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Archiv für die Kategorie ‘Spielereien’
Möbiusschleife
12. Juni 2012Der perfekte Schriftsteller
11. Juni 2012Alle seien sie Lügner. Das erklärt er. Grinst in die Runde. Streicht sich eine goldene Haarsträhne aus der Stirn. Niemand hört ihn. Er kann mit seinen Gedanken sprechen. Das hat ihn ein tibetischer Mönch gelehrt. Das wissen die hier nicht. Die wissen eh nichts von ihm, von seinen Geheimaufträgen, von seinem Privatjet, seinem Segelboot, kein Segelboot, lacht er in Gedanken auf, es ist eine Yacht, wie man noch keine gesehen hat. Ausgestattet mit bekannten wie auch mit unbekannten (noch geheimen) Navigationssystemen.
Wenn er Urlaub hat, dann fliegt er nicht einfach in den Süden, wie all die anderen hier in dieser Runde, sondern dann rettet er ein bisschen die Welt. So wie Indiana Jones im Kino, würde er jetzt gerne laut sagen, lässt es aber, dampft es nur mit seinen Gedanken in den Raum hinein.
Ein Lügner sei er, sagen die Leute, er würde sich nicht waschen, er würde stehlen; auch betrunken wäre er oft. Darüber kann er nur lachen.
Er zündet sich eine Zigarette an, die hat er von einem Scheich bekommen, teure Zigaretten, die er in eine billige Packung quetschte, damit der Neid die Neider nicht völlig um den Verstand bringt.
Früher sei er anders gewesen, aber dann irgendwann, so erzählen die Leute, die für ihn nur Narren sind, da sei er aus dem Ruder gelaufen.
Er kann über all die Verdächtigungen, die Falschaussagen, nur lächeln, denn er hat alles, was man sich ersinnen kann. Seine neue Freundin ist ein Topmodel, er hat in seinem Keller das so lange vermisste Bernsteinzimmer, Wein trinkt er aus dem Heiligen Gral, warum sollte er sich, bei seinen Beziehungen, mit weniger zufrieden geben.
Und natürlich sind sie hinter ihm her, denn einer wie er, der hat stets Gegner. Sie stellen ihm Fallen. Behaupten, er würde stehlen, und dies nur, weil sie ihn einmal an der Jacke eines Kollegen erwischten, an der er sich festhielt, stürzte er doch unglücklich gegen die Schranktür, die sich dann öffnete; seine Hand hielt sich am Sakko, denn sonst wäre er ja gestürzt. Anschließend log der Sakkobesitzer, warf ihm vor, Geld gestohlen zu haben. Eine dreiste Unterstellung, die er empört von sich wies.
Denn einer wie er, der hat es nicht nötig zu stehlen, der verfüge über mehr Geldkoffer, so erklärte er stumm seiner erzürnten Gemeinde, als es Koffer überhaupt auf der Welt gäbe.
Ich sehe ihn an. Ich betrachte ihn. Er ist es. Der Messias. Der perfekte Schriftsteller, einer, der in seinen Fantasien, die für andere Lügen sind, verschwunden ist. Als könne er meine Gedanken lesen (und bestimmt glaubt er auch daran), hebt er den Kopf und lächelt mich an.
Jetzt muss er dies alles nur noch zu Papier bringen, muss es mit Worten bändigen. Die Worte müssen ihm zu einer Peitsche werden, die er den erstaunten Ideen präsentiert.
Aber für ihn sind es keine Ideen, er schwimmt in einem Reich aus abertausend Realitäten.
Was denkt der da, denkt er jetzt über mich. Und Schriftsteller, so sinnt er weiter, bin ich eh. Schrieb unter vielen Namen, da ich ein Unsterblicher bin.
Wieder einmal rückt die Menge von ihm ab. Sie könnten ihn nicht riechen. Er könnte sich jetzt unsichtbar machen. Das macht er aber nicht. Er sitzt das aus. In diesem Augenblick steht er es aus.
Das, was sie als Gestank bezeichnen, ist der Duft der großen weiten Welt. Einer wie er, der war immer gerade unterwegs. Tiger zähmen, Wale reiten. Irgendetwas gibt es stets zu tun.
Wissend nicke ich ihm zu, ihm, dem perfekten Schriftsteller, der alle Eitelkeiten hinter sich gelassen hat, der nicht einmal mehr schreiben muss, um sich als Dichter zu betrachten. Seine Romane, die schreibt er im Kopf. Ganze Bände hat er inzwischen schon gefüllt. Ein solches Werk wird niemals mehr geschrieben werden.
Einsamkeit unterstellen sie ihm. Dabei unterhält er ein Harem in den eigenen vier Wänden, die, so böse Zungen, von Schimmel befallen wären.
Er kann darüber nur lachen. Ich lache mit ihm, denn ich weiß um seine Kraft, um seine poetische Begabung, die ihn heute Nacht wieder einmal bis nach Moskau tragen wird.
Ja, denkt er mir zu, du weißt es.
Schreib weiter an deinen Büchern der Stille, denke ich zurück. Ich verlasse den Raum. Nicht wirklich natürlich, denn so etwas wie Füße benötigen wir nicht.
(Erschienen bei Faust-Kultur)
Zum Weltnichtrauchertag
31. Mai 2012Schriftstellerärsche
30. Mai 2012Es sei, so der Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft penetranter, nein!, penetrierter Arschlöcher, oder wie auch immer die heißen mögen, es sei, so der Vorsitzende, dessen Namen hier ungenannt bleiben soll, es sei, nein!, so schrieb er nicht, stattdessen: es sollte endlich einmal über den deutschen Schriftstellerarsch geschrieben werden.
Als ob es den gäbe, DEN deutschen Schriftstellerarsch, und wenn, so frage ich mich, an meinem Arsch kratzend, wie der denn dann aussieht, DER deutsche Schriftstellerarsch, ob breit gesessen, ob strahlend oder verkümmert, ob anwesend oder abwesend, ob sitzend oder stehend, überhaupt bleibt die Frage, ob es denn einen deutschen Schriftstellerarsch überhaupt gibt, oder ob der nicht, in den Zeiten globalen Denkens und Handelns, nichts längst zu einem Weltbürger, also einem Weltarsch geworden ist.
Weltliteratur!, ständig palavern wir seit Goethe von der Weltliteratur, da sollte man vielleicht endlich auch vom Weltschriftstellerarsch reden, der sich in allen Regionen gleich platt sitzt. Weiß man nicht, wäre aber bitte sehr geflissentlich gewissentlich zu untersuchen.
Sicherlich!
Es gibt Länder, da werden die Schriftsteller, die sich dort gar nicht erst so nennen dürfen, weil sie im Untergrund schreiben, heimlich, nachts, und unter der Decke, verfolgt, gejagt, eingesperrt, erschossen, gevierteilt, geachtteilt (na, wie das klingt!), gesechszehnteilt, und wenn sie das alles hinter sich haben, dann fängst die ganze Prozedur gleich wieder von vorne an, denn so eine Diktatur braucht die Verfolgung, wie der Schriftsteller den Zigarettenrauch zum Leben. (Achtung: Sie sind in eine Klischeefalle getappt! Gehen Sie ins Gefängnis und setzen sie einmal aus!)
Wie sieht denn so ein verfolgter malträtierter Schriftstellerarsch nun aus? Wohl eher durchtrainiert, weil er ständig in Bewegung ist, da schlabbert nichts.
Das Schlenkern und Schlabbern kennt man dagegen vom deutschen Schriftstellerarsch, der nämlich von einem Preis zum nächsten, und von dem Stipendium zu diesem gereicht wird. An Flucht ist da gar nicht zu denken. Die Preise bekommen einen so oder so.
Wie also den Schriftstellerarsch, den es scheinbar überhaupt nicht gibt, der ein Trug, eine Lüge ist, beschreiben? Indem ich mich an dem Arsch versuche, der mir am Nächsten ist.
Der sitzt hauptsächlich, so viel sei verraten, der sitzt ungeheure Zeitmengen aus, der schwitzt und scheißt Zeit, weil er mit Zeit angefüllt ist. Nichts als Zeit in diesem Arsch.
Bewege ich mich nun zum Bücherregal, dann folgt er mir, stets im Rücken hängend, tief, nahezu auf Arschhöhe, klar, wo auch sonst!
Mein Arsch scheint ein Arschkriecher zu sein, ein Arsch, der sich in sich selbst verstecket, nicht, weil er das möchte, sondern weil ihn die ganze Hockerei und Sitzerei allmählich nach innen stülpt. Um es mal so zu sagen: Mein Arsch kommt sich von Sitzung zu Sitzung näher. Man ist auf Du und Du, Außenarsch und Innenarsch, dazwischen das Arschloch, damit auch noch etwas rauskommen kann, was einen dazu ermächtigt, sich Schriftsteller nennen zu dürfen.
Fazit gibt es keins. Beobachte ein jeder seinen Arsch, und komme er ihm näher. Bücken Sie sich, betrachten Sie ihn im Spiegel, waschen Sie ihn, streicheln Sie ihn, lesen Sie ihm vor, ja, das A und O für einen Schriftstellerarsch ist, dass er die Scheiße der anderen Schriftstellerärsche kennenlernt. Tragen Sie Ovid vor, deklarieren Sie Kästner, Hölderlin, kein Hölderlin, ach, was weiß denn ich!
Schriftstellerärsche sind so unterschiedlich wie alle Ärsche, weil ein jeder Arsch seine Lebensweg hinter sich hat, weil ein jeder Arsch seine Biografie vorzuweisen hat, die ihn über Brücken springen ließ, über Minenfelder, durch Kirchen, von Brücken und Hochhäusern.
Es gibt keine einhellige letzte Meinung über Schriftstellerärsche, keine über Katzen, Autos, Kommunisten, Frauenhasser, Frauenversteher, Frauenverdreher, Frauenhändler, Frauen-in-Text-einbauer.
Alles geschrieben, alles fürn Arsch.
Sozusagen!
Unterweisung eines Amokläufers
19. Mai 2012Die Welt ist voller Botschaften, die sich in Vasen, Glückskeksen, Badewannen und Lampenschirmen verbergen, bisweilen aber auch offenbaren. So fiel mir heute eine Nachricht beim Chinesen in die Hände, die mich die bunte Geschäftigkeit des Lokals vergessen ließ. Erschrocken las ich …
“Raus hier”, füsterte ich und trat Seraphe gegen das Knie.
Wir stürmten – ohne die Rechnung beglichen zu haben – aus dem Restaurant.
“Was ist?”, fragte Seraphe.
“Die bilden …”
“Was?”
“Man rekrutiert dort Amokläufer.”
Ja, die Welt ist voller Botschaften. Man muss sie nur zu lesen, zu deuten wissen.
Unanständige Aufforderung (Jesus ist ein Mann wie du und ich)
8. Mai 2012Fund im Briefkasten!
Die Studienbriefe START INS LEBEN sollen mir helfen, Jesus zu finden, der, das können die Absender ja nicht ahnen (vielleicht tun sie es aber doch), seit Jahren über der Tür einer Küche in meiner Nachbarschaft rumhängt, den Blick beschämt, aber auch erschöpft zur Seite gesenkt, weil er erst gar nicht auf den Abwasch, der dort täglich anfällt, angesprochen werden will. (Warum kaufen die sich auch keine Spülmaschine? Die Wege des Hausherrn sind unergründlich.)
Keine Frage: Jesus ist lebensmüde, die Umstände töten ihn von Tag zu Tag ein wenig mehr! (Nehmt den armen Kerl endlich vom Kreuz und lasst ihn frei. Er will ein Eis schlecken gehen, will sich eine Frau suchen, will die eine oder andere Familie gründen und sich auch mal ungeniert in aller Öffentlichkeit im Schritt kratzen können.)
Jesus will nicht gefunden werden, er will selber finden. Es ist höchste Zeit, ihn suchen zu lassen.
Für Alex (aber nicht für Sie, auch nicht für Sie, und für Sie dort drüben erst recht nicht!)
3. Mai 2012Dieser Text ist nicht für Sie gedacht (zumal er nicht einmal durchdacht ist, fordert doch ein Wort das nächste heraus, mit einer drohenden Bewegung, die Fäuste erhoben, komm schon!, schreit das Wort schreit und lockt das Wort das zu sich heran, ohne zu wissen, wie das Ganze enden wird, ob mit einem Niederschlag, oder einem Ringen, einem Gerangel der homoerotischen (Achtung!: Dieses Wort wurde einer Bekannten wegen, der es versprochen war, hier eingeflochten) Art), auch für Sie dort drüben ist er nicht geschrieben worden, nicht für Sie oder Sie, auch nicht für dich, dürres Gerippe, mach dich davon!, denn dieser Text wird (bzw. wurde, denn wenn Sie ihn lesen, obwohl er überhaupt nicht für Sie gedacht ist, dann ist er längst Vergangenheit, dann habe ich ihn bereits hinter mir, dann werde ich – so Gott und Teufel wollen – mit einer Zigarette auf dem Balkon stehen und ins Abendrot blinzeln, müde und verzückt, von dem, was ich wieder einmal nicht geschrieben habe, denn das, was ich nicht schreibe, darauf kommt es mir an, denn das Nichtgeschriebene würde ich als mein eigentliches Werk bezeichnen) einzig für einen (guten!) Freund geschrieben, einen, der dafür bekannt ist bzw. bekannt gemacht hat, dass er nur jede zweite Zeile liest, was diesen Text zu einem unerhörten Ereignis für ihn werden lassen wird, zu einem Labyrinth, aus dem er verwirrt und völlig verblödet entsteigen wird, die Hand am Kopf, weil der Text bereits in seiner Gesamtheit Sinn vermissen lässt, der sich, ich habe es nicht ausprobiert, aber vielleicht im Studium jeder zweiten Zeile auffinden lassen wird.
Dies zum Einstieg in die Texthölle!
Um eine Zusammenfassung gebeten, von einem Herrn in der hinteren Reihe, der obigen Teil nicht mit der nötigen Aufmerksamkeit studiert hat, wiederhole ich noch einmal, dass dieser TEXT nicht für Sie oder Sie, sondern einzig für meinen Freund Alex gedacht ist, der, ich vermute es, an dieser Stelle nicht ankommen wird, weil er bereits entnervt aufgegeben hat, weil er für seine Frau kochen muss, weil er einen Roman von Pynchon auswendig lernen will, weil er noch auf den Mount Everest steigen möchte, nicht morgen, nicht übermorgen, sondern heute. (Kein sehr feiner Zug, mein lieber Alex, sich um die Bedürfnisse der ganzen Welt zu kümmern, nicht aber um meinen Text, den ich einzig für dich schreibe bzw. schrieb (Ausführungen zum Wort “schrieb” möchte ich mir und Ihnen, der Sie das alles ja gar nicht lesen bzw. lesen dürfen, ersparen und verweise auf die vorhandenen Anmerkungen in eine der obigen Klammern).
Um nun zum Kern meines Anliegens zu kommen, sei auf meine Freundschaft (die hier niemanden etwas angeht, außer meinen Freund, der nur jede zweite Zeile von mir liest) hingewiesen, die ich dir hier über diesen Text in aller Form anzeigen möchte, bist du doch ein Mensch, und dies erhebt dich bereits in den Grad eines Freundes, der immerhin jede zweite Zeile von mir liest, im Gegensatz zu jenen Ignoranten, die nicht eine Zeile von mir lesen, obwohl ihnen dies Anstand und Literaturgeschichte (der noch ungeschriebene Teil selbiger) vorgeben müsste.
Ja, du liest meine Texte, meine Bücher, wenn auch nur in Bruchteilen. Ich verzeihe dir, dass du meine Zeilen zerschneidest, zerfledderst, hoffentlich aber nicht sexuell missbrauchst.
Kurzum: Komm in meine Arme, Freund! (Nicht Sie, und Sie auch nicht, denn Sie durften diesen kleinen Aufsatz doch überhaupt nicht lesen, Sie Einbrecher!)
Entschuldigung, wenn ich Sie beleidigte, wie konnte ich ahnen, dass Sie für die FAZ schreiben. Kommen Sie doch rein und machen Sie es sich gemütlich. Tee? Aber gerne doch!
Tut mir leid, Alex, ich habe jetzt keine Zeit mehr, ich muss dich auf die zweiten Zeilen eines anderen Textes vertrösten. Bis bald. Wir lesen mich.
“Imagine” von William Bird
1. Mai 2012William Birds “Imagine”, Buntstift auf Papier, entstand vermutlich im Sommer 1957 und wurde 1970 von John Lennon erworben.










