Katze

Die Katze hob den schwarzweißgestreiften Kopf. Etwas war anders. Eine Veränderung der Luft. Morgenkühle. Er war in den letzten Jahren nie so früh aufgestanden. Er trank die ganze Nacht. Brütete vor der Schreibmaschine. Wenn er betrunken genug war, stand er auf, wankte durch die Wohnung. Er stieg in den Keller. Holte Nachschub. Dann setzte er sich wieder vor die Schreibmaschine. Es war eine alte Schreibmaschine, die ihm so viele gute Dienste erwiesen hatte. Er stützte den Kopf auf seinen Händen ab, brabbelte wirr von Paris, von Kuba, dann griff er nach dem Wein. Schenkte sich nach.
Er schlief immer lang. Blieb liegen, bis die Katze ihn weckte. Sie schnurrte um ihn rum, kitzelte ihn am Kinn mit ihren Barthaaren. Er schlug die Augen auf. Sah sie traurig an. Stand auf, schlurfte in die Küche. Mixte sich einen Cocktail. Dann setzte er sich für den Rest des Tages wieder vor die Schreibmaschine. Dort saß er und schrieb nicht.
Aber an diesem Morgen stand er ungewöhnlich früh auf. Er streifte sich seinen Morgenmantel über. Stand für einen Augenblick in der geöffneten Tür. Atmete mit lauten Zügen die klare Morgenluft ein. Die Katze beobachtete ihn dabei. Die Katze mochte ihn. Und er mochte die Katze. Sie waren schon lange zusammen.
Sie strich um seine Beine. Er beugte sich zu ihr runter.
„Du bist eine wundervolle Dame“, sagte er.
Er schloss die Tür. Ging rüber ins Arbeitszimmer. Die Katze wollte zu ihm. Sie war immer bei ihm, wenn er stumm und verzweifelt vor der Schreibmaschine saß.
An diesem Morgen schlug der die Tür hinter sich zu. Sie stand davor und lauschte. War das nicht der Waffenschrank. Sie kannte das Geräusch. Er holte gerne seine Flinten raus. Säuberte sie.
Sie hielt den Kopf ganz ruhig. Es erschien ihr wie eine Ewigkeit. Sie verstand das nicht. Sie wollte zu ihm.
Dann ertönte ein Schuss, ein grober, unbehaglicher Ton, der ihre Trommelfelle zu zerfetzen schien.
Sie stand da und lauschte. Hörte nichts außer einem langegezogenen Pfeifen. Sie legte sich vor die Tür. Wartete auf ihn und auf die Stille.
Sie war sich sicher, dass beide irgendwann kommen würden.

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