Philips (1)

Die anderen Kinder riefen ihn stets nur bei seinem Nachnamen. Philips, schallte es durch die Straßen seiner Kindheit. Sein Vorname verlor sich, wurde zu einem gut gehüteten Geheimnis, dem sich die Eltern beim Zubettgehen annahmen. Die Mutter beugte sich über sein Gesicht, flüsterte das Geheimnis und gab ihm einen Gute-Nacht-Kuss auf die Stirn. Philips hatte das gerne. Er war ganz verrückt danach. Er liebte seine Mutter. Er sog den Geruch ihrer Haut ein. Behielt ihn eine ganze Weile im Mund, kaute wie auf einem rotglänzenden Bonbon darauf herum und träumte sich in die Weiten ihrer Bluse. Er verlor sich im schweißglänzenden Dekolleté seiner Mama. Das behielt er für sich. Das war sein Geheimnis.
Nach der Mutter senkte sich der Schatten des Vaters über ihn. Ein Berg von einem Mann, an dessen Rändern nichts wachsen konnte. Ein Naturschauspiel. Der Vater verschluckte nicht nur alles Licht, er absorbierte auch alles Leben.
Philips riss die Augen auf. Der Vater schenkte ihm ein schauriges Lächeln. Flüsterte: „Hast du heute auch fleißig gelernt?“ Philips hielt die Luft an. Versuchte zu nicken. „Gut“, dröhnte der Vater und gab das Licht der Deckenlampe wieder frei.
Dann erlosch das Licht. Philips blieb zurück.

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