Archiv für die Kategorie ‘Markus Michalek’

Möbiusschleife

12. Juni 2012

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Weil wir älter wurden. Eins.

14. Juni 2011

von Markus Michalek

Merle trägt ein Kind aus. Seit Wochen wächst ihr Bauch und jeder kann es sehen. Wir alle sehen es – nur Merle ist die Einzige, die behauptet, sie hätte sich nicht großartig verändert. Sie lässt sich keine Vorschriften machen, wie sie nun leben müsste, sagt, sie will keine Veränderung. Beharrt darauf, Cola zu trinken oder Chips zu essen, will in der Öffentlichen nicht auf den gekennzeichneten Sitzen Platz nehmen und verbittet sich seit neuestem, dass man ihr die Tür aufhält. Das sind alles keine großartigen Veränderungen, sagt sie, das sind lediglich Anpassungen. Weitere, kleine, schleichende Veränderungen aber, die hatte es außerdem geben müssen – das gibt auch Merle offen zu. Alkohol, Zigaretten, Coffein. Die heilige Dreifaltigkeit ihrer jungen Jahre, die hat sie aufgegeben. Und Merle sieht seither gesünder aus.

Weil wir älter wurden.

Ich war es nicht, der ihr dieses Kind in den Bauch gemacht hat. Aber wer es sonst war, das wissen wir nicht. Merle schweigt. Sie lächelt, sortiert ihre Musiksammlung – Platten – um die Auswahl für die nächste Woche zusammenzustellen. Ihr Kind wird Musik machen. Mein Kind wird Musik machen, sagt sie, es wird Musik machen, so wie es mein Traum war, Musik zu machen. Das will ich jetzt an mein Kind weitergeben. Dabei wäre sie nicht schlecht gewesen, aber für ganz oben, für das große Business hat es eben nicht gereicht. Und wir alle sind froh, dass es nicht gereicht hat. Dass Merle uns erhalten geblieben ist, so wie wir sie kennen und mögen. Wir sind froh, dass ihre Verzweiflung nicht ins Uferlose gewuchert ist, dass sie nicht ins Schlingern kam. Dass sie nie an einer Castingsendung teilgenommen hat; obwohl sie einmal erwähnte, sie würde es tun. Wenn das die letzte Möglichkeit wäre, sie würde es tun.

In Merles kleiner Wohnung steht ein Piano, ein altes, klassisches Ding. Wir bilden uns ein, dass sie es vielleicht von einem Schiff haben mag, oder aus einer Bar, wir wissen es nicht genau. Wir spinnen unsere Geschichten dazu und Merle schweigt. Sie lässt uns auf den Tasten klimpern, setzt sich selbst ab und an davor und spielt. Sie spielt ziemlich gut. Ihr Kind wird eines Tages neben ihr stehen und auf die Tasten drücken, während Merle spielt.

Das Piano würde sich überall gut machen, dieser schwarze Kasten mit den Kerzenständern links und rechts an den Außenseiten. Die Tasten sind gilbig. Die Farbe blättert ab. Aber der Klang ist besser, als es das Äußere des Kastens vermuten ließe. Immer wieder besserte Merle eine der gilbigen abblätternden Stellen mit schwarzem Lack aus; sie trug ihn einfach auf; aber zuvor noch ein wenig Schleifarbeit, dann erst den Lack. Aber jetzt ist Lackgeruch schlecht für das Kind.

Weil wir alle älter wurden.

Neben ihrem Piano ein Kontrabaß; und neben dem Kontrabaß zwei Gitarren. Merle, die Musikerin, die Musikstudentin, die Fußgängerzonenspielerin, die in drei Bands spielende Musikerin. Merle, die nun ein Kind zur Welt bringen wird. Merle, die nie an einer Castingshow teilgenommen hat, aber von allen Labels, die in Frage gekommen wären, eine Absage erhielt. Wir wissen immer noch nicht, wie wir ihre Musik nun benennen sollen. Es ist eben Musik. Es ist schön. Ich will nicht benannt werden, sagte Merle und stieg aus den Bands aus. Danach eröffnete sie uns, dass sie schwanger wäre.

Merle, die ihr Haar gern gezopft trägt. Merle, die sich ein Che-Konterfei oberhalb ihres linken Hüftknochen in Richtung Bauch tätowieren hat lassen, vor Jahren schon, noch bevor die erste Band kam. Che, dessen Gesicht zuerst ausbleichte und nun in die Breite gehen wird, sich ausdehnen wird, fetter wird. Merle, die ihr T-Shirt hochgeschoben hat und ihren Bauch streichelt, der immer größer wird und ihre Finger, die sich dabei in den Ernestos Strähnen verfangen, mit ihnen spielen, sie liebkosen. Merle, die ihm die Backe streichelt und ein weiteres Stück Schokoladenkuchen in sich hineinstopft, das fünfte heute. Ich habe eben Hunger und mein Kind muss essen, sagt sie. Ernesto muss essen, sagt sie und lacht.

Ich habe dieses Kind nicht in ihren Bauch gemacht. Aber es gab einen Abend, da hätte es passieren können. Da hatte Merle ihren Kontrabaß zurück an die Wand gestellt, ihr Spiel war aus. Dann löste sie ihren Zopf. Wir schwiegen und der Moment ging vorüber.
Weil wir alle älter wurden.

Weißt du denn nicht, wer der Vater ist, fragen alle, aber Merle schüttelt ihren Kopf. Wir wissen nicht, wer ihr das Kind in den Bauch gemacht hat. Mein Kind wird Musik machen, sagt sie. Im Fernsehen läuft eine Castingshow. Merle sitzt auf der Couch, wir haben ihr Platz gemacht, den besten Platz für sie freigelassen, gehen in den Werbepausen zum Rauchen auf den Balkon und achten darauf, dass die Tür fest geschlossen ist. Kein bisschen vom Nikotin soll auch nur in die Nähe des Kindes kommen, haben wir einstimmig beschlossen.

Die Kandidaten sind schlecht. Peinlich. Und bewundernswert für ihren vergessenen Stolz. Ein dicker Junge aus der Vorstadt, der in seinen zu groß geratenen Klamotten noch dicker wirkt, fliegt raus. Niemand glaubt ihm, dass sein Leben ein Haufen Scheisse ist, dass er jeden Tag kämpfen muss, um seinen Platz zu behaupten. Er wirft sein Baseballcap auf den Boden, hebt den Mittelfinger in die Kamera und beschimpft uns. Wir wären Nigger, die er alle fertig machen würde, schwule Wichser aus der Gosse und ohne Rückgrat oder Charakter. Da ist kein Reim in seiner Sprache, sagt Merle.

Der dickliche Junge und seine Gang. Schon sind Securities auf der Bühne und wollen ihn beruhigen, aber er flippt jetzt erst richtig aus. Wir würden sehen. Wir würden es sowas von sehen. Wir würden nicht wissen, was Genie ist und was Pleite. Er schreit mittlerweile. Ich zeig dir, was geht, wo du ohne Ahnung bist, weil du ein Spack bist, dabei deutet er auf die Moderatorin, sie hält sich fassungslos an ihrem Mikro fest. Die Fassungslosigkeit ist doch sowieso nicht echt, sagt Merle, die freut sich über die Quoten und die Schlagzeile in der Bild: „Dickes Ghetto-Kid flippt bei Stars on Stage aus!“ Wir lachen. Merle lacht. Ernesto lacht mit.

Die Goldkette um den Hals des dicken Jungen schlackert. Er gestikuliert immer wütender. Bewegt laufend seine Arme vor und zurück und hält die beiden Mittelfinger in die Kamera. Die Finger sind tätowiert, aber es ist nicht genau zu erkennen, was er da tätowiert hat. Seine Unterarme sind tätowiert. Am Halsansatz zeigt sich eine Tätowierung. Das hat sicher eine Menge gekostet, sagt Merle. Einer der Ordner versucht den Jungen jetzt von der Bühne zu drängen, aber der wehrt sich und beginnt um sich zu schlagen, ein paar Sekunden lang schauen wir dem Gerangel zu, dann wechselt das Bild. Jetzt wird eine Doppelhaushälfte gezeigt, und davor ein gepflegter Garten, irgendwo in der Republik. Ein kleinerer Ort, ein unwichtiger Name. Wir haben den Namen seiner Heimatstadt vergessen. Nicht aber die Bilder, wir kennen sie noch gut, vom ersten Mal, als wir sein Vorstellungsvideo gesehen hatten.

Da der Zeitraffer durchs Haus in sein Zimmer und da war die Vorstadt vorbei gewesen. Da ging es unvermittelt ums Überleben, da hingen die Bilder toter US-Rapper an der Wand, da stand der Rechner und das Keyboard und das Mikrofon und zwei Plattenspieler, Marke AEG, das Logo war nicht geschwärzt worden. Seine Mutter saß in der nächsten Einstellung im Garten auf einem Stuhl aus Rattanholz und erklärte uns, wie sehr ihr Sohn den Rap mögen würde, wie sehr sie ihm wünschte, dass aus ihm ein großer Rapper würde, wenn nur dieses Gangstertum nicht wäre, aber was solle man machen, das gehöre doch zusammen, sagte ihr Sohn immer. Ein guter Junge, das sei er wirklich. Und die nächste Einstellung zeigte ihn vor einer Mauer mit Graffitis und anderen in seinem Alter, Scherben am Boden und Kippen in der Hand. Im Hintergrund, hinter der Mauer, ein Industriegebiet, das kann doch nicht dieselbe Stadt sein, sagte Merle, vorhin war da alles flach, als man das Haus sah, da waren keine Hügel und keine Schornsteine, nirgends, nur flaches Land, bis zum Horizont, hatte Merle gesagt und darauf beharrt, dass man das Haus ja zuerst schräg von oben gesehen hätte, dass dabei der Horizont sichtbar gewesen wäre, dass es einen Schwenk um dreihundertsechzig Grad gegeben hätte und da wären keine Hügel und keine Schornsteine gewesen, so.

Weil wir alle wild diskutieren, welche Auswirkungen das alles nun auf die Schlagzeile morgen hätte, haben wir wieder nicht mitbekommen, ob Merle nun Recht hat oder nicht, ob nicht nur der Junge ein Fake ist, sondern auch das Video und schließlich einigen wir uns darauf, dass es doch egal ist, wer was faked, solange es unterhält.

Die Freunde des dicklichen Jungen aus der Vorstadt trugen keine Tätowierungen, aber die Oberarme vor der Brust verschränkt, und Muskelshirts. Breitbeinig standen sie da.

Also diese Jungs da waren echt, die hätten auf der Bühne stehen sollen, die wären weitergekommen, vielleicht, sagt Merle und streichelte ihren Bauch. Wir sind froh, dass sie nicht in einem solchen Video zu sehen ist. Dass Ernesto, der sich oberhalb ihres linken Hüftknochens ein bequemes Plätzchen eingerichtet hat, auf diese Weise der Welt erspart bleibt.

Weil wir alle älter wurden.

Die Krise

25. April 2011

von Markus Michalek

Am Tag danach begann die Krise. Weniger mit einem Knall, wie es sich für eine Krise vielleicht gehört hätte, eher mit einem leisen „Plopp“. Leise genug, um es zu überhören, wenn man nicht genau darauf achtete.

Weder nahm Hagen M. den Staub in seiner Wohnung wahr, noch wie sich in den letzten Tagen die Post immer mehr in seinem Briefkasten angesammelt hatte; mittlerweile quoll er über, neu hinzugekommene Briefe, eine Wochenzeitung im Abo und Werbezettelchen. Aber auch ausgewachsene Werbesendungen, fein säuberlich in Plastik eingetütet, ebenso wie die wöchentliche, frei zugestellte TV-Zeitung quetschten sich in den schmalen Schlitz, krallten sich an dessen Rand fest, versuchten krampfhaft, nicht kopfüber zu Boden zu segeln. Hagen nahm das alles einfach nicht wahr. Sicher, er wusste, wann Tag war, wann Nacht. Er wusste, wann er das Läuten des Radioweckers beenden musste, um sein Tagwerk zu beginnen. Er wusste, wann die Milch im Kühlschrank abgelaufen war, wann es an der Zeit war, Pfandflaschen zurückzubringen, wann es an der Zeit war, Freunde zu treffen. Er wusste, wie oft in der Woche er bei Claudia, seiner Lebensabschnittspartnerin, über Nacht zu bleiben hatte. Der Entschluss, auf eine gemeinsame Wohnung zu verzichten, die Beziehung aber dennoch aufrechtzuerhalten, war in gegenseitigem Einvernehmen erfolgt, auch wenn Claudia ab und an immer noch bemängelte, eine derartige Getrenntheit sei ihrem Alter nicht mehr angebracht, aber schließlich hatten sie sich eben geeinigt und in den letzten vier Jahren lieferte dieses Thema keinen Anlass mehr für Streitereien.

Die anderen Dinge, den übervollen Briefkasten etwa, oder die Staubschicht, die sich erst fein, dann dicker über sein Fenster, von dort aus über das Fensterbrett und schließlich den Boden gezogen hatte, nahm Hagen allerdings nicht wahr. Er wunderte sich nicht über die Spuren im Staub, die von Tag zu Tag zunahmen und in den Umrissen seinen Füßen, oder der Form seiner Schuhe ähnelten.

Hagen M. war dennoch ein gewissenhafter Mann. Als Techniker angestellt auf der mittleren Ebene einer führenden Telefongesellschaft, arbeitete er Tag für Tag daran, die Kommunikation zwischen den Menschen zu verbessern. Er wusste um die Wichtigkeit seiner Arbeit. War Kommunikation doch alles; hieß es in den zahlreichen Meetings, an denen er bislang teilgenommen hatte, doch immer, Wir kommunizieren Menschen – wir machen Menschen glücklich! Hagen hatte immer genickt und eifrig applaudiert, wenn das Management, in seinem Fall bestand das Management aus Anne T., einer jungen, ambitionierten Frau mit äußerst schicken Businesskostümen, in den Meetings an diesen Punkt gelangte. Und abgesehen davon kündigte dieser Punkt für gewöhnlich das Ende eines jeden Meetings an.

Hagen M. war nur noch wenige Tage von seinem nächsten Geburtstag entfernt, als die Krise begann und weil sie mit einem leisen „Plopp“ und nicht mit einem lauten Knall begann, weil die Krise sein Lebensprinzip übernommen hatte, ja gestohlen hatte, wollte er zuerst nicht wahrhaben, wie sie begann, obwohl er sich selbst für einen gewissenhaften Mann gehalten hatte, dem nur wenig entging.

Der Frühling hatte zögerlich begonnen, bis in den Mai hinein war immer wieder Schnee gefallen. Nicht der dicke Schnee des Winters, eher kleinere Flocken, die Hagen und seinen Mitmenschen zu einer anderen Jahreszeit eher willkommen geheißen hätten – jetzt ergaben sie nur noch einen grauen Brei auf den Straßen, der schnell schmolz, wenn er nicht über Nacht anfror. Die Krise hatte schon längst begonnen, als Hagen an einem Montagmorgen unvermittelt ein Gefühl verspürte, das ihn in seiner Neuheit, seiner Frische und seiner Unvorhersehbarkeit derart überraschte, dass er innehielt, einfach stehenblieb. Er hatte ziemlich genau die Hälfte seines Fußwegs zur nächsten U-Bahnstation erreicht, als er seine Jacke enger um sich zog, einem anderen Passanten auswich, einen Fuß vor den anderen setzte und ein leises „Plopp“ hörte. Er sah nach unten und entdeckte, dass er eine Plastiktüte zertreten hatte. Sie lag auf einem kleinen Schneehaufen, den jemand kurz zuvor dort zusammengeschippt und festgedrückt hatte. Hagen M. hielt inne. Er fröstelte, bemerkte wie sein Puls anschwoll, wie er heftiger zu atmen begann und betrachtete zuerst verwundert, dann mit zunehmendem Entsetzen die Schwaden kalter Luft, die er aus sich herausatmete.

Hagen M. verspürte Sehnsucht. Später, als er in seinem Bürostuhl saß und am Rechner seine Symptome des morgigen Zwischenfalls in die Suchmaschine eingab, wusste er nach wenigen Klicks und der Lektüre eines ersten Absatzes, woran er litt. Sehnsucht. Er sprach dieses Wort leise aus und dachte daran, wie sehr er in seinem vorigen Leben zufrieden gewesen war. Jetzt, wo er sich erinnerte, fiel ihm kein Moment mit einer ähnlichen Empfindung wie der heutige Morgen ein. Er sagte leise, „ich habe Sehnsucht“ und ein Kollege, der nur zwei Meter entfernt ebenfalls am Rechner saß, blickte irritiert auf; fragte, was er, Hagen, denn gerade gesagt habe. Hagen M. schüttelte den Kopf, wiederholte im Stillen seine Worte, nur um überrascht zu erkennen, dass es bei diesem Satz blieb: „Ich habe Sehnsucht.“

Er starrte auf seinen Bildschirm und zwang sich, weiter zu lesen. Dort stand, dass es unmöglich wäre, das Objekt der Sehnsucht zu erreichen. Unendlich – unmöglich. Hagen M. schluckte. Dass das Scheitern daran einen Todeswunsch auslösen könne. Hagen M. verspürte Angst. Wonach sehne ich mich eigentlich, fragte er sich, wonach nur, denn wenn durch seine Sehnsucht vielleicht sein Tod ausgelöst werden würde, wollte er wenigstens wissen, wofür er sterben werde.

„Unsinn“, sagte er schließlich lauter und der Kollege, der links von ihm konzentriert am Rechner saß, lehnte sich zurück und fragte, was denn Unsinn wäre? Ohne zu Andreas L. hinüberzusehen, der wie Hagen einen Großteil seines Arbeitslebens für die Telefongesellschaft aufgebracht hatte – auf deren Fahnen der Slogan, „wir kommunizieren Menschen, wir machen Menschen glücklich!“ stand – antwortete er: „Nichts. Nichts ist Unsinn“, worauf hin der Kollege nuschelte, sich derartiges in Zukunft am Arbeitsplatz zu verbitten – es sei jetzt das zweite Mal, dass eine solche Äußerung Hagens ihn aus seiner Konzentration gerissen hätte. Hagen entschuldigte sich bei ihm. Nur um anschließend mit zusammengepressten Lippen mehrmals zu murmeln, „Unsinn, Unsinn, Unsinn!“, allerdings achtete er darauf, dass sich das Summen, das seinen Mund nun verließ, nicht bis zu Andreas L. ausbreitete. Ein kurzer, prüfender Blick zur Seite zeigte den Kollegen, der wieder in seiner üblichen konzentrierten Haltung, den oberen Teil des Rückens leicht gekrümmt – den unteren kerzengerade, vor dem Bildschirm saß. Hagen entließ ein weiteres Summen aus seinem zusammengepressten Mund und las weiter. Der Rest des Artikels befasste sich mit der Frage nach Sinn. Hagen zögerte. Musste Sehnsucht denn wirklich einen Sinn haben? Bis Mittag las er vier weitere Artikel zum Thema und summte dabei vor sich hin, blieb mit diesem Geräusch aber in einer Frequenz unterhalb jenes Brummens, das von den Computern erzeugt wurde. Andreas L. beschwerte sich nicht weiter bei ihm.

In der Mittagspause schlich er sich auf eine der zahlreichen Toiletten. Er wählte den elften Stock. Da die Kantine im vierten lag, hielt Hagen es für sehr unwahrscheinlich, dass ihm hier jemand begegnen würde. Sein Spiegelbild schien ihm nicht anders als die Jahre zuvor. Sicher, es hatte Änderungen gegeben. An den Stirnecken zogen sich die Haare immer weiter zurück. Um den Mund herum betrachtete er Spuren seines bisherigen Lebens, ebenso wie an den Augen und auf der Stirn. Falten. Das gehörte nun mal dazu. Auch der Grauschimmer seiner seitlichen Kopfhaare erstaunte ihn nicht. Die Änderungen waren schleichend geschehen, er wusste, dass er sie nie wirklich entdeckt hatte, eher registriert – wie er eben einen Fehler im Kommunikationssystem registrierte und ihn anschließend bereinigte. An seinem Äußeren fand er, hatte es nie etwas gegeben, dass bereinigt hätte werden müssen. Aber heute Morgen; dieses leichte Aufploppen der Plastiktüte, der emotionale Ausbruch, der ihn immer noch beschäftigte – was genau verbarg sich denn hinter seiner Sehnsucht? – beunruhigte ihn mehr, als die tiefen und weniger tiefen Falten in seinem Gesicht. Alles in allem fand er dennoch, dass er sich ziemlich gut über die Jahre gehalten hatte. Und Claudia bewies das. Er sah auf die Uhr.

Nach dem vierten Läuten hob sie ab. Sie sprach mit vollem Mund, er wusste, dass sie ebenfalls gerade Mittag machte. Stellte sich vor, wie sie ihm Kollegenzimmer über ihrer Plastikbox saß und den Salat verzehrte, den sie sich für gewöhnlich bereits Morgens zubereitete, zumindest viermal morgens pro Woche, wenn er neben ihr erwachte. Wie sie stilles Wasser direkt aus der Flasche trank, weil sie der Meinung war, dass Kohlensäure schlecht für die Gesundheit wäre und außerdem den Körper in Aufruhr versetzte. Anstatt „Hallo“ oder etwas Ähnliches zur Begrüßung zu sagen, fragte er direkt: „Weißt du was Sehnsucht ist?“ Am anderen Ende der Leitung hörte er sie kauen, das Kauen brach ab, vermutlich schluckte sie gerade, dann sagte sie:
„Hallo Hagen“
„Weißt Du was Sehnsucht ist?“
„Natürlich weiß ich das. Du doch auch! Warum willst du das wissen?“
Hagen schwieg. Ihr „du doch auch!“ ließ in ihm das Gefühl des Morgens wieder hochsteigen, als er mit einem Fuß auf der Plastiktüte, zertreten auf dem Schneehäufchen, seine Jacke fester um sich gezogen hatte und unvermittelt stehen geblieben war.

„Sag mir doch lieber, was Sehnsucht für Dich bedeutet“, bat er sie schließlich. Im Hintergrund hörte er, wie es in Claudias Kollegenzimmer lauter wurde, mehrere Stimmen mischten sich in das Geräusch einer geöffneten Tür, die wieder zufiel, wieder geöffnet wurde, dann sagte jemand „Hallo Claudia, trinken wir noch einen Kaffee zusammen?“, er hörte sie „Moment, ich bin am Telefon“ antworten, hörte, wie jemand „Entschuldigung, ich wollte nicht stören“ sagte. Dann war ihre Stimme wieder direkt in Hagens Ohr. Sie sprach sehr leise, sodass er sich nicht sicher war, ob er sie wirklich verstand. „Sehnsucht ist das Verlangen nach einem Ziel, auf das ich hinarbeite. Wenn ich es erreicht habe, bin ich glücklich“, sagte sie und fügte hinzu, „hör mal Hagen, hier ist grade viel los, ich kann nicht wirklich sprechen und meine Mittagspause ist fast vorbei, können wir später darüber sprechen? Wir sehen uns ja übermorgen Abend, in Ordnung?“ Fast hätte er gefragt, ob sie nicht heute Abend schon Zeit für ihn hätte, aber sie hatten sich ja erst gestern gesehen und so antwortete er nur, „Ja, bis übermorgen“, machte mit seinen Lippen ein Kussgeräusch und legte auf. Er spürte, wie er zu schwitzen begann.

Bis zum Ende seiner Mittagspause schloss er sich in einer der Kabinen ein, wo er die Wand der Toilettentür anstarrte. Er saß kerzengerade auf dem Deckel des Klosetts und versuchte, mit Atemübungen seinen Puls, der mit Beginn des Schwitzens beängstigend an Geschwindigkeit zugenommen hatte, zu regulieren. Gerade als seine Kabine verlassen wollte, betrat jemand den Toilettenraum. Hagen hielt inne, öffnete leise den Deckel zum Klosett, riss mit einigem Lärm ein paar Streifen Klopapier ab, spülte sie hinunter. Jetzt wurde die Kabine neben ihm betreten, Hagen räusperte sich und trat nach draußen, er ließ den Wasserhahn ein paar Sekunden lang laufen, betätigte den Trockner; er verließ die Toilette im elften Stock und schlich sich zurück in sein Büro.

Es fiel ihm schwer, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren und er verließ seinen Arbeitsplatz das erste Mal, seit er bei der Telefongesellschaft begonnen hatte, um eine Stunde und fünfzehn Minuten früher, als es vom Management gewünscht wurde. Ohne zu zögern fuhr er zu Claudias Wohnung. Sie öffnete ihm, erstaunt. „Hör zu, es gibt eine Änderung“, sagte er, „ich muss wirklich wissen, was es mit dieser Sehnsucht auf sich hat.“

Im Paradies

29. März 2011

von Markus Michalek

Weil sich das dunkle Becken mit erschreckender Geschwindigkeit rot färbte und sich die Wasseroberfläche wieder beruhigte; wo zuvor noch wütende Strudel und kurz aufzeigende Fischleiber gewesen waren: es ist egal, in welcher Reihenfolge Jakob beginnt.

Die zweiflügelige Tür nach draußen aufgestoßen, schlägt ihm die Abendsonne entgegen. Wie schön es ist, wenn sie sich über den Bergkamm senkt. Unterhalb der scharfzackigen Felsen beginnt ein sattes Waldgrün, seine Ausläufer ziehen sich bis zur Grenze des Anwesens. Es ist zu schön – nach wenigen, hastigen Schritten über den Kiesweg bleibt er stehen. Hinter ihm das Anwesens, er hört noch die ersten unter dem Türrahmen gesprochenen Worte, ehe sie ins Innere gegangen waren, „Jakob, schön, dass Du gekommen bist. Diese Landschaft ist ein Paradies, findest Du nicht? Ein Paradies, das mir gehört.“
Jakob hatte geschwiegen; gedacht, dass niemand ein Paradies besitzen sollte. „Bis hinten über den Wald hinaus, gehört alles mir“, sagte Lukas nochmals. In diesem Blick lag nur Stolz. Kurz darauf waren sie hinein gegangen.

In den großen Fenstern des ersten Stocks spiegelt sich das Abendlicht. „Leb wohl Lukas“ und er denkt daran, wie sich das Wasser wütend kräuselte – kein würdiges Ende. Seine Hände zittern. Bis zum Dorf sind es nur fünf Kilometer und dennoch, fast eine Ewigkeit. Zwischen den Bäumen eine dämmrige Stille – nur von einem gelegentlichen Knacken durchbrochen, es riecht nach totem Holz. An der dritten Kurve ruht er aus. Er möchte weinen, nur …

Durch den Wald hört er die Kirchenuhr für die Abendmesse läuten. Die Menschen werden in der Kirche sein. Nur wenige werden sich später an mich erinnern, denkt er. Es ist gut, dass es die Kirche gibt. Der Heiland gewährt allen Schutz. Auch Sündern. Seine Wege sind unergründlich, sein Schutz ebenfalls. Er würde den Bus nehmen, in die nächste Stadt, den Zug in die nächste größere Stadt, dort den Transfer zum Flughafen, den Flieger in ein Land, irgendein Land. Und langsam geht er weiter, hinab ins Dorf.

Sie saßen vor dem offenen Kamin, Jakob versuchte sich vorzustellen, wie Lukas hier lebte. Am Abend, das Licht über dem Wald – am Morgen vielleicht wabernder Nebel, der Geruch von Frische. Nachts, die Tiere. Vor allem aber die Stille. „Es ist so still, dass man oft anstelle der Stille etwas anderes hören kann“, sagte Lukas und als Jakob fragend mit den Schultern zuckte, sagte er: „ich höre, wie die Zeit vergeht. Ich höre den leisesten Windhauch, der um den Stamm eines Baumes streicht. Ich höre die Abwesenheit von Lärm und weiß, dass ich lebe.“ Lukas hatte sein Weinglas abgesetzt und wandte sich ihm zu, „Du solltest hier bleiben. Es würde dir gefallen und es würde dir gut tun – nur, du kannst es nicht, richtig?“ Vielleicht, dachte Jakob. Lukas´ Gesicht war leicht gebräunt, es sah richtig gesund aus, Landliebe gesund, fand Jakob. Die Augenringe, die Lukas früher fast stolz getragen hatte, waren verschwunden. „Ich bin zu jung für das Land“, antwortete er. „Quatsch“, sagte Lukas, „Wann bist du das letzte Mal mit dem Sonnenaufgang erwacht? Wir brauchen mehr Wein, wir werden auf den Morgen warten“, sagte er und ließ Jakob allein. „Ich kenne die Sonne, wie sie sich über die Stadt ausbreitet“, hatte Jakob noch leise gesagt.

Mit entschlossenen Schritten tritt Jakob aus dem Schatten der Bäume heraus und folgt dem Weg ins Dorf. Dann hört er einen Schrei. Was er erst jetzt sieht: drei Menschen, die über einem Haufen gebeugt, nah am Dorfrand stehen, nicht weit entfernt die ersten Häuser. Er weiß, es bringt ihn vom Weg ab, aber er kann nicht anders, er folgt diesem Schrei. Er ist fast dort, als er es erkennt: Eine Kuh, die gebärt. Wieder ein Schrei und er schaudert; die Vorderhufe sind bereits zu sehen, milchig und blutig klebt die Fruchtblase am schmutzigen Fell. Zunächst steht er nur einen Schritt daneben, die drei Männer beachten ihn nicht, sie ziehen, fluchen und die Kuh verdreht ihre Augen, die Zunge hängt ihr aus dem Maul, ihr Brustkorb pumpt schwer. Ob es das Kalb aus eigener Kraft ans Leben schaffen wird? Er hat den Tod heute schon einmal gesehen, ein weiterer wird nichts mehr ändern. Einer der Männer wickelt ein Seil um die kleinen Hufe des Kalbes, bemerkt seinen Schatten, blickt auf, „dass er mit anfassen soll, oder verschwinden“, die Stimme des Mannes ist grob, sein Gesicht ist von der Anstrengung gezeichnet. Jakob zieht das Jackett aus. Erschrickt. Es ist nicht seines, sondern Lukas Jackett, dass er in der Hand hält, er zögert. Aber dann greift er nach dem Seil und spannt seine Muskeln an. Er ist jetzt einer von ihnen, die Anstrengung tut ihm gut. Der Kopf des Kalbes zeigt sich, seine Augen sind geschlossen und ein toter Ausdruck liegt über dem Schädel. Soviel Mühe und Schweiß für eine Totgeburt? Die Kuh röchelt, sie röchelt, wie er nie gedacht hätte, dass ein Tier röcheln kann, die Männer lassen ihre Hände vom Seil, einer brüllt, „weiter machen“, wie wahnsinnig brüllt er sie an; mit einem kleinen „Plopp“ ist das Kalb draußen. Einer der Männer fängt an, dem neugeborenen Tier den Brustkorb zu massieren, der zweite schüttet ihm Tabletten aus einem kleinen Röhrchen in den Mund. Jakob und der dritte Mann stehen da, hilflos, wischen sich den Schweiß von ihrer Stirn, und jetzt? Er macht einen vorsichtigen Schritt rückwärts, greift das Jackett vom Boden hoch, das Kalb schlägt die Augen auf, blickt erschrocken in die Welt und einer der drei Männer fasst nochmals in die Kuh hinein, „nachsehen, ob da noch was ist“, aber außer viel Blut und dem Rest der Plazenta holt er nichts mehr heraus. Jakob dreht sich um und verschwindet mit schnellen Schritten zurück auf die Dorfstraße, als man ihm „Danke“ hinterher ruft, hebt er nur den Arm, er wird sich nicht mehr umdrehen.

Er passiert das Ortsschild, die Kirchenglocke schlägt zur Wandlung und er weiß endgültig, dass es kein Zurück mehr gibt. Er wird es nicht erklären können. Niemand wird ihm glauben. Für einen kurzen Moment ist er versucht, die Kirche zu betreten. Eine Kerze für Lukas, eine für ihn. Gleich jetzt die Messe lesen lassen. Beichtgeheimnis. Kirchenzuflucht. Jahrhundertealte Gesetze. Man wird ihm dennoch kein Asyl gewähren.

„Man legt hier noch Wert auf Gastfreundschaft“, hatte Lukas gesagt und sah ihn prüfend an. „Weil hier die Menschen noch etwas auf sich halten und gelten lassen, dass man den anderen braucht. Denkst Du, ich verdiene es nicht mehr, dein Freund zu sein?“
„Bist du nur deswegen hierher gekommen?“, Lukas blickte ihn herausfordernd an. „Du bist es doch gewesen, der fort gegangen ist, der wollte dass ich komme…“, sagte Jakob. Dann nahm Lukas seinen Arm, fast ein bisschen zu grob, „Komm, ich zeige dir etwas.“ Lukas zerrte ihn die breite Marmortreppe nach oben, durch den Salon, wo noch die Reste des Frühstücks standen, hinaus auf den Balkon im ersten Stock. Lukas Griff war fest, Jakobs Arm begann zu schmerzen. Vor ihnen lag der Garten des Anwesens, gepflegt, liebevoll ausgestattet mit kleinen Statuen, Blumenbeeten, einem Springbrunnen. Als Lukas losließ, rieb sich Jakob verstohlen die schmerzende Stelle. Lukas stützte sich auf die Brüstung, „das alles hier gehört mir…“
„Ist es denn so verdammt wichtig, dass es dir gehört?“
„Ja. Besitz ist das einzige, was uns am Ende bleibt.“
„Bist du es nicht müde?“
„Manchmal.“
„Warum bleibst du dann hier?“
„Warum sollte ich fortgehen?“

Wie Lukas unvermittelt eine Pistole in der Hand hielt, das Magazin herausschnellen ließ, es auf die Brüstung des Balkons legte, den Hahn spannte und Jakob den dunklen Lauf ans Auge hielt. „Tu es doch, tu es doch“, Jakobs Stimme war nur ein Flüstern, sein Auge blinzelte nicht. „Glaubst Du mir, dass noch eine Patrone in der Kammer ist?“, fragte Lukas. Jakob schwieg.

Lukas, der den Hahn vorsichtig entspannte, das Magazin wieder hinein schob und durchlud. „Keine Patrone in der Kammer“, sagte er und lachte. Ohne irgendeine Warnung zerschoss er in schneller Folge vier der kleinen Statuen, die im Garten verteilt waren. Erde spritze hoch und Scherben, dazwischen standen die Blumen sauber in Kreisen arrangiert. „Du bist ein guter Schütze“, sagte Jakob.
„Gehen wir hinein“, antwortete Lukas. „Die Jahre, die zwischen uns stehen“, hatte Jakob leise gesagt und sich eine Zigarette angezündet, ehe er Lukas ins Haus gefolgt war.

Auf dem Weg durch das Dorf denkt Jakob an das Kalb und ob es sein Leben zu schätzen weiß, und die Mutter, die röchelnd am Boden lag. Ob man ihn, Jakob, ebenfalls mit einem Seil herausgezogen hätte, oder einer Zange, wenn es nicht aus eigener Kraft gegangen wäre? Der schmale Grasstreifen der die Straße säumt, ist grau und schmutzig dort. Blutiges Gras hat er heute schon gesehen und Grünes, sauber geschnittenes, gestern noch.

Wie lange wird es dauern, bis man es entdeckt? Wie wird es sein, wenn man Nachforschungen anstellt?

In der linken Innentasche von Jakobs Jackett befindet sich sein Geldbeutel. Mit dem Ausweis, dem Führerschein, seinen Bankkarten, seiner Gesundheitskarte, einigen Kassenzetteln, einer abgestempelten Bahnkarte, die noch von der Fahrt hierher stammt. Einkaufszettel und anderes Kleinpapier geben weit mehr als nur seine Essgewohnheiten Aufschluss. Lange, bevor man Jakobs Wohnung durchsuchte, weiß jeder, der einen Blick in seine Brieftasche wirft, dass er gerne frische Milch trinkt. Dass er kein oder nur wenig Fleisch ist, dafür aber jede Menge Fisch. Dass er raucht. Dass er Mitglied in der Gewerkschaft ist. Dass er seinen Kaffee gerne in den gleichen Cafes trinkt und von dort Zehnerkarten gesammelt hat, manchmal zwei vom gleichen Cafe mit verschieden abgestempelten Feldern. Dass er Mitglied einer Singlebörse im Internet ist. Dass er sich gern erinnert, wie einige Fotos beweisen. Es ist nicht leicht zu erkennen, wer er ist; die Fotos sind alt, alle waren gerade eben Anfang Zwanzig, als sie entstanden sind, aber, man kann ihn erkennen.

Sein Profil wird in kürzester Zeit erstellt. Studienkollegen, alte Freunde, dann Feinde, schließlich. Aber herauszufinden, warum die letzten vierundzwanzig Stunden geschehen sind, das wird ihnen schwerer fallen – Zeit, die Jakob bleibt.

Die Fährte

14. Februar 2011

von Markus Michalek

Die schmale, abgetretene Holztreppe hinauf, drei Stockwerke lang vorbei an der grünlich gestrichenen Wand; die vielen Kratzer im Lack, ja. Muss Lackfarbe sein, wie sie blättert, wer dort alles mit seinem Finger entlang gekratzt hatte, dachte er, setzte Fuß vor Fuß auf die Dielen. Knarrt. Kracht. Knackt. Kratzt. Die Wand entlang. Staub. Grünliche Wandfarbe. Fahl. Wie in der Wüste, fahleswüstenkakteengrün, denkt er. Die Luft trocken, ausgetrocknet, ausgedörrt, Atemzüge, knarrt, kracht, knackt, kratzt im Hals; hier, im Treppenhaus, auch. Zwei Stockwerke hinauf. Schmales Fenster, das sich auftut in den Innenhof. Draußen Dämmerung, kahle Bäume. Kalter Luftzug, der Rahmen verzogen, schließt nicht mehr richtig, kalter Luftzug, mit Staub gemischt.

Durstig war er gewesen, in der Kakteenwüste, so durstig, dass er auf die Pflanzen eingeschlagen hatte, zuerst auf den Stamm, dann auf die Blüten, schließlich mit einem Steinkeil; bis es ihm gelang, einige Stücke herauszubrechen. Aber da war nur Staub im trockenen Fruchtfleisch gewesen. Wüstenstaub, grünlicher Wüstenstaub, Kakteengrünstaub und ab und an schon fast verwischte Spuren eines Tieres am kargen Boden.

Er bleibt einen Moment lang am Fenster stehen, sieht in die Dämmerung hinaus, zwischen den Bäumen ein verwaister Sandkasten; dass hier einmal ein Kind gespielt hätte, oder vielleicht auch zwei, erinnern kann er sich nicht daran, höchstens vielleicht ein Hund, den jemand dort hinführte, zwischen die mageren Bäume und der Sandkasten. Er tut einen vorsichtigen Schritt, knarrt, kracht, knackt, kratzt, der Fensterladen weiß gestrichen, mattweiß, nikotinweiß, altersweiß, staubig, ehemals weiß.

Irgendwann die Straße zwischen den Kakteen entdeckt und an ihr entlang gelaufen, gegangen, geschlichen, gekrochen schließlich, die Zunge hatte am Gaumen festgeklebt. Blick vor und Blick zurück, da war kein Wagen gewesen, auch am Horizont nicht und schon gar nicht an dessen Ende oder gar darüber hinaus, nichts zu sehen, nirgends. Schritt für Schritt.

Er weiß heute nicht mehr, wie es bis zur Tankstelle geschafft hat. Sie war da, er ist sich absolut sicher, er weiß es; sie tauchte einfach auf, aus dem Nichts der endlosen Kakteen, wuchernd, ein weißbemaltes Holzhaus, einstöckig. Eine Zapfsäule nur, hinter staubigen Fenstern die Hoffnung auf Wasser und in der offenen Tür, dort stand ein Mensch.

Im dritten Stock angekommen. Platz nehmen auf dem dafür vorgesehenen Stuhl, ein moderner Stuhl, Metallbeine, hell gebeiztes Holz, eine feste Sitzfläche und die Rückenlehne gibt nur leicht nach, er muss sich fast dagegen stemmen. Er lauscht. Nur der leise Takt seiner Füße, die auf dem Laminatboden auf und ab wippen. Fünfzehn Minuten zu früh. Er steht wieder auf, löscht das Licht, sitzt dann im Halbdunkeln. Blaugrün schimmernd.

Wasser hatte es gegeben. Im Überfluss. Nicht nur, um zu trinken, er säuberte sich. Sie sah ihm amüsiert dabei zu, wie er sich unter den Achseln wusch. Ein sauberes Handtuch, um sich anschließend trockenzureiben, sogar ein gebügeltes, kariertes Hemd reichte sie ihm. Whiskey. Zigaretten. Ein Sandwich. „Komm mit“, sagte sie, als er zufrieden grinste. Sie ging mit langsamen Schritten hinters Haus, die eine Hand ausgestreckt; als wollte sie Abstand halten, dachte er. Er folgte ihr, dankbar, für Wasser, Zigaretten, das Sandwich und den Whiskey. Er wusste, er wäre ihr überall hin gefolgt. Hinterm Haus, eine lange Metallkette, die sich in den Kakteen verlief. Sie pfiff, einmal, zweimal. Er fragte sich nicht, was vielleicht zwischen den Kakteen hervorkommen würde. Er stand einfach neben ihr, die Hände in die Hosentaschen seiner Jeans gesteckt, wartete. Als die Kette zu klirren begann, verspürte er keine Angst.

„Du kannst sie ruhig streicheln“, sagte sie, als der Puma näher kam. „Sie ist zahm, ich hab sie seit ein Baby ist“, sagte sie, dann nahm sie die Kette weg. Er nickte und streckte seine Hand aus, fuhr der Raubkatze durchs Fell. Weicher, als er es sich vorgestellt hatte und dennoch, rau. Der Puma schnurrte, rieb den Kopf an seinem Oberschenkel, fauchte einmal, zweimal, die Sonne brach sich auf den Reißzähnen. Er sah ihr in die Augen, er sah der Katze in die Augen. Blaugrün.
„Komm“, sagte sie, gab dem Puma einen Klaps auf den Hintern, schickte ihn mit einer Kopfbewegung weg, er starrte dem Tier hinterher, wie es gemächlich zwischen den Kakteen verschwand, unter dem Fell das grazile Muskelspiel, erst jetzt schauderte er und griff nach ihrer Hand, „Wir folgen ihrer Fährte“, sagte sie. Er sah in ihre blaugrün verwischten Augen hinein; spürte, wie sein Herz schlug. Staub aufgewirbelt zwischen blassgrünen Pflanzensäulen, trockene flirrende Luft. „Glaubst du dass wir auf Menschen treffen?“, fragte er . Sie zuckte mit den Achseln, „Ich weiß nicht. Was denkst du?“, sagte sie schließlich. „Den Horizont entlang nur Kakteen und am Ende, gezackte Felsen. Ich glaube nicht, dass wir hier jemand begegnen werden“, sagte sie dann. Er begann, sich das Hemd aufzuknöpfen, zog es aus. Sie wollte nur zu gern denken, immer schon habe sie seine Schultern gemocht; aber immer schon?, sie kannte ihn doch erst seit einem halben Tag. „Die Sonne wird dich verbrennen“, sagte sie. Er lachte. „Geben die Kakteen denn eigentlich wirklich kein Wasser?“, fragte er und ging auf eine der Pflanzen zu, bückte sich, hob einen Stein auf, versuchte ein Stück aus dem Stamm zu brechen, riss sich die Haut an den Dornen auf. „Manchmal geben sie schon“, sagte sie und trat zu ihm, legte ihm ihre Hand auf die Schulter. Er ließ die Berührung geschehen, hielt inne. Seine Haut so heiß bereits, dachte sie und strich ihm über das Schlüsselbein, „mach weiter“, sagte sie.

Und sie wusste, sie mochte das Spiel seiner Muskeln, wenn er auf den Stamm einhieb. Aber alles, was er erntete, war trockenes Pflanzenfleisch; lächelnd, mit zusammengebissenen Zähnen brach er die größeren Stücke entzwei, hielt ihr das üppigere entgegen, gierig saugten sie daran.

Wieso er im Dunkeln wartete, es gäbe doch genügend Licht hier? Er müsse sich doch nicht verstecken, oder gar fürchten, das hätten schließlich schon andere vor ihm durchgestanden. Er zuckt mit den Achseln, steht auf, folgt der einladend ausgestreckten Hand, hebt vorsichtig den Fuß über die hölzerne Türschwelle, will vermeiden: Knarrt, knackt, kracht, kratzt.

Sie sitzen ihm gegenüber, ordnen ihre Papiere, er blickt auf das Fenster hinter der Kommission. Dort an der Scheibe spiegelt sich ihr Gesicht, die Augen, der Horizont, die Kakteen, blaugrün schimmernd. Er atmet ein, als sie ihm die ersten Fragen stellen. Er atmet aus, beginnt er zu antworten. Er spürt sein Herz schlagen. Die Augen, sie lächeln.

Protokoll eines Sonntagnachmittags

9. Januar 2011

von Markus Michalek

Ich sitze nicht wie oft hinten rechts, sondern vorn, auf dem Beifahrersitz. Es ist eng, der Platz beschränkt, Jan beschwerte sich mehrmals darüber, dass seine Läuferknie schmerzten, ich stellte den Sitz zurück. Sie schmerzen immer, seit er aufgehört hat, auf Wettkämpfen zu laufen. Die Elektrotherapie hat bislang nicht geholfen. Vaters Hände liegen auf dem Lenkrad, in der drei-neun Position, die Knöchel seiner Arbeiterhände treten weiß hervor. Ich würde gern das Radio anschalten, aber ich weiß genau, dass es nur zu Streit führen wird. Wir stecken fest, die Räder haben sich tief in halbgefrorenen Schneematsch gefressen und die Heizung ist ausgefallen. Auf der Windschutzscheibe eine dicke Schicht trübes Kondenswasser, das langsam aber sicher einfrieren wird. Niemand sagt ein Wort.

Mittags noch war alles gut gewesen, der Jahreszeit entsprechend kalt, Eisblumen am Küchenfenster, aber die Sonne schien und als Vater am Tisch vorschlug, gemeinsam einen Ausflug zu machen, um danach Mutter zu besuchen, nickte Jan und ich sagte „warum nicht?“ Wir hatten drei Gänge gegessen, Brokkolisuppe von Jan, Nudeln mit Käsesauce von mir und Winteräpfel mit Zimt und Joghurt von Vater. Wir waren uns einig, dass das ein gutes Essen gewesen war. Ich wusch ab, Jan trocknete, Vater saß in seinem Zimmer, vielleicht las er, Musik war keine zu hören; vermutlich rauchte er wieder, er dachte, wenn er nur das Fenster offen ließe, dann würde sich niemand von uns daran stören, aber vielleicht war es ihm auch einfach nur egal.

„Wohin“, fragte er und Jan schlug den See vor, ich wollte lieber in die Stadt, in der Zeitung hatte ein Artikel von einer neuen Ausstellung gestanden und Vater war es egal. Also an den See, „die Natur wird uns gut tun, du wirst sehen“, sagte er zu mir, als ich widerwillig nachgab. Wir leben doch in der Natur, das Dorf besteht doch nur aus sechzig Häusern, aber ich schwieg. „Und danach zu Mutter“, sagte er und ließ den Wagen an. Ein guter Wagen, er hatte ihn erst letzten Herbst gekauft, die alte Kiste tauge doch zu nichts mehr, hatte er gesagt und gelacht. Jan war voller Begeisterung mit ihm die Bedienungsanleitung für die Elektronik durchgegangen; außer dem Navi-System gab es eine Telefondockingstation, eine Kamera, die das Rückwärtseinparken erleichtern sollte und zusätzlich noch einen Abstandsmesser. Sitzheizung, Klimaanlage und Radio natürlich auch.

„Mir wird kalt, warum steigen wir nicht aus?“, fragt Jan. Ja, warum eigentlich nicht. Ich würde gern mit meinem Finger kleine Figuren auf die beschlagene Windschutzscheibe malen, aber Vaters verschlossener Gesichtsaudruck und das Weiß seiner Knöchel halten mich davon ab. „Du musst deine Beine bewegen. Oder spann die Pobacken an, lass wieder locker, spann an, irgendwann wird dir schon warm“, sage ich. „Meine Knie tun weh“, „hör auf zu jammern“, sage ich. Vater schweigt.

Auf den Feldern lag matschiger, grauer Schnee, den ich sonst nur aus der Stadt kannte, es hatte zu tauen begonnen, überall tropfte es. „Wenn es kälter wird, friert alles wieder an“, sagte Vater und deutete auf das Eis, das den See bedeckte. An einigen Stellen war bereits das Wasser zu sehen. Auf einem Schild stand „betreten der Eisfläche auf eigene Gefahr“, aber niemand wäre auf die Idee gekommen, eine derartige Eisfläche zu betreten. „Wenn es friert, könnten wir Schlittschuhlaufen gehen“ schlug ich vor. „Können wir“, sagte Vater. Wir haben uns auf den Weg gemacht, einmal um den See herum. Jeder von uns stieß kalte Luftschwaden aus, die Sonne verschwand gegen halb vier, da waren wir gerade einmal zur Hälfte um den See gekommen, Nebelschwaden lagerten auf dem Wasser. „Müssen wir wirklich noch zu Mutter“, fragte Jan. „Ja. Müssen wir. Das weißt du doch“, ich gab meinem vierzehn Jahre alten Bruder einen kleinen Klaps auf den Rücken. Er kreischte auf, rannte los, verschwand hinter einer Kurve. Jan war immer noch ein guter Läufer, wie früher, bis zu seiner Verletzung. Als wir die Kurve erreichten, war er nirgends zu sehen. „Der taucht schon wieder auf“, sagte Vater. Jan wartete zwei Kurven später, Schneebälle flogen uns um die Ohren, als wir näherkamen, schwere, matschige Schneebälle, die nicht zerpulverten, wenn sie uns trafen, sondern in kleinen Brocken auf den Boden platschten. Ich warf einige der größere Stücke zurück, aber im Gegensatz zu Jan traf ich nicht. Auf der Wiese Krähen, die aufflogen. Es war nach fünf, als wir den Wagen wieder erreichten, es dämmerte, bald würde es dunkel sein. „Fahr vorsichtig“, bat ich Vater, als er den Wagen Richtung Mutter lenkte. „Natürlich“ sagte er. Ich drehte mich halb zu Jan um, er hatte den Kopf ans Wagenfenster gelegt und sah in die anbrechende Dunkelheit hinaus. „Du erkältest dich“, sagte ich, „nimm den Kopf vom Fenster weg.“ Jan zog eine Schnute. „Mir ist aber nicht kalt“, sagte er. „Die Kälte kriecht dir über die Kopfhaut ins Hirn, du wirst schon sehen!“, ich wand mich wieder um. „Können wir Musik hören“, fragte Jan. „Wenn wir bei Mutter waren, ok?“, sagte Vater. Er fuhr schnell, aber sicher, hielt nur die rechte Hand am Lenkrad, die linke war auf die Innenseite der Wagentür abgestützt. Die Scheinwerfer schnitten ein warmes Lichtfeld in die Dämmerung. Als wir bei Mutter ankamen, war es vollständig dunkel.

Später kratzte Vater die Frontscheibe ab, Jan sagte, er wolle jetzt vorn sitzen, aber ich war schneller, war eingestiegen und hatte den Wagen von innen verriegelt. Jan stampfte mit dem Fuß auf. Vater musste die Fernbedienung benutzt haben, denn die Zentralverriegelung klackte laut, Jan riss die Tür auf und versuchte mich aus dem Sitz zu zerren. Mein kleiner Bruder legte eine erstaunliche Kraft an den Tag, aber ich war immer noch stärker, selbst, als er mich an meinen langen Haaren riss, blieb ich fest sitzen. Vater trennte uns kurz darauf. Jan solle hinten einsteigen, er könne beim nächsten Mal wieder vorn sitzen. „Machst du jetzt Musik an“, fragte ich. Er schüttelte den Kopf. Ihm sei nicht nach Musik sagte er. Immer, wenn wir bei Mutter gewesen waren, war ihm nach nichts. „Die Musik wird dir gut tun“, sagte ich. Vater blieb stur. Als wir losfuhren, fing Jan zu jammern an. Seine Knie schmerzten, ich solle meinen Sitz endlich weiter nach vorn stellen. Widerwillig gab ich nach. Vater drehte sich zu Jan um, „hör damit auf“, sagte er mehrmals, „hör endlich damit auf“, dann nahm er das Lenkrad fest in beide Hände, die neun-drei Position. „ich will nach Hause“, sagte Jan. „Wir fahren nach Hause“, sagte Vater. Es musste die vierte Kurve, vielleicht auch die fünfte Kurve der Abkürzung über den Feldweg gewesen sein, als er für einen Moment die Kontrolle über den Wagen verlor. Jan schrie, Vater schrie „Scheisse, festhalten“ und ich drückte meine Hände fest gegen das Handschuhfach. Ich glaube, wir haben uns zweimal um die eigenen Achse gedreht, ehe wir ein gutes Stück weit ins Feld schlitterten. Nach einigen Versuchen, aus dem Feld zu kommen, hatten wir uns eingegraben. „Die Hinterräder stecken etwa zwei Handbreit tief im Matsch“, sagte Vater als er wieder einstieg. Er ließ den Motor nochmals aufheulen, schlug zweimal mit der Faust aufs Lenkrad, fluchte; im selben Moment erstarb das Gebläse der Heizung. Es wurde kälter im Wagen und bald sammelte sich Kondenswasser an den Scheiben.

Hier drinnen ist es still geworden. Ob Jan eingeschlafen ist, weiß ich nicht. Ich wage es nicht, mich umzudrehen, oder auch nur meinen Kopf zur Seite zu drehen, um zu sehen, was Vater macht. Gemeinsam sind wir hier und doch jeder für sich. „Wollen wir nicht endlich nach Hause gehen“, sage ich schließlich, „Lassen wir den Wagen doch einfach hier.“ Vater räuspert sich, „gut“, sagt er schließlich und löst die verkrampften Finger. Jan ist als erster aus dem Wagen, danach Vater, als letztes ich. Es ist ein gutes Stück, das wir gehen müssen, aber ich glaube, wir schaffen es schon. Ich denke an Mutter. An ihre freundliche, aufmunternde Stimme, wie sie eine jede Mutter für ihre Kinder hat, selbst wenn sie wütend war, weil Jan und ich wieder stritten, lag noch ein Rest Freundlichkeit in ihrer Stimme. Kleine rote Grableuchten brannten dort bei ihr; lange hatten wir nebeneinander dagestanden. Jeder für sich und doch gemeinsam. Auf dem Weg zurück zum Wagen hatten unsere Schritte unnatürlich laut geknirscht, die Friedhofswege wurden gut gestreut.

Markus Michalek

7. Dezember 2010

Ab sofort wird der Schriftsteller Markus Michalek einmal im Monat für die Pathologie schreiben. Hier sein literarischer Einstand …

Über die literarische Vernetzung – die Geschichte eines Fenstersturzes.

von Markus Michalek

Das verhält sich nämlich so: Spitzbergs Bild vom einsamen, „armen Poeten“ funktioniert nur in Maßen. In sehr begrenzten Maßen. Der Austausch war schon immer einer der wichtigsten Mechanismen in der „kreativen Szene“. Am Beispiel des Poeten, der in seiner Dachkammer sitzend, ein mögliches Jahrhundertwerk verfasst:

Schreiben, ja. Schreiben muss der Dichter allein. Aber vor dem Schreiben kommen die Tage, die Nächte, die Stunden und Minuten dessen, was gern als „Leben“ bezeichnet wird. Ich schrieb einmal: wenn ich schreibe, bin ich nackt. Zu diesem Zeitpunkt war ich das nicht, zu einem anderen schon, ich kannte das Gefühl, nackt zu sein und bin es jedes Mal wenn ich einen Text verfasse, der literarischen Ansprüchen genügen soll. Der Autor ist nicht tot in unserer Zeit, er existiert in jeder Zeile, die er verfasst. Jede Zeile eine Angriffstelle auf seine Existenz, aber auch eine Nahtstelle zu anderen Existenzen. Er lebt und muss sich vernetzen, um weiter zu wachsen. Schreibtische, Künstlerhäuser, writer in residence-Programme, Schreibwerkstätten, creative writing Studiengänge, literarische Blogs im Sprachraum des Internets, Lesungen, der Alltag und nicht zuletzt, der Text als konsumierbares Produkt dienen dem Austausch. Der Vernetzung.

Ein Mensch, der einen Text liest, ist einer, der weiß, ein Mensch, der einen Text schreibt, ist einer, der weiß. Menschen, die über einen Text sprechen, Menschen, die wissen. Alles Menschen, die spüren (können, sollten, lernen, dürfen, werden). Ich denke gern an eine Episode im Herbst zurück. Im Gespräch mit einem anderen Menschen: Französische Tageszeitungen brachten eine Meldung über ein Kleinkind, das aus einem Fenster gefallen war, durch eine Markise krachte, der Stoff zerriss, er muss wohl mit einem grässlichen Geräusch zerrissen sein. Ein endgültiges Geräusch, ein Geräusch, das vom Ende erzählt; denn unter der Markise gelegen, wartete ein Cafe, Tische, Stühle, Gäste, Bedienungen, Passanten und der Asphalt des Bürgersteigs. Der Aufprall hätte den jungen Menschenkörper zermalmt – soviel scheint sicher. Der Junge hatte Glück, er fiel aus dem Fenster, krachte auf die Markise, die mit einem grässlichen Geräusch riss, den Körper freigab und dieser Körper landete in den Armen eines Menschen. Dieser Mensch war von Beruf Arzt. Was für ein Glück!

Ich habe gelacht und gleichzeitig eine große Rührung in mir verspürt. Nicht die Freude aber, oder die Rührung war es, die mich im selben Moment irritiert hat. Sondern der Satz, der unvermittelt in meinem Kopf aufgetauchte.

„Später wird sich niemand mehr daran erinnern, warum Antoine eigentlich aus dem Fenster gefallen war.“

Ich habe mittlerweile drei Fassungen von Antoines Fenstersturz geschrieben, nicht ein einziges Mal aber einen Zeitungsartikel zum tatsächlich passierten Fenstersturz gelesen. Das ist nicht wichtig für mich. Die Vernetzung von zwei Menschen, im Dialog, die Vernetzung von Realität und Fiktion, die Vernetzung von verschiedenen Handlungssträngen, die Vernetzung von Figuren und dem Nachhall von Sprache, das sind wichtige Dinge in meinem Leben. Was weiß ich, was jener Mensch, der mir von diesem Vorfall berichtet hat, nach unserem Gespräch getan hat? Was weiß jener Mensch, was ich danach getan habe? Was wird aus dem Jungen werden, den ich Antoine genannt habe? Sein Schicksal ist ungewiss; einerseits, weil es noch keine endgültige Geschichte gibt, die ich erzählen will. Andererseits, weil ich den Menschen, der die Folie zu einer Figur namens Antoine gebildet hat, nicht einmal kenne. Ich weiß nicht, was mit diesem Text passieren wird.

Stellen Sie sich vor: Antoine landet in den Armen einer Bedienung, die das Kind den karrierebewussten, dank des Unfalls sehr erschrockenen Eltern zurückgibt und daraufhin kurzerhand als die perfekte Gouvernante engagiert wird, bis es zu einer Katastrophe kommt, da die Vorstellungen der Gouvernante nicht mit denen der karrierebewussten, längst nicht mehr erschrockenen Eltern übereinstimmen. Oder stellen Sie sich vor, Antoine erfährt erst viel später davon, was für ein verdammtes Glück er als Kleinkind einmal hatte und macht sich auf die Suche nach dem Menschen, der sein Leben gerettet hat. Vielleicht aber hat Antoine auch einfach nur immer Pech in seinem Leben, vielleicht war der glücklichste Moment der, als die Markise riss, ein Mensch instinktiv seine Arme nach dem fallenden Bündel ausstreckte und damit ein Menschenschicksal neu gestrickt wurde. Das ist es ja, was unser Leben ausmacht. Unser Streben, der Zufall, wenn es ihn den gibt und unser Wille, oft die Angst, einem übergeordneten Schicksal Untertan zu sein. Fatalité vs. Volupté. Die Hybris des Individuums, das sich am Schicksal reibt und die nachfolgende Katharsis. Wie, wenn nicht vernetzt mit anderen Individuen ließe sich das aushalten?

Wer einmal getrauert hat, weiß, dass man in der Trauer immer allein ist und nie. Wer einmal wirkliche Freude empfunden hat, weiß, dass man in der Freude immer allein ist und nie. Wer einmal eine Zeile geschrieben hat, weiß, dass man damit allein ist und nie. Die Wirklichkeit der anderen Menschen ragt immer über den Seitenrand herein. Wir sind keine pathologischen Einzelgänger, wir sind Herdentiere, Schriftsteller sind Herdentiere, auch sie, vielleicht sogar gerade sie brauchen den Austausch so dringend wie andere Existenzen ihre natürliche Umgebung.

Aber was ist mit den Eremiten, was mit den schweigenden? Ich weiß es nicht. Ich kann es mir nur vorstellen. Hineinsehen in einen Menschen kann ich nicht. Es ist ein Freitagabend, ja, ein Freitagabend. Ich habe eine Flasche Rotwein geöffnet, aber noch keinen Schluck von meinem Glas genommen, es steht unberührt auf dem Tisch und wartet. Ich denke an einen Eremiten, wie ich ihn mir vorstelle. Ein Mann, (Männer scheinen für ein derartiges Da-Sein anfälliger zu sein) der keinen Kontakt zur Außenwelt hat. Im selben Moment, indem ich das denke, weiß ich bereits, dass dieser Gedanke falsch ist. Ein Mann, der keinen Kontakt zur Außenwelt hat, ist nicht zwangsläufig auch ein Eremit. Wer behauptet denn, dass der Eremit seine Außenwelt nicht wahrnimmt? Dass er nicht reflektiert, was sich um ihn herum befindet? Dass er nicht in der Lage ist, ein Gefühl zu empfinden, das von außen bedingt, sich im Inneren äußert? Ich kann das nicht behaupten. Meine Vorstellung des Eremiten, die ich an einem Freitagabend habe, ist falsch. Ich lehne mich zurück. Schließe die Augen. Setze mich an die Arbeit. Verändere das Gesicht des Eremiten. Verwische die Falten um die Augen, stutze ihm den weißen Bart. Wechsele seine Augenfarbe und lasse aus dem verhutzelten Torso einen kräftigen, aber nicht allzu außergewöhnlich schön anzusehenden Männerkörper entstehen. Dieser Eremit lebt nicht irgendwo auf dem Land, auf einer Hügelkuppe hinter einem Ginsterbusch oder einer Bergspitze in einer kleinen Klause. Diesen Eremiten stelle ich in die Stadt hinein, mitten ins Zentrum. In den Hinterhof eines Hauses, sodass der alltägliche Lärm der Straße hier nur gedämpft wahrnehmbar ist. Die Sonne fällt nur zu bestimmten Tageszeiten auf bestimmte Flecken in diesem Hinterhof. Ich gebe diesem Mann einen Beruf, ein Handwerk vielleicht, eines, das selten geworden sein mag, aber den Lebensunterhalt sichert. Er soll ein Sattler sein, denn das ist einer der ersten Berufe, die mir einfallen und ein Gedanke, der mir gefällt, ein Gedanke, der Raum lässt. Kennen Sie die Arbeit eines Sattlers, auch in unserer Zeit? Es gibt sie noch. Er soll eine kleine Werkstatt besitzen, die allerdings in einem anderen Hinterhof liegt, Distanzen müssen überbrückt werden. Er soll in dieser Werkstatt arbeiten, denken, fühlen und vor allem, nicht einsam sein. Er soll mit den Menschen kommunizieren, die ihre kaputten Ledersachen gern repariert haben möchten. Er soll an einem besonderen Stück arbeiten, vielleicht seinem Lebenswerk. Aber er soll auch nicht übermäßig mit sozialen Kontakten beglückt sein, er ist schließlich ein Eremit. Ich werde ihm einen Freund geben, vielleicht auch zwei. Eine Liebesgeschichte, die weder glücklich noch unglücklich endete, weil sie vielleicht gerade erst beginnt. Einen Todesfall, aber keinen zu nahegehenden; nur, die Liebe und der Tod sind die beiden bewegenden Eckpfeiler unseres Lebens.

Und, als ich aufhöre, zu schreiben, stelle ich fest, dass dieser Eremit kein Eremit mehr ist. Er ist vielmehr ein Mensch wie Sie und ich. Manches hat er mehr, manches hat er weniger. Aber jetzt kenne ich diesen Eremiten, bin eine Verbindung zu ihm eingegangen, spüre seine Existenz, habe mich mit ihm vernetzt. Ich werde ihn Antoine nennen, alles andere erdenkt sich, ergibt sich. Aber der erste Satz seiner Existenz lautet immer noch:
„Später wird sich niemand mehr daran erinnern, warum Antoine eigentlich aus dem Fenster gefallen ist.“


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