10. September 2010, Tage wie dieser, Unter anderem über die Unlogik der Zeit, 6.02 Uhr

Kaffee, Zigarette.
Mit weit ausholenden Schritten überquerten wir die Pfützen, die Köpfe dicht an dicht unter einem Regenschirm. Seraphe, Sternchen und ich eilten die Stadt nach „oben“, hin zum Thalia, um uns dort durch die seit Tagen aufgestellten Wühltische zu graben.
Wir staunten nichts schlecht, schüttelten uns vor Entsetzen, spürten wie sich Tränen in die Augenränder schoben. Hier hatte ein Überfall stattgefunden.
Da klafften Löcher, die Verletzungen waren unübersehbar.
Wie Leichenfledderer hoben wir Buch für Buch an, stellten es ordentlich zurück, eigentlich war es Seraphe, die das tat. Schon reichte sie mir einen Roman der Jelinek, ich nickte stumm, wir packten ihn in den Einkaufskorb. Drüben bei den Krimis lag „Blut ist ein Fluss“. Ich gönnte mir einen kurzen Blick, barg dann aber weiter Tote aus dem Schlund. Hier ein Roman von Roth, den ich noch nicht hatte, dort fand Seraphe einen Krimi, den sie eilig und beseelt zu unseren bereits aufgelesenen Stücken packte.
Wir fanden, weil ein Leser meistens findet, es waren zehn Bücher für zwanzig Euro. Seraphe zahlte, man packte ihr das Strandgut in zwei Tüten, die ich nahm wie eine Last, die man gerne zu tragen bereit ist. Der Schirm wurde aufgespannt, die Köpfe zusammen gesteckt, so schritten wir aus, hinaus in den Regen eines düsteren Tages, der ganz und gar in seine eigene Trauer versunken war.

Wir wollten noch einen Kaffee trinken, ich wollte den Kaffee, meine Damen aber eine heiße Schokolade, also begaben wir uns in die Löherstraße, hinein in ein nettes Kaffee, geführt von einem Paar, das wir im Zuge der Merga-Bien-Ausstellung kennen gelernt hatten.
Es war nicht viel los.
Am Fenster saß der Friedensforscher Professor K., mit dem ich mich schon mal unterhalten hatte, ein diskussionsfreudiger Anhänger der 68er, der immer wieder mit großen Worten von „früher“ erzählen konnte, von den alten Zeiten, vom Anketten ans Tor des Springergebäudes; man lauscht gerne, schüttelt den Kopf über sich und die eigene Generation, die so völlig entpolitisiert, mit offenen Mündern der Politik lauscht, ohne auf die Idee zu kommen, auch mal zu handeln, ja, ich schließe mich da völlig und schuldbewusst ein.
Wir nickten dem Professor zu, setzen uns, bestellten den Kaffee und die heiße Schokolade. Sternchen schleppte ein Spiel bei, ein Logikspiel, leider habe ich es mit der Logik nicht so, ich verabscheue sie ja geradezu, weil ich das Widersinnige mag, nahezu das Unsinnige, denn das kann ich weitaus besser bedenken.
Man bleibe mir nur mit der Logik vom Hals.
Der Professor stand auf, griff sich eine Tageszeitung, setzte sich wieder, die hintere Tür öffnete sich, seine Lebensgefährtin traf ein. Sie setzte sich zu ihm, ich lauschte kurz, da ging es um den CIA, mehr bekam ich leider nicht mit. Ich denke beim nächsten Mal sollte ich mich zu einem solchen Gespräch einfach einladen.
Wir spielten noch eine Runde des Logikspiels, dieses Mal gewann ich sogar, also holte ich mir meinen Preis bei Seraphe ab, ein Kuss, runder wie die perfekte Kugel.
„Hm“, sagte ich.
„Hm“, sagte sie.
Das Sternchen grinste uns an und bekam natürlich auch einen Kuss.
„Der Kreis der Liebe schließt sich wieder“, rief Sternchen.
Ja!
Seraphe sah auf die Uhr, und dann hatten wir es plötzlich eilig, weil ich noch einen Termin beim Arzt hatte, weil ich mir eben dort eine Spritze abholen musste.
Die Getränke kamen. Der Chef brachte sie. Auf seinen Lippen ein leichtes Lächeln. Ein Mann, der ganz in sich versunken scheint, einer dieser Menschen, die aus der Zeit gefallen scheinen, es ist herrlich, ihn beobachten zu dürfen; all die bedächtigen und ruhigen Bewegungen, die eben nicht vom Stress der Moderne infiziert sind. Das ganze Geschäft scheint wie Ungeschäft, ein U-Boot in der Zeit. Hier kann man abtauchen, Jazzklängen lauschen, hier kann man die Gedanken auf eine Reise schicken.
Und wir mussten uns in dieser Blase eilen. Wie kläglich. Wir schlürften drauf los, tranken, ächzten, stöhnten, bezahlten, stürmten hinaus, hin zum Auto.
Die Spritze war schnell verpasst, ich drückte mich aus der Tür, dort nahmen mich Seraphe und Sternchen in Empfang. Sie schoben mich zum Auto, denn Seraphe hatte eine kulinarische Überraschung vorbreitet.
Hinauf in die Trutzburg. Schuhe aus.
„Nicht in die Küche kommen“, rief Sternchen kichernd.
Nein! Nein!
Ich rief derweil meine Mails ab, wusch mir die Hände, dann durfte ich eintreten. Der Tisch war gedeckt. Dampfend empfing mich der Geruch einer Suppe. Ich lachte auf. Eine Runde Küsse wurden ausgegeben. Dann löffelten wir. Das Hauptgericht folgte auf dem Fuß. Da gab es Rotkraut mit Rouladen. Natürlich alles selbst gemacht und wahnsinnig gut.

Den Rest des Abends verbrachten wir lesend. Sternchen musste sich noch rasch ihre Lateinvokabeln ansehen. Wir kuschelten uns aneinander.
Solche Tage, ob verregnet oder nicht, die lässt man sich gerne gefallen.

Ich werde jetzt noch einen Kaffee trinken, eine Zigarette rauchen und dann …

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