Vier: Flügel

Ich laufe weiter, mit jedem Schritt fühle ich mich leichter, ein Stück unbefangener, ich laufe zwischen den Laternen, kreuze sie, das habe ich als Kind getan, ein Spiel aus uralten Zeiten, ich gerate tiefer in die Stadt, immer tiefer, es zieht mich in die Oststadt, denn dort bin ich aufgewachsen, dort verbrachte ich den größten Teil meines Lebens, dort wirkte ich, bevor sie mich fortsperrten, ich war Rausschmeißer, Geldeintreiber, und wenn ich einmal gar nicht mehr weiter wusste, auch Schlachter, allerdings nahm ich keine Tiere auseinander, ich, nein, ich will nicht darüber reden, denn diese Zeit liegt hinter mir, was liegt uns schon an einem Menschenleben, nichts, an meinem Leben liegt doch auch keinem etwas, sie würden mich wie ein Insekt zertreten, wenn sie nur könnten, wen ich meine, alle und niemanden, diese Stadt ist ein dunkler Ort mit rohen, verdorbenen Menschen, meine Mutter, die täglich in die Kirche des Heiligen Paulus rannte, predigte mir von der großen Hure Babylon, wir seien gefallene Engel, sagte sie, wir hätten unsere Flügel und unsere Seelen verkauft, ich hörte ihr mit großen Augen zu, sie gab mir einen Kuss auf die Stirn, da polterte es bereits im Nebenzimmer, ruhig jetzt, sagte sie, schlaf, dein Vater ist da, ja, er war da, betrunken, brutal, er stiefelte in die Wohnung, schrie ihren Namen, sie ließ mich zurück, ließ mich in meinem Schweiß und meiner Angst liegen, ich dachte an die Engel, an die Flügel, die sich nun in der Hölle stapelten, ich hörte das Geschrei von nebenan, die Schläge, die er Mutter ins Gesicht wuchtete, er war ein starker und großer Mann, ein Kerl mit dem sich kaum einer anlegte, einmal versuchte es einer, ein schmächtiger Mann, der unter uns wohnte, er hatte die Winselei meiner Mutter wohl satt, er klopfte, mein Vater öffnete die Tür, jetzt reicht es, sagte der Fremde, das stimmt, antwortete mein Vater und schlug ihn tot, einfach so, ich habe es gehört, ich habe Mutter darauf angesprochen, aber sie meinte, ich hätte nur schlecht geträumt, aber das war kein Traum, Vater holte seine Saufkumpanen und zusammen entsorgten sie die Leiche, sie schafften sie irgendwo hin, vielleicht verkauften sie sie auch an eine der Schlachtereien, die nehmen alles Fleisch, das sie bekommen können, wenn sie nichts dafür bezahlen müssen, ich kann ihn noch heute hören, den Mörder, Vergewaltiger, Schläger, der sich mein Vater nannte, der in einer weit entfernten Nacht meine Mutter mit einer leeren Bierflasche vergewaltigte, so dass sie an den Folgen starb, sie schafften ihn fort, er landete im Gefängnis, ich weinte ihm keine Träne nach, so einem weint niemand nach, und, wie ich gehört habe, starb er dort, vergewaltigt von zwanzig Mann, die sich an sein Gesicht erinnern konnten, die ihn nicht ausstehen konnten, die wussten, dass sie hier nur ein jämmerliches Schwein totfickten, ja, so war mein Vater, ich kann mich gar nicht mehr an sein Gesicht erinnern, aber ich habe das traurige Gefühl, ihm ähnlich zu sehen, denn immer wenn ich in den Spiegel blicke, dann habe ich den Eindruck, dort die Fratze meines Vaters zu erblicken, ich bin kein besonders hübscher Bursche, da sind zu viele Narben, die mich verunstalten, Narben, die ich von all den Kämpfen zurück behalten habe, die sein mussten, denn du must hart sein, wenn du hier in der Oststadt überleben willst, ich denke an all dies, an meine Eltern, an mein Gesicht, laufe und denke daran, die Schatten der Häuser werden länger, ich spüre die Oststadt wie einen Magneten, der mich an sich zieht, der Geruch nach Schweiß, nach menschlichen Ausdünstungen wird stärker, ich denke an die Geschichten meiner Mutter, mir fallen wieder die Flügel ein, die wir alle verkauft hätten, das kann schon sein, es kann schon stimmen, die Gesichter um mich herum wirken verhärmter, es sind harte Augen, die mich streifen, warum nur treibt es den Hund immer wieder nach Hause, mich zieht es in die Hölle zurück, weil ich gar nicht weiß, wie ich sonst überleben sollte, ich habe kein Geld in meiner Tasche, nichts, es gibt keine Arbeit, wie soll man also den ehrlichen Weg gehen, wenn er verbaut ist, wenn die Wachen stramm stehen und einen den Weg nicht betreten lassen, wie soll man ein guter Christ werden, wenn die Flügel, die einen einst zu einem Engel machten, in der Hölle gelagert werden, ich kenne die Antwort nicht, aber ich kenne die Oststadt, hier gibt es Menschen, die ich mit Namen anreden kann, die ich um eine Arbeit bitten kann, und genau deshalb bin ich hier, weil alle frommen Vorsätze nicht den Hunger stillen, wohl aber eine Arbeit, auch wenn die im Totschlag besteht, ich sehe mit einem Lächeln auf meine Zukunft, es wird schon werden, und vielleicht stoße ich irgendwann auf einen Engel, und ich muss dabei natürlich an Seraphine denken, dem man seine Flügel abschneiden könnte, denn dann hätte ich wieder welche, und alles wäre gut.

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