Archiv für die Kategorie ‘Miniaturen’

Möbiusschleife

12. Juni 2012

Um den Roman “Aus der Pathologie” weiterlesen zu können, müssen Sie HIER beginnen!

Robin als Verleger

24. April 2012

Robin hat sich seinen Arm gebrochen, den er nun in Gips spazieren führt, Freund und Feind auffordernd, sie mögen doch bitte ein Graffito hinterlassen, ein Gedicht, auch eine Kurzgeschichte sei gern gesehen. Nur Onkel Martin musste er schlussendlich ausbremsen, wollte dieser doch tatsächlich seinen seit Jahren im Kopf erschriebenen Roman “Die Hummelplage” auf diese Art in die Welt tragen lassen.

Robin smmelt einen Buchstben

22. April 2012

Robin smmelt seit einiger Zeit den Buchstben , den er, konnte er seiner irgendwo hbhft werden, nschließend sofort in einer hölzernen Kiste unter dem Bett verstute. llerdings brchte ihn diese neue Leidenschft recht bld in die merkwürdige Sitution, die Welt genuer ls bisher lesen zu müssen, wollte er sie uch weiterhin verstehen.

Robin vertreibt die Zeit

22. April 2012

Robin hat sich eine Lichtung im allgemeinen Durcheinander seiner Wohnung geschaffen, ein Ort, der noch frei von Büchern, CD-Hüllen, leeren und halbvollen Flaschen, bekritzelten Zetteln, Fahrscheinen, benutzten Papiertaschentüchern, verkrusteten Tellern, Ideen, Stiften, moralischen Kategorien, steinernen Gesetzestafeln, Mitschnitten von Funksprüchen und Kaffeetassen ist, ein Ort also, der förmlich nach Erholung schreit, nach Freiheit, nach Rückbesinnung auf den Körper und den Geist, weil aber Robin nichts ohne seine Dinge ist, schleift er rasch einen Block, einen Kamm, einen Rucksack und eine faszinierenden Einfall in die Lichtung hinein, muss er sich doch irgendwie die Zeit an diesem Ort der Leere vertreiben.

Robin tut etwas für seine Zukunft

21. April 2012

Robin ist Jesus begegnet, er ist sich gewiss, den Heiland als Autowäscher an einer Tankstelle entdeckt zu haben. So wie in vielen alten Hollywoodstreifen verkündet, trug der Sohn Gottes lange Haare, einen gepflegten Vollbart und Sandalen. Von Robin angesprochen, was er denn hier an diesem Ort tue, verkündete der Gekreuzigte die frohe Botschaft, is nur ne Zwischenstation, befinde mich auf dem Weg nach oben. Beruhigt und bestätigt durch die Himmelfahrtsankündigung, gab Robin ungewöhnlich viel Trinkgeld, in der Hoffnung, sich auf diese Art einen besonders weichen und bevorzugten Wolkenplatz erkauft zu haben.

Großstadtdschungel (Fragment des Tages)

15. März 2012

Lino schreckt vor nichts zurück, auch nicht vor den reißenden Stromschnellen, die sich kreuz und quer durch diesen Dschungel schlängeln. Gerade (in diesem Augenblick des zweiten Satzes, Sie können es erblicken, wenn Sie der Richtung folgen, die mein Zeigefinger Ihnen weist) tritt er aus einer durch das Häusermeer geschlagenen Schneise ans Ufer jenes Flusses, der von den Einheimischen Bahnhofstraße genannt wird. Ein riesiger weißer Bus treibt gemächlich an ihm vorüber, den Bauch gefüllt mit kleinen Fischen, die ihn zum Transport hin zu den Korallenbänken nutzen. Die Blicke der Fische haften auf den Händen, in denen etwas liegen muss, was Lino nicht sehen kann. Man sitzt oder steht, die eine Flosse von einer Schlaufe umspannt, einer Gräte, die lose von der Decke baumelt. Delphine, auch Haie, rahmen den Bus, schwimmen aufgeregt um seinen geblähten Körper, der sich um diese Uhrzeit an Fischen überfressen hat, die er, Rast machend an Bojen, ausspeit, aber stets nur, um sich wieder frisches Futter einzuverleiben. Ein Kreislauf, der ihn dereinst, Lino ahnt dies, an die Grenzen seiner körperlichen Belastbarkeit bringen wird. Ein Herzinfarkt scheint Lino bei einem solchen Lebenswandel unumgänglich und so blickt er dem Koloss traurig nach.
Und durch diesen Fluss, man mag es kaum glauben, will Lino nun waten. Unschlüssig steht er an der Böschung, die sich in Form flaumigen Mooses durch die Narben der Asphalthaut gefressen hat, der Sonne entgegen, die in diesem Sommer besonders grell am Himmel scheint. Lino schattet die Augen ab und lässt seinen Blick über den Fluss schweifen.

Der Widerstand (3)

25. August 2010

Endlich stand ich auf dem Bahnsteig von Wildenberg. Da ich mich an die eigentliche Fahrt nicht erinnern konnte, kam ich mir noch immer wie in einem Traum gefangen vor. Ich sah mich verwirrt um, überlegte, was zu tun sei, suchte nach meinen Zigaretten, um mir schließlich eine zwischen die Lippen zu drücken. Hinter mir hörte ich ein Jammern und Klagen. Die alte Frau, die sich mir durch die Bezeichnung „Ferkel“ anvertraut hatte, ächzte und stöhnte sich aus dem Zug auf den Bahnsteig hinaus. Ich versuchte mich an einem wagemutigen Lächeln, das sie mit einem Hustenanfall quittierte. Ich ging einen Schritt auf sie zu, reichte ihr meine Hand, um ihr auf diese Weise Beistand beim Ausstieg zu leisten.
„Ich verzichte“, krächzte sie.
Ich zog an meiner Zigarette.
„Sie sollten das Ding erst mal anzünden“, sagte die Alte.
Richtig. Ich suchte nach meinem Feuerzeug. Leider fand ich es nicht. Ich würde mir eines kaufen müssen, denn ich kann auf Dauer weder ohne Tabak noch ohne die Erstausgabe meines eigenen Romans „Der Widerstand“ leben. Das Buch befand sich im Koffer mit den Arbeitsutensilien, vielleicht würde sich auch das Feuer dort finden lassen.
Ich nahm meine Last wieder an, trug sie eine steile Treppe hinab, bog in einen mit Graffiti verschmierten Gang, der mich nach Wildenberg hinein bringen würde.
Ich geriet in die Bahnhofshalle, suchte mir einen Kiosk, erstand ein Feuerzeug und fühlte mich, nachdem ich meine Zigarette draußen endlich anzünden durfte, wieder halbwegs als jener Autor, den man entsandt hatte, den berühmten Maler zu suchen, von dem es seit Wochen keine Spur mehr gab. Warum man mich geschickt hatte, konnte ich nicht sagen. Vielleicht weil ich Kriminalromane schrieb, vielleicht weil der Verleger der Bruder des Malers war, vielleicht aber auch, so dämmert es mir allmählich, weil mein Tagtraum im Zug mich nicht getrogen hatte und man mich los werden wollte, hatte ich doch unlängst erst dem Verleger vor seiner Familie als erbärmlichen Feigling bezeichnet, weil er meinen Roman „Tod eines Verlegers“ nicht hatte veröffentlichen wollen.
Außerdem war ich seit Jahren sein Nachbar, ein Nachbar zumal, der sich auf das Steinewerfen ebenso verstand wie auch auf das nächtliche Singen moderner Opernarien, wenn es die Umstände seines Lebens verlangten. Vielleicht hätte ich es in einigen Bereichen meiner zweifelfrei reich vorhandenen Talente nicht ganz so übertreiben sollen.
Aber nun war ich nun einmal hier in Wildenberg. Da konnte ich ruhig mal ein paar Nachforschungen betreiben. Der Verleger wäre mir danach so oder so einen Gefallen schuldig. Drei bis vier Tage würde Wildenberg mich schon aushalten.

Der Widerstand (2)

24. August 2010

Mir träumte von meiner Entführung. Man hatte mich gefangen setzen lassen, nachdem mein letzter Roman ein derartiger Misserfolg war, dass man fürchtete, ich könne mich noch einmal an dieser literarischen Form versuchen.
Mein eigener Verleger, der in ständiger Angst vor meinen Anrufen und spontanen Besuchen lebte, war der Auftraggeber scheußlicher barttragender Gesellen, die sich unter dem Vorwand, sie kämen von einem Literaturpreiskomitee bei mir Einlass verschafft hatten. Nachdem sie mein Vertrauen durch die Erwähnung des Preisgeldes erwirtschaftet hatten, schlugen sie mich mit einem Band meiner eigenen Gedichte nieder, stopften mich wie eine zum Totschlagen bereite Katze in einen Sack und fuhren mich mit einem klapprigen Auto zu einem alten Haus jenseits meiner Vorstellungskraft. Dort sperrten sie mich bei Brot und Benn in den Keller, lachend, nicht ohne immer wieder zu betonen, dass ich hier nicht mehr so schnell raus käme.
Schon erschütterte die Anfahrt den Zug. Ich schreckte aus meinen Träumen auf, sah mich um, erleichtert mich nicht in meinem erträumten Keller zu befinden.
Ich wischte mir die Augen. Meine Koffer waren noch da. Das Abteil war noch annehmbar leer. Die Fahrt konnte beginnen. Ich setzte mich aufrecht hin. Leider fuhren wir nicht.
Wie seltsam, dachte ich.
Ich stemmte meinen durchtrainierten Körper aus dem löchrigen Sitz, der sich schon des Schmutzes so vieler verschiedener Menschen hatte annehmen müssen. Ich sah über die Sitzreihen hinweg und entdeckte eine junge Frau, die in einem Magazin las.
„Entschuldigen Sie!“, rief ich.
Sie blickte kurz auf.
„Nein“, sagte sie und blickte wieder in ihre Zeitschrift.
Ich schüttelte erzürnt den Kopf, hob kurz die Schultern und sah aus dem Fenster.
WILDENBERG.
Da musste etwas schief gelaufen sein, entweder in meinem Kopf oder aber in den Gefilden der Realität. Wir waren noch nicht einmal los gefahren und befanden uns schon am Ziel der Reise. Das konnte schlechterdings nicht sein.
Also versuchte ich es noch einmal bei der jungen Dame.
„Sind wir hier in Wildenberg?“
Sie lächelte und nickte, dann hob sie kurz die Schultern und sah aus dem Fenster.
„Wildenberg“, sagte sie und zeigte auf das Schild am Bahnsteig.
Wenn das also Wildenberg war, dann musste ich aussteigen. Ich griff nach meinen Koffern, klemmte mir einen unter den rechten Arm, packte die anderen beiden mit starkem Griff und schritt seitlich durch die Reihen zum Ausgang. Ich war bereits nach einigen wenigen Wimpernschlägen angekommen.

Der Widerstand (1)

23. August 2010

Der Maler sei verschwunden, erklärten sie mir; sie schlugen mir umständlich auf die Schulter, lächelten mich unbeholfen an, ließen mir ein Zugticket kaufen und verfrachteten mich zum Bahnhof.
Dort stand ich dann, verloren inmitten meiner drei Koffer, die sie mir hatten packen lassen, weil ich viel zu sehr mit Erklärungen beschäftigt war, warum ich nicht reisen konnte. „Da wartet noch die eine oder andere Geschichte. Auch ein Roman.“
„Die können warten“, sagten sie und gaben der Sekretärin ein Zeichen und die Schlüssel zu meiner Wohnung.
Ich hätte mir gerne noch eine Zeitschrift gekauft, aber weil der Zug in wenigen Minuten abfahren sollte, mühte ich mich auf den Bahnsteig, zwischen den Lippen eine Zigarette, die ich noch im Raucherbereich entzünden wollte.
Schon brauste der Zug heran, viel zu früh, wie ich dachte, selbst auf die Bahn war kein Verlass mehr. Der Wind, den der Zug zur Seite schob, stob mir ins Gesicht, die Kippe fiel mir aus dem Mund, ich fluchte und wurde von einer älteren Dame zur Seite gedrängt, die mich böse musterte. Schon kreischten die Bremsen. Der Zug ruckte, kam zum Stehen. Ich schleppte meine Koffer zur nächsten Tür. Eine Gruppe grölender Fußballfans schob sich auf den Bahnsteig, die alte Dame von eben tauchte neben mir auf, drängte sich vor mich und nahm dann, nachdem die Fans sich ergossen hatten, die erste Stufe. Weil sie das Gleichgewicht zu verlieren drohte, drückte ich ihr meine Hand in den Rücken. Sie drehte den Kopf. „Ferkel“, zischte sie. Dann quälte sie sich in das Abteil, ging in den rechten Wagen, was mir Aufforderung war, mich in den zu meiner linken Seite zu verziehen. Die meisten Plätze waren zum Glück frei. Ich suchte mir einen Fensterplatz, verstaute die Koffer auf den umliegenden Sitzen, damit keine alten Frauen und auch sonst niemand auf die abwegige Idee kam, mir Gesellschaft leisten zu müssen. Dann saß ich endlich. Ich schnaufte wie eine altertümliche Dampflok, sehnte mich nach der verlorenen Zigarette und schloss die Augen, um ein wenig zu dösen, mindestens aber tagzuträumen.

Der Seiltänzer

20. August 2010

Hiller war aus dem Leben gefallen, so wie manche aus dem Fenster fallen. Er hatte sich ein wenig zu weit hinaus gelehnt, war übermütig geworden, weil ihm ein frischer Luftzug durch das Gesicht fuhr. Er hatte das Gewicht zu weit nach vorne verlagert, sicher den Rahmen im Griff zu haben, um dann den sicheren Stand auf den Füßen aufzugeben und zu stürzen. Und zu stürzen. Diese drei Worte hatte er sich später noch oft auf der Zunge zergehen lassen müssen.
Nun lag er vor dem Haus, in dem er so viele Jahre gewohnt hatte. Er fror. Saß im Regen. Rannte an gegen Schneeflocken und Sonnenstrahlen.
Er ernährte sich von den Abfällen, die von den Hausbewohnern übrig blieben und die sie in Müllbeuteln nach unten brachten.
In den Nächten saß er oft zwischen den Büschen, um sich vor der Kälte zu schützen und sah wehmütig zu den erleuchteten Fenstern empor, die ihm weit entfernte Sterne schienen. Auf einem solchen Stern hatte er dereinst auch mit seiner Frau Hiltrud gelebt. Ohne je über verlöschende Sterne nachgedacht zu haben.
Seine Frau, die nun nicht mehr sein Frau war, auch wenn er sie noch so nannte, lebte noch immer im Haus, nur mit einem anderen Mann, weil Hiller sich ja für den Sturz aus dem Fenster entschieden hatte, wie sie den Leuten erklärte.
Hiller begann mit seiner Wanderung, die ihn die Straße hinauf und hinab führte. Es schien ihm immer die gleiche Straße zu sein.
Er durchstöberte die Mülltonnen, weil er somit auf der Suche war. Das Finden war nicht so wichtig, war es doch nur Müll, den er fand. Aber das Suchen ließ ihn weiterhin Mensch sein.
Er lief von Abfalleimer zu Abfalleimer, versenkte die Hände darin. Er erinnerte an einen, der sich die Arme wusch, dabei zitterten die Finger durch allerlei glänzende Seltsamkeiten: Silberpapier, wie man es in Zigarettenpackungen oder um die Rippen einer Tafel Schokolade geschlungen fand. Er nahm sich die Kostbarkeit, hielt sie ins Sonnenlicht und fühlte sich für einen letzten Moment reich und geborgen. Ja, der falsche Reichtum gaukelte ihm eine falsche Geborgenheit vor, die er sonst nirgends fand. Nicht zwischen den Leibern seiner ebenfalls aus Fenstern gestürzten Kameraden. Nicht in den beheizten Eingangsbereichen der Warenhäuser.
Er lief seine Straße ab, die stets eine andere war. Begegnete Gesichtern, die ihn nicht ansahen, die ihm ein wenig Geld in die Hand drückten, damit sie sich aus dem Unglück, das ihn zu umgeben schien, kaufen konnten.
Hiller begann zu trinken, weil der Schnaps ihm einredete, er könnte ein König sein, mindestens aber ein berühmter Seiltänzer, der sich über die Tiefe von Hausdach zu Hausdach bewegte. Ein Seiltänzer, der die Erdberührung scheute.


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