Eine glückliche Frau

Ich bin keine Spionin. Meine Tür verfügt allerdings über einen Spion. Presse manchmal mein schweißnasses Auge darauf.
Meine Augen waren schon besser. Ihre Sehkraft hat abgenommen. Es ist nicht die Neugier, die mich an den Spion treibt. Es ist die Wachsamkeit. Nennen Sie es Aufmerksamkeit.
Ich war dreiunddreißig Jahre verheiratet. Mein Mann war ein in sich gekehrter Mensch. Äußerlich wie innerlich zerknittert. Er litt am Leben. Der Tod muss eine Erlösung für ihn gewesen sein.
Neben uns wohnt der Autor. Ich habe mich in der Buchhandlung an der Ecke nach seinen Büchern erkundigt. Er schreibt Krimis. Die Buchhändlerin berichtet mir gelangweilt von seinen zurückliegenden Erfolgen.
Wir leben alle nur von der Vergangenheit. Tom Torn auch.

Tom Torn

Ich bin ihm vielleicht ein oder zwei Mal im Treppenhaus begegnet. Er wirkte mürrisch. Fast wütend.
„Hallo“, knurrte er.
Ich erwiderte nichts. Fand meine Stimme erst in der Wohnung wieder. Ich sah die geschlossene Tür an und sagte: „Guten Tag, Tom Torn. Mein Name ist Laura …“
Die Tür starrte dumpf zurück. Zu spät. Ich hatte es versäumt. Wieder einmal. Aber seit diesem Tag, habe ich meine Aufgabe gefunden.
Ich achte auf den Autor.
Ich habe mir einen Stuhl vor die Tür gestellt und lausche. Ich höre die Tritte der anderen Bewohner. Kindergeschrei. Hausfrauen, die sich über ein Leben unterhalten, das sie nicht führen.
„Hast du letzte Folge von Fallstricke der Liebe gesehen?“
„Natürlich.“
„Marvin und Edna sind endlich ein Paar.“
„Ja. Endlich.“
Wenn Torn seine Wohnung verlässt, dann bin ich auf meinem Posten. Ich stemme mich umständlich hoch und linse durch den Spion. Er hat stets eine Zigarette zwischen den Lippen. Er raucht zu viel. Die Zigaretten werden ihn irgendwann umbringen. Ich mache mir Sorgen um ihn. Was soll denn aus mir werden, wenn ihm etwas passiert?
Dann steigt er schnaufend die Stufen hinab. Ich bleibe zurück. Und warte.
An manchen Tagen kehrt er singend heim. Ich glaube, er hat getrunken. Egal. Das sind Feiertage. Wenn es Torn gut geht, dann geht es auch mir gut. Ich spüre, wie sich mein Herzschlag beschleunigt. Ich betaste mein Gesicht. Erkunde meine Falten. Denke darüber nach, ob ich ihn jemals ansprechen werde.
Ich verlasse meine Wohnung meist nur zum Einkaufen. Gehe mit zittrigen Schritten in den Laden unten an der Straße. Ein kleiner Laden, den es nicht mehr lange geben wird. Die großen Discounter fressen sich in alle Bezirke. Er hat keine Chance. Ist zum Untergang verdammt. Wird zu einem Stück Vergangenheit werden, an das ich mich dann gerne erinnern werde.
Ich kaufe dort Brot, Käse und Milch ein. Ich benötige nicht viel. Ich bin alt. Erschöpft. An manchen Tagen zu kraftlos, um auch noch zu essen.
Wenn ich die Küche gesäubert habe, kehre ich still an meinen Platz vor der Tür zurück. Ich lausche und hoffe. Der Autor ist schon einige Tage nicht mehr draußen gewesen. Es wird ihm doch nichts passierte sein?
Vielleicht sollte ich bei ihm klingeln. Ich könnte die Wahrheit sagen.
„Ich mache mir Sorgen um Sie.“
Nein.
Er würde es nicht verstehen.
Also bleibe ich einfach sitzen und hoffe auf ein Zeichen von nebenan.
Er wird die Wohnung wieder verlassen. Ganz bestimmt. Und ich werde über das ganze Gesicht strahlen. Eine glückliche Frau, die ihrem Mann lauscht, der noch nichts von ihr weiß.
Ich denke, meine Stunde wird kommen. Ich werde vor ihn hin treten und sagen: „Ich liebe Sie!“
Aber das hat noch Zeit. Wir haben Zeit.
Obwohl mich dieses Bruststechen in der letzten Zeit doch etwas beunruhigt.
Ich denke, Torn wird sich kümmern. Er wird klingeln. Vielleicht sitzt er ebenso wie ich vor der Tür und presst sein Ohr daran. Wartet, bis ich die Wohnung verlasse. Ich bin mir sicher, dass es so ist.
Ich muss lächeln. Fast kichern.
Was für ein seltsames Paar wir sind, denke ich.
Ich lehne meinen Kopf an die Tür und schließe meine Augen. Ich bin müde. Ich sehe ihn vor mir. Er nimmt mich in seine Arme. Küsst mich voller Leidenschaft.
Endlich sind wir zusammen. Ich habe so lange darauf gewartet.

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