11. August 2010, Irrungen und Wirrungen, 9.09 Uhr

Kaffee, Zigarette.
Mein Bildschirm, eigentlich ein treuer Geselle, macht mir Schwierigkeiten. Das Bild kippt immer wieder weg. Altersstarrsinn? Vielleicht. Ich werde über seinen Aufenthalt im Seniorenstift „Rumpelkammer“ nachdenken müssen.

Der Morgen begrüßt mich mit dunklen Regenschlieren, die zäh und tief am Himmel hängen. Ich habe leidlich gut geschlafen. Sternchen und Seraphe durchpflügen noch ihre Betten, dabei würde ich mich jetzt gerne auf Seraphes Erinnerungsvermögen verlassen, um den zweiten Reisetag zu beschreiben.

Also werde ich noch ein wenig flanieren, hier ein Wort, dort ein Wort, ach, diese Wortinsel dort drüben habe ich noch nie bemerkt, ja, ich werde die Worte fließen lassen, in der Hoffnung auf Seraphes Auferstehung.

Nun, was könnte ich erzählen …?

Ja, vielleicht darüber …
Gestern Abend war ich zu einem Treffen in der Red Corridor Gallery eingeladen, ging es doch darum ein Projekt vorzustellen, das ich mit Leszek Skurski erarbeitet habe. Es geht um Hexen und Hexenverfolgung. Wir erzählen die Geschichte der Merga Bien aus unserer Sicht.
Zwei Damen und ein Herr, die das Ansehen der verfolgten Frauen in Gefahr sehen, waren anwesend. Ich darf hier leider kaum etwas von den geführten Gesprächen wiedergeben, wobei es mich natürlich und selbstredend arg in den Fingern juckt.
Eine der Damen sprach mich später auf unser Projekt an. Ich stellte es ihr „noch einmal“ kurz vor.
Sie musterte mich kritisch und fragte dann: „Und Sie sehen sich also als Schriftsteller?“
Ich stockte für einen Moment.
„Ich bin Schriftsteller“, antwortete ich.
„Ja, ja!“
Sollte ich ihr an den Hals springen. Mir schossen da so einige Gedanken durch den Kopf.
Ich beruhigte mich. Diese Frage passte sich nur in den Reigen der bereits ausformulierten Unsinnigkeiten ein, die ich mir bis dahin hatte anhören müssen. Hier (verbotenerweise) ein kleiner Auszug:

„Eigentlich sollten sich hauptsächlich Frauen mit dem Thema der Hexenverbrennung auseinandersetzen.“
Aha!

„Bücher wie „Die kleine Hexe“ tragen zu einer Romantisierung der Hexenverfolgung bei.“
Ja, ja, lasst uns all diese Bücher verbieten.

Ich will mir weitere Ausführungen zum Thema ersparen. Der große Knall wird eh noch kommen. Spätestens wenn Skurski und ich unser Projekt am 20. August vorgestellt haben.

Ich möchte an dieser Stelle unterbrechen. Seraphe ist aufgestanden. Also kann ich mich jetzt auf die Rekonstruktion des zweiten Reisetages konzentrieren. Wie wäre es in Form eines Gesprächs? Ein Theatertext. Ein Dialog zweier Liebender.

Ich: Wann sind wir aufgestanden an diesem zweiten Reisetag?

Seraphe: So gegen neun Uhr.

Ich: Hatten wir an dem Morgen Sex?

Seraphe: Das gehört nicht in die Pathologie.

Ich: Gut. Wir hatten also keinen. Und dann …?

Seraphe: Du hast wie immer lesend Kaffee getrunken. Die Zeit rieselte uns durch die Finger. Wir sind 11.30 Uhr zum Auto. Wir wollten nach Bayreuth. Aber dann war es zu spät. Also fuhren wir nach Coburg.

Ich: Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern.

Seraphe: Du hast dir in Coburg ein Buch von Volker Hage gekauft.

Ich: Jetzt kann ich mich erinnern. Die haben eine schöne Thalia-Filiale dort. Und später …?

Seraphe: … waren wir noch beim Kloster Banz. Außerdem haben wir Vierzehnheiligen besichtigt. Dir hat doch der Heilige, der seinen eigenen Kopf unter dem Arm trägt, so gut gefallen.

Ich: Stimmt. Einen kopflosen Heiligen muss man einfach mögen. Was haben wir danach gemacht? Waren wir noch bei „Adam Riese“?

Seraphe: Oh ja. (Seraphe lacht laut auf.) Du hast … Wir hatten uns für ein fränkisches Spezialitätenbüffet angemeldet. Du hast, wie soll ich sagen, REICHLICH davon genossen.

Ich: Kann mich nicht daran erinnern. Vielleicht sollte ich mich ab dieser Stelle auf meine Bilder verlassen. Ich habe nicht viel gegessen.

Seraphe: Es waren Massen.

Ich: Verlassen wir die Örtlichkeit. Hier scheiden sich unsere Erinnerungen.

Seraphe: Du hattest in der Nacht …

Ich: Sex mit dir?

Seraphe: Nein! Du hattest einen schlimmen allergischen Anfall. Niesanfälle. Atemnot.

Ich: Ja, daran kann ich mich leider auch erinnern. Danke für deine Hilfe.

Seraphe sitzt mit Sternchen in der Küche. Ihre Beine liegen in Saloon-Manier auf dem Tisch. Sie trinkt ihren Morgencappuccino. Liest. Hatten wir wirklich dieses Gespräch eben? Nichts deutet darauf hin. Ich könnte sie fragen. Lieber nicht. Wenn wir nicht miteinander gesprochen haben, könnte sie mich für verrückt halten.

Seraphe: Das tue ich doch eh.

Ich: Danke.

Nein! Das hat sie nicht zu mir gesagt. Es war eine Erfindung. Oder?
Reichlich verwirrt wende ich mich meinem Kaffee zu. Ich werde ihn in aller Ruhe trinken, eine Zigarette rauchen und dann …

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Pathologie abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.