Sonntagmittag

… und dann bin ich zurück in die Küche, weil ich dort stand, bevor es klingelte, ich drehte das Fleisch, das nun angebrannt ist, ich nehme die dampfende Pfanne vom Herd, nicht hektisch, es ist nur eine Bewegung, Herbert kommt rein, reißt das Fenster auf, dreht sich zu mir um, starrt mich kurz an, dann rennt er an mir vorüber ins Wohnzimmer, dort reißt er die Terrassentür auf, stolpert in den Garten, hin zum Kirschbaum, darunter saß er immer mit Martin, ich sehe es nicht, aber ich weiß, er steht dort, während ich auf den Boden blicke, die Fugen der Fliesen absuchend, in der Hoffnung, es würde sich ein Loch auftun und mich verschlucken, aber es bleiben Fliesen, es bleibt die Küche, es gibt keine Rettung oder Erlösung, ich könnte zu Herbert, müsste zu Herbert, oder er müsste zu mir kommen, aber wir bleiben wo wir sind, ich spüre das Versagen der Beine, die hier Wurzeln schlagen könnten, hier in der Küche, die ich nie wieder verlassen möchte, ich spüre mein Herz schlagen, es kommt mir zum Mund raus, ich bin mir sicher, es gleich auf die Fliesen zu würgen, ich schließe die Augen, dies sollte nur ein Sonntagmittag sein, ein ganz normaler Sonntagmittag, der es auch war, bis es klingelte, Herbert, machst du auf, er schlurfte aus dem Wohnzimmer zur Tür, ich hörte gedämpfte Stimmen, mehrere Stimmen, und neugierig ging ich hin, nur kurz, weil ich das Fleisch nicht anbrennen lassen wollte, nur kurz, dachte ich, um nachzusehen, wer am Sonntag störte, am heiligen Sonntag, das gehört sich doch eigentlich nicht, dachte ich, da sah ich sie, Männer in Uniformen, da wusste ich bereits, welche Nachricht sie bringen würden, da pochte mir bereits das Herz aus der Brust raus, ich machte drei große Schritte, stand an der Tür, Martin, fragte ich, sie sahen zu Boden, dabei müssten die doch geübt in so etwas sein, es tut uns leid, sagten sie, ich sah Herbert mit großen Augen an, sah in Herberts nasse Augen, er ist, sagte Herbert, seine Stimme versagte, es gab einen Anschlag, setzte Herbert wieder an, die Soldaten sagten nichts, dabei wäre es doch ihre Aufgabe, er ist tot, brachte es Herbert endlich raus, du lügst, sagte ich, flüsterte ich, du lügst, was soll das hier, fragte ich, was wollen diese Männer, es tut uns so leid, sagte einer von ihnen plötzlich, ich kann mich schon gar nicht mehr erinnern, wer von ihnen es war, vielleicht der mit dem Schnauzer, hatten die nicht beide einen Schnauzer, ich drehte mich stumm um, ging in die Küche zurück, Herbert besprach noch etwas mit ihnen, schloss die Tür, während das Fleisch verbrannte, ich drehte das Fleisch, dann nahm ich die Pfanne vom Herd, die keinen Sinn ergab, weil nichts mehr einen Sinn ergab, meine Gedanken sanken zu Boden, versickerten zwischen den Bodenfliesen, Herbert kam, öffnete das Fenster, während ich da stand an diesem Sonntagmittag.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Miniaturen abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.