20. Juni 2010, Blutfetischismus, 7.33 Uhr

Morgenkaffee. Morgenzigarette. Seraphe schläft noch.
Der Besuch auf der Vernissage hat sich gelohnt. Es war eine gute Idee meiner Fee mich dorthin zu zaubern. Ansonsten hätte ich sicherlich mit einem Buch in der Hand auf dem Sofa gehockt und einen weiteren Tag meines Lebens vertrödelt. So aber kam ich in den unendlichen Genuss der Verwirrung.

Die Räume des hiesigen Kunstvereins sind schlicht bis hässlich. Vielleicht hat man kein Geld für andere Räume, vielleicht haben die Leutchen aber auch eine Ästhetik in den weißgetünchten Zimmern entdeckt, die sich mir so auf den ersten Blick nicht erschließen konnte.
Wir kamen eine halbe Stunde vor Beginn. Es war nur wenig los. Der Künstler, dessen Fotografien ausgestellt waren, diskutierte mit drei Wesen, die dann noch eine Rolle spielen sollten.
Seraphe und ich gingen die Fotografien ab. Hochglanzbilder von Frauen, die eine Gabel im Kopf stecken hatten, denen der Mund vernäht war, die sich mit Nadeln Schmerz zufügten, deren Arme mit Schnitten übersät waren. Was mich an den Bildern so anödete, war die Tatsache, dass der hinter den Eindrücken wohnende Horror nicht transportiert wurde. Ich litt nicht mit. Alles Blut lag unter Zuckerguss. Die Bilder langweilten, obwohl sie schockieren sollten; sicherlich waren einzelne Fotografien schockierend, aber auch nur schockierend auf der Ebene eines billigen drittklassigen Horrorfilms.
Die Ausstellung wurde eingeläutet, eines der drei zuvor erwähnten Wesen, erhob die Stimme. Der Mann im Helmut-Berger-Retrolook war wohl ein Mitglied des Kunstvereins. Seine Rede war angenehm, nicht uninteressant, sprach er doch über die Schockwirkung von Kunst. Danach kam ein gewisser Marc Benecke, den ich bis dato nicht kannte, ein Forensiker, der wohl auch für diverse Fernsehsender arbeitete. Benecke gefiel mir, widersprachen sich Wesen und Körper dieses Menschen doch völlig. (Vielleicht kamen hier auch nur meine Vorurteile durch. Bestimmt sogar.) Die Haare gestutzt, die Arme mit Tätowierungen übersät, im Look eines Gothic-Ritters, der sich mit einem Biker gekreuzt hatte, sprach er im Schnelltempo von seiner Zeit in New York, der Entdeckung von Piercing, Branding, eben dem ganzen Spektrum der Körpermodifikationen. Er erzählte von Vampiren, oder solchen, die sich dafür hielten, von Blutfetischismus und Kannibalismus. Nie wertete er. Es war eine großartige, verwirrende Einführung in eine Welt, die mir völlig unbekannt ist. (Benecke gäbe übrigens eine gute Figur für einen Roman ab.)
Danach sprach noch eine junge Dame über Borderline, über Sadismus, Masochismus.
Kurzum: Wir sahen uns die Bilder danach noch einmal an, ich stand ihnen schon ein Stück weit hilfloser gegenüber, konnte mich aber am Ende nicht damit anfreunden, weil ich immer noch der Meinung bin, das sie den Schrecken nicht zu transportieren vermögen. Das sind Poster für ein Klientel. Mehr nicht. Trotzdem war es ein gelungener Abend.
Zu Hause sahen wir uns noch „Dear Wendy“ an, einen Film über Waffen und Waffenfetischismus, den ich jedem nur sehr ans Herz legen kann.
Dann ab ins Bett.
Heute kommen meine Kinder. Ich habe sie schon länger nicht mehr gesehen. Der Tag soll ganz ihnen gehören, daher werde ich nichts weiter für die Pathologie und den Roman schreiben.

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