12. August 2010, Die verschlafene Invasion, 8.36 Uhr

Kaffee, Zigarette.
Regen. Myriaden von Tropfen, die sich wie Fallschirmspringer aus den Wolken lösten, um das Land zu überschwemmen und zu überrennen. Myriaden kleiner säuerlicher Soldaten, die in den Dachrinnen die Arme empor rissen, die kreischend die Kanäle durchfluteten.
„Es hat die ganze Nacht geregnet“, erklärte mir Seraphe eben. Ich kann es nicht glauben, bekam ich von dieser Invasion doch so rein gar nichts mit. Mein Schlaf scheint also gut. Gesegnet, würde der Gläubige sagen.
Träume? Kann mich an keine erinnern. Man muss nur lange genug über eine fehlende Erinnerung nachdenken, dann stellt sie sich nach und nach ein. Träume? Die ersten Bilder haben sich gemeldet, sie reißen die Arme empor. „Hier, ich, ich, ich!“ Ich nehme den Traum in der ersten Reihe dran. „Ich bin der Traum von einem wackligen Zahn.“ Ich sehe ihn mit gerunzelter Stirn an, schicke ihn wegen Klischeeverdachts zum Direktor.

Seraphe sitzt in der Küche, trinkend, lesend. Sie schlürft ihren Morgencappuccino. Erzählte mir das vom Regen. Ich denke darüber nach. Schüttele die letzten phantastischen Tropfen aus meinem Haar, will ich doch über den dritten Reisetag berichten …

Kulmbach. Wir waren mit Gauß verabredet, die von ihrer Firma zum dortigen Bierfest eingeladen war.
(Bierfest. Allein das Wort verursacht mir Krämpfe.) Aber was sollten wir tun? Gauß erwartete uns. Wir kamen Stunden vorher dort an, stromerten durch die wenigen Gassen, erkundeten die Geschäfte. Ich kann mich gar nicht erinnern, dort eine Buchhandlung entdeckt zu haben. War das so? Welch ein unsympathischer Ort. Schnuppernd wie hungrige Hunde fanden wir den Weg zu einem Restaurant. Ein asiatisches Nudelgericht. Hervorragend. Meine Sinne speicherten Geruch und Geschmack ab.
Und dann nach dem Essen? „Auf, auf, wir müssen Gauß vom Hotel abholen.“
Sie übernachtete in einer Pension außerhalb von Kulmbach. Schon luden wir Gauß ins Auto. Brausten los. Wieder hinein in die Nichtigkeiten Kulmbachs. Parken. Hin zum Bierzelt.
Mir graut davor, diesen abscheulichen Ort beschreiben zu müssen. Menschen in Lederhosen, die sich schrecklich betranken. Bier rann über manches Kinn. Fettige Finger. Fressen. Saufen. Stimmung.
Nein, das wollte ich nicht. Ich wollte umkehren. Wollte zu meinen Büchern, meinen Depressionen, meinem Alleinsein.
Ich nörgelte Sternchen und Seraphe aus dem Zelt. Nörgelte sie hin zum Auto. Nörgelte sie „heim“ nach Bad Staffelstein. Ich beruhigte mich allmählich. Wir lasen noch etwas. Die Betten riefen unsere Namen. Schlaf. Träume.

Ich hebe meinen Kopf. Blicke in die Jetztzeit. Lausche. Seraphe hat sich zu Sternchen ins Bett gekuschelt. Sie flüstern miteinander. Mutter und Tochter, die sich die Liebe erklären. Schon schallt ein Kuss. Ich lächle. Ein guter Tag.

Mein Kaffee ist kalt. Natürlich. Ich werde noch einen Kaffee trinken, eine Zigarette rauchen und dann …

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