Die Ästhetik des Todes

Nach drei Wochen Folter schleifen sie meinen halbtoten Körper in einen grell ausgeleuchteten Raum. Sie schütten mir literweise Wasser ins Gesicht, entfernen grob die Nadeln aus meinem Hodensack und lachen mich dann an und aus. Der Staatskünstler wäre da, erzählen sie mir mit düsteren Gesichtern.
Ein Mann mit wenigen Haaren und faltigem Gesicht betritt den Raum.
Er beugt sich über mich und spricht: „Ich werde Sie malen. Die Folter hat ihre ganz eigene Ästhetik, die sich so herrlich in ihren Körper eingebrannt hat.“
Er fasst mich an meine Brust, streichelt sie. Dann drücken sich seine Zeigefinger in die Brandblasen. Aufmerksam und mit weit aufgerissenen Augen lauscht er meinem Geschrei.
„Das inspiriert mich“, sagt er.
Zwei Uniformierte, die ich als Quälgeister der letzten Wochen identifiziere, tragen eine Palette mit Leinwand herein. Sie verbeugen sich vor dem Staatsmaler. Gehen. Ich bin mit ihm allein.
Mein Körper ist eine einzige Wunde. Ich schließe die Augen. Ich versuche, den Raum zu verlassen. Mein Geist tippelt auf Zehenspitzen durch das Schlüsselloch, läuft rasch den kahlen Gang entlang, sich beständig an die Wand drückend, um nicht entdeckt zu werden. Und doch …
Der Schmerz holt mich zurück. Ich öffne die Augen.
Der Maler beugt sich über mich und spricht: „Aber wer würde denn einem solch wichtigen Moment entfliehen?“
Er reibt meine Lippen mit Salz ein. Dann drücken sich seine Daumen in meine Augen. Was folgt, sind Explosionen, ein Sternentanz, und das unbändige Gelächter des Künstlers, der sich über mein Ohr beugt und flüstert: „Ich will den Schmerz spüren, riechen, und vor allem sehen.“
Ich will ihm antworten. Finde meine Zunge nicht. Auch die hatten sie in der Mangel. Wer weiß, was mit dem Lappen geschehen ist. Ich nicke, will ihm zu verstehen geben, dass er alles bekommt, wenn er mich nur in Ruhe lässt. Ich werde mit ihm zusammenarbeiten. So tat ich es die letzten Wochen. Warum sollte ich jetzt meine Strategie ändern? Der Maler tritt hinter die Leinwand, beginnt mit dem Pinsel meine Schreie zu bannen. Wenn ich mit Keuchen, Stöhnen, Murren, nachlasse, verschattet er mein Gesicht, und lässt sich jedes Mal eine neue Gemeinheit einfallen, um der Ästhetik der Folter auf die Spur zu kommen. Besonders meine gebrochenen Beine scheinen es ihm angetan zu haben, und wenn er sie alle paar Minuten mit einer Eisenstange nachbearbeitet, dann muss ich nicht viel spielen, um seiner Genusssucht dienlich zu sein. Er stürmt hinter die Leinwand, stürzt sich auf mich. Es ist ein stundenlanges Hin und Her. Schließlich zerrt er meine Augenlieder ein letztes Mal nach oben. Er sieht mich voller Güte an. Scheint befriedigt. Mein Auftritt hat seine Erwartungen erfüllt.
„Du hast das gut gemacht.“
Ich will lächeln. Es misslingt.
„Belohnung muss sein“, murmelt er.
Ich wusste, meine Mitarbeit würde sich auszahlen.
Er hält mir den Lauf einer Waffe an die Stirn und sagt: „Jetzt kommt das nächste Bild.“
Ich atme Blut aus.
Er sagt: „Ich nenne es Die Ästhetik des Todes.“

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