Meisterstücke des Banalen

Wie könnte ich mir Maggy Bartscher, Autorin von „Zuflucht Herrenklo“, vorstellen?

Vielleicht so: Sie sitzt leicht angesäuselt in ihrer Berliner Wohnung, quatscht mit einer Freundin, da hört sie im Fernsehen plötzlich von einer Flutwelle, die in wenigen Minuten Berlin unter sich begraben wird.
„Warte kurz!“, brüllt sie in den Hörer, greift sich ihren Laptop, obwohl, nö, die hat keinen Laptop, die schreibt auf einer alten Reiseschreibmaschine, sie greift sich also ihre alte Reiseschreibmaschine, die sie sich auf irgendeinem bizarren Flohmarkt in Venedig gekauft hat (gehörte angeblich einem todessüchtigen Dichter, der von einer Flutwelle getötet worden sei, also Vorsicht: das Dinge hat einen Fluch in den Tasten hängen, deshalb verhaken die sich auch ständig, wo war ich …?) und schreibt schnell noch eine ihre Geschichten über eine Autorin namens Maggy Bartscher, die gleich von einer gigantischen Flutwelle überrollt wird, dabei aber noch Zeit zum Telefonieren und Schreiben findet, weil es ja immer noch schlimmer kommen könnte.

Klar. Diese Situation gab es nicht. Ist also Quatsch. Aber irgendwie spukte sie nach der Lektüre von „Zuflucht Herrenklo“ in meinem Kopf rum.

Im Internet findet man alles, leider nicht besonders viel zu Maggy Bartscher. Ist eigentlich auch egal, weil es auf ihre Kurzgeschichten ankommt, und die haben es in sich.

„Schreiben heißt: Abgrund plus Handwerk, das eine ohne das andere ist nichts“, sagte Bodo Kirchhoff im Wintersemester 1994/95 der Frankfurter Poetikvorlesungen.

Maggy Bartscher, deren Kurzgeschichtenband „Zuflucht Herrenklo“ 2010 im Verlag Kulturmaschinen erschienen ist, beherrscht beide Erfordernisse Kirchhoffs.
Sie ist eine brillante Handwerkerin, die ihren literarischen Sound allzeit im Griff hat, aber auch eine schalkhafte Begleiterin in die Irrungen und Wirrungen des Alltäglichen.

Man liest. Ah. Was ist das denn? Eine Story, die in Venedig spielt. Das kennt man. Dort war man schon. Und das unter anderem mit Thomas Mann. Gefährliches Terrain also. Man liest die drei Seiten der Story. Lehnt sich nicht zurück, weil man noch baff ist vom Erlebten. Alles ist da. Venedig als Stadt des Untergangs, der touristischen Massen. Die Sehnsucht nach Morbidität. Maggy Bartscher zeigt uns eine Stadt, die sich mit all diesen Dingen völlig arrangiert hat. Also muss die Suche woanders enden, in einem vielleicht banalen Fallstrick.

Überhaupt sind die banalen Fallstricke ihr Metier. Das ist gut so, weil überhaupt erst dort das Leben aufzuspüren ist. Ob Menschen im Altenheim, in China oder auf dem heimischen Balkon. Immer geht es darum, die Abgründe, die sich im Alltag auftun, zu erschließen. Maggy Bartscher allein hat einen ganzen eigenen Blick entwickelt, und so lässt sie auch schon mal Berlin hitzköpfig untergehen. Die „Heldin“ fragt sich, was bliebe von mir, würden sich Archäologen dereinst mit meinen Hinterlassenschaften beschäftigten. Bartschers Antwort kann ich nicht verraten. Aber die Antwort ist kühn, frech und ein Schlag ins Gesicht unserer Zeit. Herrlich böse, herrlich ehrlich und dazu noch großartig durch- und ausformuliert. Meisterstücke einer Autorin, die neugierig macht auf weitere Geschichten.

Sie schreibt einen rasanten Stil, gefeilte Sätze, die voller Galgenhumor stecken. Kurzgeschichten sind eine gute Methode, sich literarisch zu ermorden; nur Gedichte töten schneller. Leider.
Die Kurzgeschichte ist die schwierigste Gattung von allen. Maggy Bartscher aber ist eine Herrin dieser Gattung.

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Eine Antwort zu Meisterstücke des Banalen

  1. Jordan schreibt:

    Wie schön, dass auch noch andere meine Begeisterung teilen! Maggy Bartschers Erzählungen sind definitiv Lichtblicke – und zwar nicht obwohl, sondern gerade weil sie so wunderbar morbide und schräg daherkommen. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Chronisten des Abgrunds macht Maggy Bartscher mit jedem Satz ihre Liebe zum (kaputten) Menschen deutlich. Sie lässt ihre Figuren abstürzen, aber ihre Leser fängt sie auf!

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