Archiv für die Kategorie ‘Pathologie’

Möbiusschleife

12. Juni 2012

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Sonntag, 10. Juni: Überlegungen zu Japan und zur Realität

10. Juni 2012

Ich bin noch nie in Japan gewesen, anderswo ja auch nicht. Aber ausgerechnet Bilder von Japan – auch wenn man das nicht so sagen kann, weil das keine Bilder von Japan waren, denn dann wäre Japan eine Person, die sie mir übergeben hätte -, mit denen konnte ich am Sonntagmorgen gar nichts anfangen.
Die Bilder, die ja nur Ausschnitte irgendwelcher Gegenden in Japan darstellen, überforderten mich. Ganz betäubt saß ich da, und dachte, da werde ich nie hinkommen, bestimmt nicht zu dieser Hütte hier; und dann ließ ich meinen Finger über das Bild von der Hütte fahren, um so wenigstens mal in Kontakt mit einem Bild von Japan gekommen zu sein.
Die japanische Hütte hat sich wie die Oberfläche eines Bildschirms angefühlt, weil es ja die Oberfläche meines Bildschirms war.
Wenn man die Realität mit seinen Fingern berührt, dann kann es sein, dass man sich einen Schieber holt, oder man rennt sich eine Beule in den Kopf, oder schlimmer noch, man bekommt Herpes.
Alles möglich. Die Realität ist nicht ohne, und man muss davor warnen, denn schließlich kommt einer zu Tode und dann heißt es, hätte ihn ja mal einer warnen können.
Also: REALITÄT kann tödlich sein.
Ich denke, jetzt ist es klar und deutlich ausgesprochen.

DAS IST KEIN FOTO VON JAPAN, SONDERN VON MEINEM ASCHENBECHER, DER UNBEDINGT AUSGELEERT WERDEN MÜSSTE

09.06.12

9. Juni 2012

Weil die Jungen kommen, meine Jungen, unsere Jungen, liebenswerte kleine Jungen, verrückt nach STAR WARS, ausgerüstet mit Lichtschwertern, die sie zu führen wissen, die die Treppen nach oben stürmen werden, mit einem PAPA auf den Lippen, das mein Herz blühen lassen wird, strömen, weil sie kommen, weil das mein Wochenende ist – und ich denke, wie das klingt, mein Wochenende, wie eine Aufteilung, wie eine Zuordnung, die es auch ist -, habe ich bereits geschrieben, habe ich das Pensum erfüllt, dem ich mich im Moment beuge, dem ich meinen Tribut zolle, weil es Regeln bedarf, will man sich nicht im Alltag verlieren.
Und dann denkt man über das hier nach, über das Blog, über all die verschwendeten Buchstaben, über eine gelebte Literatur, die für keinen da ist, die morgen schon vergessen sein wird, würde ich heute noch alles löschen.
Eine Arbeit am Nichts ist es, ein Werkeln an der Ewigkeit, am Ich, am Unfrieden, an den Ungerechtigkeiten, die den eigenen Körper und die Seele allmählich auffressen.
Lese man doch nur die Ausführungen derer, die sich zum Netz äußern.
Spring hierhin, spring dorthin, spring über die See des Netzes und du wirst zahllose kleine Inseln finden, die nicht gefüllt werden, um etwas zu wagen, um ein neues Reich zu gründen, sondern um dort Spiegelkabinette aufzustellen, Spiegel auf Spiegel, in denen sie sich betrachten und sagen: Bin ich nicht schön, endlich kann ich ein Schriftsteller sein, endlich kann ich Sänger und Darsteller sein, endlich muss die Welt mich betrachten.
Etwas wagen. Darum muss es gehen. Sonst macht es keinen Sinn.

08.06.12 (2)

8. Juni 2012

Geschrieben, nochmals geschrieben, Wörter purzeln, fallen lassen, spielen lassen, als wären sie auf einem Spielplatz. Saß auf einer Bank, stolzer Vater, und musste nichts tun, nur zusehen, musste Beifall klatschen, wenn sie sich durch Röhren schlängelten, wenn sie auf einen Metallturm kletterten. 11.24 Uhr! Tagespensum geschafft.

08.06.12

8. Juni 2012

Wollte eigentlich eine ganze Serie über die Autoren schreiben, die mich als Kind gefesselt haben, die mich im Bett hielten, bis es irgendwann an der Tür klingelte (wir waren erst vor einigen Wochen in ein neues Haus gezogen) und eines der Nachbarkinder sich nach mir erkundigte: “Kommt denn der Junge, der hier wohnt, auch mal raus?” Mein Mutter muss ihn entsetzt angesehen haben, das Kinn fiel ihr nach unten, und sie stürmte zu mir nach oben, um die Decke von mir zu reißen. So geht das nicht weiter, sagte sie, sagte es unentwegt, aber es ging weiter, lesend, sich vor aller Welt abschottend, darüber lachend, denn was brauchte ich die Welt, wenn ich mich längst schon auf anderen Planeten aufhielt.
Ich werde die Porträts lassen, einfach aus praktischen Gründen, denn sie halten mich auf, sie halten mich ab, von dem, was WIRKLICH geschrieben werden muss. (Ein neuer Roman ist es, ein neuer Roman, der mir unter den Nägeln brennt, im Hals, im Kopf, er muss raus, sonst werde ich ganz krank davon.) Mit Disch endet es also hier, vorerst, denn wenn ich wieder Lust bekommen, wenn sie mich anfällt, dann …

Gestern bei Kerouac über das Entstehen seines ersten Romans gelesen, an dem er zwei Jahre arbeitete. Später fand er zu seiner eigentlichen Schreibweise, einer spontanen, die ihn fließen ließ, überfließen.
Ich arbeite ähnlich, ich darf mir keine Zeit geben, weil ich an keinen Meisterwerken arbeite, an keinen Klassikern, denn wenn das so wäre, Gott, dann wäre ich bereits tot.

07.06.12

7. Juni 2012

Kennen Sie das? Man will schreiben, man will es unbedingt, aber es gelingt nicht, die Worte flutschen einem aus den Händen wie ein toter stinkender Fisch, sie lassen sich nicht ordnen, nicht unterbringen. Und dann liegen sie herum, all die Worte, die man nicht benutzte, und die nun nichts mit sich anzufangen wissen, die sich wie eine Katze im Hausflur aalen, oder auf der Schwelle der Türöffnung, die auf dem Balkongeländer balancieren und die Jungen von nebenan beim Schreien und Jubeln und Fußballspielen beobachten, die auf dem Sofa schnarchen, die Haare wirr im Gesicht, als würden sie sich hinter einem Vorhang verbergen, der heute nicht gehoben wird, weil die Vorstellung ausfällt, selbst die Vorstellung von der Vorstellung fällt ins Wasser, in die Pfützen, die sich wie unzählige kleine Seen auf der Straße gebildet haben, in all den Vertiefungen und Ausbuchtungen, die die Jahre im Asphalt hinterließen. Und ich sitze da und tippe lustlos das Wort lustlos, weil es schön ist, das Wort zu leben, das mich jetzt beschreibt, in dem mein Kopf hängt, mein ganzer Körper, der ein einziger leerer Pool ist, in den schon seit Jahren kein Wasser mehr geflossen ist, ein Pool vor einem verlassenen Haus am Rande einer Stadt im Süden, nahe einer Grenze, besser noch, nahe einer Wüste, die den Sand mit vollen Händen ausgibt, die ihn vom Wind verteilen lässt, der ihn gierig in den Pool schleppt, ihn mit Sand auffüllend, bis er mit dem Zeug überläuft, und der Pool sich die nicht vorhandenen Haare rauft, weil er genau weiß, dass man ihn für Sand nicht erschaffen hat. Aber was soll er machen? Er ist doch nur der Pool.

05.06.12 (3)

5. Juni 2012

Sorgenvoller Nachtrag zum Beschluss-Eintrag “05.03.12 (2)”: Meine Beiträge werden stetig kürzer.

05.06.12 (2)

5. Juni 2012

Ich will und werde heute keinen weiteren Beitrag in meinem Onlinetagebuch veröffentlichen. Soeben beschlossen. Dann der Beschluss, den Beschluss der Öffentlichkeit zur Kenntnis zu geben.

05.06.12

5. Juni 2012

In einer ununterbrochenen Aktion nach einer DVD gesucht, nach, wenn Sie es genau wissen wollen (wollen Sie doch, oder?), Polanskis Mieter, den ich vor ein, zwei, drei, vier Jahren, was weiß denn ich, ja-bei-Gott-dann-fragen-Sie-doch-nicht-so-genau-nach, gekauft habe, sicherlich gekauft, und der verschwunden ist, der sich den ewigen Wanderbewegungen der Dinge angeschlossen hat, die in Löchern oder unter unsichtbar machenden Tüchern (Tarnkappen also) verschwinden, die sich aus meinem Leben stehlen, als hätte ich nichts dafür bezahlt. Machte mich mit Spitzhacke und Lampe und viel Geschrei auf die Suche, und auch wenn die Wohnung nun aussieht wie eine Baustelle, werde ich nicht aufgeben.
Irgendwo muss sie doch sein, die verfluchte DVD.

04.06.12

4. Juni 2012

Kaffeeverzückte Morgenstundenmüdigkeit, diese Stunde zwischen Monster und Mensch, zwischen Träumer und Schreiber. Schreib doch, schreib es auf, schreib über die ungeträumten Träume, die ungelebten Leben, die ungelegten Eier, die ungepflanzten Pflanzen, die unmöglichen Möglichkeiten.
Prolog in Angriff genommen, eine Kaskade von Buchtstaben. Wir werden sehen, denn immerhin habe ich auch schon Projekte auf der siebzigsten Seite beendet, weil sie sich als Totgeburten herausstellten.


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