15. Juli 2010, Der Kritiker, der ausstaffierte Geck, 5.56 Uhr

Kaffee, Zigarette.
Die Natur hatte ihre Hollywoodeffektmaschine angeworfen. Dunkle Wolken rollten wie Panzer über den Himmel, die Luft erstarrte andächtig, kein Laut, keine Bewegung; Seraphe und ich standen an der offenen Balkontür, lauschten in die Ferne, sahen Blitze zucken. Fasziniert musterten wir das Aufleuchten, das schnelle Auftauchen, dann wieder Abtauchen der Blitze. Dann plötzlich kam der Wind, sehr plötzlich, denn er kam wie aus dem Nichts, ein Wind, der mit Kraft in die Bäume packte, ein muskulöser Wind, der lange trainiert haben musste, der mit den Bäumen spielte wie mit Unkraut. Also knallten wir rasch die Tür zu, schlossen alle Fenster, Regentropfen prasselten wie Kugeln auf die Scheiben ein, zerschlugen sie aber nicht, obwohl auch Hagelkörner drunter waren, die so einigen Schaden hätten anrichten können. Wir sahen dem Ganzen noch eine Weile zu – Seraphe etwas länger -, dann setzten wir uns, lasen, ich in Benjamin Steins „Leinwand“. Das Buch traf gestern als Rezensionsexemplar ein, will ich es doch für Textem besprechen. Da stapelt sich so einiges, was es noch zu besprechen gilt. Manchmal beim Anblick dieser Ansammlung verlässt mich der Mut, die Freude.

Gestern schlich sich eine neue Kategorie in die Pathologie, nämlich die Parallelpathologie, in der sich mein Mr. Hyde austoben darf, mein dunkler Wiedergänger, eine verkrümmte Figur, eine verkommene Existenz. Ich bin mir noch nicht sicher, wie viel Spielraum ich diesem bärtigen Ungeheuer einräumen werde.

Und dann schrieb ich noch an „Fleisch“, meinem Romanexperiment, dessen nächste Folge am kommenden Montag in der Pathologie erscheinen wird; Gustav von Textem wollte diese Serie verlinken. Noch tat er es nicht, aber er hat es, so bestätigte er es mir per Mail, unbedingt noch vor. „Fleisch“ wird ein Text, den ich selbst so überhaupt nicht einordnen könnte; eine Mischung aus Monty Python und Kafka. Vielleicht ist es am Ende nichts von alledem, sondern es handelt sich um einen echten Rohm. Wenn man mitten im Kampfgeschehen steht, ist es schwer sich zur Schlacht zu äußern. Da muss man die Feudalherren befragen, die Fürsten, die eben nie an Schlachten teilnehmen, sondern sich das Getümmel von einem Hügel aus mit dem Fernrohr ansehen. Manche nennen solche ausstaffierten Gecken auch Kritiker.

Ein Blick in meinen Kaffeebecher. Leer. Ich werde mir noch einen Kaffee holen, werde noch eine Zigarette rauchen und dann …

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