13. August 2010, Frau Franz Liszt, 9.27 Uhr

Kaffee, Zigarette.
Stille, die nur vom Schlürfen unterbrochen wird. Ich stelle meinen Kaffee ab. Sehe nach drüben zu Seraphe. Sie ist in ihre Morgenandacht versunken, in ihr ganz persönliches Morgengebet. Sie liest in einem Thriller. Sie schiebt ihre Tasse auf den Tisch zurück. Ein kratzendes Geräusch. Der Löffel scheppert. Sie achtet nicht darauf. Liest weiter. Ich schreibe. Hebe wieder den Kopf. Sternchen ist nicht da. Sie ist über Nacht bei einer Freundin. Ich nehme meinen Kaffee. Trinke. Stelle ihn ab. Lausche. Stille, die nur vom Tippen unterbrochen wird.

Ich müsste den Reisebericht fortsetzen. Keine Lust. Ich könnte eine Zigarette rauchen. Wo waren wir am vierten Tag? Ach ja … Bayreuth. Wagnertown.

Da saßen wir also. Kaum noch Sprit. Das Navigationsgerät führte uns durch die abwegigsten Dörfer. Manche sahen nach russischer Steppe aus. Verloren. Vergessen. Irgendwann hatte das Gerät Mitleid. Führte uns auf die Autobahn. Wir schwitzten unsere Körper leer. Mitten auf der Autobahn und kein Sprit mehr. Wir würden anhalten müssen. Trampen. Wir würden an einen freundlichen Herrn geraten, der uns mitnehmen würde. Ich sah alles vor mir. Er würde uns etwas zum Trinken anbieten. Wir würden schläfrig werden. Ohnmächtig. Und dann würden wir in diesem Keller wach werden. Ich schüttelte mich. Verscheuchte die Gedanken. Ich musste mich irgendwie ablenken. Also stellte ich mir meine Nobelpreisverleihung vor. Ich stand da. Wollte etwas sagen. Mich bedanken. Sie tuschelten bereits. Gott, Guido, du bekommst diesen Preis und sagst nichts. Die Ablenkung glückte nicht. Kopf heben. Zurück in der Wirklichkeit.
Schon fuhren wir in Bayreuth ein. Das war ja noch einmal gut gegangen. Hin zur Tankstelle. Erleichterung.

Wir suchten uns ein Parkhaus. Parken ist in der Gegend billig. Da könnte sich in Fulda mal ein Scheibchen abschneiden. Nur alles einprägen, dachten wir. Auf welcher Ebene stehen wir? Sollten wir das notieren?
„Quatschkopf“, sagte Seraphe lachend.

Und los ging es. Wir suchten uns die Touristeninformation. Kauften ein Museumsticket. Ließen uns den Weg zum Liszt-Museum erklären.
„Das finden sie ganz einfach“, sagte die vom Infozentrum.
Die kannte uns nicht.
Wir stolperten los. Hier rein. Falsche Straße. Hier rein. Auch nicht richtig. Her mit der Karte! Hier lang.
„Dort drüben ist eine Buchhandlung.“
Gerettet.
„Und dort drüben ist die Touristeninformation.“
Hm …
Rein in die Buchhandlung. Tief durchatmen. Ich kaufte mir rasch einen Roman von Christoph Hein. Das Zittern ließ nach. Also raus. Neuer Anlauf.
Klar. Irgendwann fanden wir das Liszt-Museum. Museum? Das ist eine umgebaute Wohnung. Wir drückten uns durch die Räume. Tafeln lesen. In Vitrinen starren. Was soll man über Liszt sagen? Er sah so „hübsch“ aus.
„Er sieht wie eine Frau aus“, sagte ich.
„Das kannst du doch nicht sagen.“
„Doch.“
„Es kommt auf sein Werk an.“
„Er sieht wie eine Frau aus. Außerdem starrt er auf jedem Bild nach oben. Drogen.“
Ins nächste Zimmer. Vitrinen. Ach, seine Schuhe. Toll. Ob die meine Schuhe auch mal ausstellen? Ich sollte die Dinger besser pflegen.
Geschafft! Raus aus dem Liszt-Museum. Zigarette. Nur ein paar Meter weiter kam man ins Haus Wahnfried. Da waren wir schon mal. Egal. Wir hatten die Museumskarte. Also rein. Kein Wohnhaus.
„Was hast du gesagt?“
„Das ist kein Wohnhaus. Das ist ein verdammtes Theater. Ein Tempel. Ein Aufführungsort eben.“
„Das ist einfach nur wunderschön“, sagte Seraphe.

Ja, da waren sie. Seine Bücher. Alle hinter Glas. Ich könnte die Scheibe mit einem Stein einschlagen. Ein paar Bücher in meinen Rucksack packen. Ich sah mich nach den Fluchtwegen um. Erst mal setzen. Sternchen neben mir. Ich war erschöpft.
Treppe hoch. Treppe runter. Die Räume waren stark beheizt. Man schwitzte sich also von Zimmer zu Zimmer. Man konnte den dunklen Schweißflecken am Boden folgen.

„Und jetzt?“
„Essen!“
Schoben uns gegenseitig in ein Lokal.
„Können wir uns daher setzen?“, fragte Seraphe.
Sternchen und ich sahen sie erstaunt an. Erst ein paar Stunden hier und schon hatte sie die Sprache der Einheimischen übernommen.
„Daher setzen?“
Seraphe schmollte. Dann lachte sie.
Jeder bekam sein Schnitzel. Essen. Schweigen. Weiter.

Rein ins Urweltmuseum. Ja, das war etwas für uns. Eine Reise in die Vergangenheit des Planeten. Was war der Mensch? Ein Nichts! Ein Wimpernschlag! Auf der anderen Seite fühlte ich mich als Wimpernschlag ziemlich gut. Hoch. Noch ein Stockwerk höher. Runter. Noch ein Stockwerk runter. Raus.
„Und was steht jetzt auf dem Programm?“, fragte ich.
„Wir sehen uns die Katakomben an.“
„Katakomben?“
Seraphe blickte auf die Uhr.
„Wir müssen uns beeilen.“
Also hetzten wir los. Sahen auf die Karte. Hier lang. Scheiße! Falsche Straße.
„Wir müssen uns ganz in der Nähe befinden“, sagte Seraphe. „Ich frage mal den Mann dort.“
Sie stürmte los. Ich keuchte hinter ihr her.
„Entschuldigung!“
Der Mann glotzte sie mit großen Augen an.
„Wir suchen die Katakomben“, sagte Seraphe.
Der Mann glotzte.
Schließlich sagte er: „Katakomben, wo? Ich will auch wissen, wo Katakomben sind.“
Wir waren an einen Irren geraten. Das hier brachte nichts. Also liefen wir weiter. Ich drehte mich um. Er glotzte in unsere Richtung. Verflucht! Die Irren mochten uns einfach. Wir wurden sie einfach nie los.
„Dort!“, rief Seraphe erleichtert.

Ja. Die Katakomben waren mein Ding.
„Man weiß kaum etwas über die Entstehung der Katakomben“, erklärte die Führerin.
Ja, meine Augen glühten. Hier lagen Möglichkeiten. Geschichten. Unheimliche Wesen in der Tiefe.
„Man nutzte die Gänge auch als Bunker vor den Bomben im Zweiten Weltkrieg.“
Weiter, weiter.
„Aber hauptsächlich wurde und wird hier Bier gelagert. Wir befinden uns immerhin unter einer Brauerei.“
Bier? Ich wollte nichts von Bier hören. Ich wollte die Schreie der Verzweifelten geschildert bekommen. Diese Flure waren voller Inspiration.
Nichts zu machen. Wir bekamen einen Vortrag über die Herstellung von Bier. Dabei trinken wir nicht mal Bier. Zum Unglück hatten wir noch eine Sozialpädagogin aus Kassel in der Gruppe. Die stellte zu jedem Satz der Führerin mindestens dreizehn Fragen. Seraphe und ich rollten die Augen.
„Zum Abschluss der Führung bekommen sie oben noch ein Bier.“
VERFLUCHT! Wir trinken kein Bier.
Ich probierte dann ein Zwickel-Bier. Nicht schlecht. Schmeckte ganz lecker. Seraphe nahm ein dunkles Landbier.
„Wenn du …“, sagte ich.
„Was?“, fragte Seraphe.
„Ich habe mein Bier schon getrunken.“
„Du bist ja angetrunken.“
„Bin ich nicht.“
„Klar.“
Die Sozialpädagogin nervte mit weiteren Fragen. Ich sah sie finster an. Griff nach Seraphes Bier.
„Lass das!“

Ja, ich muss es zugeben. Ich war ein wenig angetrunken. Wir wankten im Regen in die Innenstadt zurück. Aßen noch etwas. Suchten unser Auto.
„Was für ein Tag!“, sagte ich.
„Morgen kommen wir noch mal her.“
„Eine gute Idee“, murmelte ich. „Wir sollten unbedingt Zwickel-Bier einkaufen.“
Seraphe fuhr los. Ich schloss die Augen. Träumte von der Verleihung des Nobelpreises. Es lief alles wie am Schnürchen. Ich hielt meine Dankesrede sogar in fünf verschiedenen Sprachen.
Endlich, dachte ich.

Ich werde jetzt noch einen Kaffee trinken, eine Zigarette rauchen und dann …

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4 Antworten zu 13. August 2010, Frau Franz Liszt, 9.27 Uhr

  1. Melusine Barby schreibt:

    Jean Paul! Sie waren in Bayreuth, schwankten angetrunken durch die Gassen. Da müssen Sie ihn doch gespürt haben.

  2. guidorohm schreibt:

    Den besuchten wir beim letzten Aufenthalt. An den Kater kann ich mich heute noch erinnern. Auweia!

  3. Melusine Barby schreibt:

    Ich hatte lange nichts mehr von Jean Paul gelesen. Dann besuchte ich die Poetik-Vorlesung von Navid Kermani, der eine unerwartete, unsinnige und faszinierende Verbindungslinie von Hölderlin zu Jean Paul zog. Anti-Poden zwar, aber zugleich in Geburtsweh, Schleim, Herzeleid und Todesschmerz auf einander bezogen: Sprung und Siechtum. Turm oder Wirtshaus. Sowas. Da habe ich wiedermal reingeschaut: grandios.

  4. guidorohm schreibt:

    Man muss das nur alles unter einen Hut bekommen. Deshalb will ich auch unbedingt ein Wirtshaus im Turm.

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