Mit ‘Tod’ getaggte Artikel

Reibereien

10. Mai 2012

Schreiben. Beten. Kaffee schlürfen. Rauchen. Lieben. Weinen. Lachen. An die Toten denken. An die Lebenden. Die Hand nehmen, die sich mir bietet. Schreiben. Sich wie ein Hund im Hof fühlen. Eingesperrt. Tanzen. In die Luft springen. Die Luft sieben. Wörter fangen. Auf eine Seite packen. Riechen. Schnüffeln. Kratzen. Zunge zeigen. Sabbern. Hoffen. Bangen. Schreiben. Beten. Kaffee schlürfen. Rauchen. Lieben. Den Tag mit einer Lanze aufspießen. Ihn mit mir schleifen. Ihn ausnehmen. Die Innereien untersuchen. Ein kranker Tag. Das Leben ist von Würmern befallen. Die Würmer ins Ohr stecken. Die Sprache der Würmer. Sie reden vom Schreiben, vom Beten, vom Kaffee, vom Lieben, Weinen, Lachen. Ich packe die Würmer auf eine Seite. Ich schreibe mit dem Blut des Wurms. Ich schreibe die Krankengeschichte nieder. Ich packe mich in die Krankengeschichte. Ich bin die Krankengeschichte. Schreiben. Hoffen. Beten. Kaffee schlürfen. Rauchen. Lieben. Weinen. Auf das Ende warten. Zur eigenen Krankheitsgeschichte werden. Zu einer Aktennotiz. Zu einem Vermerk. Zum Teil eines Krankenbettes. Siechen. Hoffen. Der Tod macht keine Ausnahme. Er greift nach meiner kalten Hand. Er nimmt mich. Trägt meinen Namen in sein Buch. Nicht mehr schreiben, nicht mehr hoffen, nicht mehr rauchen, nicht mehr weinen, nicht mehr lachen. Den Kopf heben. Noch bin ich am Leben, also schreibe ich, kacke ich, lache ich, packe ich ins Tintenfass. Tauche meinen Kopf hinein. Lachen. Weinen. Schreiben. Kaffee schlürfen. Rauchen. Warten. Ein Hund im Hof, der den Kopf hebt, der sich kratzt, der Würmer hat, der den Würmern lauscht, der die Worte der Würmer in den Staub schreibt. Ein Hund, der sie anstarrt. Der auf den nächsten Regen wartet, der die Wörter verwischt. Sonne. Hitze. Regen. Schreiben. Warten. Kaffee schlürfen. Sterben. Vorher lieben, die Hand nehmen, die sich mir bietet. Auf einem Hof leben, der abseits liegt, der vergessen wurde. Auf die Geräusche achten, die aus dem Schuppen dringen. Schreie. Lausche den Schreien. Beschreibe das Schreien. Worte, die in den Sand gemalt werden, in den Staub. Bellen. Warten. Anschlagen, heftiger und heftiger. Schreiben. Weinen. Lachen. Kaffee schlürfen. Eine Zigarette rauchen. Geschichten sammeln. Diese und diese. Hier eine. Dort eine. Sie ins Fell packen. Zu den anderen Würmern. Die Sprache der Würmer. Schreiben.

Todeszeitpunkt

21. April 2012

Zur Erinnerung! Die Zeit ist abgelaufen, der Tote muss – ob er will oder nicht! – sein Grab aufsuchen.

17. April 2012, Lob des Asketismus, 5.51 Uhr

17. April 2012

Jetzt endlich, da die zwei Tage, die einzig noch als Sodbrennen, diesem Stechen tausend kleiner Teufel, die sich mit einem breiten Grinsen und dem Ruf “Holt aus!” in meinem Hals austoben, in meinem Rücken liegen, kann ich wieder zu den praktischen Übungen meines ansonsten so asketischen Lebens rückkehren, zu meinem Nagelbett, meinen Peitschen und Scherben, die im Wohnzimmer als Teppich gebreitet, auf wagemutige Besucher warten, die sich von nichts schrecken lassen, auch nicht von den Giftschlangen, die es sich auf all den Stühlen, die man so gerne zum Sitzen benutzt, einzig um dem Körper die Strapaze des aufrechten Verharrens zu ersparen, bequem gemacht haben, darauf wartend, ihre Zähne in einem breiten Gesäß zu versenken, in den Schichten Fett, die ich mir, dies muss ich eingestehen, in den letzten beiden Tagen reichlich angefressen habe, und die nun an mir hängen, überlappend und nervös schlackernd, mit der Angst im fehlenden Genick, wann sich welcher Chirurg wohl um sie kümmern wird.
Ich schwöre, dies muss ich hier und jetzt so deutlich schreiben, damit es der Welt und mir vor Augen bleibt, all den Kuchen, den Bratensoßen, den Schnitzeln, den Haifischaugen, den Salatgurken, Tigerschwänzen, den Giraffen ab, die einzig nur sterben mussten, da irren sie nicht, die Damen und Herren Vegetarier, um meine Lust am Geschmack zu befriedigen, die ihr Leben lassen mussten, damit ich nun mit eingesackten Schultern hier hocke und leide, ich, der sich überfressen hat, der sich der orgiastischen Völlerei hingegeben hat, die ihn dereinst, und dies auch laut Auskunft von Doktor Tenzer, ins Grab bringen wird, das nicht irgendein Grab sein wird, sondern ein XXXL-Grab, denn irgendwie muss dieser voluminöse Leib, auch wenn bereits nach einigen Wochen des Todes ein gewisser Schwund zu verzeichnen ist, untergebracht werden.
Es könnte da, sehe ich mich in den heimischen Gefilden sowie den Landschaften des Fernsehprogramms um, ein gewisser Bedarf an Gräbern für Übergrößen geben, sodass ich für einige Minuten mit dem Gedanken liebäugelte, mich ins Beerdigungsgeschäft zu verabschieden, denn im Tod, das wissen wir doch alle, ist Zukunft; der Tod kommt nicht aus der Mode und gestorben wird sowieso und grundsätzlich immer. Ein gutes Geschäft also.
All die fetten Menschen, zu denen ich mich ja nun auch zählen muss, wollen nach ihren Tod untergebracht sein. Alles müsste ein Stück ausladender werden, ja, es sollte GEWICHT auf vergrößerte Leichenhemden und Leichenhäuser gelegt werden. Man könnte dem Sarg einen letzten Diätplan beilegen, aber, ich gestehe dies ein, das könnte zu Missstimmungen und Irritationen bei den Hinterbliebenen führen, die meist auch fett, sich in ihrer Wesensart angegriffen fühlen könnten.
Um all dies ging es mir ja nicht, sondern einzig darum, Ihnen und mir in aller Deutlichkeit zu versichern, dass nun Schluss ist mit Nahrung, diesem eh überbewerten Stück Überfluss der modernen Gesellschaften. Ich werde hungern, werde mit Hammer und Feder meine Gedichte in die Kellerwände schlagen, werde dürsten, ohne mich von Sherry und Weinen verführen zu lassen, werde auf das Jüngste Gericht warten, das laut letzter amtlicher Bekanntmachung der Wissenden Kinder Gottes (WKG) in genau siebzehn Minuten zur ersten Verhandlung rufen wird. Bis dahin hungere ich noch ein wenig. Siebzehn Minuten. Ich denke, die werde ich schaffen. Bestimmt sogar.

Die Gesichter des John Demjanjuk

4. April 2012

Der folgende Artikel ist ursprünglich bei GETIDAN erschienen

Wenn wir dereinst sterben – röchelnd und vielleicht trotzdem mit einem Lächeln im sich auflösenden Gesicht -, dann werden wir mit einem Paket im Arm gehen, in das wir unser Glück und unser Unglück, unsere Schuld und unsere Unschuld gewickelt haben. Ein Reststaub wird in der Erinnerung derer kleben bleiben, die uns kannten. Der Wind wird den Staub mit der Zeit in alle Himmelsrichtungen tragen, damit er dort unteilbar mit all den Erinnerungen verschmilzt, die niemanden haben, der sie benutzt. Denn Erinnerungen wollen gelebt werden, man muss sie in die Hände nehmen, drehen, wiegen. Erinnerungen verändern ihr Aussehen, sie werden hübscher und hübscher, bis man sie zu all den anderen Dingen stellt, die sich auf oder in einem Schrank befinden. Erinnerungen werden ab diesem Zeitpunkt zum Teil einer Aufbewahrungskultur, zu Staubfängern, die spätestens mit dem Tod dessen, der sie bewahrt hat, auf dem Müll der Geschichte landen.

Man muss schon sehr viel Schuld auf seinen Rücken geladen haben, damit man nicht zu schnell ad acta gelegt wird. Das sollte kein Anreiz sein, von nun an in Gewaltverbrechen zu schwelgen, denn der Tote – so der Stand in diesem Augenblick, auch wenn hier Religionen wiedersprechen – wird sich nicht an der Erinnerung, die er hinterlässt, erfreuen. Tot ist tot und verfault.

Nun ist einer gestorben, dessen Bilder so zweifelhaft unterschiedlich sind, dass ich sie nicht einsortieren kann. Mal erscheint er mir als “netter Onkel”, dann wieder als ein Mann, der unter seinen Hautlappen verschwindet, der unter sein eigenes Gesicht zu kriechen scheint, als ob es nur eine Maske wäre, die er irgendwo gefunden hätte.

John Demjanjuk ist tot, dieser Mann, dem so viele Verbrechen angelastet wurden, dass man eine Maske finden muss, um die Zahl, die einem da entgegen geschleudert wurde, überstehen zu können. Aber jeder will leben, Opfer und Täter, jeder muss mit den Bildern, die sich in seinem Kopf angehäuft haben, ein Auskommen finden.

Ich stelle ihn mir vor, denn ich habe ihn nicht gekannt, sondern nur die Bilder, die die Medien mir zeigten. Ich stelle ihn mir in seinen Nächten vor, die er verbrachte, und die irgendetwas mit ihm zu tun haben mussten, denn in den Nächten, da liegen wir einsam und sind mit uns allein.

Ich kann nicht über Schuld und Unschuld des John Demjanjuk schreiben, weil ich zu wenig darüber weiß. Nur sein Gesicht, fotografiert in zahllosen Augenblicken, das kann ich beschreiben, kann darüber nachdenken.

“Verurteilt wegen Beihilfe zum Mord an 28.000 Juden.”

Und dann sehe ich mir ein weiteres Foto an, ein weiteres Demjanjuk-Gesicht, ein Foto, das ihn in die Ferne der Vergangenheit blicken lässt. Er scheint sich zu verlieren, denn wie kann man sich nicht verlieren, wenn man eine solche Schuld auf sich geladen hat.

Wer wäre ich gewesen, der das Glück hatte, sich nicht in solchen Zeiten entscheiden zu müssen? Eine Frage, die man nicht beantworten kann, eine Frage, als ob man nach Gottes Existenz fragen würde, und doch ist es eine Frage, die man stellen muss, immer und immer wieder, damit man sich nicht in falschen Gewissheiten verliert.

Niemand ist ein guter Mensch. Wir streben nach einer Größe, die es nicht gibt, die wir uns suchen, die wir in Büchern finden, in Personen, die einen Weg gehen, der uns begehbar erscheint. Wir werden zu unseren eigenen Erfindungen.

Da saß er, John Demjanjuk, ein Mann, der kein Mann mehr war, sondern ein Wesen mit Mütze und Sonnenbrille, das in den weiten Flächen einer grünen Jacke verschwand. Hinter der Brille aber, da muss es ihn gegeben haben, der Mensch, der, was er auch getan hat, es tat, weil er sich etwas davon versprach, was sich nicht einlöste.

Und wieder ein Bild und wieder Demjanjuk. So viele Bilder, so viele Gesichter. Wenn man verschwinden will, dann muss es nur genügend Fotografien geben, die einen irgendwann verschleiern. Auf diesem hier, das ich nun ansehe, sitzt er vor Gericht (ich vermute es). Krank sei er, der Kopf ist nach hinten gelehnt, weil er erschöpft zu sein scheint. Der Mund ist leicht geöffnet.

“Verurteilt wegen Beihilfe zum Mord an 28.000 Juden.”

Vielleicht liegt der Kopf im Nacken, damit die Erinnerungen in eine Schräglage geraten, damit sie nach hinten purzeln, damit sie keinen Halt mehr finden. Der Mund könnte geöffnet sein, damit das Gift der Vergangenheit entweichen kann.

Nein, ich weiß es nicht, denn ich kenne Demjanjuk nicht. Da sind all die Bilder eines Mannes, den ich irgendwann vergessen haben werde, denn auch meine Erinnerung will sich auf das konzentrieren, was ihr wichtig erscheint. Jedes Gesicht, jedes Wort, jede Tat kann keinen Platz darin finden.

Es kann sein, dass man sich dafür schämen sollte, dass man sich verstecken sollte unter Hautlappen, die im Laufe der Jahre über das eigene Gesicht fallen.

Wer war John Demjanjuk? Ich weiß es nicht, weil ich nicht einmal weiß, wer ich bin.

29. März 2012, Über den kleinen Tod, dann noch über Eckhard Heck und eine Veröffentlichung in Hard Sensations, 5.46 Uhr

29. März 2012

Kaffee, Zigarette. Ich habe mehr als gut geschlafen, von prächtig würde ich eher reden wollen, tief und traumlos, versunken im Bett, als wäre ich gestorben, als hätte ich mich gestern Abend in einen Sarg gebettet, den man unter fehlendem Wehklagen und unter Ausschluss von Trauergästen in die Erde hinab ließ. Dieses tägliche Sterben tut dem Körper gut, denn im täglichen Nachttod kann er sich vergessen, kann er den Energieverbrauch auf ein Minimum beschränken. Tote brauchen nicht viel, nur einen Ort, an dem sie liegen können, und, wenn ich an meinen Vater denke, von dem wohl inzwischen – bis auf seine Knochen – kaum noch etwas übrig sein dürfte, benötigen sie selbst den irgendwann nicht mehr; spätestens wenn das Mietverhältnis ausgelaufen ist und man Platz für frische Leichen braucht, wird man ihn ausgraben und an andere Stelle, wohl ins Knochenhaus, verbringen; heute sind es keine kräftigen Hände mehr, die sich mit einer Schaufel vergehen müssen, sondern man baggert, fröhlich pfeifend, und warum auch nicht, Job ist Job, und irgendwer muss ihn ja machen.
In der Nacht, die ohne mich auskommen muss, ist allerhand los, da wird gemordet, geschrieben, auch mir, aber das merke ich dann erst am nächsten Morgen, so an diesem, der mir eine Nachricht von Eckhard Heck überbrachte, die mir mitteilte: houston, we are online. Ich konterte, die Augen verklebt und den kleinen Tod der Nacht noch im Gefieder, mit einem meiner bekannten (auch gefürchteten) Bonmots (die sich dereinst, ich bin mir gewiss, in einer Sammlung mit dem Titel Sprüche und Aphorismen auffinden lassen werden), indem ich schrieb: danke dir!
Sollte Sie nun die Neugier umtreiben, was es mit diesem Dialog zweier Freigeister, mit diesem in Poesie gegossenen Gespräch auf sich hat, dann kann ich Sie gerne einweihen, denn hier gibt es kein Geheimnis zu wahren, dem Sie durch Nachfrage auf die Spur kommen müssten. Eckhard Heck hat, freundlich und bärtig wie er ist (ich empfehle der geneigten Leserschaft seine kleine Reihe “Bart des Tages”), einen kleinen Text aus meiner Feder, denn eine Tastatur nutze ich nicht, wohl aber eine digitale Feder, die es mir ermöglich, direkt und unmittelbar auf dem Bildschirm zu schreiben, damit ich mich, zumindest in Teilen, wieder in die Zeiten von Goethe, Schiller, Allermister zurückversetzt fühle, über Allermister, diesen großen Weimarer Ungeist, der sich so gern an den Frauen der Dichterfreunde vergriff, sollte ich dereinst noch berichten, denn es wird Sie vor Lachen schütteln, wenn ich Ihnen von den Streichen und Affären dieses Unholds berichte, aber dies muss warten, denn wir waren, ich halte inne und orientiere mich im Textgeflecht, bei Herrn Heck, der einen Text von mir bei Hard Sensations veröffentlichte, nicht, ohne diesen auch mit Bildern zu bestücken.
Jetzt, da ich Sie ins Licht gesetzt habe, das Sie aufklärerisch umflort, werden Sie sich beruhigt ans Tageswerk machen können, das da ruft, und dessen Ansprache ich – an nicht eben wenigen Tagen – schlicht ungehört lasse. Ich wünsche Ihnen einen wunderbaren Donnerstag im März des Jahres 2012. Mögen Gott und Allermister mit Ihnen sein.

Der Garten

28. Juni 2011

Prosa zum Abschied

Für Melusine Barby

In dem steht plötzlich mein Großvater, der kein Heimkehrer ist, sondern ein Fremdgeher, der nur nach Hause kommt, um Kinder und von seinem Leid zu zeugen, der seinen Kopf im Schoß der Großmutter bettet, die ihm durch die Haare fahren will, die fehlenden Haare, denn er ist ein alter Mann, der nun fort ist, der in einem anderen Garten steht, bei einer anderen Familie, Großvater, der immer der Andere war, der nun ein Anderer ist, ein Fremdgeher, einer, der den Blick an den Horizont heftet und der Großmutter in den Schoß heult und sagt, ich kann nicht bleiben, der zu seinem Vater blickt, der im Gras liegt und die Sonne mit der Nase kitzelt, der die Wolken vom Himmel pflückt, ein Wolkenbauer, der nur im Gras liegt und auf die Ernte wartet, die das schlechte Wetter ihm bringen wird, der mich auf seinen Schoß nimmt und schaukelt und sagt, dort ist dein Großvater und bettet seinen Kopf im Schoß der Großmutter, aus diesem Schoß wird deine Mutter fallen, die der Großvater in den nächsten Jahren schlagen wird, weil sie ihn hält, weil sie ihn ans Haus bindet und an den Garten, der unser Garten ist, ein alter Familiengarten, angefüllt mit Apfelbäumen und Beeten und Sträuchern und Tod und einem Schuss in die Hand, ein Schuss durch einen Laib Brot, um der Front zu entkommen, dort in der Ecke, der Urgroßvater zeigt es mir, ist das Lager, dort kommt dein Großvater hin, Kanonenfutter, aber er ist kein Futter, fürchte dich nicht, beruhigt mein Urgroßvater mich, während mein toter Vater an meiner Seite steht und mir die Hand reicht, weil er mit mir den Sonnenuntergang betrachten will, mein Vater, der in einem Hotelzimmer starb, der seine Ahnen grüßt, der auf einen Apfelbaum zeigt, der mir im Alter von sieben Jahren die Hand aufreißen wird, weil sie über einen eingeschlagenen Nagel rutscht, eben jener Nagel, den mein Großvater in den Baum schlägt, um einen Spiegel daran zu befestigen, um zu sehen, wer er ist und ob der, der er ist, sich rasieren muss, während meine Großmutter nach Berlin fährt, die Kinder an den zahllosen Händen, die sich Hände wachsen ließ für diese Fahrt, um zu flehen um das Leben meines Großvaters, des Feiglings, der vor der Front floh wie er auch vor meiner Großmutter und meiner noch ungeborenen Mutter fliehen wird, die sich an meine Seite stellt und fragt, ob ich ihren Mann, deinen Vater, gesehen habe, ich nicke nur stumm und zeige zur Sonne hin, zur sich neigenden Sonne und meine Mutter versteht und mein Urgroßvater versteht und mein Großvater versteht und meine Großmutter versteht, sie stehen alle da, aufrecht und starr und sehen zur untergehenden Sonne hin, sie genießen die letzten warmen Strahlen, dann vergeht die Sonne in der Nacht.

krähenspuren

19. Juni 2011

du schließt die augen
öffnest sie
und plötzlich
bist du das letzte gesicht
in facebook
keine statusmeldungen
keine links
deine reine und weiße seite
die erst noch
beschrieben werden muss
bin kaffee trinken
schreibst du
kein daumen
keine antwort
nichts
als nur du
in der wüste
aus schnee
darin deine buchstaben
krähenspuren sind

Warten auf Manuel

18. Juni 2011

Klar. Er müsste längst da sein. Die Tür aufschließen. Hereinspazieren. Einen Kuss in die Luft drücken. Sagen: Da bin ich.

Ich sitze vor dem Fernseher. Eine dieser dämlichen Shows. Gesucht wird ein neuer Popstar. Weil mich das langweilt, stelle ich mir vor, wie sie den Papst vor ein Erschießungskommando zerren. Ich sehe es deutlich vor mir. Dieser Gesichtsausdruck. Der Zweifel, der sich über seine Wangen arbeitet. Schüsse. Der Papst sackt zusammen. Sie holen den Nächsten. Der Dalai Lama. Das ist nun wirklich mal eine gute Show. Ich kann mir ein Lächeln nicht verkneifen.

Und Manuel. Ich rufe ihn auf seinem Handy an. Nichts zu machen. Er muss es ausgeschaltet haben.
Also schenke ich mir einen Wodka ein.
Schalte auf einen Nachrichtensender. Die zeigen noch das wahre Leben. Leichenteile. Liegen verteilt auf einem Feldweg. Wo ist das nur? Egal. Weiter.
Ich könnte mir einen Porno ansehen. Nein!

Später erzählen sie mir Einzelheiten. Ich muss immer wieder darüber nachdenken. In den Nächten träume ich davon.
Manuel hatte einen Verkehrsunfall. Da kann man natürlich lange warten.
Ein Besoffener steuerte sein Auto frontal in den Wagen Manuels. Seltsam. Ich habe sogar Fotos gesehen. Aber ich kann es immer noch nicht glauben.
In meinem Kopf läuft es als Action-Film ab.

Damals weiß ich noch nichts davon. Ich rauche auf dem Balkon eine Zigarette.
Unter mir läuft ein streitendes Paar. Ich verhalte mich ganz ruhig. Beuge mich über das Geländer. Richtig verstehen kann ich nichts.
Enttäuscht gehe ich wieder in die Wohnung. Ich schaue auf die Uhr, kann nicht ahnen, dass Manuel in diesem Augenblick stirbt. Er verschmilzt mit seinem Wagen. Er und sein Auto werden zu einem Wesen. Daran muss ich später denken.

Manuel wird nicht kommen. Jetzt bin ich mit Bernd zusammen. Ich spreche nicht über Manuel. Wir sehen uns Pornos an. Kriegsfilme.
Er holt mir mit der linken Hand einen runter. Ganz nebensächlich. Ich spritze ab. Bernd lächelt kurz. Dann verabschiedet er sich.
Ich glaube, ich könnte mich in Bernd verlieben.

Als Manuel starb, da starben so viele andere Menschen. Es ist nichts wirklich Besonderes.
Ich muss nur die Nachrichten einschalten. Unzählige Menschen werden in jeder Sekunde erschossen. Sie verhungern. Sie werden zu Todes gefoltert.
Sie sind Teil meines Fernsehprogramms. Mehr nicht.

Manuel ist nicht gekommen. Ich fluche auf ihn. Mehrmals. Ich spiele mit dem Gedanken, alleine in den Club zu gehen. Tanzen. Flirten. Ein paar Drinks.
Ich lasse es, weil ich müde bin.
Ich lege mich in mein Bett. Ich sehe zu dem Kissen neben mir hin.
Ich stelle mir Manuels Gesicht vor.
Später stelle ich es mir auch oft vor. Dann aber ist es über und über mit Blut besudelt. Frisches Blut. Der Anblick erregt mich. Ich schlafe mit Manuel, mit dem nun toten Manuel, der seinen Schwanz mit aller Heftigkeit ins meinen Arsch stößt. So war er gar nicht. Der tote Manuel gefällt mir. Ich könnte mich an ihn gewöhnen.

Sie klingeln in der Nacht. Sie haben meine Adresse von Manuels Mutter. Sie teilen mir seinen Tod mit. Ich nicke nur stumm. Gehe in die Wohnung zurück.
Ich schalte den Fernseher ein, weil ich nicht weiß, was ich sonst tun sollte.
Die Show vom Abend wird wiederholt. Ich sehe hin. Ich denke nicht an Manuel. Die Show langweilt mich noch immer.
Ich schalte um. Da sind Frauen, die sich ausziehen.
Ich sehe zur Tür hin.
Manuel wird nicht kommen.
Ich schalte weiter. Irgendwo wird schon ein guter Film kommen. Man soll die Hoffnung nicht aufgeben.
Niemals.

Manuel wird nicht kommen. Ich habe mich daran gewöhnt. Jetzt kommt Bernd. Auf Bernd ist Verlass.
Wir sprechen nicht über Manuel. Das würde sich nicht gehören.
Wir sitzen vor dem Fernseher. Sie zeigen eine Dokumentation über Verkehrsunfälle.
Über Manuel berichten sie nicht.
Manuel ist zu meiner heimlichen Liebe geworden. Die ideale Liebe.
Er ist der perfekte Liebhaber. Ich muss nie auf ihn warten, weil er schon längst da ist. Das ist das Gute an den Toten. Man kann sich auf sie verlassen.

Bernd hat mich verlassen. Ich würde nicht zuhören, hat er gesagt.
Ich habe nichts erwidert. Reisende soll man ziehen lassen. Außerdem habe ich Manuel.
Ich streife die Unterhose über meine Füße. Mein Schwanz ragt in die Luft.
Manuels blutverschmiertes Gesicht lächelt mich an.
“Endlich”, sagt er.
“Tut mir leid. Ich stand im Stau.”
“Ich habe gewartet”, sagt Manuel.
“Das ist gut. Sehr gut sogar.”
Ich küsse ihn. Ich habe ihn zum Fressen gern. Irgendwann werde ich ein Stück aus seinem Körper beißen.
Ich bin noch nicht soweit. Aber der Tag nähert sich. Ich kann es spüren.
Ich habe mich nie lebendiger gefühlt. Der tote Manuel fickt mich. Ich schreie laut auf.
Das ist gut so. Das ist der Beweis.
Ich bin noch am Leben.

Fragmente des Glücks

11. Juni 2011

Wir sitzen auf dem Dach. Die Sonne brennt; es ist unerträglich heiß geworden. Trotzdem bleiben wir sitzen. Wir schatten nicht einmal die Augen ab. Wir halten sie geschlossen.
Fanny rülpst irgendwann. Ich nehme es zur Kenntnis. Mehr nicht.
Ich rege mich nicht auf. Ich lache nicht. Es ist zu heiß für menschliche Regungen.

Unter uns fahren die Autos. Buse. Taxis. Wir können sie hören. Sie hupen. Stimmen sind nicht zu hören. Die Strecke bis nach unten ist zu weit.
Unten ist es schattig. Und auch ein wenig windig.
Die Stimmen kommen hier oben nicht an. Sie verwehen.

“Hast du eine Zigarette?”, sagt Fanny.
Ich schiebe ihr die Hartpackung mit den Füßen rüber. Sie wird sich eine Zigarette nehmen. Ich vermute es. Ich sehe nicht hin.
Nur nicht die Augen öffnen, denke ich.

Über uns schwebt ein Hubschrauber. Nur kurz. Es könnte ein Hubschrauber der Polizei sein. Das bringt ein bisschen Aufregung in unseren Tag.
“Die Polizei?”, frage ich.
“Ich weiß es nicht”, sagt Fanny.
“Dann sieh doch mal nach”, sage ich.
“Sieh doch selber nach!”
Der Hubschrauber muss ganz nahe sein. Er muss über uns schweben. Wir können den Wind spüren. Er könnte einen Schatten auf uns werfen. Vielleicht irre ich mich aber auch.
Er fliegt weiter. Wir werden es nie erfahren.
“Vielleicht suchen die einen Ausbrecher”, sage ich.
Fanny antwortet nicht.
Die Sonne. Die Hitze. Ich verstehe das.

Wir erzählen uns Geschichten. Irgendwie muss man ja irgendwann die Langeweile vertreiben.
“Stell dir vor”, sage ich, “da käme plötzlich ein Typ hier aufs Dach, der sich in die Tiefe stürzen will.”
“Ein Selbstmörder?”
“Natürlich ein Selbstmörder.”
“Und?”
“Was würden wir tun?”
“Wir würden ihm zusehen.”
“Würdest du wegen eines Irren die Augen öffnen.”
“So etwas bekommt man nicht alle Tage geboten.”
“Du bist unerträglich.”
“Wir sind uns ähnlich.”
Ich lache nicht. Ich öffne meine Augen. Nur leicht. Lass den Körper von Fanny in meinen Kopf eindringen. Ihren dürren Leib, der vom vielen Hungern schon ganz hässlich geworden ist. Ihr Brüste liegen schlaff wie zwei abgestochene Fußbälle auf ihr drauf. Ihr Aussehen kann es nicht sein, warum ich bei ihr bleibe.
Ich beuge mich nach vorn. Strecke mich. Greife nach den Zigaretten.
“Was machst du da?”, fragt Fanny.
“Ich hole mir die Kippen. Irgendwas muss man ja tun.”
“Muss man nicht”, sagt Fanny.
Ich wische mir mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn. Klemme mir eine Zigarette zwischen die Lippen. Zünde sie an. Sauge. Rauche.
“Saug lieber an meinen Titten”, sagt Fanny.
“Später”, antworte ich.

Ich könnte sie schlagen. Ihren Körper zum Rand des Daches schleppen. Sie in die Tiefe fallen lassen.
Das würde diesen Tag völlig verändern. Nicht nur meinen Tag. Auch den Tag von einigen der Autofahrer dort unten.
Eine solche Tat würde mein Leben in eine völlig neue Richtung stoßen.
Ich male es mir in meinen Gedanken aus.
Ich sehe mich bereits in Häftlingskleidung. Ich würde jeden Tag trainieren. Meinen Körper stählen. Er würde vor lauter Muskeln überlaufen.
Später dann könnte ich ausbrechen. Warum auch nicht? Ausbrüche sind möglich. Das liest man immer wieder.
Ich denke an diesen Film. Mit wem war der nur?
Die Schauspieler fallen mir einfach nicht ein. Das macht mich wütend. Sauwütend.
Wenn diese Hitze nicht wäre, dann würde ich aufschreien. So bleibe ich sitzen und koche in der Sonne.
Ich könnte noch eine weitere Zigarette rauchen.
Warum nicht!

Fanny sagt nichts mehr. Sie ist eingeschlafen. Oder tot. Mir ist das einerlei.
Ich zupfe an meinem Bauch. Ich setze langsam Fett an. Ich muss etwas dagegen tun.
Ich könnte mich in einem Fitnessclub anmelden. Aber ich weiß nicht, ob ich das wirklich will.
“Diese Sonnentage”, sage ich”, das sind perfekte Tage.”
Stille.
Blöde Kuh, denke ich.
Ich muss kichern, weil es ja wirklich sein könnte, dass sie gestorben ist.
Die Leute suchen sich die Orte zum Sterben ja schließlich nicht aus.

Fanny ist nicht tot. Sie raucht eine Zigarette. Die Sonne verglüht allmählich am Abendhimmel. Sie taucht den Himmel in Lachen aus Blut.
“Was machen wir heute Abend?”, fragt Fanny.
“Wir sehen uns einen Film an.”
“Welchen Film?”
“Ich weiß es nicht.”
Sie fragt nicht weiter nach.
Wir sitzen nackt auf dem Dach und schweigen. Ich genieße diesen Augenblick. Ich fühle mich glücklich. So unendlich glücklich.
Es geht uns gut. Sehr gut sogar.
Wir werden irgendwann sterben. Der Tod ist ein Scheißort. Also muss man den Moment genießen.
Fanny und ich tun das.
Wir versuchen es jeden Tag wieder.

Ein leichter Wind ist aufgekommen.
“Wir sollten nach unten gehen”, sagt Fanny.
“Das sollten wir tun.”
Wir bleiben sitzen. Wir rauchen. Wir sehen uns an. Wir wollen gar nicht wirklich wissen, was wir über uns denken. Es interessiert uns nicht.
Fanny versucht sich an einem Lächeln.
“Du bist wunderschön”, lüge ich.
Ihr Lächeln wird breiter und macht sie noch hässlicher. Ich muss zur Seite blicken.
“Und morgen?”
“Morgen werden wir uns wieder hier sonnen”, sagt Fanny. “Wer weiß, wie lange es noch so schön ist.”
“Ja”, sage ich.

Die Schatten werden länger. Es kühlt merklich ab.
Fanny und ich sitzen noch auf dem Dach.
Wir können uns einfach nicht aufraffen. Es geht nicht. Es ist, als wäre ein Magnet unter unseren Ärschen angebracht.
Fanny lehnt sich nach hinten.
“Wir könnten hier schlafen”, sagt sie.
“Wir würden uns erkälten.”
“Früher warst du mutiger.”
“Wann?”
“Ich weiß es nicht mehr.”

Ich steige die Stufen nach unten. Langsam. Vorsichtig. Meine Beine fühlen sich zittrig an.
Fanny ist geblieben.
Soll sie doch auf dem Dach verrotten, denke ich.
Ich halte inne. Stütze mich am Geländer ab. Der Kreislauf macht mir Schwierigkeiten.
Ich habe mir wohl eine Überdosierung Sonne verpasst.
Ich atme laut und hörbar ein und aus. Ich lausche meinem eigenen Atem. Ganz bewusst.
Das bin ich, denke ich.
Nach ein paar Minuten steige ich weiter hinab. Und mit jeder Stufe fühle ich mich besser.
Nach zwei Etagen habe ich Fanny nahezu vergessen.
Ich werde ausziehen. Ganz bestimmt sogar. Wenn sie nachher kommt, werde ich ihr meine Entscheidung mitteilen.
Ich werde sagen: “Ich ziehe aus.”
Sie wird schluchzen. Weinen. Aber das wird mich nicht umstimmen.

Ich habe Fanny nicht gehört. Sie muss viele Stunden später nachgekommen sein. Ich habe keine Lust, sie danach zu fragen.
Die Morgensonne strahlt ins Zimmer.
Fanny sieht mich ausdruckslos an und fragt: “Was machen wir mit diesem Tag?”
“Ich weiß es nicht.”
Sie schenkt mir die Andeutung eines Nickens.
“Wollen wir miteinander schlafen?”, frage ich.
“Nicht jetzt”, sagt sie. “Später. Vielleicht später.”
Ich blicke auf ihren Rücken. Ihr Rückgrat drückt sich durch die Haut. Sie ist ein mit Haut überzogenes Skelett geworden. Ich würde nur aus Pflichterfüllung mit ihr schlafen. Ich bin froh über ihr Antwort.
Ich schließe die Augen. Ich sehe mich auf der Treppe stehen. Ich lausche meinem Atem.
Ich sollte zum Arzt gehen. Ich könnte Asthma haben. Oder Krebs. Ich fühle mich in der letzten Zeit so müde.
Ich könnte mit Fanny darüber reden. Ich will es nicht. Ich rede nicht mit ihr darüber.
Wir liegen im Bett. Der Raum wird mit unserem Schweigen geflutet.
Wir werden nicht an unserem Schweigen ersaufen. Wir haben immer noch das Dach.
Wir werden aufstehen und nach oben auf das Dach steigen. Wir werden die Sonne genießen und uns einreden, wir wären ein glückliches Paar.

Fanny ist ausgezogen. Das ist nicht weiter schlimm. Ich sitze alleine auf dem Dach.
Ich rauche eine Zigarette und blinzel in die Ferne.
Und dann, obwohl ich es auf keinen Fall wollte, muss ich an Fanny denken.
Aber zum Glück währt diese kitschige Gefühlsaufwallung nicht lange. Schon einen Zigarettenzug später ist der Spuk bereits beendet.
Ich sitze in meinem Liegestuhl und lauschen den Autos unten auf der Straße.
Ich könnte springen, denke ich.
Ich werde es nicht tun. Es ist zu heiß. Bei einem solchen Wetter kann man die Kraft für einen Selbstmord nicht aufbringen.
Also bleibe ich sitzen und warte.

Der Fotoliebhaber

9. Mai 2011

McCoy betrachtete das Bild.
Der Mann auf dem Bild war er, der sich einen Strick um den Hals legte. Er lächelte in die Kamera. Er stand auf einem einfachen Holzstuhl. Sie hatten das Foto in McCoys Keller aufgenommen. Der Strick war an einem Rohr befestigt. Er hätte nicht beantworten können, ob der Strick im Ernstfall halten würde.
Natürlich hatte sich McCoy nicht erhängt, obwohl er auf dem nächsten Bild stranguliert zu sehen war. Die Zunge hing ihm aus dem Hals. Speichel troff auf sein Hemd. Der Fotograf hatte gute Arbeit geleistet. Sehr gute Arbeit sogar. Einer der Speichelfäden hing noch in der Luft. Kurz vor dem Auftreffen auf dem zweitobersten Hemdknopf. Die Zeit war gefroren worden.
McCoy sah sich beim Sterben zu, bei einer seiner Proben für den Tod.
Er ging weiter. Seine Schuhe klackten seltsam metallisch. Es hörte sich an wie einzelne Gewehrschüsse. Oder eher so, wie er sich die Schüsse vorstellen würde.
Auf dem nächsten Bild war er nackt. Seine Hoden waren mit verschiedenen Drähten verkabelt. Sein Mund war weit offen. Er schien zu schreien. Tatsächlich hatte er aber nur den Mund aufgerissen. Es war nicht sein bestes Bild. Sie hatten bessere Fotos von ihm gemacht.
Wir sollten dieses Motiv wiederholen, dachte McCoy.
Er stand seitlich zu einem der zahllosen Fenster. Er sah hinaus. Sein Gärtner stand in der Einfahrt und spähte durch das Gittertor die Straße hinab. McCoy stellte sich den Gärtner vor, der ihn mit einer der Gartenscheren bearbeitete. Er könnte ihm die Augen ausstechen. Ja, das könnte er bestimmt. In jedem Menschen steckte ein Mörder. Und wenn sie nicht wollten, dann überzeugte sie spätestens das Geld. Er würde sich diese Szenerie notieren. Würde sie dem Fotografen vorschlagen.
McCoy wand sich wieder den Bildern zu. Zahllose Fotografien, die ihn beim Sterben zeigten.
McCoys Leib in einer mittelalterlichen Folterkammer.
McCoy bei einem Sprengstoffattentat. Dieses Bild hatte ihn besonders viel Mühe breitet. Sie hatten Experten aus Hollywood engagieren müssen. Viel Nachbearbeitung. McCoys Extremitäten verteilten sich wie exotische Pflanzen in der brennenden Landschaft.
Es war großartig. Es war wundervoll. Es war schrecklich. Es war seine stets neu arrangierte Todessekunde; jener Augenblick, der ihn ein für allemal aus dem Leben katapultieren würde. McCoy meinte seine Penisattrappe zu spüren. Sein Gefühl sagte ihm, dass ihn all die Bilder erregten. Aber mit Bestimmtheit konnte er es nicht sagen.
Hunderte von Bildern säumten die Wände des Saals. Er spürte seinen Puls.
Er fühlte sich beim Anblick seines Todes lebendig. Ein befreiter Mensch, der nur noch für den einen Moment seines eigenen Ablebens in so vielen unterschiedlichen Variationen lebte.
Er hatte das Geld. Er hatte die Macht.
In der nächsten Woche würde er mit einer Militärmaschine zu einem geheimen Camp im Nahen Osten fliegen. Er würde zum ersten Mal dabei sein, wenn man Menschen tatsächlich umbrachte.
Er zitterte bei dem Gedanken daran. Er würde sich dem Tod überlassen. Völlig. Ein Aussätziger seines Lebens.
Sein Mobiltelefon vibrierte. Er kramte es aus seiner Jeans. Nahm das Gespräch an.
Ja, fragte er, und der am anderen Ende sagte ihm, dass sie die Fotos seiner Frau hätten.
Endlich!
Bringen Sie mir die Bilder sofort vorbei, sagte er.
Er fieberte diesem Unfall schon seit so langer Zeit entgegen. Selbstmord.
Die arme Frau. Er würde Tränen vergießen.
Er dachte an ihren Körper auf dem Asphalt.
Fast hatte er das Gefühl, in seiner Hose würde sich etwas rühren.
Das Bild käme in sein Schreckenskabinett. Ein weiterer Baustein in seinem Mosaik.
Für die Kinder würde er sich etwas Besonderes überlegen müssen. Aber das hatte noch Zeit.
Er lächelte sanft in das einströmende Sonnenlicht. Mit Schritten wie Pistolenschüsse verließ er den Saal.


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