Das schönste Gespräch der Welt

War im Garten Eden noch der Apfel Anlass sich der Versuchung hinzugeben, so ist es im neuseeländischen Dschungel des Jahres 1851 ein Piano das herhalten muss als Stein des Anstoßes. Als Mittler treibt es zwei Sprachlose in ein Gespräch der Körper. Die Kraft des unausgesprochenen Wortes schafft einen Freiraum für zwei sich sprachlos Liebende, die ihre Körper als Sprachmittel erkennen. Feiner als im Versiegen der Töne kann Musik nicht wirken. Die Stille gehört den Körpern, die sich wohlig warm aneinander schmiegen. Einzig gebrochen wird diese Andacht durch die Bewegung der Körper, die langsam schneller werdende Atemgeräusche. So entsteht die wahre Musik, die wahre Kunst.
Wenn »Das Piano« der neuseeländischen Regisseurin Jane Campion etwas nicht zu sein scheint, dann ein programmatischer Film.
Die Bilder, die sie findet, erinnern an abfotografierte Gemälde, großformatige Landschaftsportraits aus dem 18. Jahrhundert, die, stehen wir kleinmütig vor ihnen, uns zu erschlagen scheinen mit ihren apokalyptisch anmutenden Naturszenen. Der gewittrige Himmel wird zum Zorn Gottes, der Wald zur Strafkammer des Menschen, verlor er doch unter einem Baum seine Unschuld. Seitdem stehen alle Bäume unter dem Generalverdacht die falsche und gefährliche Frucht zu erbringen.

Man sieht und liest also: starke Literatur kann die Dingwelt in unseren Verstandeskategorien beliebig verschieben. Eben noch schlängelte eine einfache Natter durch das Gras, im nächsten Moment ist es der Teufel persönlich. Ein gezielter Tritt und man hätte Satan aus dem Universum getilgt.
Alle Naturdarstellungen in diesen Bildern sind aufgeladen mit der symbolischen Kraft der biblischen Mythen. Der Mensch ist nie alleine. Er ist immer und stets nur Teil des göttlichen Plans. Ein Plan, der seinen Schabernack mit den Menschen treibt, der sie verführt, um ihnen dann die Verführung als groben Verstoß unter die Nase zu reiben. Die Bibel ist literarischer Urschlamm. Auf dem verkrusteten Rand dieser Geschichtensammlung balancieren wir noch heute.
Campion findet Bildnisse, die uns bekannt vorkommen, die wir aus dem musealen Gedächtnis kramen wie lang verschollene Verwandte, Ahnen die es nicht bis in unsere Welt einer neu entdeckten Ahnungslosigkeit geschafft haben.
In seiner Freude an der Einstellung zur Ausstellung erinnert der Film vage und doch wieder bestimmt an »Barry Lyndon« von Stanley Kubrick. Feierte der sich durch das ohne Kunstlicht gebannte Filmmaterial noch in der Verschwendung des Vergänglichen, greift Campion tief in den Malkasten satter Farben.
Gemalt in dunklen Tönen aus Blau, Grün und Braun (nicht zu vergessen die grollenden Grautöne des Himmels) ist der dritte Kinofilm Campions jederzeit voll auf der Höhe ihres Könnens. Und sie kann viel. Keine Geste, keine Einstellung scheint überflüssig oder falsch inszeniert. Wie aus dem Gusswerk für Geniestreiche kommt der Film wie ein schüchterner Riese daher und ist vor allem eins: ein programmatischer Film.

Das Programm des Films, besser sein Thema lautet: Sprache! (Oder eben deren Abwesenheit.)
Ada (wie mit einer eisernen Maske gespielt von Holly Hunter) ist seit ihrem 6. Lebensjahr stumm. Zu Beginn und Ende des Films werden wir ihre Stimme vernehmen, ihre innere Stimme, die selbstbewusst nicht nach außen strahlen kann und sie so verletzlicher erscheinen lässt, als sie eigentlich ist. So bleibt ihr als Sprache nur die Körpersprache übrig. Ihre Mimik ist wie eingefroren, kaum ein Gesichtsmuskel regt sich, was die Vorstellungskraft des Zuschauers noch um ein Vielfaches anheizt, weiß er doch um die Feuer, die in ihr brennen. Nur beim Klavierspiel bricht sie auf. Dann kann sie plötzlich lachen, die Gesichtszüge donnern hinaus auf das Meer, an dessen neuseeländischen Saum sie gelandet ist.
Als wäre sie am Ende der Welt angekommen, so hockt Ada mit ihrer neunjährigen Tochter Flora und diversen Kisten (darunter auch ihr Piano) am windgepeitschten Strand. Es ist eine gespenstische Szene. Scharf zeichnen sich die Umrisse der Körper wie in einem Scherenschnitt ab. Hier sieht es aus, als hätten sich Alfred Böcklin und Caspar David Friedrich gemeinsam auf einer Leinwand ausgetobt.
Dunkel rollen die Gewitterwolken über sie hinweg, sie, die mit einem in Neuseeland lebenden Engländer namens Alisdair Stewart (Sam Neill) verheiratet wurde, der sie schüchtern und beiläufig empfängt, mit einem abgewetzten Zylinder auf dem gravitätischen Kopf, der Kinn und Brust zu vereinigen sucht, der den Sand absucht, vielleicht um sich darin zu finden. Als wolle er sich am liebsten selbst verschlucken, als könne er jeden Moment zu seinem eigenen Erdbeben werden, tritt er von einem Bein auf das andere, ein sich selbst Besprechender, der ahnt, wie fehl er an diesem Platz der Welt ist, wie fehl er an jedem Platz der Welt wäre.
Er ist mit einer Gruppe Maori und seinem Nachbarn George Baines (Harvey Keitel) gekommen, der für ihn übersetzt, der den Maori rein schon im Äußerlichen nahe gekommen ist, der Tätowierungen im Gesicht trägt, die ihn seiner alten Welt entfremden, aber zu einem Gewächs der neuen Welt werden lassen. Die Kisten inspizierend, um das Piano zurück zu lassen, da es zu groß und zu unpraktisch ist, marschieren sie los.

Welch eine Erschütterung für Ada, die im Klavierspiel ihren Ausdruck findet, die sich im Spiel gewinnt. Das Piano, ihre ganz private Insel der Seligen, soll zurück bleiben. Da nutzt all ihr stummes Aufschreien nichts, nichts die rasch nieder geschriebenen Notizen.
Astronauten im Smoking auf dem Mond könnten nicht fremder wirken wie dieser viktorianische Zug durch die Wildnis. Und weil Stewart die Maori nicht versteht und auch nicht die fremde Kultur, interpretiert er einen Umweg als Versuch der Maori mehr Geld aus ihm heraus zu schlagen. Dabei wollten die nur vermeiden, an den Grabstätten der Ahnen vorüber gehen zu müssen. Der Übersetzer Baines, der Analphabet ist, liest die Welt besser und rät zur Besonnenheit.

Baines hat durch einen Landverkauf an Stewart das »verwaiste« Klavier Adas erworben. Nun muss Ada zu ihm, soll ihm Unterricht geben. Baines hat seine eigenen Unterrichtsmethoden im Kopf und schlägt Ada einen »Rückkauf« der besonderen Art vor. Wenn er sie berühren darf, erhält sie von ihm nach und nach das Klavier. Die Währung besteht aus den schwarzen Tasten.
Wenn er dann unter dem Klavier liegt, ihr zu Füßen und ein kleines Loch im Strumpf findet, dann ahnen wir, es kommt zur ersten »Landnahme«, der Ehebruch, der ein Einstieg in die Liebe ist, steht kurz bevor. Es ist sinnbildlich für die einfühlsame Inszenierung von Campion, uns nicht grob mit einem Stück Bein zu konfrontieren, sondern uns »ahnen« zu lassen. Erotik ist das Spiel mit der »Ahnung«, mit der Phantasie, die stets ein Stück weiter ist als Hände und Zunge.
Das schönste Gespräch der Welt führen zwei nackte Körper, die sich ineinander verwickeln. Solcherlei Verwicklungen führen entweder ins Paradies oder aber aus selbigen hinaus.
Wenn wir Ada und Baines beim Leibes- und Liebesspiel beobachten, dann verwickeln wir Zuschauer uns in einen Bund, von dem wir nicht wissen, ob wir ihm angehören dürfen. Da aber Campion in diesen Momenten alle Register ihres Könnens zieht, erscheinen uns Ada und Baines nicht wie profane Beischläfer, sondern sie scheinen uns wie der Entwurf einer neuen Welt, zumindest wie eine neu entstandene Landschaft. Dieses Neuland, das so altbekannt durch unsere Köpfe hetzt, gilt es zu erkunden. Unsere Augen streichen rasch über die Körper, nur um uns dann umso heftiger auszusperren.
Campion lässt uns teilhaben und wirft uns dann aus der Szene. Wir müssen draußen bleiben und werden so zu dem degradiert, was wir sind: Zuschauer!
Einmal ist es Flora, die die beiden beim Liebesspiel beobachtet (und mit ihr wir) und dann ist es der eifersüchtige Ehemann Stewart. Zaudernd streicht er um Baines Hütte, lauscht dem Atem der Liebenden, ihre Sprache, die sich in Stöhnlauten verliert. Besser als Ada und Baines kann man nicht kommunizieren. Der Liebesakt wird so zum schönsten Gespräch des Films, zum schönen Dialog der Körper. Alle Sprachlosigkeit löst sich in Liebe auf. Sex als Therapie gegen introspektive Verlorenheiten. Gemeinsam entdecken sie die Poesie des Orgasmus. Bessere Lyrik wurde nie geschrieben.

Stewart, Zeuge des außerehelichen Verkehrs, sperrt Ada nach einer versuchten Vergewaltigung ins Haus. Dieser Ehemann, der nun auch zum Gefängniswärter mutiert, der das Gewaltmonopol auf seiner Seite wähnt, reagiert gemäß seiner Sprachunfähigkeit.
Flora sieht in all dem nur die Gerechtigkeit des Besitzenden. Sie ist die tragische Feenfigur in diesem Drama, eine vielgeschichtige Schöpferin von Mythen. Sie ist das vermeintliche wie das echte Sprachrohr ihrer Mutter, die durch ihre Hoffnung auf einen Familienverbund zur tragischen Verräterin wird. Das kindliche Spiel kippt die Situation, weil Flora eine Nachricht an Baines nicht zu diesem bringt, sondern zu Stewart. Wer nicht hören will, der muss fühlen und so eskaliert das Geschehen schließlich.
Jane Campions »Das Piano« kann man sich immer wieder ansehen, um immer wieder neue Ebenen zu entdecken. Nach einer jeden Sichtung wäre eigentlich eine neue Bestandsaufnahme fällig und vielleicht sollte ich das als Auftrag an mich verstehen, eine ganze Serie von Besprechungen zu diesem Film zu schreiben.
Diese aber sei der Sprache der Körper gewidmet, der Poesie wandernder Hände.

(Erschienen bei Glanz&Elend)

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