10. August 2010, Rückblick auf den ersten Reisetag, 8.16 Uhr

Kaffee, Zigarette.
Sternchen schläft noch. Seraphe sitzt in der Küche, schlürft einen Cappuccino, liest. Ich fühle mich immer noch leicht derangiert. Das Schreiben geht mir noch schwer von der Hand, ist es mit dem Schreiben doch wie mit dem Klavierspiel. Wenn ich viel und oft die Tastatur bespiele, dann laufen die Buchstaben geradezu aus den Fingerspitzen, bilden Wörter, die sich zu Sätzen formen, von denen ich manchmal selbst überrascht bin. Eine Art des automatischen Schreibens. Man kann sich ganz und gar seinen Bildern überlassen, weil die Sprache bereits da ist. Sie lauert im Hintergrund.

Unsere kleine Reise, die uns nach Bamberg, Coburg, Bayreuth führte, liegt hinter uns; sie erscheint bereits wie eine nebelhafte Geistererscheinung im Hirn. Und trotzdem … Sie diente der Entspannung.

Ich las viel. Entdeckte die Romane von Christoph Hein, die man feiern muss, weil sie zum Besten in deutscher Sprache zählen. Man ist immer wieder verwundert, warum man so manchen Autor noch nicht gelesen hat. Das sei nur nebenher erwähnt. Und trotzdem ist es wichtig.

Am ersten Tag der Reise streiften wir Bamberg, wir schlenderten durch die Fußgängerzone, ließen uns von unsichtbaren Händen in die Buchhandlungen ziehen, mit den Händen die Buchreihen berührend, als wären wir einem Wunderwerk auf die Spur gekommen. Urlaubsorte sind für uns Buchhändlerorte. Leider bereitet das in den Zeiten von Thalia und Konsorten nicht mehr allzu viel Freude. Überall entdeckt man das „Buch des Monats“, diese seltsamen Altare des modernen Lesegläubigen. In Bamberg kaufte ich mir Thomas Glavinics Roman „Das bin doch ich“. Schräg. Zum Lachen. Aber mehr auch nicht. Ein Roman für Autoren. Klein, fein, mein!

Eigentlich könnte ich unsere Reise anhand der gekauften Bücher erzählen. Dann käme man der Sache schon recht nahe. Ja, wir sind besessene Zoobesucher, die von Museum zu Museum wanken, von Buchhandlung zu Buchhandlung. Die Welt ist uns etwas, was man in den Auslagen und unter Glas findet.

Wir suchten noch ein Antiquariat auf. Dann verließen wir Bamberg. Steuerten Bad Staffelstein an, hatten wir dort doch unsere Unterkunft gebucht.
Wir kannten und fanden das Haus, waren wir doch bereits einmal dort.
Bremsende Reifen. Halten. Aussteigen. Auspacken.
Durch einen handtuchschmalen Gang gelangte man in den Innenhof, von dort dann ins Haus. Das Haus gefiel und gefällt; ein altes Fachwerk, dem die Mühen der Zeit durch plastische Hauschirurgie kaum anzumerken sind. Es ächzte nicht. Beschwerte sich weder über uns noch über unsere schweren Taschen und Koffer.
Ich suchte mir einen Aschenbecher, den Seraphe fand. Rauchte auf dem Balkon, der sich in den Innenhof neigte, eine Zigarette, zur Sicherheit noch eine zweite, dann zogen wir los. Es gab ein paar Einkäufe zu erledigen. Milch. Dies und das. Ich müsste genau nachfragen, wollte ich jedes Produkt hier aufführen.

Zum Abendessen setzten wir uns in den „Adam Riese“, den wir bereits von unserem letzten Aufenthalt kannten; ein in sich gekehrter Kerl, ein Haus mit wahrlich verkrümmten Gliedern. Ja, dem „Adam Riese“ sieht man sein Alter an. Recht so!

Wir spielten einige Runden UNO. Ich gewann. Ich verlor. Mit dem Gewinnen kann ich eindeutig besser umgehen. Die Bedienung schob ihren Kopf unter die Lampe. Wir bestellten. Genossen. Nachher noch einen Espresso. Einen Cappuccino. Was soll der Geiz. „Bringen Sie uns auch noch zwei Portionen Apfelstrudel mit Eis!“, schrie ich.
Ja, im „Adam Riese“ kümmert man sich gut um Leib und Seele. Vor allem der Leib kommt nicht zu kurz. Wir führten ein wahrhaft barockes Leben in den letzten Tagen. Ich bezweifle allerdings, dass sich dies hier ändern wird. Seraphes Kochkünste sind nicht zu unterschätzen.

Mit aufgeblähten Bäuchen schoben wir uns in die Unterkunft zurück. Wir mussten ja noch eine Treppe bewältigen.
Gott, die Welt kann ungerecht sein.

So in etwa, vielleicht auch etwas anders, verlief unser erster Reisetag, der eine Mischung aus Literatur und Völlerei war, aber auch aus Lachen und Spiel. Wir waren uns als Familie sehr nah. Und vor allem das zählte.

Mein Kaffee ist mir unter der Schreiberei kalt geworden. Ich werde jetzt noch einen Kaffee trinken, werde eine Zigarette rauchen und dann …

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2 Antworten zu 10. August 2010, Rückblick auf den ersten Reisetag, 8.16 Uhr

  1. Melusine Barby schreibt:

    Haben Sie auch das Rauchbier probiert? Ich war nach Ostern bei einer Radtour in der Gegend unterwegs. Das kannte ich noch nicht. Hat mir aber sehr geschmeckt.

  2. guidorohm schreibt:

    Kein Rauchbier. Aber Bier spielte auch noch eine Rolle. Das erzähle ich aber in den nächsten Tagen.

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