Eins: Geschenk

Die Gittertür rollt zur Seite, ich trete einen Schritt raus, da sind sie schon, Robert und Daniel, die mich übernehmen, sie stellen sich seitlich von mir auf, dann tritt von hinten einer an mich ran, den ich nicht sehe, ich strecke meine Arme nach hinten, schon macht es klick, die Handschellen sitzen, ich sehe zu Robert rüber, dann noch kurz in die Zelle, ich lächle Conny an, den nannte ich so, er lächelt gezwungen zurück, Conny ist meine Frau gewesen, aber jetzt lasse ich das Weib zurück, weil dies der Tag meiner Entlassung ist, Robert und Daniel marschieren los, ich passe mich ihrem Tempo an, nur nicht schneller werden, oder langsamer, denn das zieht eine Bestrafung mit dem Schlagstock nach sich, ganz egal, ob heute ein Feiertag für mich ist, oder eben nicht, wir laufen den Gang entlang, den ich so gut kenne, den ich so viele Jahre laufen musste, vorbei an meinen Mitinsassen, meinen Verbündeten und Feinden, steck den Nutten ein Gruß mit rein, schreit Sauerberg, ich nicke nur, sehe nicht einmal hin, was wirst du draußen tun, fragt mich Daniel, weiß nicht, knurre ich, vielleicht eine Bar, lass das lieber mit der Bar, sagt Daniel, du willst doch nicht gleich wieder hier landen, nö, sage ich, das wird nicht passieren, auf keinen Fall, nie und nimmer, wir laufen weiter, kommen zur nächsten Tür, dahinter ein Tisch, ein Wachmann, er sieht zu uns rüber, lässt uns durch, immer weiter, Gänge über Gänge, das ist ein verfluchtes Labyrinth, sie führen mich hinauf, rauf in den Himmel, denke ich, zum lieben Gott, zu Albert Kassierer, der Direktor hat sein Büro oben, wie seltsam, denn wenn es mal brennt, dann sieht es schlecht für ihn aus, aber Götter wollen nun einmal die Übersicht behalten, sie stopfen mich in einen Aufzug, wir fahren in den letzten Stock, die Fahrstuhltür öffnet sich, vor uns ein roter Teppich, als hätten sie mich zu einer Filmpremiere eingeladen, seine Sekretärin Martha lächelt mich über ihre eckige Brille hinweg an, das Ding sitzt auf ihrer Nasenspitze, und klar, muss ich darüber nachdenken, ob sie was mit dem Direktor hat, bestimmt sogar, ich versuche es mir vorzustellen, Martha auf den Knien, der Direktor vor ihr, der Gott, der ihr befiehlt seinen Samen zu schlucken, sie schmatzt, während sie ihm den Schwanz lutscht, ganz sicher sogar, sie können rein, sagt Martha, Daniel klopft, er lauscht an der Tür, nickt, öffnet die Tür und schiebt mich rein, Direktor, er nimmt seine Mütze ab, hier ist Weißbach, der Direktor sitzt hinter seinem Schreibtisch, schreibt, unterzeichnet etwas, vielleicht ein Todesurteil, ich muss grinsen, nein, denn so viel Macht hat er auch wieder nicht, er blickt auf, sie lächeln, fragt er mich, ich freue mich einfach, weil ich raus komme, antworte ich, Gott nickt, das kann ich gut verstehen, und genau deshalb sind Sie auch hier, Weißbach, ich will Ihnen noch ein paar Worte mit auf den Weg geben, die Welt hat sich verändert, die Welt verändert sich ständig, sie bekommen davon hier drin nicht viel mit, ich will, das sie sich auf die wahren Werte konzentrieren, suchen Sie sich einen Job, gehen Sie in die Kirche, werden Sie ein guter Christ, vielleicht lernen Sie eine nette Frau kennen, gründen eine Familie, ich unterbreche ihn, genau, das habe ich vor, sage ich, gut, gut, sagt Gott, ich will sie hier auf keinen Fall mehr sehen, und damit Sie auch nicht vergessen, dass hier kein Platz für Sie ist, habe ich ein Abschiedsgeschenk für Sie, er schließt die Augen, bewegt leicht den Kopf, und schon im nächsten Augenblick liege ich am Boden, werde von den schweren Stiefeln meiner Wachmänner bearbeitet, nur kurz, aber heftig genug, um mich zum Kotzen zu bringen, der Direktor steht auf, kommt zu mir rüber, beugt sich zu mir runter, das sollten Sie auf keinen Fall persönlich nehmen, sagt er, das war nur ein Abschiedsgeschenk, nicht mehr und nicht weniger, es soll Sie daran erinnern, meinen mahnenden Worten Folge zu leisten, ich röchle, versuche zu sprechen, geht nicht, blinzeln Sie einfach mit den Augen, wenn Sie verstanden haben, und kein Wort hierüber, sagt Gott, es würde Ihnen eh niemand glauben, und dann tritt auch Gott noch einmal zu, ich kann den Triumph spüren, sein Bein zittert nach, er ist ganz aufgeregt, das macht ihn geil, und nun, sagt der Direktor, wünsche ich Ihnen einen schöne Reise, er wendet sich Robert und Daniel zu, bringt ihn weg, und sagt Martha, sie soll die Putzfrauen informieren, es hätte sich wieder mal ein Gefangener vor freudiger Erregung übergeben, er streichelt mir über die Wange, schreitet dann wie ein General zu seinem Schreibtisch zurück, neue Schlachtpläne erarbeitend, wahrscheinlich hat er einen Ständer, ich bin mir sicher, er wird sich nachher einen runter holen, an mich denken und wichsen, ganz sicher, danke, stöhne ich, dann helfen mir Robert und Daniel auf, nichts für ungut, sagt Daniel, schon gut, flüstere ich, wir gehen an Martha vorüber, die nun nicht mehr lächelt, sie sollen den Putzfrauen Bescheid sagen, ja, mach ich, sie greift den Hörer, aber da sind wir schon im Aufzug, wir fahren wieder runter in die Hölle, nur das ich da heute nicht mehr rein muss, ich werde auf die Erde zurück geschickt, aber vielleicht irre ich mich da auch, vielleicht geht es in die Hölle zurück.

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