Die heilige Johanna der Straße

Brief an eine Tote

„Um einen Film zu machen genügen eine Waffe und ein Mädchen.“
Jean-Luc Godard

Meine liebe Jean, weder bist du die heilige Johanna der Schlachthöfe noch die heilige Johanna von Orleans, auch wenn du die mal gespielt hast. Für mich bist und bleibst du die heilige Johanna der Straße.

Ich sehe dich auf meiner inneren Leinwand. Du tauchst aus dem Dunkel auf: zärtlich, selbstbewusst und schüchtern. Du bist eine geballte Ladung Alles. König Otto der Preminger hat das auch schnell erkannt. So absolviert man erfolgreich ein Vorsprechen.

Ich öffne die Augen: Hellwach blicken deine Rehaugen mich an, blicken verwundert in die Welt, fahnden nach Liebe.

Wie war das mit Godard, frage ich mich. Erzähl mir davon. War er mürrisch? Oder war er doch ein Humorist unter seinem Dreitagebart und der Sonnenbrille? Hast du geahnt, dass du zu einer Säulenheiligen des jungen französischen Kinos werden würdest? Ikonen stellt man sich so vor. Menschen wie du können daran zerbrechen. Starr in die Welt zu blicken tötet.

Mit Godard sollst du nicht so gut zurecht gekommen sein. Die Arbeitsweise hat dich irritiert. Amerikaner arbeiten nicht so: ein Drehbuch, das vor jeder Szene erst entsteht, ein Kameramann, der im Rollstuhl umher geschoben wird, kein künstliches Licht, kein Ton. Es soll Drehtage gegeben haben, da sei Godard aufgetaucht, habe mit euch gedreht, um nach zwei Stunden abzubrechen. „Heute fällt mir nichts mehr ein. Wir hören auf.“ Das hat er nicht gesagt. Das schreibe ich hier. Aber vielleicht hat er es so gesagt.

„Außer Atem“ sollte das Kino revolutionieren. Aber das wusstet ihr damals noch nicht. Godard ahnte es vielleicht. Jacques Rivette hat den Film als „genial“ bezeichnet. Godard zuckte nur mit den Schultern und murmelte: „Es ist kein ‘Citizen Kane‘. So spielen Größenwahnsinnige mit dem eigenen Ego.

Und Belmondo? Diese knautschgesichtige Karikatur. Er ist in „Außer Atem“ eigentlich nie außer Atem. Er ist wie ein Gummigeschoss. Bald flitzt er hier hin, bald dort. Immer auf der Überholspur. Die wird ihm ja auch zum Verhängnis. Schon sind sie hinter ihm her. Polizisten. Und er, der kleine Junge mit dem Schießgewehr, tötet einen von ihnen. So beginnt der Irrsinn, der sich in Paris fortpflanzen wird.

Belmondo sucht dich in Paris. Da können wir ihn gut verstehen. Hat man dich erst mal auf der Leinwand gesehen, fängt man an, dich in jeder Szene zu suchen. Und zu vermissen.

Du spielst eine Amerikanerin. Wie passend.

Er findet dich. Ihr tollt durch Paris, durch ein Bett, durch unsere Köpfe. Dann verrätst du ihn. So schnell kann man einen Rahmen herstellen. Das Bild darin aber ist eine wilde Mixtur, ein Gebräu der abendländischen Ikonografie.

„Außer Atem“ ist ein Destillat des Film Noir. Wenn sich Belmondo über die Lippen streicht und mit einem süffisanten Blick Teil der Kamera wird, dann ist er ganz und gar Bogart. Die Zigarette, die Teil seines Mundes geworden zu sein scheint, ist seine Art der Verbeugung, der Huldigung. Rauchen war damals eben noch ein rebellischer Akt. Heute würden ihn die verschiedensten Verbände und Gesundheitsorganisationen jagen. Und sie würden ihn viel früher bekommen als die damalige Pariser Polizei. Unter solchen Prämissen wäre „Außer Atem“ zur Anklageschrift der Nichtraucherlobby geworden.

Da hatten wir aber noch mal Glück, dass er schon längst Teil unseres kollektiven Gedächtnisses ist. So überlebt man.

Später sprachen sie immer wieder vom sprunghaften Schnitt, von den fehlenden Anschlüssen, vom Jump Cut. Von dieser besonderen Methode, den Film zu zerlegen.

Wenn man sich den Film ansieht, meine liebe Jean, dann muss ich sagen, so wild war das gar nicht. Und Godard musste den Film von 135 Minuten auf 90 Minuten kürzen. Schnipp. Schnapp. So läuft das. Das Können wächst aus der Notwendigkeit.

Godard war nicht der Erste, der diese Schnitttechnik anwandte. Aber er perfektionierte sie. Er gab dem Film seinen unverwechselbaren Rhythmus. Der Schnitt entscheidet über die Herztätigkeit eines Films. Und Godard ließ eine Menge Adrenalin durch seinen Filmkörper pumpen.

Hat dir Godard alles über seinen Film erzählt? Hat er mit dir über sich gesprochen? „Man macht Filme, um besser an Frauen ranzukommen.“ Hat das Godard gesagt? Die Jungs von der Nouvelle Vague waren eine wilde Truppe. Hast du das gewusst? Ein kleiner Mafiaclan. Haben sich gegenseitig gelobt, unterstützt. Es waren Truffaut und Chabrol, die Godard ins Filmgeschäft hievten. Sie hielten ihn selbst für den Talentiertesten unter ihnen.

Unter uns, meine liebe Jean, sie hatten recht.

Deine Filmsprache, über sie müssen wir noch reden. Ich hoffe, du bist noch nicht eingeschlafen. Dein Jargon ist das Radebrechen. Deine Zunge stolpert sich durch die fremde Sprache, immer wieder musst du dich durchfragen, was bedeutet dieses, was bedeutet jenes. Du bist ein Kind, das die Welt entdeckt.

Und welch komödiantische Großtat biete ihr uns damit zum Schluss an.

Belmondo ist von der Polizei niedergeschossen worden. Er rennt noch eine ganze Weile, eine irrsinnige Weile mit der Schussverletzung und bricht dann zusammen.

Seine letzen Worte an dich, meine liebe Jean: „Du bist zum Kotzen!“

Und du erwiderst, ganz Kind: „Was heiß das, kotzen?“

Kann man einen Film besser enden lassen?

Ihr habt halt einfach nicht zusammen gepasst, auch wenn Belmondo das wollte, er wollte dich mit einer solchen Unbedingtheit, dass ihm am Ende alles egal wurde. Er hätte sich sogar für dich verhaften lassen. Wir, die Zuschauer, wir hätten uns auch für dich verhaften lassen. Glaub uns das nur.

Es musste tragisch enden, weil es tragisch begonnen hat. Aber wie alle großen Filme ist auch „Außer Atem“ eine tragische Komödie. Wenn uns das Lachen im Hals stecken bleibt, dann wissen wir: Das Leben hat uns an der Gurgel gepackt.

„Photografie, das ist die Wahrheit. Und der Film ist die Wahrheit 24 mal in der Sekunde.“ Dieses Zitat aus Godards „Der kleine Soldat“ hallt nach. Du, meine kleine Jean, bist die Wahrheit, die sich uns in „Außer Atem“ offenbarte, eine Wahrheit, die ganz und gar der filmischen Lüge verpflichtet war. Ich kenne dich nur von der Leinwand, ein ebenmäßiges Gesicht, versonnen und ehrlich.

In Wahrheit kennen wir dich alle nicht, weil wir uns selbst nicht einmal kennen. Und weil wir uns selbst nicht kennen, starren wir so gebannt auf die Gesichter von Schauspielern, immer in der Hoffnung, sie würden uns etwas von uns verraten. Du hast uns etwas über uns gesagt. Dein Satz lautet: Liebe und Verrat liegen eng beieinander.

Meine liebe Jean, weder bist du die heilige Johanna der Schlachthöfe noch die heilige Johanna von Orleans, auch wenn du die mal gespielt hast. Für mich bist und bleibst du die heilige Johanna der Straßen von Paris. Dort sehen wir dich rennen. Hand in Hand mit Belmondo. Ihr sitzt im Kino und küsst euch im Flackern eines Films. Darum geht es. Es gibt kein Gestern. Es gibt kein Morgen. Es gibt nur den Moment. Ihn, dich, das Kino, die Magie, die Liebe, die Erotik. Der Tanz auf einem Vulkan aus Zelluloid.

Titel: Außer Atem
Darsteller: Jean-Paul Belmondo, Jean Seberg, Van Doude
Regisseur(e): Jean-Luc Godard
Komponist: Martial Solal
Format: Dolby, PAL
Sprache: Französisch (Dolby Digital 1.0), Deutsch (Dolby Digital 1.0)
Untertitel: Deutsch, Türkisch
Bildseitenformat: 4:3
Anzahl Disks: 2
FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
Studio: Kinowelt Home Entertainment/DVD
DVD-Erscheinungstermin: 7. November 2008
Produktionsjahr: 2001
Spieldauer: 86 Minuten
DVD Features:
• „Chambre 12, Hôtel de Suède“ – Über die Dreharbeiten zu
„Außer Atem“ mit Interviews von Crew und Darstellern (ca. 78 Min.)
• Kurzfilm „Luc und wie er Jean-Luc sieht“
• 20-seitiges Booklet
• Fotogalerie
• Presseheft als PDF
• Trailer
• Poster des Original-Kinoplakats als Beilage

(Erschienen bei Textem)

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