14. August 2010, Poetik des Alltags – Teil 2, 11.19 Uhr

Kaffee, Zigarette.
Sternchen schlenderte vor wenigen Sekunden pfeifend an mir vorüber. Sie stoppte. Kam zurück. Spitzte ihre Lippen.
„Ich liebe dich“, sagte sie.
„Ich liebe dich auch.“
Sie zog pfeifend weiter. Beim Anblick glücklicher Kinder kann einem schon mal das Herz überlaufen.
Schon steht Seraphe neben mir.
„Ich liebe dich!“
„Ich liebe dich!“
Hier geht es zu wie auf einem emotionalen Hauptbahnhof.

Ich konzentriere mich ganz auf die Tastatur. Bayreuth. Hauptbahnhof. Burgerladen. Genau.
Ich sehe uns an einem Tisch sitzen, der über und über mit Verpackungsmaterialien bedeckt ist. Die Hände glitzern. Das kommt vom Fett der Burger. Ich kann durch ein Fenster auf einen der Bahnsteige sehen. Zwei junge Männer. Eine junge Frau. Sie lachen. Trinken ein Bier. Welche Geschichte könnten sie mir offenbaren? Eine Dreiecksbeziehung? Geschwister auf der Flucht? Ein geplanter Mord, der heute noch ein Opfer zeitigen wird? Ja, das könnte es sein. Eine Intrige. Harndrang. Der Harndrang hat nichts mehr mit meinen Überlegungen zu tun. Der überkommt mich einfach so. Ich stehe auf. Suche die Toilette. Da ist sie ja. Ich rüttele an der Tür. Nichts zu machen. Da ist ein Display angebracht.
Tippen Sie den Code ein, der sich auf ihrem Kassenzettel befindet.
Wie? Wo? Was? Welcher Kassenzettel? Ich beginne zu tanzen. Meine Beine haben einen leichten Rhythmus angeschlagen. Ich muss da jetzt rein. Wieso schützen die ihre Toiletten wie ein Heiligtum?
Zurück zum Tisch.
„Alles in Ordnung?“, fragt Seraphe.
„Nein“, stammele ich. „In paar Sekunden mache ich aus dem Laden ein Musical. Ich werde auf den Tischen tanzen, wenn ich mir nicht in die Hose pinkeln will.“
Aufbruch. Raus hier. Dort drüben ist ein Restaurant. Rein da.
„Guten Tag, der Herr.“
„Ja, ja!“
Rein in die Toilette. Erleichterung. Freiheit. Eine weitere metaphysische Erfahrung.
Draußen regnet es natürlich immer noch.
„Das ist die Sintflut“, sage ich. „Wir hätten das verfluchte Boot nach den Plänen, die ich geträumt hatte, bauen sollen.“
Seraphe schiebt mich zu einer Bushaltestelle hin.
„Wir fahren mit dem Bus zurück.“

Bayreuth. Innenstadt. Regen.
„Und jetzt?“
„Ins Kunstmuseum.“
Was soll ich über die Bilder von Asger Jorn sagen? Der Mann zitterte wahrscheinlich. Kam ständig gegen seine Farbeimer. Wir hetzen da also durch. Ich gähne mich von Bild zu Bild. Verflucht, die Kunst kann einen schon ziemlich verarschen.
„Ich komm mir verarscht vor“, sagt Seraphe.
Ich grinse sie spöttisch an.
„Du verstehst das nur nicht“, sage ich.
Also raus aus dem Kunstklo. Regen. Was hatten wir erwartet? Wir schwimmen zu einem Konsumtempel. Endlich. Waren. Kleider. Die Frauen sind in ihrem Element. Ich verdrücke mich in eine Thalia-Filiale. Bücher. Hier kann Mann durchatmen. Sich erholen. Mensch sein. Leser sein.
„Kann ich Ihnen helfen?“
„Nein!“

Das war es. Ich schließe noch einmal die Augen. Reise noch einmal zurück. Nein, da war nicht viel mehr.

Jemand rüttelt an mir. Sternchen. Sie drückt und küsst mich. Verabschiedet sich. Seraphe bringt sie zu Freunden. Sie wollen zelten.
Hoffentlich hält das Wetter, denke ich.

Ich werde jetzt noch einen Kaffee trinken, eine Zigarette rauchen und dann …

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