11. Juni 2010, Der moderne Prometheus, 5.54 Uhr

Blitze zuckten. Ich schlug die Augen auf. Ich musste mich erst orientieren. Wo war ich? Am Comer See? In Lord Byrons Villa? Galt es eine Gespenstergeschichte zu ersinnen? Nein, hier sollte kein weiterer moderner Prometheus geboren werden, es war einfach nur ein Gewitter.
Seraphe lag ruhig atmend neben mir. Ich lauschte. Sie schien tatsächlich zu schlafen.
Also drehte ich mich von der Fensterseite fort, dachte an John Christie, weil er mir als literarische Figur nicht uninteressant scheint. Es gab doch auch einen Film über ihn. Von wem war der nur? Sah am Morgen im Netz nach. Richard Fleischer war es. Ich sollte ihn mir vielleicht besorgen.
Hatte gestern noch dem Maler Leszek Skurski geschrieben, weil es ein gemeinsames Projekt aufzugeben galt. Er schrieb zurück. Lud uns für nächste Woche zu sich ein. Er klang gehetzt. Die Galerie wird umgebaut. Zumindest las ich das heraus.
Außerdem schrieb mir Verleger Seeling noch einmal. Ich hatte ihm eine Mail zum Klischee-Begriff gesandt und darin die Sätze formuliert: „Der Klischeevorwurf (und damit meine ich nicht dich, sondern die Literaturkritik) hängt mir inzwischen zum Hals raus. Warum? All diese sogenannten Klischees sind Teil des Lebens. Wir finden sie überall dort draußen. Und die Literatur soll plötzlich darauf verzichten? Nein!“ Er sehe diesen Punkt ähnlich, schrieb er mir zurück. Das beruhigte mich dann doch. Es beruhigte mich deshalb, weil man eine gewisse Sicht auf die Literatur im günstigsten Fall mit seinem Verleger teilen sollte. (Oder rede ich mir das nur ein?) Egal. Ich bin glücklich, Seeling als Verleger zu haben. Und auch dies schrieb ich ihm. Denn auch solches muss einmal gesagt werden.
Seraphe und ich sind am Nachmittag bei M eingeladen, den ich schon lange nicht mehr gesehen habe. Er ist mir immer wie ein Bruder gewesen. Ich bin auf das Treffen gespannt.

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