Mülltonne

Was man da so alles findet, den Tonnen die Innereien entreißend, meist in der Dunkelheit, ein Lämpchen an der Stirn, ganz nach Doktorart: Öffnen Sie bitte den Mund, aha, ich dachte es mir, da fault so einiges vor sich hin.
Die Mülltrennung hat mir das Leben erleichtert. Ich vergehe mich gerne an den Papiertonnen, denn da werde ich fündig: Liebesbriefe, Mahnbescheide, Zeitschriften, Bücher. Da lernt man die Leute kennen, und werde ich erst einmal fündig, dann lernen auch sie mich kennen.
Ich hätte da einen Brief, der sollte sicherlich nicht in die Hände Ihrer Frau geraten.
Wie kommen Sie denn da ran?
Na, Sie Tölpel, wirft man so etwas einfach achtlos weg? Sie sind doch selbst dran schuld.
Da stehen Sie dann, mit gesenkten Köpfen, gestandene Mannsbilder, dem Weinen nahe.
Nur keine Schwächen, sage ich manchmal. Wir werden uns schon einigen.
Wird es Nacht, dann ziehe ich mein Cape über, ein dunkles, damit man mich nicht allzu schnell entdeckt. Ich hetze von Hinterhof zu Hinterhof, obduziere die Stadt, bin ganz nah dran an ihren Krankheiten.
Ich lausche auf Geräusche. Hier ein Streit. Dort ein Stöhnen. Dann wieder ein Wimmern. Da erzähle mir einer, die Nacht sei zum Schlafen da. Nein, sie ist zum Menscheln da. Da kommen sie alle hervor, die Katzen, die Gefühle, die Tatzen, die den Rücken kratzen.
Ich beobachte die Leute gerne. Sie fühlen sich sicher. Unbeobachtet. Ich linse durch die Ritzen der Jalousien, starre auf das Auf und Ab von Rücken, die sich keuchend auf einen Frauenleib drücken.
Ist das nicht der Herr Pfarrer? Ei, der mag es, wenn sich die Frau Burg bückt, ganz, als müsse sie etwas vom Boden lesen. Dabei stampft es ihm aus den Backen: Du sündig Weib, du bist besessen, du willst mich versuchen.
Ja, ja, die arme Frau Burg. Sie ist es also, die die Schuld trägt. Und nach einigen Stößen kommt es dann dem Herrn Pfarrer. Das Gesicht gerötet wie der schönste Sonnenuntergang. Er lässt von ihr ab. Sagt kein Wort mehr. Sitzt stumm am Rand des Bettes. Starrt den Boden an.
Keine Frage, ich muss ein Kichern unterdrücken, aber ich denke bereits an Morgen. Mit kühnen Schritten werde ich ins Pfarrhaus eilen, ihn von seinen Sünden zu befreien.
Mit läppischen tausend Euro sind Sie dabei, werde ich sagen. Ich spür schon seinen entsetzten Blick.
Was wollen Sie?
Ihnen ein reines Gewissen verschaffen.
Und raus. Nach haus.
Warten bis es wieder dämmert, bis es in meinem Kopfe hämmert: Zieh los!
Was man da so alles findet. Gefüllte Kondome. Pornomagazine. Die Mietshäuser erschweren meine Arbeit. Man muss den Unrat zuordnen können. Aber ich bin ein Profi, einer, der sein Geschäft versteht.
Meine ergiebigsten Jagdgebiete liegen in den sogenannten besseren Gegenden. Einsame Villen hinter hohen Mauern. Da fällt mir das Geld nur so in die Hände. Und auch dort lohnen sich die Blicke. Vor allem dort.
Ach, der Industrielle Peter H, liebt den Hundegang. Ein Halsband. Eine Hundeleine. Eine streng drein blickende Dame im Lederkostüm. Den kenne ich doch? Forderte der nicht kürzlich weniger Geld für all die Sozialschmarotzer, wie es er sich in seiner unverstellten Art auszudrücken pflegt. Fein, fein, da werde ich um ein Gespräch bitten. So kann man endlich auch einmal Einfluss auf die Politik in diesem Land nehmen.
Einem wie mir begegnet alles, nicht nur Unrat, auch die Einsamkeit fällt mir vor die Füße, die reinste Einsamkeit, die Tränen alter Frauen, junger Männer, kleiner Kinder. Da hocke ich dann vor den Fenstern, heule mit, kann mich manches Mal gar nicht mehr beruhigen.
Nach solchen Touren bleibe ich fort. Meist einige Nächte. Ich liege in meinem Bett, die Hände klamm, die Augen gerötet, krank, halbtot und leide mit der Stadt, mit all den Schicksalen, die sich hinter all den Häuserwänden ereignen. Tausende von erhellten Räumen, jede Nacht. Tausende von Träumen. Abertausende von Tränen. Lachen. Stöhnen. Winseln. Eine Kakophonie menschlicher Regungen.
Ich habe dich beobachtet, sagt eine junge Frau. Ihre Augen rot, die Haare ungekämmt. Ihr Leib in einem hässlichen geblümten Kleid. Die Blumen darauf blass. Sie fängt meinen Blick.
Das habe ich im Müll gefunden, sagt sie.
Du bist also auch eine Handlungsreisende, sage ich.
Sie sieht mich erstaunt an.
Handlungsreisende?
Ich nicke leicht und gütig, bin ich doch froh, dass sie mich angesprochen hat.
Wir sammeln all die menschlichen Regungen, all die Handlungen ein.
Jetzt strahlt sie wie der herrlichste Sonnenaufgang. In einen solchen Blick soll man sich nicht verlieben.
Ja, sagt sie.
Dann wird ihr Gesicht wieder ernster.
Sie sagt: Ich habe dich beobachtet, viele Nächte lang.
Und jetzt?
Geld?
Kein Geld, sage ich. Kein Geld. Ich nehme dich mit auf meine Reisen. Ich werde dich alles lehren. Du kannst viel von mir lernen.
Was man da so alles findet, in den Hinterhöfen, all den Mülltonnen: Gedichte, die einer schrieb, Einkaufslisten, Erpresserschreiben, Liebesbriefe, und manchmal auch, so wie mir es geschah, die Liebe.

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Eine Antwort zu Mülltonne

  1. Daran erinnert mich das schreibt:

    Tiefe Brunnen muß man graben
    Wenn man klares Wasser will
    Rosenrot oh Rosenrot
    Tiefe Wasser sind nicht still

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