Der letzte Tango

Er schrieb nur drei Romane. Und auch die sind inzwischen längst vergriffen. Er gilt als die unbekannte Größe, als Thomas Pynchon der Noir-Literatur. Es gibt keine Bilder von ihm, dafür aber viele Legenden und Mythen. Er soll Mitarbeiter des CIA gewesen sein, außerdem noch Bordellbesitzer in Tanger und Verleger in Paris. Vielleicht arbeitet er aber auch schon lange Zeit einfach nur an einer Tankstelle. Die Rede ist natürlich von Dan Samson.

Dan Samson?

Er tunkte seinen Finger in die Lache Blut, zog ihn dann an den Mund und leckte daran. Er drückte sich wieder hoch und wischte den Finger an seiner Jeanshose ab.
Sie können noch nicht weit sein, dachte er.
Seine Stiefel bohrten sich in den Sand. Die Sonne stach ihn in den Rücken. Er schob den Hut in den Nacken und beugte sich über die Ladefläche des Transporters. Er griff nach der Flinte.
Und dann spürte er es.
Sie sind hier, dachte er. Ganz in der Nähe.
Ein Schuss ertönte und er sackte zusammen, als hätte einfach jemand die Luft aus seinem Körper gelassen.
Dann war Ruhe. Er lag dort und starb. Sonst nichts.
In der Nacht wischte der Wüstenwind über ihn hinweg und begrub jede Erinnerung an ihn unter seinen kleinen und sinnleeren Körnern. Alles was von ihm blieb, war ein Haufen Sand.

Schon in seinem ersten Roman „Jagd“ gibt er den Tonfall seiner späteren Werke vor. Die Sprache ist spröde wie die Wüstenlandschaften, in denen sie meist spielen.
Dan Samson (vermutlich Jahrgang 1942) hatte – glaubt man den wenigen Quellen, die es über ihn gibt – in seinem Leben eine Pechsträhne nach der anderen. Da waren Ehen, die schief gingen und hohe Unterhaltszahlungen nach sich zogen. Agenten, die mit den Vorschüssen durchbrannten. Verleger, die ihn betrogen.
In seinem zweiten Roman „Fieber“ lässt er einen Autor, der wahrscheinlich als Samson selbst zu identifizieren ist, gegen die Welt wettern. Und nicht nur das. Der Zorn steigert sich und am Ende steht ein Amoklauf.

Seine Hand verkrampfte sich. Sue stand immer noch unentschlossen in der Tür.
„Ich gehe jetzt“, sagte sie.
„Tu, was du nicht lassen kannst“, sagte John.
„Kannst du nicht einmal anders reagieren? Kannst du nicht einmal versuchen, mich zurück zu halten?“
„Klar könnte ich das.“
„Dann tu es doch.“
„Nein“, sagte er. „Keine Zeit.“
„Du liegst im Bett.“
„Eben. Ich bin Autor. Ich liege hier und arbeite. Auch wenn man es nicht sieht. Das weißt du doch.“
Sie schüttelte leicht den Kopf. Es war nur eine Andeutung. Dann ging sie.
Er lag noch eine Weile einfach nur so da. Dann drückte er sein Gesicht ins Kissen und weinte. Er weinte lange. Er weinte wie ein kleiner Junge. Es tat ihm nicht gut. Er fühlte sich mit jeder Sekunde schlechter, und dafür hasste er sie.
Das wird sie noch bereuen, dachte er.
Und dann starrte er zur Tür, in der Hoffnung, sie würde sich gleich öffnen und sie wäre wieder da.

„Fieber“ ist ein Roman ohne jede Hoffnung und steht daher auf seine ganz eigene Art in der Tradition der Noir-Literatur.

In dem Essay „Die Toten“ schreibt Samson über seinen literarischen Werdegang: „Ich mochte immer Sätze, die an die Schläge von Boxern erinnerten. Also bewunderte ich zuerst Hemingway. Der langweilte mich aber schnell. Und dann stieß ich auf all diese wirklich abgebrühten Autoren wie Chandler oder Hammett. Da tat sich eine ganz neue Welt auf. Und irgendwann machte es Klick und ich hatte mich frei geschrieben. Das war ein großer Moment. Ein verflucht großer Moment. Vielleicht der letzte große Moment in meinem Leben.“

Leider wissen wir über Samson wenig. Viel zu wenig. Auch seine Bücher sind nicht mehr erhältlich. Die wenigen verbliebenen Exemplare werden von seinen Fans zu horrenden Preisen gehandelt. Wir wissen nicht einmal, ob er noch lebt oder bereits tot ist.

Hier zum Abschluss eine Szene aus seinem letzten Roman „Tango“:

Die Welt war ihm abhanden gekommen. Und er war der Welt abhanden gekommen. Einfach so. Es war geschehen und er konnte sich nicht einmal daran erinnern, wann es passiert war.
Jetzt saß er hier fest. Er tankte Autos auf und polierte sie. Er dachte manchmal an die alten Zeiten und wie es war, einen Tango zu tanzen. Dann kam es über ihn und er musste sich beherrschen.
Nur nicht auffallen, dachte er. Bleib hier und bleib ruhig.
Ein Mord verändert alles. Er hätte aber nie geahnt, wie sehr.
Er hob den Kopf und lächelte die fette Frau an.
„Einmal voll machen?“, fragte er.
Sie nickte nur. Mehr nicht.

Vielleicht ist „Tango“ ein Schlüsselroman. Vielleicht arbeitet Samson seit vielen Jahren an einer Tankstelle. Vielleicht hat er mit seinem alten Leben gebrochen. Warum auch immer? Wir werden es wahrscheinlich nie erfahren.

Dan Samson, Tango

Romane von Dan Samson:
Jagd (vergriffen)
Fieber (vergriffen)
Tango (vergriffen)

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