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Archiv für die Kategorie ‘Poetische Essays’
Möbiusschleife
12. Juni 2012Wortdemonstration
12. Juni 2012Sitze. Starre. Blinzle. So kann man nicht arbeiten. SO NICHT! Da lärmt einer, ein Arbeiter, der sich auf unserem Dachboden an etwas zu schaffen macht. Steine fallen. Es poltert. Es holpert. Da stolpert der Arbeiter, während ich hier schreiben soll. Mich konzentrieren. Auf das Selbst soll man sich richten. Einen Gedanken fassen. Am Schwanz packen, den Gedanken durch den Raum, dann auf das Papier schleudern. Ich schreibe nicht auf Papier. Ich tippe. Direkt ins Gerät hinein. Bin ein Maschinendichter, ein Hau-rein-Texter, der nun, bei dem Lärm über seinem Kopf, nicht arbeiten kann. Keinen klaren Gedanken kann ich fassen. So kann ich nicht arbeiten. Der dort oben arbeitet am Dach, am Himmel, der reißt Steine aus einer Wand, die den Dachboden so uneinsehbar machte. Es geht um eine klare Sicht, die mir fehlt, weil in meinem Kopf eine Mauer thront. Mein Kopf wird von einer Mauer durchzogen. Die Mauer müsste eingerissen werden. Jetzt. Sofort. Ich könnte den Arbeiter bitten, mir beim Abtragen der Kopfmauer behilflich zu sein. Der könnte in meinen Kopf steigen, die Steine aus dem Kopf reißen, sie aus meinem Ohr werfen. Aber der Arbeiter wütet noch immer über mir, lässt keine Gedanken zu, nur Worte, die ich nun tippe, die ich hier in das virtuelle Papier packe; in Watte wird hier nichts gepackt, dies soll nur dem Abtrag meiner Wut hilfreich sein. Meine Wut will ich abtragen, will sie schichten Stein für Stein. Meine ganze Wut auf einen großen Haufen packen. Ein Wuthaufen. Ein Kothaufen. So ein Wuthaufen erinnert an einen Kothaufen. Aber das interessiert den Arbeiter droben auf dem Dachboden nicht, der Stein für Stein die Mauer abträgt, der keine Ahnung hat, nicht von mir und nicht von meinem Wuthaufen, nicht von meinen Wortsteinen, die ich nehme, die ich Ihnen hiermit um die Ohren schlage. Weh tun sollen die. Schmerzen sollen die. Wutsteine, die ich werfe, weil ich mich hier und jetzt auf meiner eigenen Demonstration befinde, die allmählich außer Kontrolle gerät, die ich auflösen muss, damit nichts Schlimmeres geschieht, ich muss Übergriffe verhindern. Ich will nicht übergreifen, nicht nach oben greifen, dem Arbeiter an die Gurgel gehen, auch will ich nicht von meinen Lesern bedroht werden. Der dort oben tut doch nur seine Arbeit, denke ich. Er arbeitet. Ich versuche es auch. Ich demonstriere. Ich demontiere. Die Worte. Die Zeit. Einfach alles. Ich entsende ein paar Streifenwagen. So geht das nicht weiter. Die Mannschaftswagen der Polizei tauchen auf. Mit quietschenden Reifen. Sie lösen mich auf. Sie lösen die Menge in meinem Kopf auf. Sie schicken die Wortmenge in meinem Kopf nach Hause. Wie? Wo? Was? Die Worte sind entrüstet. Sie beschweren sich. Wir sind doch hier zuhause, wir bleiben hier, wir wohnen hier. Ach, was für ein Unsinn, ruft einer der Polizisten, schon verhaftet er das erste Worte. Das Wort wird in Gewahrsam genommen. Das Wort muss ins Gefängnis. Das Wort, so erklärt der Polizist, kann sich hiermit als verhaftet begreifen. Nicht doch. Ich mache die Polizei auf die Arbeiten auf dem Dachboden aufmerksam. Da sei eine andere Polizei zuständig, erklärt man mir. Die Polizei setzt Tränengas ein. Ich muss weinen. Ich muss schließen. Die Worte versiegen. Die Worte rinnen die Straße hinab. Ich kann sie gar nicht mehr sehen. Sie sind fort. Ich werde auf sie warten. Hier. Sie werden kommen. Sie werden mich überfallen. Bestimmt. Die Hoffnung muss sein. Die Hoffnung muss bleiben. Der Lärm auf dem Dachboden endet. Stille.
Der perfekte Schriftsteller
11. Juni 2012Alle seien sie Lügner. Das erklärt er. Grinst in die Runde. Streicht sich eine goldene Haarsträhne aus der Stirn. Niemand hört ihn. Er kann mit seinen Gedanken sprechen. Das hat ihn ein tibetischer Mönch gelehrt. Das wissen die hier nicht. Die wissen eh nichts von ihm, von seinen Geheimaufträgen, von seinem Privatjet, seinem Segelboot, kein Segelboot, lacht er in Gedanken auf, es ist eine Yacht, wie man noch keine gesehen hat. Ausgestattet mit bekannten wie auch mit unbekannten (noch geheimen) Navigationssystemen.
Wenn er Urlaub hat, dann fliegt er nicht einfach in den Süden, wie all die anderen hier in dieser Runde, sondern dann rettet er ein bisschen die Welt. So wie Indiana Jones im Kino, würde er jetzt gerne laut sagen, lässt es aber, dampft es nur mit seinen Gedanken in den Raum hinein.
Ein Lügner sei er, sagen die Leute, er würde sich nicht waschen, er würde stehlen; auch betrunken wäre er oft. Darüber kann er nur lachen.
Er zündet sich eine Zigarette an, die hat er von einem Scheich bekommen, teure Zigaretten, die er in eine billige Packung quetschte, damit der Neid die Neider nicht völlig um den Verstand bringt.
Früher sei er anders gewesen, aber dann irgendwann, so erzählen die Leute, die für ihn nur Narren sind, da sei er aus dem Ruder gelaufen.
Er kann über all die Verdächtigungen, die Falschaussagen, nur lächeln, denn er hat alles, was man sich ersinnen kann. Seine neue Freundin ist ein Topmodel, er hat in seinem Keller das so lange vermisste Bernsteinzimmer, Wein trinkt er aus dem Heiligen Gral, warum sollte er sich, bei seinen Beziehungen, mit weniger zufrieden geben.
Und natürlich sind sie hinter ihm her, denn einer wie er, der hat stets Gegner. Sie stellen ihm Fallen. Behaupten, er würde stehlen, und dies nur, weil sie ihn einmal an der Jacke eines Kollegen erwischten, an der er sich festhielt, stürzte er doch unglücklich gegen die Schranktür, die sich dann öffnete; seine Hand hielt sich am Sakko, denn sonst wäre er ja gestürzt. Anschließend log der Sakkobesitzer, warf ihm vor, Geld gestohlen zu haben. Eine dreiste Unterstellung, die er empört von sich wies.
Denn einer wie er, der hat es nicht nötig zu stehlen, der verfüge über mehr Geldkoffer, so erklärte er stumm seiner erzürnten Gemeinde, als es Koffer überhaupt auf der Welt gäbe.
Ich sehe ihn an. Ich betrachte ihn. Er ist es. Der Messias. Der perfekte Schriftsteller, einer, der in seinen Fantasien, die für andere Lügen sind, verschwunden ist. Als könne er meine Gedanken lesen (und bestimmt glaubt er auch daran), hebt er den Kopf und lächelt mich an.
Jetzt muss er dies alles nur noch zu Papier bringen, muss es mit Worten bändigen. Die Worte müssen ihm zu einer Peitsche werden, die er den erstaunten Ideen präsentiert.
Aber für ihn sind es keine Ideen, er schwimmt in einem Reich aus abertausend Realitäten.
Was denkt der da, denkt er jetzt über mich. Und Schriftsteller, so sinnt er weiter, bin ich eh. Schrieb unter vielen Namen, da ich ein Unsterblicher bin.
Wieder einmal rückt die Menge von ihm ab. Sie könnten ihn nicht riechen. Er könnte sich jetzt unsichtbar machen. Das macht er aber nicht. Er sitzt das aus. In diesem Augenblick steht er es aus.
Das, was sie als Gestank bezeichnen, ist der Duft der großen weiten Welt. Einer wie er, der war immer gerade unterwegs. Tiger zähmen, Wale reiten. Irgendetwas gibt es stets zu tun.
Wissend nicke ich ihm zu, ihm, dem perfekten Schriftsteller, der alle Eitelkeiten hinter sich gelassen hat, der nicht einmal mehr schreiben muss, um sich als Dichter zu betrachten. Seine Romane, die schreibt er im Kopf. Ganze Bände hat er inzwischen schon gefüllt. Ein solches Werk wird niemals mehr geschrieben werden.
Einsamkeit unterstellen sie ihm. Dabei unterhält er ein Harem in den eigenen vier Wänden, die, so böse Zungen, von Schimmel befallen wären.
Er kann darüber nur lachen. Ich lache mit ihm, denn ich weiß um seine Kraft, um seine poetische Begabung, die ihn heute Nacht wieder einmal bis nach Moskau tragen wird.
Ja, denkt er mir zu, du weißt es.
Schreib weiter an deinen Büchern der Stille, denke ich zurück. Ich verlasse den Raum. Nicht wirklich natürlich, denn so etwas wie Füße benötigen wir nicht.
(Erschienen bei Faust-Kultur)
Thomas M. Disch
8. Juni 2012Dealer drängen sich Schulter an Schulter, flüstern sich in die Ohren, was ich nicht hören soll; kann nichts Gutes sein, denke ich und dränge mich mit einem gepressten Lächeln zwischen ihnen durch, entlang diverser Kisten, in denen Ketten in grellen Farben liegen, die in irgendwelchen Hinterhofwohnungen von Frauen mit zittrigen Händen gemacht wurden; Perle für Perle haben sie aufgezogen, ich kann es sehen, jeder kann es sehen: man muss sich nur mühen.
Ich schlüpfe ins nächste Haus, ein Mann in Uniform drückt hastig eine Zigarette in einen der drei Blumenkübel, die neben dem Aufzug stehen, wischt sich einen Speichelfaden vom Mundwinkel und blickt mich unsicher an, fragend, nach meiner Jacke schielend, ob sich da etwas befinden könnte, eine Beule, die auf eine Waffe schließen lässt. Aber da ist nichts, nur Luft, dazu noch heiße, kein Wunder bei diesem New-Yorker-Wetter.
Zu Disch, sage ich, der Mann in Uniform – einer roten mit goldenen Knöpfen, die er fast jeden Abend von seiner Frau sorgsam in den Schrank hängen lässt, während sie ruft, Abendessen steht auf dem Tisch, General! – wirft den Kopf in den Nacken und überlegt, dann leuchtet sein Gesicht und er drückt das Stockwerk, tritt vom Käfig zurück und lässt mich himmelfahren.
Im zweiten Stock stinkt es nach Urin und alten Frauen, nach Tod und Verwesung, nach den Vorstellungen davon, es sind Gerüche, die ich so noch an keinem anderen Ort vorgeführt bekam; Olfaktorische News, die von Messerstechereien berichten, von einem Mann, der seine Frau enthauptete und ihren Kopf dann hier im Flur ausstellte. Kritzeleien an den Wänden beschimpfen den Vermieter, dann noch den Mann mit dem Kopf, weil er einer gewissen Mary damit ihren Hochzeitstag kaputt gemacht hat, dieses Arschloch, steht wortwörtlich da, mit zittriger Hand, die einen Buntstift führte.
Ich bleibe vor einer Eisentür stehen, klopfe, Farbe blättert, rieselt zu Boden, die Tür verträgt keine Fäuste, keine Besucher, die ihre Herbsttürme sind, und die sie irgendwann nackt dastehen lassen werden.
Die Tür öffnet sich und da steht er, groß, sanfte Augen, und ich reiche ihm meine Hand und stelle mich vor. Mein Name sagt ihm nichts, natürlich nicht, ich versuche erst gar nicht zu erklären, dass ich aus der Zukunft komme, dass ich nur ein Fantasiegespinst bin, eine Erfindung, die sich kurz mit ihm unterhalten möchte. Schweige darüber, auch über seinen Selbstmord; niemand sollte wissen, wie er stirbt, auch er nicht. Er bittet mich zu einem Sessel, in dem ich versinke, der ein Sumpf zu sein scheint, ein Pass-auf-sonst-wirst-du-verschluckt-Ding, das es bei alten Leuten manchmal zu finden gibt; meine Großmutter besaß auch einen dieser Ohrensessel, die von ahnungslosen Besuchern leben, die sie verschlucken; nichts wird man hören, weil sie still und leise verdauen, und alle werden sich wundern, wo man abgeblieben ist, nur der eingeweihte Besitzer nicht, der mit dem Sessel unter einer Decke steckt, und der ihm alle paar Wochen ein ahnungsloses Opfer zuführt, damit der Gott des Ohrensessels besänftigt ist, damit er die Bewohner der Wohnung in aller Ruhe ihrem Alltag nachgehen lässt.
Stehe also auf und laufe im Kreis und spreche Disch auf seine Rolle in der Science-Fiction-Gemeinde an.
Er verdreht die Augen, Sie wissen ja, sagt er, die haben Probleme mit meinen Büchern, dabei denke ich die Probleme nur zu Ende.
Er macht einen Schritt auf mich zu, legt seine großen Arme um mich, und bittet mich, ich möge mich doch bitte wieder setzen. Nein, nein, wehre ich ihn ab, ich müsste … Zeige auf eine Tür. Das Klo? Disch nickt, und im nächsten Moment sitze auf dem Beckenrand der Badewanne und denke über alles nach.
Disch ist keiner der typischen Science-Fiction-Schriftsteller, er ist ein Fremdkörper, einer, der Krimis schreibt, Gedichte, die immer wieder, viele Gedichte, dann einen Roman mit dem Titel DIE FEUERTEUFEL, der eben mal die Menschheit auslöschte, so nebenbei, weil Disch es satt hatte, Romane über außerirdische Invasoren zu lesen, hochtechnisiert und bis unter die Zähne bewaffnet, die am Ende dann doch wieder verlieren. Nichts da. Nicht mit ihm. Glorreiche Menschheit, verrecke endlich!
Ich zucke zusammen, weil Disch an die Tür klopft und fragt, ob alles in Ordnung ist, und ob er etwas für mich tun kann. Nein, alles gut, rufe ich und bleibe sitzen. Ich kann da nicht rein, weil ich hier nichts verloren habe, das ist nicht meine Zeit, nicht meine Kragenweite, ich will aus diesem Moloch von Stadt raus, will nicht in dem gefräßigen Sessel eines Schriftstellers landen, der gut war, sehr gut, einer der Besten, und der bis zum Schluss verkannt wurde, der sich, nach dem Tod seines Mannes, und weil er keine Rechte auf die gemeinsame Wohnung hatte, aus lauter Verzweiflung umbrachte.
Und dann denke ich: Am Ende packen sie eben noch jeden.
Es ist nur einen Augenblick, ein Blinzeln, dann bin ich zurück, sitze tatsächlich wieder an meinem Schreibtisch in Fulda. Der Vogel schreit, Glück gehabt!, und ich nicke ihm zu; kann sein, kann sein, murmele ich.
Jetzt habe ich überhaupt nicht über Disch geschrieben, so ein Mist aber auch, ich könnte Dietmar Dath anrufen, einer der wenigen Autoren, die sich um Disch und andere SF-Schriftsteller verdient gemacht haben. Dath hat Disch einen Roman gewidmet; könnte Dath also anrufen, bis mir einfällt, dass ich seine Nummer überhaupt nicht habe, weil ich ihn nicht kenne, und er mich nicht kennt. Ich hätte ihm gesagt: Erzähl den Leuten etwas über Disch, über seinen Roman in der Tradition von Dos Passos, dann über das Ding, das er über die Erweiterung der Intelligenz schrieb, es geht um einen Gefangenen, dem Drogen injiziert werden, die ihn allmählich zu einem Übermenschen werden lassen, der aber sterben wird. Berichte darüber, über alles, über das Scheitern an einem solchen Projekt, über das …
Thomas M. Disch sagte eines Tages zu Michael Moorcock: Ich schreibe über das, was sich jeder am meisten wünscht. Und Moorcock antwortete: Du schreibst über Elefanten? Disch schüttelte den Kopf, nein, nein, über Intelligenz, ich schreibe über Intelligenz, und Moorcock sah ihn traurig an und sagte, komisch, dass du darüber schreibst, ich hatte mir immer gewünscht, ein Elefant zu sein.
Ich schließe die Augen, öffne sie, bin zurück, Dealer drängen sich Schulter an Schulter, flüstern sich in die Ohren, was ich nicht hören soll …
Ein weiterer Anlauf, ich werde es noch einmal versuchen, noch einmal, man darf nicht aufgeben; ich öffne die Tür und schlüpfe in den kühlen Vorraum des Hotels, rufe, hi, Martin. Der Mann in Uniform sieht mich verwundert an und fragt: “Kennen wir uns?”
Nein, sage ich, greife nach seiner Zigarette, ziehe daran, drücke sie in einem der Blumenkübel aus und nehme die Treppe.
“Wollen Sie denn nicht …!”
“Heute nicht, heute nicht”, sage ich noch, dann schlägt bereits die Tür hinter mir zu.
Isaac Asimov
7. Juni 2012Warum nicht die Schleuse öffnen, stampfend, gestopft in einen altertümlichen Raumanzug, um einen Ausflug in die Kinder- und Jugendtage zu unternehmen?
Ein Reise ins Ich. Der Atem könnte das Glas, das den Kopf umgibt, beschlagen.
Ich könnte von den Schriftstellern erzählen, mit denen ich im Bett lag und davon berichten, wie eng es war, wie seltsam es anmutete, an der Decke zerren zu müssen, sie einem Lem oder Asimov aus den feuchtnassen Fingern reißen zu wollen.
Womit anfangen, wen antreten lassen? Das Gedächtnis ist ein Kasernenhof, den man nach Gutdünken gestalten kann; alle finden sie darauf Platz, wenn ich es nur zulasse, wenn ich es nur verlange: Die Säufer und Hurenböcke, die Lügner, die Raumstationen, Viecher, mit weit aufgerissen Mäulern, aus einer urzeitlichen Welt, die nie Schritt halten konnten, mit den Entwicklungen in der Nachbargalaxie.
Asimov, mit ihm könnte ich beginnen, auch wenn, und da verzieht er bereits das Gesicht, mir andere näher standen, vor allem Heinlein und Spinrad, die, das hat seine guten Gründe, nicht unumstritten sind.
Ich mag Schriftsteller, die umstritten sind.
Asimov lehnt sich hinter seinem Metallschreibtisch zurück, in seinem Rücken eine weiße Wand, die ihm die Sicht auf die 33 Stockwerke tiefer liegenden Brunnen und spielenden Kinder, Büsche und Polizisten zu Pferde nimmt.
Der Mann, fahrig in seinen Bewegungen, hat uns Leser geschnappt und geschleift, hinein in den Mikro- und in den Makrokosmos. In seinem Kopf fühlt er sich wohl, nicht aber in der Realität.
Höhenangst hat er, fliegt nicht, dieser Reisende, der sich auf zahllosen Seiten in den Tiefen des Alls in die merkwürdigsten Abenteuer stürzte.
Schreiben, schreiben, schreiben, nichts anderes kennt er, ist ein Maschinenwesen, ein Schreibmaschinenwesen, das unaufhörlich alles notiert, in Kleinschrift werden Zahlenkolonnen, Befindlichkeitsausbrüche, wird alles, was mit dem Kosmos Asimov in Berührung kommt, zu Papier gebracht, weil er, Asimov, nur zu leben vermag, wenn er schreibt.
Die Schreibmaschine Asimov, tausendarmig, die die menschliche Geschichte übersetzt, so z.B. den Untergang des römischen Imperiums.
Eine Maschine schreibt über Maschinen, über Roboter, zahllose Geschichten; hängt aber seine Schreibmaschine, ist sie defekt, dann weiß er nicht weiter, weil er die Welt erklären und beschreiben kann, nicht aber retten oder reparieren.
Will seine Frau die zwei Arbeitszimmer betreten, dann muss sie anklopfen, denn es dauert stets ein bis zwei Sekunden, um sich in ein menschliches Wesen zu verwandeln. Halb Mensch, halb Maschine, kein Wunder, dass man hinter dem Namen Asimov ein ganzes Team von Schreiberlingen vermutet. Wie soll eine Person all das geschrieben haben, was seit Jahren den Markt überschwemmt?
Unbegreiflich.
Er ist eine Flut, ein Ozean, in dessen Strömungen sich Ungeheuerliches ereignet.
Ich müsse jetzt gehen, mahnt er, und zeigt zur Schleuse hin, zurück in die Zukunft. Sie müssen zurück in die Zukunft.
Und schon hat er mich vergessen, schon schreibt er über die Veröffentlichung seiner ersten Kurzgeschichte in Astounding.
Ich kann ihn murmeln hören, kurz bevor sich die metallene Tür lautlos hinter mir schließt: “Ich betrat am 21. Juni 1938 das Büro von John W. Campell …”
Durch ein kleines Guckloch kann ich ihn sehen, er hat den Kopf gehoben und blickt irgendwo in die unermessliche Schwärze, die er in dem Spalt zwischen zwei Schränken gefunden hat, er ist an einem ganz anderen Ort, er …
Mein Atem legt sich als Schleier auf das Glas, und ich kann ihn nicht mehr sehen. Ich schließe die Augen und stelle ihn mir vor, wie er hinter seinem Schreibtisch sitzt, diesem Ungetüm mit Schubkästen, auf denen Aufkleber angebracht sind, auf denen in Maschinenschrift steht, was man darin finden wird: Robotergesetze, Sonnenuntergänge, Überbevölkerung …
Er bemerkt mich nicht, weiß nichts von meiner Anwesenheit, unermüdlich hacken seine Finger in die Tasten der Schreibmaschine, um etwas von dem zu berichten, was in seinem Kopf aufgelaufen ist. Es muss dort raus, sonst wird der Schädel reißen. Das weiß er und tippt weiter um sein Leben.
Jack, oh, Jack
3. Juni 2012“Das war noch was, das Jungsein, dieses sich im Bett strecken und recken, fiebernd, weil man ein neues Buch in den Händen hielt. Gebetbücher, so viele, Burroughs, ja, Kerouac erst recht, den ich anhimmelte, weil da so viel war, Leben, Straßen, Züge, Hoffnungen, Freunde, Besäufnisse, als ob es nicht immer darum gehen würde, um eine Vereinigung von All und Alltag …”
Mein kleiner Gottesdienst zu Ehren Jack Kerouacs ist HIER bei Faust-Kultur erschienen.
Reibereien
10. Mai 2012Schreiben. Beten. Kaffee schlürfen. Rauchen. Lieben. Weinen. Lachen. An die Toten denken. An die Lebenden. Die Hand nehmen, die sich mir bietet. Schreiben. Sich wie ein Hund im Hof fühlen. Eingesperrt. Tanzen. In die Luft springen. Die Luft sieben. Wörter fangen. Auf eine Seite packen. Riechen. Schnüffeln. Kratzen. Zunge zeigen. Sabbern. Hoffen. Bangen. Schreiben. Beten. Kaffee schlürfen. Rauchen. Lieben. Den Tag mit einer Lanze aufspießen. Ihn mit mir schleifen. Ihn ausnehmen. Die Innereien untersuchen. Ein kranker Tag. Das Leben ist von Würmern befallen. Die Würmer ins Ohr stecken. Die Sprache der Würmer. Sie reden vom Schreiben, vom Beten, vom Kaffee, vom Lieben, Weinen, Lachen. Ich packe die Würmer auf eine Seite. Ich schreibe mit dem Blut des Wurms. Ich schreibe die Krankengeschichte nieder. Ich packe mich in die Krankengeschichte. Ich bin die Krankengeschichte. Schreiben. Hoffen. Beten. Kaffee schlürfen. Rauchen. Lieben. Weinen. Auf das Ende warten. Zur eigenen Krankheitsgeschichte werden. Zu einer Aktennotiz. Zu einem Vermerk. Zum Teil eines Krankenbettes. Siechen. Hoffen. Der Tod macht keine Ausnahme. Er greift nach meiner kalten Hand. Er nimmt mich. Trägt meinen Namen in sein Buch. Nicht mehr schreiben, nicht mehr hoffen, nicht mehr rauchen, nicht mehr weinen, nicht mehr lachen. Den Kopf heben. Noch bin ich am Leben, also schreibe ich, kacke ich, lache ich, packe ich ins Tintenfass. Tauche meinen Kopf hinein. Lachen. Weinen. Schreiben. Kaffee schlürfen. Rauchen. Warten. Ein Hund im Hof, der den Kopf hebt, der sich kratzt, der Würmer hat, der den Würmern lauscht, der die Worte der Würmer in den Staub schreibt. Ein Hund, der sie anstarrt. Der auf den nächsten Regen wartet, der die Wörter verwischt. Sonne. Hitze. Regen. Schreiben. Warten. Kaffee schlürfen. Sterben. Vorher lieben, die Hand nehmen, die sich mir bietet. Auf einem Hof leben, der abseits liegt, der vergessen wurde. Auf die Geräusche achten, die aus dem Schuppen dringen. Schreie. Lausche den Schreien. Beschreibe das Schreien. Worte, die in den Sand gemalt werden, in den Staub. Bellen. Warten. Anschlagen, heftiger und heftiger. Schreiben. Weinen. Lachen. Kaffee schlürfen. Eine Zigarette rauchen. Geschichten sammeln. Diese und diese. Hier eine. Dort eine. Sie ins Fell packen. Zu den anderen Würmern. Die Sprache der Würmer. Schreiben.
Beinahe etwas über den Fall Günter Grass
10. April 2012Unruhig, weil ich mich, der ich mich doch zu allem äußere, zu den Vögeln ebenso wie zu den Schauspielerinnen, die einen Armen verloren haben (siehe “Schauspielerinnen, die einen Armen verloren haben”), zu den Werken Arthur Kleibers, der unter Pseudonymen wie Ed Harlan und Tom Torn Werke wie “Kaulquappen greifen Golgatha 9 an” und “Erika Furners geheimnisvolle Zeitmaschine” verbrach, die in keinem Magazin je einen kritischen Widerhall fanden, zur Quantenphysik, zur Astrologie (“Sterne wissen alles”), unruhig, weil ich mich, der sich sogar über die Milchstraße spöttisch äußerte, und dies im Angesicht des Milchstraßenspottfachmanns Gulliver McBride, der, Sie erinnern sich, von mir vor vielen Jahren während eines Treffens “Gestresster Krimiautoren” in einen Schrank gesperrt wurde, eben jener Schrank, der einige Monate später in dem Roman “Superkind Fred” von Bruno Sall in grauen Tönen beschrieben wurde, in einem Roman, der, auch hier erinnern wir uns pflichtbewusst und wild nickend, nicht von dem namhaften Kritiker Thomas Thams besprochen wurde, nicht, weil dieser sich nicht dazu in der Lage sah, sondern weil er von einer Gruppe wild gewordener Science-Fiction-Autoren unter der Federführung Gustav Lombardos (“Keine Angst vor Akne”, “Ich läutete im Angesicht des Teufels”) in eine Hütte entführt wurde, die Lombardo als “Fegefeuer kaminsimsverwöhnter Kritiker” bezeichnete, unruhig, weil ich mich zu all dem und noch viel mehr längst ausgelassen habe, ausführlich und in Gazetten, die nur in einschlägigen Kreisen bekannt sind, nur zu Grass nicht, bitte ich meine Leser um Verzeihung, natürlich auch die Leserinnen, die ich zuerst hätte erwähnen müssen, aber geschrieben ist geschrieben, argwöhnend, es könnte Zeit sein, endlich über Grass zu schreiben, Zeit, die ich leider im Moment nicht erübrigen kann, weil ich mich unlängst mit Arthur Kleiber traf, der von mir verlangte, ich solle seinen Romanen und seinem Leben ein literarisches Denkmal setzen, dem nun der Vorzug vor all den Meinungen, die sich wild durch die Nachrichten spuken, zu geben ist, auch wenn ich das Bedürfnis verspüre, etwas zum Fall Grass zu schreiben, etwa über seinen Bart oder diese wirklich wahnsinnig in sich gekehrten Cordsakkos, die derart sinnend wirken, dass man sich manchmal fragt, wer hier dichtet, Träger oder Jacke, über all dies, auch über den Iran, Israel, den Mars, Jupiter, über Atombomben, Hockeyschläger hätte ich mich ereifern müssen, wenn, ja!, wenn ich nur die Zeit dazu gefunden hätte.
Ich schreibe meinen Namen in die Wolken
6. April 2012Der Film, den ich mir gestern ansah, trug den Titel Ich schreibe meinen Namen in die Wolken. Ein seltsamer Film in grobkörnigen schmutzigen Bildern, gelbstichig, als würde er kränkeln und fiebern und müsse nun von sich in monotonen gleichförmigen Worten berichten, wenn er sich nur irgendwie am Leben halten will.
Eine verstört dreinblickende Ingrid Sämann, die man aus Händler der Lampen in Erinnerung hat, spielt die Tochter eines Wirts auf dem Land, dem plötzlich alles unter den Händen zu Staub im Wind gerät, eher zu Sägespänen, weil Holz dort, wohin uns der Film entführt, eine so große Rolle spielt.
Sämann erzählt die Geschichte ihrer Familie aus dem Off, sie jammert nicht, sie nimmt zur Kenntnis und dies mit Worten, die so leer sind wie die Bewohner dieses Landstrichs. Bedeutungslos, fatalistisch, aber doch mit der Zärtlichkeit derer ausgestattet, die nichts anderes haben als sich, und daher gewohnt sind, das lieben zu müssen, was sie umgibt.
Irgendwann rast die Mutter mit dem jüngeren Hartmut davon, hinein in eine Nacht, die sie stumm verschluckt. Hartmut wird von der Tochterstimme mit einer für den Film ungewohnten Eindringlichkeit beschrieben. Da ahnt man, wer sich hier noch betrogen fühlt. Nur ausgesprochen wird es nicht, weil die Offenbarung von Gefühlen denen vorbehalten bleiben sollen, die gegangen sind.
Hartmut, der von Michael Krohn gespielt wird und der ihn nicht spielen muss, weil er Hartmut ist, der ihn auf eine derart nachdrückliche Weise mit beiläufigen Gesten füllt, wie man es bisher selten im deutschen Fernsehen sehen konnte, flieht mit seiner Geliebten in eine Zukunft, die irgendwo hinter dem Abspann liegt und die unseren Träumen überlassen bleibt. Michael Krohn muss auf dieses Rollenangebot gewartet haben, vielleicht ebenso verzweifelt wie Hartmut auf Michaela, die ihn wie eine Puppe zum Wagen führt, der die Maschine ist, die den Lauf der Geschichte ändern soll.
Da sind so viele wunderbar verhaltene Bilder, die nicht aus sich ausbrechen können und es doch wollen, etwa wenn der Wirt seine Frau Michaela (Annette Bohn) an sich drückt, unendlich verzweifelt, voller Inbrunst. Man sieht dieser liebenden Gewalt an, dass es ihr nicht um Festhalten geht, um Liebe, sondern um Sucht. Da ist einer von dem Stoff abhängig geworden, den er meint, all die Jahre fest im Griff gehabt zu haben und der ihn töten wird, wenn er nicht mehr auf ihn zurückgreifen kann. Wie alle Süchtigen irrt der Wirt, wird er untergehen, weil er einem Leben ohne Sucht nicht traut, auch wenn der Film das nicht zeigt, sondern nur andeutet, in all seinen kleinen Bewegungen, in Blicken, die das, was kommen wird, vorwegnehmen.
Wenn sich Hartmut und Michaela später, fast schon gegen Ende des Films, kurz vor ihrer Flucht, lieben, dann schweift Michaelas Blick zum Fenster und verliert sich in den Wolken, die weiter ziehen, die keine Rast finden, die vom Wind getrieben, morgen schon aufgelöst oder woanders sein werden, die ihre Form verändern, die nie so bleiben werden wie sie sind und wie wir sie mit unseren Augen sahen.
Alle verlieren sich in diesem Film über das Verschwinden, auch die Zuschauer, die sich rasch in all den Nebengebäuden und Hütten, den Wäldern verlaufen.
Und dann ist da noch die Kamera (Laszlo Kovacs), die stets ein bisschen daneben filmt, die nie genau drauf hält, die sich mehr für das zu interessieren scheint, was neben den Gesichtern, neben den Dialogen geschieht, die ebenso hoffnungslos wie ihre Protagonisten allmählich in einem großen Nichts zu verschwinden droht.
Ein leiser und langsamer Film, der sich Zeit nimmt, dem Untergang aller beizuwohnen, den sie so bedächtig zelebrieren, als wären sie nur deshalb auf die Welt gekommen.
Am Ende sitzt der verlassene Wirt auf einem Holzklotz und raucht eine Zigarette. Er blickt dem Rauch nach, der sich formlos verflüchtigt und er schweigt ebenso wie die Stimme der Tochter, weil es nichts mehr zu berichten gibt, was die Bilder uns nicht schon längst erzählt haben.
Die Gesichter des John Demjanjuk
4. April 2012Der folgende Artikel ist ursprünglich bei GETIDAN erschienen
Wenn wir dereinst sterben – röchelnd und vielleicht trotzdem mit einem Lächeln im sich auflösenden Gesicht -, dann werden wir mit einem Paket im Arm gehen, in das wir unser Glück und unser Unglück, unsere Schuld und unsere Unschuld gewickelt haben. Ein Reststaub wird in der Erinnerung derer kleben bleiben, die uns kannten. Der Wind wird den Staub mit der Zeit in alle Himmelsrichtungen tragen, damit er dort unteilbar mit all den Erinnerungen verschmilzt, die niemanden haben, der sie benutzt. Denn Erinnerungen wollen gelebt werden, man muss sie in die Hände nehmen, drehen, wiegen. Erinnerungen verändern ihr Aussehen, sie werden hübscher und hübscher, bis man sie zu all den anderen Dingen stellt, die sich auf oder in einem Schrank befinden. Erinnerungen werden ab diesem Zeitpunkt zum Teil einer Aufbewahrungskultur, zu Staubfängern, die spätestens mit dem Tod dessen, der sie bewahrt hat, auf dem Müll der Geschichte landen.
Man muss schon sehr viel Schuld auf seinen Rücken geladen haben, damit man nicht zu schnell ad acta gelegt wird. Das sollte kein Anreiz sein, von nun an in Gewaltverbrechen zu schwelgen, denn der Tote – so der Stand in diesem Augenblick, auch wenn hier Religionen wiedersprechen – wird sich nicht an der Erinnerung, die er hinterlässt, erfreuen. Tot ist tot und verfault.
Nun ist einer gestorben, dessen Bilder so zweifelhaft unterschiedlich sind, dass ich sie nicht einsortieren kann. Mal erscheint er mir als “netter Onkel”, dann wieder als ein Mann, der unter seinen Hautlappen verschwindet, der unter sein eigenes Gesicht zu kriechen scheint, als ob es nur eine Maske wäre, die er irgendwo gefunden hätte.
John Demjanjuk ist tot, dieser Mann, dem so viele Verbrechen angelastet wurden, dass man eine Maske finden muss, um die Zahl, die einem da entgegen geschleudert wurde, überstehen zu können. Aber jeder will leben, Opfer und Täter, jeder muss mit den Bildern, die sich in seinem Kopf angehäuft haben, ein Auskommen finden.
Ich stelle ihn mir vor, denn ich habe ihn nicht gekannt, sondern nur die Bilder, die die Medien mir zeigten. Ich stelle ihn mir in seinen Nächten vor, die er verbrachte, und die irgendetwas mit ihm zu tun haben mussten, denn in den Nächten, da liegen wir einsam und sind mit uns allein.
Ich kann nicht über Schuld und Unschuld des John Demjanjuk schreiben, weil ich zu wenig darüber weiß. Nur sein Gesicht, fotografiert in zahllosen Augenblicken, das kann ich beschreiben, kann darüber nachdenken.
“Verurteilt wegen Beihilfe zum Mord an 28.000 Juden.”
Und dann sehe ich mir ein weiteres Foto an, ein weiteres Demjanjuk-Gesicht, ein Foto, das ihn in die Ferne der Vergangenheit blicken lässt. Er scheint sich zu verlieren, denn wie kann man sich nicht verlieren, wenn man eine solche Schuld auf sich geladen hat.
Wer wäre ich gewesen, der das Glück hatte, sich nicht in solchen Zeiten entscheiden zu müssen? Eine Frage, die man nicht beantworten kann, eine Frage, als ob man nach Gottes Existenz fragen würde, und doch ist es eine Frage, die man stellen muss, immer und immer wieder, damit man sich nicht in falschen Gewissheiten verliert.
Niemand ist ein guter Mensch. Wir streben nach einer Größe, die es nicht gibt, die wir uns suchen, die wir in Büchern finden, in Personen, die einen Weg gehen, der uns begehbar erscheint. Wir werden zu unseren eigenen Erfindungen.
Da saß er, John Demjanjuk, ein Mann, der kein Mann mehr war, sondern ein Wesen mit Mütze und Sonnenbrille, das in den weiten Flächen einer grünen Jacke verschwand. Hinter der Brille aber, da muss es ihn gegeben haben, der Mensch, der, was er auch getan hat, es tat, weil er sich etwas davon versprach, was sich nicht einlöste.
Und wieder ein Bild und wieder Demjanjuk. So viele Bilder, so viele Gesichter. Wenn man verschwinden will, dann muss es nur genügend Fotografien geben, die einen irgendwann verschleiern. Auf diesem hier, das ich nun ansehe, sitzt er vor Gericht (ich vermute es). Krank sei er, der Kopf ist nach hinten gelehnt, weil er erschöpft zu sein scheint. Der Mund ist leicht geöffnet.
“Verurteilt wegen Beihilfe zum Mord an 28.000 Juden.”
Vielleicht liegt der Kopf im Nacken, damit die Erinnerungen in eine Schräglage geraten, damit sie nach hinten purzeln, damit sie keinen Halt mehr finden. Der Mund könnte geöffnet sein, damit das Gift der Vergangenheit entweichen kann.
Nein, ich weiß es nicht, denn ich kenne Demjanjuk nicht. Da sind all die Bilder eines Mannes, den ich irgendwann vergessen haben werde, denn auch meine Erinnerung will sich auf das konzentrieren, was ihr wichtig erscheint. Jedes Gesicht, jedes Wort, jede Tat kann keinen Platz darin finden.
Es kann sein, dass man sich dafür schämen sollte, dass man sich verstecken sollte unter Hautlappen, die im Laufe der Jahre über das eigene Gesicht fallen.
Wer war John Demjanjuk? Ich weiß es nicht, weil ich nicht einmal weiß, wer ich bin.








