Muse und Macht

Ich bin eine Muse, sagte sie. Deine Muse.
Ich stand nah am Geländer des Balkons, sie, die ich Seraphe nannte, vermutete ich in meinem Rücken. Meine Augen zuckten über die spielzeugkleinen Häuser, denn ich wohnte weit oben in einem Hochhaus, fast schon in den Wolken, nahezu im Himmel. Die Wohnung verließ ich selten, aber wenn ich mal zur Erde kehrte, dann nur, um rasch den Rückweg anzutreten, wollte ich sie doch nicht alleine lassen.
Das Atmen fällt mir schwer, wenn du fort bist.
Ich drehte mich um, ihr elfenbeinfarbenes Gesicht betrachtend. Sie stand direkt vor der Balkontür.
Komm doch raus, sagte ich.
Nein, ich will nicht. Ich habe angst zu fallen.
Ich fand sie bei einem meiner seltenen Ausflüge, die mich in eine Buchhandlung führte. Beim Verlassen, unter meinem Arm eine Tüte geklemmt, entdeckte ich sie am Straßenrand sitzend. Sie trug einen löchrigen Mantel, die Haare verfilzt. Sie strich sich unaufhörlich mit dem rechten Zeigefinger über den linken Zeigefinger. Ich stand einige Minuten dort, irritiert von diesem Anblick, diesem gefallenen Engel, dem keine Zuneigung geschenkt wurde, und der sich gab, was ihm vorenthalten wurde.
Entschuldigen Sie, sagte ich. Das ist nicht der richtige Ort zum Sitzen.
Warum nicht?, fragte sie.
Die Autos.
Ich habe auf Sie gewartet, sagte sie.
Auf mich?
Ja, ich bin Ihre Muse.
Das Mädchen schien mir verwirrt. Sie lächelte mich an, drückte sich vom Bordstein ab, stand nun leicht wankend vor mir, die Hand ausstreckend, damit ich sie ergriff.
Lassen Sie uns gehen, sagte ich.
Was auch immer mich beflügelte, ich nahm die gebotene Hand, versenkte meine darin, und so schritten wir stumm dahin.
Seit diesem Tag, der sich vor Monaten ereignete, lebte sie bei mir. Sie saß stets bei mir. Hielt die Knöchel meiner Füße, wenn ich schrieb. In den Nächten lag sie an meiner Seite.
Ich kann nicht schlafen, sagte sie.
Warum?
Meine Flügel …
Du hast Flügel?
Die sieht nicht jeder.
Ich sehe sie nicht.
Du wirst sie eines Tages sehen.
Du bist also ein Engel.
Ein Engel, eine Muse.
Was würde passieren, wenn ich dich bitte würde, zu gehen, sagte ich und wendete mich wieder den ameisenkleinen Menschen zu.
Das würde mich töten, sagte sie.
Töten?
Ich würde mich in Luft auflösen.
Aber es gab dich doch schon vor dieser Zeit.
Nein, sagte sie. Du hast mich erschaffen. Ich entspringe deiner Phantasie, deinem Herzen, deinem Hirn. Nenn es wie du willst.
Ich machte zwei Schritte, große Schritt, und stand nun wieder in meinem Wohnzimmer.
Dann musst du wohl hier bleiben, sagte ich.
Ja!
Ich schritt um sie herum, atmete ein, ihren Duft aufnehmend, der mich an Rosen erinnerte.
Warum habe ich sie mit Rosenduft ausgestattet, dachte ich.
Nein, du bist keine Erfindung, sagte ich. So mächtig bin ich nicht.
Doch.
Beweis es mir.
Und weil mich manchmal Teufel ritten, kleine mit Dreizacken bewaffnete Unholde wie aus einem Zeichentrickfilm, sagte ich zu ihr: Du hast doch Flügel.
Ja.
Dann geh auf den Balkon, breite sie aus und fliege zur Sonne.
Die Sonne würde mich verbrennen.
Die Sonne kann Engeln nichts anhaben.
Was weißt du schon von den Eigenschaften der Engel.
Alles, wenn ich dich erschaffen habe, wie du sagst.
Sie lächelte, nur ein wenig, nur leicht, es schien mir die Andeutung zukünftiger Ereignisse zu enthalten, von denen sie und ich ahnte, wie sie aussehen könnten oder würden.
Sie stieg leichtfüßig auf den Balkon hinaus, breitete die Arme aus, lehnte sich über das Geländer, immer weiter, den Oberkörper darüber pressend, so dass ich einen zwillingshaften Schmerz in meinem Brustkorb spürte; ihr Körper hing bereits bis zum Bauchnabel über dem Geländer, da rief ich: Nein!
Sie bewegte sich nicht mehr, keinen Millimeter. Ich ging hinaus, half ihr vom Geländer, nahm sie in die Arme. Wieder roch ich die Rosen.
Die Sonne würde dich verbrennen, sagte ich.
Ja, sagte sie.
Ich führte sie hinein. Wir zogen uns aus, legten uns nebeneinander ins Bett. Ich fuhr mit meiner Hand über ihre Schulterblätter und sagte schließlich: Ich kann deine Flügel spüren.
Lass mich nicht fliegen, sagte sie.
Nein.
So dämmerten wir ein, verloren uns in unseren Träumen und unseren Düften.
Als ich am Morgen erwachte, war sie fort. Es war keine Überraschung. Ein leichter Rosenhauch hing in der Luft, der sich rasch verlor. Ich duschte mich, setzte mich an den Computer und schrieb diese Geschichte. Denn deshalb, nur deshalb, war sie hier.

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