IRREVERSIBEL

Der unbekannte Zuschauer Guido Rohm winkt sich ein Taxi. Ich kann seine Lippen sehen, die dem Taxifahrer Anweisungen geben. Was er ihm sagt, das bleibt meiner Phantasie überlassen.

Kritiker Rohm: Natürlich.

Zuschauer Rohm: Geht in Ordnung. Kann ich jetzt endlich schlafen gehen.

Kritiker Rohm: Herr Rohm, wir bedanken uns für das Gespräch.

Zuschauer Rohm: Es ist körperliches Kino. Anstrengend und Kräfte zehrend. Ein Kino der Erschöpfung. Es sind Filme eines großen Genies.

Kritiker Rohm: Wie würden Sie Noés Kino beschreiben?

Zuschauer Rohm: Noé, Schnabel, Haneke.

Kritiker Rohm: Sie mögen Haneke.

Zuschauer Rohm: So. So. (Murmelt vor sich hin) Wo war ich? Ach ja. Wir sehen zuerst den Mord am vermeintlichen Täter, einem Täter, von dem wir aber überhaupt noch nicht wissen, dass es ihn gibt. Der Mord erschreckt uns. Er ist bestialisch und grausam. Man kann kaum hinsehen. Hätte man den Film in Richtung Zeitpfeil ablaufen lassen, hätten sich die Zuschauer mit Pierre, der den Mord begeht, verbündet. Sie hätten es gutgeheißen. Noé baut hier vor. Da arbeitet er ähnlich wie Haneke.

Kritiker Rohm: Wir versuchen herauszufinden, wie es um den heutigen Zuschauer bestellt ist, wie mündig er ist. (Räuspert sich) Zu mündig sollte er allerdings auch nicht werden.

Zuschauer Rohm: Kritiker sind doch eh alles Arschlöchern. Warum befragen Sie mich dann überhaupt?

Kritiker Rohm: Äh. Ich möchte Ihnen ja nicht zu nahe treten, aber Sie sollten nicht solche Formulierungen wie „narrative Strukturen“ gebrauchen. Die sollten uns Kritikern vorbehalten bleiben.

Zuschauer Rohm: Natürlich. Aber er bricht mit allen Klischees des Genres. In diesem Film gibt es nichts Heroisches mehr, keinen Graf von Monte Christo. Auch die narrative Struktur verbaut uns jegliche Anteilnahme.

Kritiker Rohm: Ist IRREVERSIBEL ein Film über Rache?

Zuschauer Rohm: Mit Sicherheit sogar. Während Kubricks Film die Möglichkeiten der menschlichen Entwicklung vermisst, Entwicklungen, die von außen kommen, zeigt uns Noé das Gegenteil. Laut ihm gibt es keine Entwicklung. Alex macht ja auch einen Schwangerschaftstest. Sie ist schwanger. Am Ende von „2001“ sehen wir genau jenen Embryo, den Noé töten lassen wird. Die Metaphorik ist klar und stark. Noé hat quasi die Gegenthese zu Kubricks Film gedreht.

Kritiker Rohm: Gegen Ende des Films besuchen wir Alex und Marcus in ihrer Wohnung. Sie albern auf dem Bett herum. Auch hier gibt es Andeutungen von Gewalt. Marcus überstreckt die Arme von Alex und hält sie umschlossen. Das ganze hat einen spielerischen Touch von sadomasochistischen Praktiken. Über dem Bett hängt ein Poster von Kubricks Film „2001 – Odyssee im Weltraum“. Hat das eine Bedeutung?

Zuschauer Rohm: Wir sehen sie vermutlich darin lesen. Wir können den Einband nicht sehen. Aber es wird schon so sein.

Kritiker Rohm: Auf dem Weg zur Party erzählt Alex von einem Buch, das sie gelesen hat. Dort findet sie den Satz: Die Zukunft ist schon da. Sie existiert bereits. Über prophetische Fähigkeiten könne man sie wahrnehmen. Sie erzählt von einem Traum. Erzählt von einem Tunnel, der einstürzt. Übrigens: die Tunnelsymbolik kehrt bei Noé immer wieder auf. Aber seine Tunnel kennen keine Ausgänge. Sie sind das Leben. Am Schluss des Films sieht man sie in diesem Buch über die Unausweichlichkeit des Schicksals lesen.

Zuschauer Rohm: Die ganze Szene ist auf Fluchtpunkte ausgerichtet. Die Kamera erlaubt sich keinen Schwenk, keine Bewegung. Die Vergewaltigungsszene scheint unendlich. Sie will nicht enden. El Tenia setzt immer wieder an, beschimpft sein Opfer, erniedrigt sie. Am Ende wälzt er sich wie ein „Liebhaber“ neben sie. Alex versucht wegzukommen. Als El Tenia das bemerkt, rastet er völlig aus. Er schlägt ihr Gesicht auf den Beton. Es geht um Zerstörung von Schönheit. Ihre Schönheit. Das betont er mehrmals. Diese Szene ist der Dreh- und Angelpunkt. Es gibt ein Davor und ein Danach. Aber diese Szene ist der Mittelpunkt.

Kritiker Rohm: Was halten Sie von der Vergewaltigung? Wie hat Noé diese Szene behandelt?

Zuschauer Rohm: Genau. Die Geschichte wird rückwärts erzählt. Das ist zwar nicht neu, wird aber grandios umgesetzt. Der Film beginnt im Club RECTUM, einem Abstieg in die Hölle, die Kamera schlingert, wippt, kippt ständig. Die Erzählweise ist fragmentarisch. Es sind immer wieder nur einzelne Bilder, die aufleuchten. Es wird ohne Schnitt gearbeitet. Die einzelnen Szenen haben keinen Zwischenschnitt, und ähnlich wie bei Hitchcocks „Cocktail für eine Leiche“ wird der Schnitt auch nie sichtbar. Zumindest hängt der Film so in meinem Kopf. Die Erzählung wandert zum Anfang. Die Kamera wird immer ruhiger, statischer.

Kritiker Rohm: Sie meinen…

Zuschauer Rohm: Geht so. Kann man lassen. Aber das wirklich Wichtige haben Sie vergessen zu erwähnen.

Kritiker Rohm: Die drei Hauptpersonen Alex (Monica Bellucci), ihr derzeitiger Freund Marcus (Vincent Cassel) und ihr Ex-Lover Pierre (Albert Dupontel) gehen gemeinsam auf eine Party, die Alex nach einem Wortgefecht mit Marcus allein früher verlässt. Um die stark befahrene Straße Richtung Taxis zu überqueren, benutzt sie eine Unterführung. Dort gerät sie an den homosexuellen Zuhälter El Tenia. Alex, die versucht, einer von El Tenia bedrängten Prostituierten zu helfen, wird nun selbst zum Opfer. El Tenia vergewaltigt sie. Dann prügelt er sie, bearbeitet sie mit Tritten, vor allem ins Gesicht. Später kommen Marcus und Pierre auf die Straße, sehen einen Krankenwagen und Alex, die gerade abtransportiert wird. Sie werden von zwei Halbstarken aus dem Viertel angesprochen. Gegen Geld könne man ihnen helfen, man werde den Schuldigen schon finden. Tatsächlich werden sie auf dem Straßenstrich fündig, kommen an die gewünschte Information durch die in der Unterführung malträtierte Prostituierte. Sie erfahren, dass sich El Tenia im Club RECTUM aufhält. Marcus und Pierre fahren dorthin, versuchen El Tenia ausfindig zu machen, um schließlich in einem barbarischen Akt aufgrund einer Verwechslung den Falschen zu töten. Ich hoffe, ich habe alles Wichtige erzählt.

Zuschauer Rohm: Mach mal. Skizzieren ist gut. Die ganze Story ist eh nur eine Skizze.

Kritiker Rohm: Vielleicht sollten wir für unsere Leser kurz einmal die Handlung skizzieren.

Zuschauer Rohm: Weiß nicht, ob man hier von Werk reden kann. Hat ja noch nicht hunderte von Filmen gedreht, der gute Noé. Aber MENSCHENFEIND und IRREVERSIBEL sind Meisterwerke. Meilensteine des modernen Kinos. Noé ist ein Bilderstürmer. Ebenso wie Schnabel uns das in seinem letzten Film gezeigt hat. (Anm. d. Red.: Gemeint ist „Schmetterling und Taucherglocke“) In beiden Filmen von Noé ist nicht das „Was“ entscheidend, sondern das „Wie“. In IRREVERSIBEL haben wir es mit einer völlig simplen Story zu tun. Das erinnert übrigens an „Außer Atem“ von Godard. Und so wie Godard die Ästhetik des Kinos für immer veränderte, so verändern auch Schnabel und Noé die Ästhetik des heutigen Kinos. Deshalb sind sie Bilderstürmer. MENSCHENFEIND ist noch ein rein literarischer Film. Die Monologe sind ein nicht wegzudenkender Kern. In IRREVERSIBEL siegt das Bild und die Behandlung des Bildes. IRREVERSIBEL ist ein Sieg für das Kino in seiner ursprünglichen Form.

Kritiker Rohm: Sie gelten als Anhänger des Werks von Gaspar Noé.

Zuschauer Rohm: Na, aber um drei Uhr morgens ein Interview? Egal. Fangen Sie einfach an.

Kritiker Rohm: Wir sind nur kurz in der Stadt.

Zuschauer Rohm: Ist aber auch eine scheiß Uhrzeit.

Kritiker Rohm: Vielen Dank, dass Sie gekommen sind, Herr Rohm.

Ich bin mit dem unbekannten Zuschauer Guido Rohm vor dem Schwulenclub RECTUM verabredet. Das RECTUM ist eine der Drehorte für Noés letzten Kinofilm „Irreversibel“. Über genau diesen Film möchte ich heute mit Guido Rohm sprechen. Er kommt leicht verspätet, die Haare sind zerzaust, die Bewegungen fahrig.

Interview des Kritikers Guido Rohm mit dem Zuschauer Guido Rohm

Die Zukunft ist schon da

(Erschienen bei Satt.org)

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