Führer

Der Führer hatte mit seiner matt glänzenden Machete Löcher in den Dschungel geschlagen, hatte ihn angeschrien, er müsse auf die Moskitos achten.
Und Conrad war aufmerksam gewesen. Lange. Conrad hatte die ganze Zeit über auf ihn geachtet, hatte auf sein schweißverschmiertes Hemd gestarrt. Auf diesen Rücken, der nach harter Arbeit in der Hölle aussah.
Conrad war nur einmal stehen geblieben. Er war sich sicher, einen seltenen Vogel aus dem dichten Blätterwerk nach ihm rufen zu hören. Er hatte auf den langgezogenen Schrei geachtet, hatte gehofft, den Vogel zu entdecken, und als er sich wieder in Richtung des Führers umdrehte, war dieser fort. Verschwunden. Er war einfach nicht mehr zu sehen.
Er rief nach dem gebräunten alten Mann mit der Machete. Er bekam aber keine Antwort. Also stolperte er, wirr nach vorhandenen wie nicht vorhandenen Moskitos schlagend, in jene Richtung weiter, die er als richtigen Weg vermutete. Die ersten Minuten war er sich gewiss, jeden Moment auf den Führer zu stoßen. Doch der Wegweiser und Pfadfinder blieb verschwunden. Es blieb so. Auch nach Stunden sah er den schweißglänzenden Rücken nicht mehr.
Also blieb er auf einem Baumstumpf sitzen, wischte sich mit dem Handrücken die Nässe von der Stirn und beschloss zu warten. Der gute Mann würde zurück kehren. Er würde ihn finden. Er würde ihn auf keinen Fall alleine hier im Dschungel lassen. Aber was wäre, wenn er sich bereits derart verlaufen hatte, dass der Führer keine Chance mehr hatte, ihn aufzuspüren? Was, wenn er keine Lust dazu hatte? Vielleicht hatte er Conrad alleine zurück gelassen, damit er hier vor die Hunde ging; vielleicht handelte der Führer im Auftrag seiner Frau, und es ging hier nur um seine Tötung.
Mord!
Das Wort schallte durch seinen Kopf, fraß sich in alle Hirnwindungen, verursachte ihm Schmerzen. Er schloss die Augen, stellte sich eine herbstliche kühle Waldlichtung vor. Er würde nicht aufgeben. Er würde einen Weg aus diesem natürlichen Gefängnis finden.
Er hörte plötzlich wieder den Ruf des Vogels. Der war der Schuldige.
Conrad sprang auf. Die Arme nach vorne reißend schwankte er in das Dunkel des Dschungels. Er würde diesem Vogel den Hals umdrehen. Und wenn es das Letze war, was er tun würde. Er würde den Schuldigen seiner Misere töten.
Mit weit aufgerissenen, wahnhaften Augen verlor er sich in einem Meer aus Dunkelgrün.

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