Archiv für die Kategorie ‘Parallelpathologie’

Möbiusschleife

12. Juni 2012

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Eine Entschuldigung

25. Juli 2010

Da mich heute zahlreiche Mails erreichten, mit zum Teil drastischen Formulierungen, möchte ich mich in aller Form bei allen Lesern der Pathologie für die Benutzung des Wortes NICKER in meinem heutigen Eintrag mit dem Titel „Die Filme des Fellatio Cunnilingus“ entschuldigen. Es lag nie in meiner Absicht die Gefühle von Menschen zu verletzen. Das Wort NICKER sollte, auch weil es natürlich einen so negativen Beigeschmack vermittelt, nicht öffentlich verbreitet werden. Ich nehme davon Abstand und werde zukünftig nicht mehr das Wort NICKER benutzen, weil es sich einfach nicht gehört, das Wort NICKER aufzuschreiben, auszusprechen oder zu denken.

25. Juli 2010, Die Filme des Fellatio Cunnilingus, 10.49 Uhr (PP)

25. Juli 2010

Whiskey, Zigarre.
Krank. Der Anflug einer hartnäckigen Erkältung. Kopfschmerzen. Gliederschmerzen.
Lag auf dem Sofa zum Arbeiten. Sah mir aus Studienzwecken drei Erotikfilme an. Reduziertes Kino. Filmemacher, die sich noch auf ihre Bilder verlassen, die an die Kraft des Films glauben. Eher Dialogarm. Viel Stöhnen. Ich würde hier von minimalistischem Kunstkino reden. Aber mit der Meinung bin ich wahrscheinlich allein.
Welch ein Irrtum.
Brachte die Filme am Nachmittag in die Videothek. Also rein, nach hinten, da ist die Tür, die in den Erotikbereich führt. Blickte mich gehetzt um. Das ist normal. Ist ein Ritual. Machen alle, die hinter dieser Tür verschwinden. Drinnen schwüle Wärme. Ich glaube, die heizen dort zusätzlich. Die Brühe lief mir am Rücken runter.
Also hin zur Theke.
„Wollte die Filme zurück bringen.“
Ein Kerl, unrasiert, Nickelbrille, nickte. Allerdings nickte er unaufhörlich. War wohl ein Tick.
„Wie fandest du sie?“, fragte er mich, nickte und grinste.
„Hm …“
Er sah sich die Titel an.
„Ach, du magst Märchenfilme“, sagte er.
„Tja …“, stammelte ich.
Keine Ahnung, was der von mir wollte. Und was heißt hier Märchenfilme?
„Die Witwe Nimmersatt“, sein Nicken wurde stärker. „Grandioser Film. Ein Meilenstein. Wim Düse.“
„Was?“
„So heißt der Typ, der ihn gedreht hat. Der Kerl ist ein verfluchtes Genie. Diese auf das wesentliche konzentrierten Montagen. Er arbeitet mit dem Jump Cut. War der Erste, der ihn einsetzte. Hat ihn aber nicht erfunden. Das ist eine Legende. Kommt aus der New-Porn-Bewegung. Herrlich.“
Scheiße, dachte ich. Ich war an einen Pornofilmkritiker geraten.
„Ich könnte dir ein paar Filme empfehlen.“
„Warum nicht.“
Das hätte ich nicht sagen sollen. Jetzt hatte ich ihn an der Backe kleben.
Er beugte sich vor. Flüsterte. Sah sich ängstlich um. Hier ging es scheinbar um Geheimnisse. Er winkte mich mit der Hand ran. Also fuhr ich meinen Kopf wie eine Schildkröte aus. Ich hielt die Luft an. Der Nicker stank fürchterlich nach Schweiß.
„Du musst dir unbedingt die Filme des Übervaters ansehen.“
„Übervater?“
„Der größte Regisseur aller Zeiten. Er soll über zwei Meter sein.“
„Aha!“
„Fellatio Cunnilingus.“
„Was?“
„Sein Name.“
Gott. Ich wollte weg. Nichts zu machen. Der Nicker kam meinem Ohr immer näher. Ich war mir sicher, Erbrochenes riechen zu können.
„Ich könnte dir seinen wichtigsten Film besorgen.“
„Ja?“
Der Nicker griff unter die Theke. Schob eine DVD-Hülle rüber. Er sah sich wieder ängstlich um.
„Sieh rein.“
Ich öffnete die Hülle. Las den Titel.
„Citizen Dick“, sagte ich.
„Ja“, der Nicker nickte noch stärker. „Der wichtigste Film überhaupt. Kaum Handlung, aber dafür …“
Ich verstand. Ich nickte. Der Nicker sah mich nickend und verärgert an.
„Warum nickst du?“, fragte er mit einer gewissen Spur von Aggression in der Stimme.
„Ich wollte nur …“
Der Nicker zog den Film zurück.
„Ist wohl besser, wenn du jetzt gehst.“
Ich nickte erstaunt.
Verflucht, hör mit dem Nicken auf, dachte ich.
„Und die Filme, die ich zurück geben wollte?“
„Morgen habe ich keinen Dienst, dann kannst du sie bringen“, zischte er.
Nervös wie ich war, nickte ich wieder. Der Nicker kniff die Augen zusammen.
Ich nahm die Filme, machte mich aus dem Staub. Zuhause legte ich mich erschöpft aufs Sofa. Ich schlief sofort ein. Träumte von dem Nicker. Er saß auf meinem Schoß und nickte die ganze Zeit. Sagte kein Wort. Ich wachte schweißgebadet auf.
Jetzt habe ich mir einen Whiskey eingeschenkt, eine Zigarre angezündet. Trinke meinen Whiskey. Rauche meine Zigarre.
Schrieb.
Und hier ist es.

22. Juli 2010, Beten lohnt sich, 14.00 Uhr (PP)

22. Juli 2010

Whiskey, Zigarre.
Die Lesung in der Kulturbarracke liegt hinter mir. Ich habe auf Sieg gespielt. Ich habe gewonnen. Die Lesung war ein voller Misserfolg. Luftig drohte mir sogar mit einem Gerichtsverfahren. Überhaupt sei ich als Autor nach diesem Auftritt gestorben, brüllte er. Ich lächelte von meiner whiskeyfahnenumwehten Insel der Seligen, dachte dabei an die 2 Millionen und was ich mit dem Schotter alles anfangen könnte.
Aber der Reihe nach.
Erwachte am Morgen mit dem schalen Geschmack der Liebe im Mund. Tatsächlich. Ich war am Abend zuvor auf einer Party. Ihr Name war … Egal. Namen sind Schall und Rauch. Wir tranken. Erst die Vorräte des Gastgebers, dann machten wir uns auf den Weg zu mir. Zumindest sind da Bilder im Kopf, die so zu deuten wären. Sie ist ein Engel. Ich sah zu ihr rüber. Sie furzte. Rülpste. Ein wahrer Engel eben. Ich stellte mich schlafend. Der Geschmack in meinem Mund machte nun auch Sinn. Bleib ruhig, dachte ich. Irgendwann wälzte sie sich stöhnend aus den Laken, zog sich ihr Zelt über und verschwand. Zeit zum Aufatmen und halbstündigen Zähneputzen.
Dann ein Anruf von Luftig.
„Denk an die Lesung!
„Ja, ja.“
Ich schlurfte also rüber zu Siggi Grabowski auf ein Frühstücksbier. In meinem Rücken schlurfende Schritte. Sind bestimmt die ehemaligen Lektoren von Suhrkamp, dachte ich. Blieb also so unauffällig wie möglich stehen. Spuckte ein bisschen in der Gegend rum. Was Mann halt so macht, wenn er nichts mit sich anzufangen weiß.
Da waren sie. Sahen tatsächlich wie die unehelichen Söhne von Unseld aus. Sie liefen an mir vorüber. Beachteten mich nicht. Gute Schauspieler. Ich konnte ein paar Brocken ihres Gesprächs auffangen.
„Und du?“
„Ich mach nächste Jahr Urlaub in der Niemandsbucht.“
„Wie lange denn?“
„Vielleicht ein Jahr.“
Dann waren sie auch schon vorüber. Ich eilte zu Siggi, bestellte mir drei Bier und auch gleich noch ein paar Schnäpse.
„Was ist mit denn mit dir los?“, fragte Siggi.
„Ich muss mich auf eine Lesung vorbereiten.“
Siggi schüttelte den Kopf. Er hatte schon so einige Schriftsteller vor die Hunde gehen sehen. Große Namen. Rainer Gruben. Emmanuel Trickfick. (Das war natürlich sein Künstlername.) Wer kennt sie nicht? Sie alle hatten verflucht große Werke hinterlassen.
Ich verabschiedete mich mit einem Nicken von Siggi. Zuhause bereitete ich mich mit ein paar Kinski-Filmen mental auf die Lesung vor.
Und dann klingelte es bereits. Luftig holte mich persönlich ab.
„Die Regionalpresse ist auch da“, sagte er und blinzelte mir zu.
„Sehr gut“, sagte ich.
Wir kamen an. Die Kulturbarracke war zum Bersten voll. Nö. Natürlich nicht. Aber immerhin hatten sich dreizehn Leute in meine Lesung verirrt.
Dreizehn Leser zu viel, dachte ich.
Luftig stellte mich kurz vor. Ein paar Daten. Blablabla. Großer Autor. Bei den zwei Worten sah ich ihn grimmig an. Dann las ich. Begann mit den berühmten ersten Sätzen aus „Wasser ist kein Meer“: „Beten lohnt sich. Fragt sich nur, für wen.“
Die saßen. Das waren diese harten Sätze, die ein Publikum ins Koma schlugen. Einer von den Pennern in der hintersten Reihe schlief bereits. Gefiel mir. Der Mann hat Niveau. Aber die anderen lauschten noch angeregt. Ich musste also etwas unternehmen.
Ich unterbrach meine Lesung und stieg auf den Tisch. Mann, wie die mich ansahen.
„Ihr ALLE“, schrie ich, „seid Abschaum, Sünder, die sich endlich zum Herrn, unserem Gott, bekennen müssen. Ich werde fortan nicht mehr schreiben, sondern einzig auf den Spuren des Herrn wandeln.“
Fünf Mann gingen.
Sehr gut, dachte ich.
Leider applaudierte mir auch eine ältere Dame und schrie: „Ich folge dir.“
Die anderen sahen mich gespannt an. Ich musste zu drastischeren Mitteln greifen. Also stieg ich vom Tisch. Lief auf eine etwa vierzigjährige Frau zu. Ich stellte mich vor sie. Der Fotograf von der Zeitung fotografierte sich die Finger wund. Ich stellte mich in Pose. Lächelte in die Kamera. Holte aus … Nein, natürlich schlug ich sie nicht. Dachten aber alle. Ich legte meine Hand auf ihren Kopf, zitterte ein bisschen rum und schrie: „Du bist vom Teufel besessen!“ Sie sah mich erschrocken an und fragte dann: „Können Sie da was tun?“
Es war zum Heulen.
„Ich kann in einem solchen Umfeld des Bösen nicht lesen.“
Das war es. Ich brach die Lesung einfach ab. Und dann kam der finale und rettende Satz: „Wer meine Bücher kauft, der wird im tiefsten Schlund der Hölle landen.“
Klar. Der Satz tat seine Wirkung. Wir verkauften nicht ein Exemplar. Ich bin meinem Ziel näher gekommen. Luftig hat ein Magengeschwür mehr. Was soll ich sagen? Alles prima.
Jetzt habe ich mir einen Whiskey eingeschenkt, eine Zigarre angezündet. Trinke meinen Whiskey. Rauche meine Zigarre.
Schrieb. Und hier ist es.

18. Juli 2010, Literarischer Durchfall, 19.29 Uhr (PP)

18. Juli 2010

Whiskey, Zigarre.
Ich habe noch immer schweißnasse Hände, wenn ich an den letzten Tag denke.
Ich strampelte mich gegen Mittag aus dem Bett. Zog mich an. Jeans. T-Shirt. Turnschuhe. Die Jeans bekam ich nicht mehr zu. Keine Ahnung warum. Immerhin esse ich ja fast nichts. Also die Jogginghose. Jetzt machte ich wirklich was her.
Frühstückte ein Bier bei meinem Stammkiosk. Inhaber ist Siggi Grabowski. Dürrer, baumlanger Kerl mit Geschmack in Modefragen. Er trug an diesem Tag Jogginghose, T-Shirt und Turnschuhe. Wir sahen uns kurz an. Lachten auf. Das Leben kann ein rechter Schelm sein. Ließ das Bier anschreiben. Siggi murrte. Ich grinste. Die Welt war in Ordnung.
Anschließend flanierte ich durch die Innenstadt. Amüsierte mich über das Bürgertum. Ein paar Leuten lachte ich sogar direkt ins Gesicht. Setzte mich schließlich in die Nähe eines Kaufhauses. Nach einer Stunde hatte ich 20 Euro in meiner Hand. Zog weiter.
Das Geld wäre zu investieren, dachte ich und steuerte die hiesige Buchhandlung namens Dalia an. Kennt jeder. Riesige Kette. Die würden meine Bücher nicht mal mit einer Kneifzange anfassen. Kämen auch nie in die Verlegenheit, weil die vom Luftig-Verlag noch nie was gehört hatten. Musste also keine Angst haben, mir selbst in gedruckter Form über den Weg zu laufen. Gut so. Ich musste auf miese Verkäufe hoffen, wenn ich den Graf-Eckhard-Leopold-Rothenburg-Preis gewinnen wollte. Und ich wollte und würde gewinnen.
Also rein ins Dalia. Stiefelte murmelnd die Neuerscheinungen entlang.
Das klang dann so: „Mist … Müll … Kann nichts … Schwätzer … Katastrophe …“
Ich hätte also auch gut und gern Kritiker werden können.
Und dann sah ich sie, mein Herz stockte, ich hielt die Luft an, die Zeit vereiste, das Universum zog sich für einen Moment wieder zusammen.
Ich konnte es nicht glauben.
Mitten auf einem Tisch lagen drei Ausgaben meines Romans „Wasser ist kein Meer“. Und das schlimmste war, dass ein älterer Herr gerade nach einer Ausgabe …
„Tun Sie das nicht!“, sagte ich.
Er sah mich erstaunt an.
„Ich verstehe nicht“, sagte er schließlich.
Ich sah mich verschwörerisch um.
„Dieses Buch ist …“, flüsterte ich.
„Ja?“
„Es ist grauenvoll. Der reinste Horror.“
„Klingt gut.“ Er lächelte mich an. „Ich mag Gruselgeschichten.“
Hier war mein ganzes Geschick gefordert. Ich musste diesen Kauf verhindern. Im Namen der Schön. Im Namen der 2 Millionen Euro.
„Die Kritik hat es völlig verrissen“, sagte ich.
Drauf er: „Kritiker sind mir egal.“
Gott, musste mir denn ausgerechnet heute der ideale Leser begegnen.
„Sie werden Kopfschmerzen davon bekommen.“
„Ich habe eh ständig Kopfschmerzen“, sagte er.
Und dann machte er sich auf den Weg zur Kasse. Ich sah ihm mit schmerzverzerrtem Gesicht nach.
Schnell, dachte ich. Und schon hing ich wieder an ihm dran.
„Ich gebe Ihnen Geld, wenn Sie es nicht kaufen“, sagte ich.
Er blieb stehen. Sah mich erstaunt an. Klar. Ich hätte auch ziemlich dumm aus der Wäsche geguckt.
„Wie viel würden Sie mir denn bieten?“, fragte er vorsichtig.
Ich überlegte fieberhaft. Mein erwirtschaftetes Geld lag mir wie Blei in der rechten Tasche. Konnte aber auch dran liegen, dass es nur Münzen waren und ich eine ziemlich ausgeleierte Jogginghose trug.
„Fünf Euro sagte ich schließlich.“
Er schüttelte den Kopf.
„Das Buch kostet 12 Euro.“
Dieser Bastard. Alte Menschen sind das Messer im Rücken dieser Gesellschaft.
Ich kämpfte mit mir. Dachte wieder an die 2 Millionen.
„Dann gebe ich Ihnen eben 13 Euro.“
„Abgemacht!“, rief er und hielt mir seine grauenvolle altersfleckige Gichthand vor die Brust.
Ich wühlte das Geld raus und zahlte ihn aus. Er legte das Buch weg, kicherte und ging.
Mist!
Jetzt blieb aber immer noch das Problem mit meinen Büchern. Die Dinger mussten verschwinden. Jedes verkaufte Exemplar warf mich einen Millimeter mehr aus dem Rennen.
Ich schlich eine Weile um den Tisch rum. Schließlich griff ich mir die drei Exemplare und trug sie quer durch die Buchhandlung. Stellte sie zunächst neben einer Biografie über den Papst ab. Leser, die sich an Benedikt vergriffen, würden nie meine Bücher anfassen. Hier standen sie sicher. Oder? Nein. Sie mussten verschwinden. Beton drüber und ab ins Hafenbecken. Leider hatte ich weder Beton noch einen Hafen. Ich sah mich wieder um. Hektisch. Kopf hin. Kopf her. Niemand beachtete mich, also stopfte ich mir die Bücher in die Unterhose. Sah natürlich sehr exotisch aus. Ich stampfte auf eine Verkäuferin zu.
„Entschuldigung“, stöhnte ich.
„Ja?“
Sie sah mich angewidert an.
„Mir ist da etwas passiert.“
„So?“
„Ich zeigte in Richtung meines Hinterteils.
„Ich müsste mal Ihre Toilette benutzen.“
„Gott!“, schrie sie auf.
Sie sah sich entsetzt um.
„Dort drüben!“
Sie zeigte auf eine Tür, auf der Privat stand.
„Danke“, murmelte ich und stampfte davon.
Die Toilette rettete mich. Ich hatte Glück im Unglück. Fand ein kleines Fenster. Dahinter dichtes Gebüsch. Hinter dem Gebüsch ein Hinterhof. Ich warf die Bücher raus. Ich würde sie später holen. Mit einem erleichterten Gesichtsausdruck verließ ich die Toilette. Ich bedankte mich übereifrig und rannte aus dem Laden.
Nur raus hier, dachte ich.
Der Rest war ein Kinderspiel. Ich besorgte mir die Bücher. Schleppte sie runter zum Fluss und versenkte sie mit einem dicken Stein. Ein kleiner Junge beobachtete mich aufmerksam. Ich versuchte ihn mit den dunklen Worten zu verscheuchen: „Du hast nichts gesehen, ansonsten …“ Ich fuhr mit dem Zeigefinger über meinen Hals. Beeindruckte die Göre aber gar nicht.
„Sind Sie ein Verbrecher?“, fragte er.
„So ähnlich“, sagte ich. „Ich bin Kritiker und diese Bücher sind so schlecht, dass ich sie unbedingt los werden musste.“
„Aha!“
Und nun bin ich wieder zu Hause, schlief vor Erschöpfung fast den ganzen Tag. Jetzt habe ich mir einen Whiskey eingeschenkt, eine Zigarre angezündet. Trinke meinen Whiskey. Rauche meine Zigarre.
Schrieb. Und hier ist es.

16. Juli 2010, Angriff der Killerfettviren, 17.37 Uhr (PP)

16. Juli 2010

Whiskey, Zigarre.
Lag wie ein gestrandeter Walfisch in meinem Bett. Nackt. Hob den Kopf. Starrte auf einen Berg, den ich nach einigen Sekunden als meinen Bauch identifizierte.
(Ich muss dringend etwas gegen das Fett tun. Es fällt mich an. Bleibt an mir hängen. Es ist wie ein außerirdischer Virus, der mein Denken beeinflusst. „Iss mehr!“ Der Virus spricht zu mir. Ist wie in diesem Film. Die Leute verändern sich langsam. Sie wirken kalt. Abwesend. Da ist dieser Junge. Er merkt es. Aber keiner glaubt ihm.)
Gott, ich starrte unablässig auf meinen Bauch, ich bin zur Brutstätte des Bösen geworden. Es ist aus dem Weltall gekommen. Und nun hockt es in meinem Bauch, an meinem Hintern, und auch in meinen Brüsten, die aussehen, als hätte ich mir Silikon reinstopfen lassen. Auf der anderen Seite. Die Dinger hatten was.
Strampelte meinen Walkörper aus dem Bett, da hörte ich schon die Melodie vom A-Team. Mein Handy. Ich rannte rüber ins Wohnzimmer. Kam schweißgetränkt dort an. Lag natürlich nur an der Hitze. Ich schaute aufs Display. Luftig. Mein Verleger. Was wollte der denn? Egal. Ich ging dran.
„Hier ist Luftig.“
„Hier nicht“, sagte ich.
Der Gag funktionierte immer wieder.
„Hör mal, Junge, ich habe da eine Lesung für dich aufgetan.“
„Ach …“
„Ein bisschen mehr Begeisterung würde nicht schaden.“
„Ach … toll!“
Ich dachte an die Schön. Dachte an die 2 Millionen Euro. Ich musste nur ein unverkäuflicher Autor bleiben. Aber ich brauchte auch Geld.
„Ich mach die Lesung“, sagte ich.
„Hab nichts anderes erwartet.“
Oh ja, ich würde lesen. Diese Lesung würde mich vernichten. Ich sah schon alles vor mir. Ich könnte mich betrinken. Die Leute beleidigen.
Das wird ein Fest, dachte ich.
„Sie findet nächste Woche Mittwoch in der Kulturbaracke statt.“
„Die Kulturbaracke steht für Kultur“, sagte ich und grinste bösartig meinen Teppich an.
Ich beendete das Gespräch. Tappte im Adamskostüm zum Computer. Hielt an. Ich durfte ja überhaupt nicht mehr schreiben. Am Ende kam noch gute Literatur dabei rum. Schreiben war ab sofort tabu. Oder? Ich musste die Ergebnisse ja nicht an Luftig weitergeben.
Ich würde morgen etwas schreiben. Bestimmt.
Legte mich also zum Arbeiten aufs Sofa. Dachte an Luftig. An seinen Schnäuzer, seine geföhnten Haare, seinen dichten Haarwuchs, der den gesamten Körper einhüllte. Ich dachte an seinen Musikgeschmack. Schlager. He, der Typ macht am liebsten Urlaub auf Mallorca. Liebt Besäufnisse mit Sangria. Nicht mit dem Getränk, sondern mit dem Musikproduzenten gleichen Namens. Keine Ahnung, warum Luftig Verleger geworden ist. Vielleicht musste er sein Geld unbedingt los werden.
Um besser nachdenken zu können, sah ich mir alle Halloween-Filme an. Ich lag da. Die Augenlider auf Halbmast. Sah hin. Sah nicht hin. Dachte an die Schön. An meine Bücher. An die 2 Millionen Euro. Ich würde das schaffen. Die anderen beiden – wer immer sie waren – hatten keine Chance gegen mich. Ich peitschte mich hoch. Plötzlich stand ich auf dem Sofa und schrie: „Ich bin der schlechteste Autor aller Zeiten.“ Und weil ich mir einmal zu viel „Highlander“ angesehen hatte, legte ich mit dem Satz nach: „Es kann nur einen geben!“
Anschließend sackte ich erschöpft in mich zusammen. Schlief eine Weile. Ich hörte die Schreie aus dem Fernseher nicht. Ich lag da. Träumte. Ich war in diesem Haus. Allein. Es war ziemlich unheimlich. Plötzlich hörte ich eine Motorsäge aufheulen. Ich begann zu rennen. Kam aber nicht von der Stelle. Und dann stand er plötzlich vor mir. Wallraff. Er war als Serienkiller verkleidet. Er sah mich an und sagte: „Kein Mensch hat eine Ahnung, was die wirklich leisten. Morden, morden, morden, und alles was diese armen Kreaturen ernten, ist Undank.“
Ich schreckte hoch. Schüttelte mich. Goss mir einen Whiskey ein. Zündete mir eine Zigarre an. Trank meinen Whiskey. Rauchte meine Zigarre. Schrieb. Und hier ist es.

15. Juli 2010, Der Zwei-Millionen-Euro-Mann, 20.24 Uhr (PP)

15. Juli 2010

Whiskey. Zigarre.
Habe eine fürchterliche Nacht hinter mir. Sturm und Regen. Dachte schon, Gott hätte die eine oder andere Sache über mich raus gefunden und nun sei ich dran. Nix da! Das Haus blieb heil. Nicht mal der kleinste Baum stürzte in mein Zimmer. Schlief irgendwann gegen Morgen ein. Träumte wirr. Wie immer. Ist nichts Neues für mich. Befand mich mit Indiana Jones auf der Suche nach dem Bernsteinzimmer. Fanden es schließlich im Keller eines Berliner Dichters, dessen Namen ich hier nicht schreiben möchte. Er drohte uns mit seinem Gedichtzyklus „Darmspiegelung“. Wir zogen uns zurück. Anschließend fand ich mich bei einer Domina wieder, die mich mit Indiana Jones Peitsche erzog. Seltsamer Traum. Beunruhigte mich ein wenig.
Nach dem Aufstehen zog ich mich mit einem Herrenmagazin auf die Toilette zurück. Der Rest ist bekanntlich Schweigen.
Frühstückte ein Bier. Dachte an den Anruf der Sekretärin. Wie hieß sie nur? Schön. Die wollte doch heute hier auftauchen. Ich sah mich hektisch um. Die Wohnung befand sich in einem ausnehmend guten Zustand. Gut. Da lagen ein paar Sachen rum. Störte mich aber nicht.
Ich sah auf die Uhr. Schnell noch einkaufen. Ich suchte alles Geld zusammen, das sich auftrieben ließ. Sagte den Einkauf ab.
Also warten, dachte ich.
Ich setzte mich an den Computer. Wollte einen Essay überarbeiten. Surfte ein paar Stunden im Netz. Was man da alles findet. Diese Ansaugpumpe für den Mann über Dreißig. Wahnsinn.
Und dann klingelte es. Ich ging gemütlich zur Tür. Fragte über die Gegensprechanlage nach.
„Wer?“
„Hier ist Schön“, sagte die hohe Frauenstimme.
„Hier nicht“, antwortete ich.
Überwältigt von meinem gnadenlos guten Humor packte ich meine Hand vor den Mund, damit sie mich nicht kichern hörte.
Klar. Ich ließ sie rein. Immerhin war ich für einen Literaturpreis nominiert. Den Namen hatte ich vergessen.
Da war sie. Alt. Hässlich. Bemalt wie ein Indianer auf Kriegsfuß. Stöckelte auf ihren Hochhackigen in mein Privatreich.
„Da wohnt er also“, sagte sie.
„Wer?“
„Scherzkeks!“
Sie stieß mich kameradschaftlich in die Seite.
„Genau so habe ich mir ihre Wohnung vorgestellt. So …“, sie suchte nach Worten, „ … so … verdreckt, erbärmlich, eines schlechten Autoren wirklich würdig.“
„Was soll das heißen?“, fragte ich
Sie: „Dazu kommen wir später. Könnten Sie mir bitte ein … Bier anbieten.“
„Nix mehr da.“
Die Alte nervte. Ich sah mich mit meinem Vorschlaghammer. Scheißidee. Mit einer Ausgabe des Zauberberg. Ja, das hätte Stil. Ich würde sie mit Thomas Mann erschlagen.
„Nun gut“, sagte sie. „Kommen wir eben gleich zum Geschäft.“
„Geschäft?“
„Nicht ganz. Sie sind für den Graf-Eckhard-Leopold-Rothenburg-Preis 2011 nominiert. Der Preis wird zum ersten Mal vergeben. Außer Ihnen sind noch zwei weitere Autoren nominiert. Das Preisgeld beträgt zwei Millionen Euro.“
Klar. An der Stelle musste ich husten. Ich bekam mich gar nicht mehr ein.
„Sie müssen wissen“, fuhr sie fort, „es ist ein sehr eigener Literaturpreis. Wir suchen den schlechtesten Dichter des Jahres 2010. Wir suchen einen Autor, der sich nicht verkauft, und vor allem, und das ist ganz besonders wichtig, der sich nicht verkauft, weil er wahrschaft schlecht ist.“
„Und da sind Sie auf mich gekommen. Danke.“
Die Zauberberg-Ausgabe war aus dem Spiel. Ich sah mich mit einem Flammenwerfer. Nein, kein Flammenwerfer. Ich sah mich auf einer Atombombe reiten. Woher hatte ich die Idee nur? Kubrick? Egal. Nö, nicht egal. Ich könnte mir nachher einen Kubrick ansehen.
Ich blickte auf. Ach, da war ja noch die Schön.
„In Ordnung“, sagte ich. „Und wann bekomme ich Bescheid?“
„Wir kommen auf sie zu. Und verlieren Sie kein Wort über diesen Preis. Wir beobachten sie. Das sind harte Typen. Denen wollen sie nicht begegnen. Ehemalige Lektoren von Suhrkamp.“
Die Einschüchterungsmethode saß.
„Kein Wort“, sagte ich.
Sie nickte. Machte einen Schritt auf mich zu. Kniff mich noch ml in die Seite, kicherte und ging.
Ich legte mich zum Arbeiten aufs Sofa. Dachte darüber nach. Ich musste an eine Irre geraten sein. Um mich abzulenken, gönnte ich mir noch einen Russ-Meyer-Film. Der überforderte mich nicht, regte mich aber auch irgendwie an. Ich wollte mein logisches Denken eliminieren. Es gelang. Schließlich schlief ich ein. Keine Ahnung, wovon ich geträumt habe. Wachte auf, zündete mir eine Zigarre an. Goss mir einen Whiskey ein. Trank meinen Whiskey. Rauchte meine Zigarre. Schrieb. Und hier ist es.

14. Juli 2010, Nominiert für den Graf-Eckhard-Leopold-Rothenburg-Preis 2011, 17.27 Uhr (PP)

14. Juli 2010

Whiskey. Zigarre.
Geschrieben. Dies und das. Durchstöberte meine Kellerwohnung nach alten Manuskripten. Fand auch tatsächlich eins mit dem Titel „Diese Welt ist ein abscheulicher Ort, aber ich habe kein Raumschiff, um mir einen anderen Ort zu suchen“. Ich las rein. Konnte es nicht fassen. Das sollte von mir sein. Goss mir einen Kaffee in den Becher mit der Aufschrift Muttersöhnchen. Hockte mich auf einen der alten Küchenstühle. Das Ding ächzte asthmatisch unter meinem Gewicht. Las weiter. Schüttelte den Kopf. Nach etwa zwei Seiten gab ich auf. Katapultierte den Mist quer durch die Küche. Landete direkt vor der Tür. Ich ließ es liegen. Seitdem mache ich einen großen Schritt, wenn ich in die Küche muss. Nur nicht hinsehen, denke ich. Das hast du nicht geschrieben. Niemals.
Also erst mal aufs Klo. Ich saß eine Weile. Las in einem Krimilexikon. Später studierte ich noch die Todesanzeigen in der Zeitung des gestrigen Tages. Die klau ich mir vor der Tür meiner Nachbarin weg. Die Frau ist halbblind. Was will die also damit?
Nach dem erfolgreichen Toilettengang setzte ich mich an den Computer. Ich öffnete die Word-Datei. Las rein. Widerlich. Schloss sie wieder. Also surfte ich ein wenig Netz. Sinnlos. Mal hier. Mal da. Plötzlich landete ich auf einer Seite mit nackten jungen Damen. Die? Nö. Die? Nö. Bei der könnte ich mal anrufen, dachte ich. Leider hatten die Idioten von der Sie-wissen-schon-Telekommunikationsgesellschaft den Saft abgedreht. Rechnung nicht bezahlt. Was konnte ich denn dafür? Nur weil sich meine Bücher „Viele Spuren“ und „Wasser ist kein Meer“ nicht verkauften. Lag doch nicht an mir. Sollte die sich doch an meinen Verleger Luftig wenden. Die Anschrift könnten sie jederzeit haben.
War also nix mit anrufen.
Was dann?
Ich legte mich zum Arbeiten aufs Sofa. Schaltete den Fernseher ein. M-TV. Bombte mich mit Rap-Videos tot. Lauter Typen mit zu großen Hosen und Sonnenbrillen. Ich versuchte auf die Texte zu achten. Die Kerle taten mir leid. Waren eigentlich Drogendealer und Killer, aber jetzt mussten sie einen auf Star machen. Du kannst den Jungen aus dem Getto holen, aber das Getto nicht aus dem Jungen. Darum ging es irgendwie. War schon spannend. Trotzdem schlief ich ein.
Wilde Träume. Sie hatten mich nach Schweden geholt. Ich hatte den Nobelpreis verliehen bekommen. Ich hatte wacklige Beine. Fühlten sich wie Pudding an. Sie lobten meine Romane. Mein Roman über diesen indonesischen Mundartdichter hatte es ihnen besonders angetan. An den konnte ich mich nur nicht erinnern. Mit Karl-Gustav kam ich richtig gut aus. Er lud mich zu einem Joint in der Toilette ein. He. Das gefiel mir. Erinnerte mich an die Beatles. Leider wurde ich nach dem ersten Zug wach, weil ich furchtbar husten musste.
Mein Handy läutete. Klar. Anrufe kann ich noch empfangen. Mein Klingelton. Die Titelmusik vom A-Team. Ich ging also ran.
„Rohm hier“, bellte ich in den Hörer.
„Hier ist Schön“, meldete sich eine hohe Frauenstimme.
„Hier nicht“, sagte ich.
„Ich bin die Sekretärin von Graf Eckhard Leopold Rothenburg.“
„Ach!“
„Sie wurden für den Graf-Eckhard-Leopold-Rothenburg-Preis nominiert. Und zwar für ihren Erzählband Viele Spuren.“
Ich sagte keinen Ton. Konnte es nicht fassen. Glauben auch nicht. Also stand ich auf. Suchte nach meinen Zigarren. Da war ja noch eine.
„Wie, wo, was?“, stammelte ich.
„Alles weitere erfahren Sie morgen von mir. Ich werde Sie gegen Mittag aufsuchen, um Ihnen alles über den Graf-Eckhard-Leopold-Rothenburg-Preis zu erzählen, was Sie wissen müssen. Recherchieren Sie nicht im Internet. Sie werden nichts dazu finden. Der Preis ist sehr exklusiv, so exklusiv, dass man ihn nicht einmal kennt.“
„Aha!“
Ich war völlig überfordert. Die Gute verabschiedete sich. Ich legte auf.
Feuer. Wo war nur mein Feuer? Ach. Dort. Jetzt noch einen Whiskey.
Ich fuhr den Rechner hoch. Das muss ich ins Tagebuch hauen. Tat ich. Hier ist es. Bin schon gespannt auf meinen morgigen Besuch. Da sind so viele Fragen. Sollte ich mich duschen? Nö. Hatte ich erst vor zwei Wochen gemacht. Rasieren? Auf keinen Fall. Weihnachten würde ich wieder in diversen Kaufhäusern den Weihnachtsmann geben müssen.
Bleib ruhig, dachte ich.
Trank meinen Whiskey. Rauchte meine Zigarre. Schrieb. Und hier ist es.


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