13. Juli 2010, Über das Leben, das Werk, einen neuen Text, ganz am Ende noch über den Wind, 6.13 Uhr

Kaffee. Zigarette.
… und dann hat es plötzlich geregnet, nicht plötzlich, weil sie es im Radio ja ankündigten, aber es überraschte es uns in letzter Instanz doch, wir waren so sehr in unserem Netz aus Schweiß gefangen, dass wir es gar nicht glauben konnten. Die ersten Tropfen fielen, weitere folgten, der Himmel runzelte die Stirn, sein Blick verdüsterte sich. Dann erbrach er sich endlich. Entleerte sich bis auf den letzten Tropfen. Ich schrieb währenddessen, tippte wie ein Wahnsinniger an „Fleisch“, einem Text, der sich nach und nach in der Pathologie einfinden wird; Gustav von Textem will ihn verlinken, diesen sonderbaren Roman, der in kurzen atemlosen Kapiteln erzählt wird. Seine Entstehung ist noch sonderbarer (momentan arbeite ich an Kapitel Sieben), weil ich selbst keinerlei Ahnung habe, wohin der Text mich treiben lässt; die Kapitelüberschriften stammen von Seraphe. Es ist ein Experiment. Ich sitze vor der Tastatur, rufe die wunderbare Seraphe an: „Ich brauche ein Wort.“ Sie pflückt eins aus der Luft und schon geht es weiter mit meinem nicht sonderlich sympathischen Helden, der sich durch eine Welt schlägt, die mir nicht unbekannt scheint, die ich aber auch nicht direkt vor meiner Haustüre finde, eine Welt, die sich mir aber für diesen Text aufdrängt.

Wir sahen uns gestern „Alles über Eva“ an, ein wunderbar theatralischer Film mit einer großartigen Bette Davis; ein Film, der gar nicht anders hätte gemacht werden können, weil er sich eben am Dramatischen, an der Schauspielkunst, am Spiel im Allgemeinen, abarbeitet. Eve, die ihr Leben der Kunst weiht, und dabei die Menschen verrät, man findet sie überall, in Anteilen vielleicht auch in sich selbst. Wenn man das Leben zum Werk erklärt, dann geraten alle Umstehenden unweigerlich in den Sog dieser künstlichen Lebensführung; ober aber sie sind stark genug und strampeln sich aus dem Strudel.

Melusine Barby schrieb zur Menke-Kritik einen Beitrag. Sie wird „Blut ist ein Fluss“ lesen; ihr Lesegeschmack spricht für sich. Überhaupt, der Lesegeschmack sagt so einiges über den Leser, über seine Offenheit, seine Verschlossenheit, seinen Hochmut, seine Dämlichkeit.
Ich treibe eher seltsame Leseblüten, mache ich doch nicht solche Unterschiede wie andere Autoren, die beständig in U und E unterteilen, einfach deshalb weil ich ein unartiges Kind bin, das sich schon immer gerne überall tummelte. Die religiösen Gesetze, die manche Autoren und Kritiker aufstellen, lass ich nicht gelten, und dort, wo ich sie finde, fühle ich mich rasch unwohl und mag fliehen.

Von draußen weht ein kühler Wind, der sich in meinen Nacken beißt, Seraphe schläft, ich werde noch eine Zigarette rauchen und dann …

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