22. Juni 2010, Die ungeschriebenen Bücher, 5.50 Uhr

Morgenkaffee. Zigarette.
Fühle mich betäubt, nahezu abwesend. Im nächsten Moment muss ich niesen. Wo sind nur die verfluchten Taschentücher. Ach ja. Hier! Ich greife nach meinem Kaffeebecher, setzte ihn an die Lippen, schlürfe einen Schluck runter, denke darüber nach, was ich der Pathologie an diesem Morgen anvertrauen könnte. Zur Rechten stehen die beiden Bücher, die ich bisher geschrieben habe. Bin ich damit zufrieden? Ich bin nie zufrieden. Alles dreht sich um die ungeschriebenen Bücher, jene abertausende von Seiten, die es noch zu tippen gibt.
Der Glaube an die eigene Literatur erzeugt die Literatur, die man schließlich schreibt. Und der Glaube erwächst aus einem Glücksgefühl oder einer Verletzung, aus einem Moment, der einen nicht mehr los lassen will.
Es ist interessant, die verschiedenen Religionsangehörigen zu erleben, ihr Eintreten für die Sache, die sie als die einzig wahre erkannt haben. Eingeschworene Landhauskrimifans vertrauen nur ihren Romanen, Noir-Autoren nur ihrem Stil, Hochkulturartisten geben sich nur mit Sätzen ab, die sich über drei Seiten erstrecken.
Ich stehe hilflos vor so vielen Glaubensrichtungen, die mir mal mehr, mal weniger gefallen. Auch ich kann nur das schreiben, woran ich glaube. Mein Glaube ist ein Stückwerk, ein Schelmenstück aus Dick, Torn, Harlan, Noir, Godard, von Trier, mir.
Also blicke ich wieder zu meinen geschriebenen Büchern, schließe die Augen, betrachte die Reihen der ungeschriebenen Bücher. Lese die Titel auf den Rücken

Hier eine unvollständige Liste meiner ungeschriebenen Bücher:

Die Rückwärtsreisenden
Novelle

Komplott
Roman

Der steinerne Thron
Erzählungen

Halt, die sind ja überhaupt nicht von mir. Das sind Titel aus dem Werk des guten Jacob Larsen. Ich würde ein Buch niemals „Der steinerne Thron“ nennen. Über Larsen wird es sicherlich in der nächsten Zeit noch einiges zu schreiben geben.
Waren also nicht meine Bücher. Gut. Dann werde ich die Titel eben nachreichen. Irgendwann. Irgendwo. Vielleicht hier.

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