15. September 2010, Über das Tagebuch als Fortsetzungsroman, 5.51 Uhr

Kaffee, Zigarette, nein, so will ich einmal nicht anfangen, deshalb streichen wir die Worte, vergessen Sie den Kaffee, auch die Zigaretten, die sind ein literarisches Gimmick mit einem gewissen Wiederkennungswert, die stellen eine Art musikalische Note dar, ein verlässliches Ritual, auf das wir heute einmal verzichten wollen, blenden Sie das Gelesene also aus, stellen Sie sich blind, tun Sie so, als hätten Sie die Worte Kaffee und Zigarette noch nicht entdeckt, seien Sie erstaunt und rufen Sie aus, worüber schreiben Sie überhaupt, was sollen wir vergessen, da war doch gar nichts.
Gut so!
Ich las gerade bei Markus A. Hediger über das Tagebuch, über den Nährwert eines solchen literarischen Textes, denn ein solcher ist er, nicht nur für Sie, die Sie mich überhaupt nicht kennen, sondern auch für mich, weil ich keinen Moment meines Lebens tatsächlich an mich klammern kann; jede Sekunde entgleitet mir, schlüpft in die nächst bereit stehende Sekunde, so geht es fort und fort, da ist kein Halten. Ich bleibe zurück, versuche mich zu erinnern, frage mich aber bereits beim Erinnern, war das so, oder war es vielleicht ganz anders, ich bilde beim Erinnern bereits um, stelle einzelne Bilder in neue Zusammenhänge, ja, eigentlich gibt es kein gelebtes Leben, sondern nur ein erträumtes Leben, weil ich in einer Fiktion lebe, einer von mir erdachten Welt, die mein Gegenüber in einem ganz anderen Licht sieht, selbstverständlich und selbstredend, denn er hat ja eine andere Position inne.
Also wollen wir heute einmal nicht mit den Worten Zigarette und Kaffee beginnen, sondern mit den Worten Tee und Pfeife, denn was wissen Sie denn von mir, nichts, darum erzähle ich Ihnen heute von meiner Pfeife und meinem Tee, meinem Tee, der neben mir steht, dampfend heiß, meiner Pfeife, die ich zwischen die Zähne geklemmt habe, die ich paffe, Rauchschwaden ausspuckend, ruckartig wie ein Kamin, der erst vor wenigen Momenten befeuert wurde.
Was ist denn so ein Tagebucheintrag wert, das ist schon eine gute und wichtige Frage, was bedeuten all die unbedeutenden Kleinigkeiten mir und den Lesern dort draußen, was bedeutet es Ihnen, wenn ich Ihnen erzähle, ich sei heute Nacht mit Schmerzen erwacht, was bedeutet es Ihnen, wenn ich Ihnen von meiner nächtlichen Wanderung durch die Wohnung erzähle, von meinen brennenden Schmerzen, solchen, die Sie vielleicht auch haben, aber von denen ich nie etwas erfahre. Warum sollten Sie also meinem Alltag folgen?
Ich schreibe, weil das Schreiben Leben ist, weil es darum geht, mich immer wieder zu erzählen, mich in so vielen Facetten wie möglich zu erblicken, um den fremden Blick auf mich zu erhaschen, um zu wissen, ja, ich bin noch am Leben, da nagt noch etwas an mir, da will noch etwas heraus, sich einen Weg suchen. Mit Wahrheit hat das nichts zu tun, auch nicht mit Ehrlichkeit, weil diese Begriffe mit der Lüge zu tun haben, eben der Lüge, die uns alle am Leben erhält, der selbsterschaffenden Lüge, die wir Literatur nennen, die ich Literatur nenne, denn am Ende läuft es auf einen Roman hinaus, den Roman meines Lebens. So ein Tagebuch ist also kein Spaziergang durch die Niederungen des eigenen Lebens, sondern eine fortgesetzte Lüge, ein sich fortschreibender Roman, ein Fortsetzungsroman eben.
Und jetzt, da wieder eine Folge geschrieben ist, da das geklärt ist, können wir die Worte wieder aufnehmen, die Worte Kaffee und Zigarette, damit sie morgen wieder an alter Stelle den Fortsetzungsroman einleiten können, den manche ein Tagebuch nennen, ich aber nenne es eine Erzählung.

Ich werde jetzt noch einen Kaffee trinken, eine Zigarette rauchen und dann …

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2 Antworten zu 15. September 2010, Über das Tagebuch als Fortsetzungsroman, 5.51 Uhr

  1. Melusine Barby schreibt:

    Man kann sich selbst ja nur „erlügen“. Die nicht schreiben tun´s auch, glaube ich. Sie wissen es bloß nicht. Die Lebens-Lüge. Überlebenswichtig.

  2. olga schreibt:

    Mir gefällt der Begriff Lüge nicht, wahrscheinlich aus dem Grunde, da ich katholisch erzogen wurde.
    Das Leben ist ein Konstrukt, das mir Gestaltungsvielfalt ermöglicht, abhängig von dem Gegenüber.
    Leben als Schauspiel.

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