14. Juli 2010, Nominiert für den Graf-Eckhard-Leopold-Rothenburg-Preis 2011, 17.27 Uhr (PP)

Whiskey. Zigarre.
Geschrieben. Dies und das. Durchstöberte meine Kellerwohnung nach alten Manuskripten. Fand auch tatsächlich eins mit dem Titel „Diese Welt ist ein abscheulicher Ort, aber ich habe kein Raumschiff, um mir einen anderen Ort zu suchen“. Ich las rein. Konnte es nicht fassen. Das sollte von mir sein. Goss mir einen Kaffee in den Becher mit der Aufschrift Muttersöhnchen. Hockte mich auf einen der alten Küchenstühle. Das Ding ächzte asthmatisch unter meinem Gewicht. Las weiter. Schüttelte den Kopf. Nach etwa zwei Seiten gab ich auf. Katapultierte den Mist quer durch die Küche. Landete direkt vor der Tür. Ich ließ es liegen. Seitdem mache ich einen großen Schritt, wenn ich in die Küche muss. Nur nicht hinsehen, denke ich. Das hast du nicht geschrieben. Niemals.
Also erst mal aufs Klo. Ich saß eine Weile. Las in einem Krimilexikon. Später studierte ich noch die Todesanzeigen in der Zeitung des gestrigen Tages. Die klau ich mir vor der Tür meiner Nachbarin weg. Die Frau ist halbblind. Was will die also damit?
Nach dem erfolgreichen Toilettengang setzte ich mich an den Computer. Ich öffnete die Word-Datei. Las rein. Widerlich. Schloss sie wieder. Also surfte ich ein wenig Netz. Sinnlos. Mal hier. Mal da. Plötzlich landete ich auf einer Seite mit nackten jungen Damen. Die? Nö. Die? Nö. Bei der könnte ich mal anrufen, dachte ich. Leider hatten die Idioten von der Sie-wissen-schon-Telekommunikationsgesellschaft den Saft abgedreht. Rechnung nicht bezahlt. Was konnte ich denn dafür? Nur weil sich meine Bücher „Viele Spuren“ und „Wasser ist kein Meer“ nicht verkauften. Lag doch nicht an mir. Sollte die sich doch an meinen Verleger Luftig wenden. Die Anschrift könnten sie jederzeit haben.
War also nix mit anrufen.
Was dann?
Ich legte mich zum Arbeiten aufs Sofa. Schaltete den Fernseher ein. M-TV. Bombte mich mit Rap-Videos tot. Lauter Typen mit zu großen Hosen und Sonnenbrillen. Ich versuchte auf die Texte zu achten. Die Kerle taten mir leid. Waren eigentlich Drogendealer und Killer, aber jetzt mussten sie einen auf Star machen. Du kannst den Jungen aus dem Getto holen, aber das Getto nicht aus dem Jungen. Darum ging es irgendwie. War schon spannend. Trotzdem schlief ich ein.
Wilde Träume. Sie hatten mich nach Schweden geholt. Ich hatte den Nobelpreis verliehen bekommen. Ich hatte wacklige Beine. Fühlten sich wie Pudding an. Sie lobten meine Romane. Mein Roman über diesen indonesischen Mundartdichter hatte es ihnen besonders angetan. An den konnte ich mich nur nicht erinnern. Mit Karl-Gustav kam ich richtig gut aus. Er lud mich zu einem Joint in der Toilette ein. He. Das gefiel mir. Erinnerte mich an die Beatles. Leider wurde ich nach dem ersten Zug wach, weil ich furchtbar husten musste.
Mein Handy läutete. Klar. Anrufe kann ich noch empfangen. Mein Klingelton. Die Titelmusik vom A-Team. Ich ging also ran.
„Rohm hier“, bellte ich in den Hörer.
„Hier ist Schön“, meldete sich eine hohe Frauenstimme.
„Hier nicht“, sagte ich.
„Ich bin die Sekretärin von Graf Eckhard Leopold Rothenburg.“
„Ach!“
„Sie wurden für den Graf-Eckhard-Leopold-Rothenburg-Preis nominiert. Und zwar für ihren Erzählband Viele Spuren.“
Ich sagte keinen Ton. Konnte es nicht fassen. Glauben auch nicht. Also stand ich auf. Suchte nach meinen Zigarren. Da war ja noch eine.
„Wie, wo, was?“, stammelte ich.
„Alles weitere erfahren Sie morgen von mir. Ich werde Sie gegen Mittag aufsuchen, um Ihnen alles über den Graf-Eckhard-Leopold-Rothenburg-Preis zu erzählen, was Sie wissen müssen. Recherchieren Sie nicht im Internet. Sie werden nichts dazu finden. Der Preis ist sehr exklusiv, so exklusiv, dass man ihn nicht einmal kennt.“
„Aha!“
Ich war völlig überfordert. Die Gute verabschiedete sich. Ich legte auf.
Feuer. Wo war nur mein Feuer? Ach. Dort. Jetzt noch einen Whiskey.
Ich fuhr den Rechner hoch. Das muss ich ins Tagebuch hauen. Tat ich. Hier ist es. Bin schon gespannt auf meinen morgigen Besuch. Da sind so viele Fragen. Sollte ich mich duschen? Nö. Hatte ich erst vor zwei Wochen gemacht. Rasieren? Auf keinen Fall. Weihnachten würde ich wieder in diversen Kaufhäusern den Weihnachtsmann geben müssen.
Bleib ruhig, dachte ich.
Trank meinen Whiskey. Rauchte meine Zigarre. Schrieb. Und hier ist es.

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