sagt er, und ich habe mich da umgesehen, am Anfang, Mr. Rohm, da haben Sie noch über Ihr Leben geschrieben, aber dann, ich reiße die Augen auf, frage, ja, aber dann, fährt er fort, kamen täglich nur noch diese kleinen Geschichten, schon, sage ich, aber die haben alle etwas mit mir zu tun, mit den Dingen, die ich lese, es geht um meine Gefühle und mein Denken, ich packe sie in kleine, und ich, unterbricht mich Jan, packe mich in jeden Film, wir arbeiten also sehr ähnlich, sagt er und beschimpft ein kleines Mädchen, die in der nächsten Szene eine Autistin spielen muss, sie sitzt ängstlich auf ihren Stuhl, der Blick kehrt sich nach innen, sie hat Angst vor Jan, keine gespielte Angst, sondern echte Angst, später wird sie mir etwas ins Ohr flüstern, helfen Sie uns, wird sie flüstern, helfen Sie uns, es sind schon welche von uns spurlos verschwunden, ich werde sie kurz anlächeln und gehen, ich werde Jan noch einmal winken, der auch mit diesem Film wieder große Chancen in Cannes haben wird, ja, ich liebe seine Filme, aber ich muss nicht noch einmal einen seiner Drehorte besuchen, nein, auf keinen Fall.

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