Archiv für die Kategorie ‘Die Beunruhigten’

Möbiusschleife

12. Juni 2012

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Wortdemonstration

12. Juni 2012

Sitze. Starre. Blinzle. So kann man nicht arbeiten. SO NICHT! Da lärmt einer, ein Arbeiter, der sich auf unserem Dachboden an etwas zu schaffen macht. Steine fallen. Es poltert. Es holpert. Da stolpert der Arbeiter, während ich hier schreiben soll. Mich konzentrieren. Auf das Selbst soll man sich richten. Einen Gedanken fassen. Am Schwanz packen, den Gedanken durch den Raum, dann auf das Papier schleudern. Ich schreibe nicht auf Papier. Ich tippe. Direkt ins Gerät hinein. Bin ein Maschinendichter, ein Hau-rein-Texter, der nun, bei dem Lärm über seinem Kopf, nicht arbeiten kann. Keinen klaren Gedanken kann ich fassen. So kann ich nicht arbeiten. Der dort oben arbeitet am Dach, am Himmel, der reißt Steine aus einer Wand, die den Dachboden so uneinsehbar machte. Es geht um eine klare Sicht, die mir fehlt, weil in meinem Kopf eine Mauer thront. Mein Kopf wird von einer Mauer durchzogen. Die Mauer müsste eingerissen werden. Jetzt. Sofort. Ich könnte den Arbeiter bitten, mir beim Abtragen der Kopfmauer behilflich zu sein. Der könnte in meinen Kopf steigen, die Steine aus dem Kopf reißen, sie aus meinem Ohr werfen. Aber der Arbeiter wütet noch immer über mir, lässt keine Gedanken zu, nur Worte, die ich nun tippe, die ich hier in das virtuelle Papier packe; in Watte wird hier nichts gepackt, dies soll nur dem Abtrag meiner Wut hilfreich sein. Meine Wut will ich abtragen, will sie schichten Stein für Stein. Meine ganze Wut auf einen großen Haufen packen. Ein Wuthaufen. Ein Kothaufen. So ein Wuthaufen erinnert an einen Kothaufen. Aber das interessiert den Arbeiter droben auf dem Dachboden nicht, der Stein für Stein die Mauer abträgt, der keine Ahnung hat, nicht von mir und nicht von meinem Wuthaufen, nicht von meinen Wortsteinen, die ich nehme, die ich Ihnen hiermit um die Ohren schlage. Weh tun sollen die. Schmerzen sollen die. Wutsteine, die ich werfe, weil ich mich hier und jetzt auf meiner eigenen Demonstration befinde, die allmählich außer Kontrolle gerät, die ich auflösen muss, damit nichts Schlimmeres geschieht, ich muss Übergriffe verhindern. Ich will nicht übergreifen, nicht nach oben greifen, dem Arbeiter an die Gurgel gehen, auch will ich nicht von meinen Lesern bedroht werden. Der dort oben tut doch nur seine Arbeit, denke ich. Er arbeitet. Ich versuche es auch. Ich demonstriere. Ich demontiere. Die Worte. Die Zeit. Einfach alles. Ich entsende ein paar Streifenwagen. So geht das nicht weiter. Die Mannschaftswagen der Polizei tauchen auf. Mit quietschenden Reifen. Sie lösen mich auf. Sie lösen die Menge in meinem Kopf auf. Sie schicken die Wortmenge in meinem Kopf nach Hause. Wie? Wo? Was? Die Worte sind entrüstet. Sie beschweren sich. Wir sind doch hier zuhause, wir bleiben hier, wir wohnen hier. Ach, was für ein Unsinn, ruft einer der Polizisten, schon verhaftet er das erste Worte. Das Wort wird in Gewahrsam genommen. Das Wort muss ins Gefängnis. Das Wort, so erklärt der Polizist, kann sich hiermit als verhaftet begreifen. Nicht doch. Ich mache die Polizei auf die Arbeiten auf dem Dachboden aufmerksam. Da sei eine andere Polizei zuständig, erklärt man mir. Die Polizei setzt Tränengas ein. Ich muss weinen. Ich muss schließen. Die Worte versiegen. Die Worte rinnen die Straße hinab. Ich kann sie gar nicht mehr sehen. Sie sind fort. Ich werde auf sie warten. Hier. Sie werden kommen. Sie werden mich überfallen. Bestimmt. Die Hoffnung muss sein. Die Hoffnung muss bleiben. Der Lärm auf dem Dachboden endet. Stille.

Scherbengesichter. Zersplittert.

11. Juni 2012

Nur eine Tasche. Noch diese. Keine andere. Diese Marke. Die besitzt sie. Noch nicht. Sie atmet. Tief. Tiefer. Sie saugt die Luft ein. Leder. Waren. Sie spürt sich nicht. Das Geschäft. Das schon. Ihre Hand fährt. Sanft wie über einen Männerrücken. Jörg. Manuel. Andreas. Hatte sie noch nicht. Sie erschreckt. Ein solcher Name. Den man häufig antrifft. Das Leder ist glatt. Gespannt. Poliert. Sie könnte sich darin spiegeln. Ein wenig. Licht. Die Hand verharrt. Andreas. Es muss einen gegeben haben. Kann ich Ihnen helfen? Sie blickt auf. Der Verkäufer. Sie will den Kopf schütteln. Nein. Mir ist nicht zu helfen. Das sagt sie nicht. Sie überlegt. Wirkt verwirrt. Reiß dich zusammen. Denkt sie. Die Hand noch auf der Tasche. Diese eine Tasche. Die müsste es schon noch sein. Dann ginge es besser. Eine Weile. Eine kleine Weile. Das Leben ist ein zerbrochener Spiegel. Sie will sich in den Einzelteilen sehen. Entdecken. Das Leben besteht aus kleinen Augenblicken. Eine kleine Weile. Noch eine kleine Weile. Jedes Stück will mit Leben gefüllt sein. Mit einer Bewegung. Mit einer Hand. Mit einem Fuß. Mit einem Blinzeln. Einer Träne. Einem Kuss. Sie will nicht. Jetzt nicht. Nicht an Küsse denken. Doch nicht hier. In einem Laden. Die Hand auf einer Tasche. Leder. Der Rücken eines Mannes. Kein Mann. Der Verkäufer ist ein Mann. Ohne Geld. Der kann die kleinen Augenblicke nicht füllen. Doch. Dummes Kind. Mit einem Kuss. Einer Schuppe, die aus dem Haar fällt. Und dann? Fällt das Haar. Haar für Haar. Kein Haar mehr. Ein Mann mit Glatze. Beate. Die findet das sexy. Bruce Willis. Sie nicht. Sie sieht sich keine Filme an. Keine Filme. Doch manchmal. Walt Disney. Eine Prinzessin. Das ist sie. Eine Prinzessin. Steht hier. Ist alles in Ordnung? War sie das? War das der Verkäufer? Sollte sie verwirrt sein? Aufblicken. Den Blick weg von der Tasche. Dem Verkäufer ins Gesicht blicken. Tief ins Gesicht. Nein. Das Gesicht kann nicht glatt sein. Nicht so glatt wie das Leder. Sie wird sich im Gesicht nicht spiegeln können. Das konnte sie noch nie. Darum geht es doch. Sich entdecken. Sich spiegeln können. Sich entdecken. Also bleibt sie stehen. Ruhig. Saugt die Luft ein. Leder. Gemischt nun mit einem Parfüm. Kenne ich doch! Habe ich Vater geschickt. Weihnachten. Letztes Jahr. Das Jahr davor. Sie weiß das Jahr nicht. Es ist von. Sie formt einen Namen. Klein. Nein. Der Verkäufer. Das war er. Warum? Wie kann er? Einfach so. Doch. Das Parfüm ist von Klein. Vater. Sie hat es nie an ihm gerochen. Nie. Nie. Wie Vater jetzt aussieht? Ob er eine Glatze hat? Ob die Haare gefallen sind? Sie atmet die Gedanken fort. Sie streicht die Gedanken aus ihrem Kopf. Sie streicht über das Leder. Diese eine noch. Keine andere mehr. Für die reicht mein Geld. Ohne die muss ich sterben. Der Preis. Sie sieht das Schild. Teuer. Zu teuer. Die Welt ist nicht für arme Teufel. Für die Reichen. Sie ist nicht reich. Sie ist hier, weil sie spürt, dass diese Tasche ihr zusteht. Die da. Sie möchten die Tasche kaufen? Ja. Sie hat es gesagt. Sie kann das Lächeln spüren. Diese Verzerrung im Gesicht des Verkäufers. Breit, breiter. Bald schon wird das Gesicht reißen. Die Haut wird fallen. Ein Totenkopf. Der ist es. Der lächelt sie an. Sie atmet schneller. Sie will sich nicht aufregen. Sie spürt das Zittern. Eine Welle. Sie rollt. Unaufhaltsam. Die Welle wird ihren Körper erfassen. Nicht hier. Nicht jetzt. Schweiß. Nicht schwitzen. Keinen Tropfen verlieren. Bleib stark. Raus. Sie muss raus. Kann sich die Tasche nicht leisten. Mir ist. Was ist mit Ihnen? Mir ist. Soll ich Ihnen ein Glas Wasser? Nein. Ich muss. Sie stürmt. Seltsam ausladende Schritte. Sie springt über einen Fluss. Von Stein zu Stein. Das sind die Scherben ihres Lebens. Teile davon. Sie muss vorsichtig sein. Sie darf nicht fallen. Nicht stürzen. Nicht hier. Nicht jetzt. Nie! Sie ist draußen. Steht in der Passage. Geschäft an Geschäft. Scherbe an Scherbe. Gesichter hetzen vorüber. Scherbengesichter. Zersplittert. Nasen. Ohren. Münder. Eine Durchsage. Oder die Stimme Gottes. Gott spricht. Von einem Sonderangebot im Untergeschoss. Gurken. Gott verstummt. Sie taumelt ans Geländer. Hält sich fest. Ganz fest. Nicht nachlassen. Umklammern. Das Metall spüren. Rund. Groß. Kalt. Ein Männerschwanz. Sie muss sich erinnern. Da gab es einen. Vater. Nein. Den sah sie nie. Auch nicht nackt. Ich habe meine Eltern nie nackt gesehen. Meine Eltern haben keine Haut. Ihre Haut besteht aus Kleidern. Aus Hosen und Socken und Pullovern und Jacken. Meine Eltern. Sie hält sich am Metallschwanz fest. Sie hängt mit der Hand an einem Schwanz. Denkt an ihre Eltern. Die Welle. Das Wasser in ihr hat sich beruhigt. Sie könnte lachen, weil das alles hier lächerlich ist. Ihr Leben. Sie lebt in einer Passage. Geschäft an Geschäft. Gesicht an Gesicht. Alle wollen verkaufen. Also könnte sie springen. Nein. Man stirbt nicht. Höher. Sie müsste höher steigen. Auf einen Wolkenkratzer. Gott ist zurück. Gott meldet sich. Wieder preist Gott ein Sonderangebot an. Gehet hin und kaufet. Frieden. Es gibt ihn. Sie hat ihn gespürt. Oft schon. An der Oberfläche einer Tasche. Im Glanz, den solche Taschen verströmen. Das Licht spiegelt sich darin. Weich. So weich. Man möchte mit einer solchen Tasche schlafen. Sie in sich spüren. Sie. Die Tasche. Das Geländer. Das Einkaufszentrum ist aufgeladen. Sexuelle Energien. Überall. Glück. So fühlt sich das Glück an. Sie schwitzt. Auf ihrer Oberlippe perlen Tropfen. Schweißtropfen. Sie wischt sich den Bart fort. Wie ein Kind. Ein Schokoladenbart. Wie ein kleines Kind, also kichert sie. Kichert. Hält den Schwanz des Obergeschosses. Atmet alles fort. Schließt die Augen. Konzentriert sich. Sieht sich. Am Tisch. An diesem Tisch im Wohnzimmer. Mutter und Vater sind nicht da. Sind im Schlafzimmer. Streiten. Sie kann sie hören. Schleicht sich nicht bis an die Tür. Bleibt sitzen. Ein gehorsames Kind. Sie öffnet die Augen. Besser. Es geht ihr besser. Ein kleiner Schwächeanfall. Sie geht. Schlendert. Spiegelt sich in den Scheiben. Sie spaziert durch die Auslagen. Sie ist eine Tote. Dort im Glas kann sie es sehen. Jetzt versteht sie. Jetzt begreift sie. Sie geht in den nächsten Laden. Taschen. Schon wieder Taschen. Leder. Sie atmet die Gerüche ein. Atmet das Leben ein. Sie hält die Luft an. Berührt eine Tasche. Eine nächste Tasche. Sie streicht über das Leder wie über einen Männerrücken. Sie spürt Hitze. Fieber. Sie lebt. Jetzt. Diesen einen kleinen Augenblick lang. Sie sitzt auf einer Scherbe. Niemand ist eine Insel. Jeder ist eine Scherbe. Nicht rühren. Nicht bewegen. Nicht fallen. Es kann funktionieren, wenn man das Gleichgewicht behält. Die Luft. Sie hält sie in ihren Backen. Sie dehnt die Zeit. Sie ist ganz bei sich. Hier. Jetzt. Diese eine Tasche. Nur diese. Keine andere. Diese Marke. Die besitzt sie. Noch nicht.

Der perfekte Schriftsteller

11. Juni 2012

Alle seien sie Lügner. Das erklärt er. Grinst in die Runde. Streicht sich eine goldene Haarsträhne aus der Stirn. Niemand hört ihn. Er kann mit seinen Gedanken sprechen. Das hat ihn ein tibetischer Mönch gelehrt. Das wissen die hier nicht. Die wissen eh nichts von ihm, von seinen Geheimaufträgen, von seinem Privatjet, seinem Segelboot, kein Segelboot, lacht er in Gedanken auf, es ist eine Yacht, wie man noch keine gesehen hat. Ausgestattet mit bekannten wie auch mit unbekannten (noch geheimen) Navigationssystemen.
Wenn er Urlaub hat, dann fliegt er nicht einfach in den Süden, wie all die anderen hier in dieser Runde, sondern dann rettet er ein bisschen die Welt. So wie Indiana Jones im Kino, würde er jetzt gerne laut sagen, lässt es aber, dampft es nur mit seinen Gedanken in den Raum hinein.
Ein Lügner sei er, sagen die Leute, er würde sich nicht waschen, er würde stehlen; auch betrunken wäre er oft. Darüber kann er nur lachen.
Er zündet sich eine Zigarette an, die hat er von einem Scheich bekommen, teure Zigaretten, die er in eine billige Packung quetschte, damit der Neid die Neider nicht völlig um den Verstand bringt.
Früher sei er anders gewesen, aber dann irgendwann, so erzählen die Leute, die für ihn nur Narren sind, da sei er aus dem Ruder gelaufen.
Er kann über all die Verdächtigungen, die Falschaussagen, nur lächeln, denn er hat alles, was man sich ersinnen kann. Seine neue Freundin ist ein Topmodel, er hat in seinem Keller das so lange vermisste Bernsteinzimmer, Wein trinkt er aus dem Heiligen Gral, warum sollte er sich, bei seinen Beziehungen, mit weniger zufrieden geben.
Und natürlich sind sie hinter ihm her, denn einer wie er, der hat stets Gegner. Sie stellen ihm Fallen. Behaupten, er würde stehlen, und dies nur, weil sie ihn einmal an der Jacke eines Kollegen erwischten, an der er sich festhielt, stürzte er doch unglücklich gegen die Schranktür, die sich dann öffnete; seine Hand hielt sich am Sakko, denn sonst wäre er ja gestürzt. Anschließend log der Sakkobesitzer, warf ihm vor, Geld gestohlen zu haben. Eine dreiste Unterstellung, die er empört von sich wies.
Denn einer wie er, der hat es nicht nötig zu stehlen, der verfüge über mehr Geldkoffer, so erklärte er stumm seiner erzürnten Gemeinde, als es Koffer überhaupt auf der Welt gäbe.

Ich sehe ihn an. Ich betrachte ihn. Er ist es. Der Messias. Der perfekte Schriftsteller, einer, der in seinen Fantasien, die für andere Lügen sind, verschwunden ist. Als könne er meine Gedanken lesen (und bestimmt glaubt er auch daran), hebt er den Kopf und lächelt mich an.
Jetzt muss er dies alles nur noch zu Papier bringen, muss es mit Worten bändigen. Die Worte müssen ihm zu einer Peitsche werden, die er den erstaunten Ideen präsentiert.
Aber für ihn sind es keine Ideen, er schwimmt in einem Reich aus abertausend Realitäten.
Was denkt der da, denkt er jetzt über mich. Und Schriftsteller, so sinnt er weiter, bin ich eh. Schrieb unter vielen Namen, da ich ein Unsterblicher bin.
Wieder einmal rückt die Menge von ihm ab. Sie könnten ihn nicht riechen. Er könnte sich jetzt unsichtbar machen. Das macht er aber nicht. Er sitzt das aus. In diesem Augenblick steht er es aus.
Das, was sie als Gestank bezeichnen, ist der Duft der großen weiten Welt. Einer wie er, der war immer gerade unterwegs. Tiger zähmen, Wale reiten. Irgendetwas gibt es stets zu tun.
Wissend nicke ich ihm zu, ihm, dem perfekten Schriftsteller, der alle Eitelkeiten hinter sich gelassen hat, der nicht einmal mehr schreiben muss, um sich als Dichter zu betrachten. Seine Romane, die schreibt er im Kopf. Ganze Bände hat er inzwischen schon gefüllt. Ein solches Werk wird niemals mehr geschrieben werden.
Einsamkeit unterstellen sie ihm. Dabei unterhält er ein Harem in den eigenen vier Wänden, die, so böse Zungen, von Schimmel befallen wären.
Er kann darüber nur lachen. Ich lache mit ihm, denn ich weiß um seine Kraft, um seine poetische Begabung, die ihn heute Nacht wieder einmal bis nach Moskau tragen wird.
Ja, denkt er mir zu, du weißt es.
Schreib weiter an deinen Büchern der Stille, denke ich zurück. Ich verlasse den Raum. Nicht wirklich natürlich, denn so etwas wie Füße benötigen wir nicht.

(Erschienen bei Faust-Kultur)

Stille 7

20. Mai 2012

” “
Das Buch der Stille

Diese Stille könnte es sein, sagt Mora.
Er legt den Finger behutsam auf seine rissigen Lippen, die an ein Stück Fels erinnern, zerklüftet und wild, und dann lauscht Mora, während die Stille in dem Raum wütet, den wir nicht sehen, den wir aber hören können.
Tödlich und einmalig und kalt durchschreitet sie unsere Köpfe, ja, wir müssen es eingestehen, dies könnte die Stille sein, die Mora seit Jahren so verzweifelt sucht, die Stille, die nichts zulässt, nicht einmal das Fallen einer Stecknadel, die Stille, die alles aussperrt, um ganz in sich selbst zu versinken, um ganz bei sich zu sein, eine Stille, die sich verschweigt.

Mora gibt uns ein Zeichen, wir nehmen die Kopfhörer ab, er strahlt uns an. Mora ist glücklich. Das Glück versengt sein Gesicht, frisst es auf, verbrennt es. So haben wir Mora noch nie zuvor gesehen.
Der Fels bewegt sich, ein Spalt wird sichtbar, ein Höhleneingang. Worte taumeln Richtung Licht, schnüffeln aufgeregt, stürzen sich mutig in die Tiefe. Worte, die sich über die Stille auslassen, die er, Mora, an diesem Ort gefunden habe, der natürlich geheim bleiben müsse, denn sonst wäre es hin mit der Stille.

Pssssssst!
Silencio!
Kein Wort!

Still müsse es dort bleiben, der Ort sei nicht für Menschen gemacht, sondern einzig für die Stille, der wir aber lauschen könnten, hier!, er hebt seinen Kopfhörer und lächelt zufrieden.
Wir stülpen uns die Kopfhörer über die heißen und roten Ohren und horchen, hören nichts, hören tatsächlich nichts, obwohl wir uns konzentrieren.
Sehr sogar.

Uns hören wir, unsere Atemzüge, wir spüren unseren Herzschlag, der anschwillt, der unsere Körper anfeuert. Das Herz ist ein wilder Trommler.
So viele Jahre, sagt Mora, so viele Jahre, und dann, er kann es nicht aussprechen, diese letzten Worte halten sich verzweifelt an den Vorsprüngen des Felsen fest.

Wir gratulieren ihm, aber er hört uns nicht zu, längst trägt er wieder die Kopfhörer, er trägt sie stolz wie Ohren, die es braucht, um die Wahrheit endlich vernehmen zu können.
Ob er denn, wir verharren, wir versiegen, gerne würden wir über die Stille reden, über diesen Fluss aus Nichts, der, von Mikrofonen gefangen, durch unsere Hirne rauscht, aber kein Wort könnte der Stille, dieser perfekten Abwesenheit, gerecht werden.

Also schweigen wir, die Hände in den Taschen. Wir hängen, jeder für sich, einsam unseren Gedanken nach, und fragen uns, was die Stille, die Mora aufgespürt hat, uns sagen will.
Die Dinge müssen einen Sinn haben, sie müssen sich rechtfertigen, und wenn sie scheinbar keinen Sinn ergeben, dann findet man einen.
Welt will verstanden werden.

Gott, so denken wir, es könnte Gott sein, dem wir beim Schweigen belauschen und der sich uns auf diese wunderbare Weise offenbart, der uns die kühle Kehle der Ewigkeit entgegen streckt.
Ist es das, wonach Mora gesucht hat?

Eine solche Stille, zumindest die Aufnahme davon, sollte nicht verloren gehen, sie sollte der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, sei es in den ruhigen Räumen eines Museums oder als käuflich erwerbbaren MP3-Download, damit sich jedes Ohr, das sich bereit dafür fühlt, der Stille, die von Mora ans Tageslicht gezerrt wurde, beiwohnen kann.
Die Leute sehnen sich nach so etwas, nach einem Ort des Innehaltens, des Verweilens, einem Ort, der von Ruhe getränkt ist, von vollkommener Ruhe.

Dies alles müssten wir Mora nun vorschlagen, der die Augen aufreißt und flüstert, diesen Moment müsst ihr hören, denn hier kreuzen sich Myriaden Fäden aus Stille und feiern die Hochzeit einer göttlichen Stille, die man so noch nirgends hören konnte.
Rasch streifen wir die Kopfhörer über, und er hat recht, wahrlich, denn es ist nichts zu hören, absolut nichts, weniger als nichts, es ist so, als wäre die Stille verstummt, als hätte sie sich ein weiteres Mal in eines ihrer zahllosen Hinterzimmer verabschiedet.

Wir können es nicht glauben, nicht fassen, Mora hat ein Wunder vollbracht, seine Suche nach Stille ist mit Erfolg gekrönt.
Hoch soll er leben, müsste man singen, aber wir sagen nichts, wir ersinnen bereits Werbespots für dieses Produkt.
Eine solche Stille kann in Zeiten des ansteigenden Lärms nicht vorenthalten werden. Sie muss für jeden hörbar und erfahrbar werden.
Dies ist man der Menschheit schuldig, außerdem könnten die Einnahmen neue Expeditionen ermöglichen, denn es ist möglich, durchaus möglich, eine noch weitaus stillere Stille aufzuspüren.

Plötzlich hebt Mora den Kopf, seine Lippen beben, nein, stammelt er.
Wir verstehen nicht, zumindest nicht sofort, aber Mora klärt uns auf, da sei etwas gewesen, ein Erhebung in der Stille, verflucht, sagt er, dies war sie also auch nicht.

Er spielt uns die betreffende Stelle vor, aber wir können nichts hören, nur diese Stille, die, so will es uns scheinen, jede Sekunde der Aufnahme stiller und stiller wird. Er habe sich da verhört, beruhigen wir Mora, der nichts davon hören will, der verzweifelt zur Decke schielt und dann doch Worte findet.
Irgendwann, sagt er, irgendwann werde ich sie finden, die echte Stille, die stille Stille.

Wir schweigen, weil es im Moment nichts mehr zu sagen gibt. Wir nicken und schweigen.
Die Stille im Raum ist nahezu greifbar, sie ist peinlich und präsent, und für einen kleinen Augenblick, denken wir, dies könnte sie sein, die Stille, die Mora seit Jahren jagt, aber wir sagen nichts, weil diese Stille dann doch allzu sehr lärmt.

Wir lauschen und sitzen und warten und denken daran, dass sie irgendwo dort draußen ist und schweigt.

Neuland

12. Mai 2012

Leo will aussteigen, nicht einfach nur eine Auszeit nehmen, sondern sich mit allen Sinnen einer neuen Welt anvertrauen, sie mit seiner Zunge, seinem Körper, seinem Geist schmecken, in ihr aufgehen und vergehen, nicht, weil er seines alten Lebens überdrüssig geworden wäre, denn das ist er nicht, ihm ist nach einer Luftveränderung, um nicht der wohlfeinen Langeweile alltäglicher Verrichtungen zu erliegen, und so sehr er es gemocht hat, in der Wohnung der Familie Müller im 3. Stock zu wohnen, er kann dem ihm inne wohnenden Trieb nicht länger ausweichen, einem Trieb, der treibend ruft, er sollte sich aus dem Staub machen, bevor Frau Müller ihn endgültig vor die Tür setzt, zumal Frau Müller an einem kranken Gemüt laboriert, einer Verschiebung ihres Glücksempfindens, das sich bedrohlich auf eine Schlucht namens Depression zuarbeitet, und dies, seit Herr Müller beschlossen hat, seinen Erstwohnsitz drei Stockwerke höher in die Bettenburg der Susanne Frisch zu verlegen, darauf wartend, seinem Körper gänzlich neue Gefühle entlocken zu können, der nun dort liegt, jetzt in diesem Augenblick, die rechte große Zehe der Frau Frisch mit seiner Zunge erkundend, während Leo sich mit Sack und Pack auf den Weg in die Wohnung eines gewissen Herrn Reismeier macht, der ihn bereits erwartend, mit einem Lächeln in die Wohnung bittet, die fortan Lebensmittelpunkt für Leo sein soll, vielen Dank, sagt Leo, und Herr Reismeier erwidert, gerne, gerne, Fachkräfte für den Küchenbereich sind hier stets gesucht, aber jetzt solle er sich erst einmal einrichten, sagt Herr Reismeier, er könne in seinem Bett Unterschlupf finden, Sie können in meinem Bett Unterschlupf finden, sagt Herr Reismeier, aber Leo lehnt mit einem breiten Grinsen ab, er wolle zunächst ans Meer, jaja, das Meer, sagt Herr Reismeier, da wollen sie alle hin, und darum leitet er Leo zum Badezimmer, er öffnet die Tür, Hitze schlägt aus dem Badezimmer, der Tropenbereich, sagt Reismeier, viele Pflanzen, setzt er noch hintan und reicht Leo ein kleines Messer, das werden Sie benötigen, Leo greift nach dem Messer, er wagt den Schritt und findet sich in der nächsten Sekunde in einem Dschungel, der bewohnt ist von allerlei Tieren, so findet sich dort eine gelbe Gummiente, ein heimtückisches Ungeheuer, wie Leo aus eigener Erfahrung zu berichten weiß, er schlägt mit dem Messer auf eine Pflanze ein, reißt kleine Blätter zur Seite, die seinem Blick auf eine bestimmte Wandkachel im Wege standen, gefällt es Ihnen denn, ruft Herr Reismeier, aber Leo kann nicht antworten, befindet er sich doch im Kampf mit dem Badvorleger, der ihn verschlingen will, Leo wird ihn bändigen, denn mit Badevorlagen kennt er sich aus, er hatte mit diesen wilden Urzeitgeschöpfen schon vor Jahren im Haushalt einer gewissen Erna Gröbenbach zu tun, die sich dort wie eine Plage ausbreiteten, Leo ringt, aber schließlich und endlich besiegt er den Unhold, der sich scheinheilig, als könne er kein Wässerchen trüben, vor die Badewanne legt, darin das Meer zu finden ist, denn dort wollte Leo ja hin, ans Meer, aber wie das sooft ist mit Erwartungen, erfüllen sie sich erst, dann bleibt von ihnen nicht viel übrig, also ruft Leo zu Reismeier hinaus, könnte ich denn auch in die Berge, selbstverständlich, ruft dieser freudig erregt auf, er müsse nur mit ihm kommen, jaja, sagt Leo, der sich bereits zurück in den Flur gekämpft hat, schöner Himmel, sagt Leo und zeigt zur weißgetünchten Decke, aber Reismeier antwortet nicht, er steht im Wohnzimmer, Leo muss sich beeilen, will er den Anschluss nicht verpassen, Reismeier zeigt auf den Schrank, alte deutsche Eiche, über 2 Meter hoch, sagt er stolz, den bezwingen nur geübte Kletterer, das ist auf keinen Fall ein Anfängerschrank, bestimmt nicht, murmelt Leo, ja, hier gefällt es ihm, hier will er bleiben, Wasserfälle, fragt Leo, Reismeier winkt ab und sagt, haben wir alles, das Klo befindet sich neben der Mulde des kahlen Baumes, des was, ruft Leo erstaunt auf, Sie können es auch Garderobe nennen, aber wer tut das schon, sagt Reismeier, lacht auf, Leo stimmt in das Lachen ein, er klopft Reismeier auf die Schulter, den der plötzliche Schlag im Lachen unterbricht, der ihn ernst anblickt und dann sagt, so, jetzt wollen wir uns aber erst mal um den Schriftkram kümmern, Ausweis, ich hätte gerne Ihren Ausweis, außerdem das Führungszeugnis der letzten Wohnung, Ihr Gepäck muss ich auch noch untersuchen, Leo erschrickt, nichts für ungut, sagt Reismeier, aber wenn das jetzt alles schnell über die Bühne geht, dann, was dann, schreit Leo, dann, sagt Reismeier, zeige ich Ihnen noch unsere Attraktion, ja, was ist das denn, ruft Leo, lassen Sie sich überraschen, sagt Reismeier, lassen Sie sich überraschen, manche nennen den Ort, den ich Ihnen zeigen will, Kühlschrank, ich nenne ihn EWIGES EIS, nein, sagt Leo, doch, sagt Reismeier, und es gibt sogar Leben darin, Leo kann sein Glück kaum fassen, es war eine gute Entscheidung, Neuland zu betreten.

Der Garten

28. Juni 2011

Prosa zum Abschied

Für Melusine Barby

In dem steht plötzlich mein Großvater, der kein Heimkehrer ist, sondern ein Fremdgeher, der nur nach Hause kommt, um Kinder und von seinem Leid zu zeugen, der seinen Kopf im Schoß der Großmutter bettet, die ihm durch die Haare fahren will, die fehlenden Haare, denn er ist ein alter Mann, der nun fort ist, der in einem anderen Garten steht, bei einer anderen Familie, Großvater, der immer der Andere war, der nun ein Anderer ist, ein Fremdgeher, einer, der den Blick an den Horizont heftet und der Großmutter in den Schoß heult und sagt, ich kann nicht bleiben, der zu seinem Vater blickt, der im Gras liegt und die Sonne mit der Nase kitzelt, der die Wolken vom Himmel pflückt, ein Wolkenbauer, der nur im Gras liegt und auf die Ernte wartet, die das schlechte Wetter ihm bringen wird, der mich auf seinen Schoß nimmt und schaukelt und sagt, dort ist dein Großvater und bettet seinen Kopf im Schoß der Großmutter, aus diesem Schoß wird deine Mutter fallen, die der Großvater in den nächsten Jahren schlagen wird, weil sie ihn hält, weil sie ihn ans Haus bindet und an den Garten, der unser Garten ist, ein alter Familiengarten, angefüllt mit Apfelbäumen und Beeten und Sträuchern und Tod und einem Schuss in die Hand, ein Schuss durch einen Laib Brot, um der Front zu entkommen, dort in der Ecke, der Urgroßvater zeigt es mir, ist das Lager, dort kommt dein Großvater hin, Kanonenfutter, aber er ist kein Futter, fürchte dich nicht, beruhigt mein Urgroßvater mich, während mein toter Vater an meiner Seite steht und mir die Hand reicht, weil er mit mir den Sonnenuntergang betrachten will, mein Vater, der in einem Hotelzimmer starb, der seine Ahnen grüßt, der auf einen Apfelbaum zeigt, der mir im Alter von sieben Jahren die Hand aufreißen wird, weil sie über einen eingeschlagenen Nagel rutscht, eben jener Nagel, den mein Großvater in den Baum schlägt, um einen Spiegel daran zu befestigen, um zu sehen, wer er ist und ob der, der er ist, sich rasieren muss, während meine Großmutter nach Berlin fährt, die Kinder an den zahllosen Händen, die sich Hände wachsen ließ für diese Fahrt, um zu flehen um das Leben meines Großvaters, des Feiglings, der vor der Front floh wie er auch vor meiner Großmutter und meiner noch ungeborenen Mutter fliehen wird, die sich an meine Seite stellt und fragt, ob ich ihren Mann, deinen Vater, gesehen habe, ich nicke nur stumm und zeige zur Sonne hin, zur sich neigenden Sonne und meine Mutter versteht und mein Urgroßvater versteht und mein Großvater versteht und meine Großmutter versteht, sie stehen alle da, aufrecht und starr und sehen zur untergehenden Sonne hin, sie genießen die letzten warmen Strahlen, dann vergeht die Sonne in der Nacht.

Warten auf Manuel

18. Juni 2011

Klar. Er müsste längst da sein. Die Tür aufschließen. Hereinspazieren. Einen Kuss in die Luft drücken. Sagen: Da bin ich.

Ich sitze vor dem Fernseher. Eine dieser dämlichen Shows. Gesucht wird ein neuer Popstar. Weil mich das langweilt, stelle ich mir vor, wie sie den Papst vor ein Erschießungskommando zerren. Ich sehe es deutlich vor mir. Dieser Gesichtsausdruck. Der Zweifel, der sich über seine Wangen arbeitet. Schüsse. Der Papst sackt zusammen. Sie holen den Nächsten. Der Dalai Lama. Das ist nun wirklich mal eine gute Show. Ich kann mir ein Lächeln nicht verkneifen.

Und Manuel. Ich rufe ihn auf seinem Handy an. Nichts zu machen. Er muss es ausgeschaltet haben.
Also schenke ich mir einen Wodka ein.
Schalte auf einen Nachrichtensender. Die zeigen noch das wahre Leben. Leichenteile. Liegen verteilt auf einem Feldweg. Wo ist das nur? Egal. Weiter.
Ich könnte mir einen Porno ansehen. Nein!

Später erzählen sie mir Einzelheiten. Ich muss immer wieder darüber nachdenken. In den Nächten träume ich davon.
Manuel hatte einen Verkehrsunfall. Da kann man natürlich lange warten.
Ein Besoffener steuerte sein Auto frontal in den Wagen Manuels. Seltsam. Ich habe sogar Fotos gesehen. Aber ich kann es immer noch nicht glauben.
In meinem Kopf läuft es als Action-Film ab.

Damals weiß ich noch nichts davon. Ich rauche auf dem Balkon eine Zigarette.
Unter mir läuft ein streitendes Paar. Ich verhalte mich ganz ruhig. Beuge mich über das Geländer. Richtig verstehen kann ich nichts.
Enttäuscht gehe ich wieder in die Wohnung. Ich schaue auf die Uhr, kann nicht ahnen, dass Manuel in diesem Augenblick stirbt. Er verschmilzt mit seinem Wagen. Er und sein Auto werden zu einem Wesen. Daran muss ich später denken.

Manuel wird nicht kommen. Jetzt bin ich mit Bernd zusammen. Ich spreche nicht über Manuel. Wir sehen uns Pornos an. Kriegsfilme.
Er holt mir mit der linken Hand einen runter. Ganz nebensächlich. Ich spritze ab. Bernd lächelt kurz. Dann verabschiedet er sich.
Ich glaube, ich könnte mich in Bernd verlieben.

Als Manuel starb, da starben so viele andere Menschen. Es ist nichts wirklich Besonderes.
Ich muss nur die Nachrichten einschalten. Unzählige Menschen werden in jeder Sekunde erschossen. Sie verhungern. Sie werden zu Todes gefoltert.
Sie sind Teil meines Fernsehprogramms. Mehr nicht.

Manuel ist nicht gekommen. Ich fluche auf ihn. Mehrmals. Ich spiele mit dem Gedanken, alleine in den Club zu gehen. Tanzen. Flirten. Ein paar Drinks.
Ich lasse es, weil ich müde bin.
Ich lege mich in mein Bett. Ich sehe zu dem Kissen neben mir hin.
Ich stelle mir Manuels Gesicht vor.
Später stelle ich es mir auch oft vor. Dann aber ist es über und über mit Blut besudelt. Frisches Blut. Der Anblick erregt mich. Ich schlafe mit Manuel, mit dem nun toten Manuel, der seinen Schwanz mit aller Heftigkeit ins meinen Arsch stößt. So war er gar nicht. Der tote Manuel gefällt mir. Ich könnte mich an ihn gewöhnen.

Sie klingeln in der Nacht. Sie haben meine Adresse von Manuels Mutter. Sie teilen mir seinen Tod mit. Ich nicke nur stumm. Gehe in die Wohnung zurück.
Ich schalte den Fernseher ein, weil ich nicht weiß, was ich sonst tun sollte.
Die Show vom Abend wird wiederholt. Ich sehe hin. Ich denke nicht an Manuel. Die Show langweilt mich noch immer.
Ich schalte um. Da sind Frauen, die sich ausziehen.
Ich sehe zur Tür hin.
Manuel wird nicht kommen.
Ich schalte weiter. Irgendwo wird schon ein guter Film kommen. Man soll die Hoffnung nicht aufgeben.
Niemals.

Manuel wird nicht kommen. Ich habe mich daran gewöhnt. Jetzt kommt Bernd. Auf Bernd ist Verlass.
Wir sprechen nicht über Manuel. Das würde sich nicht gehören.
Wir sitzen vor dem Fernseher. Sie zeigen eine Dokumentation über Verkehrsunfälle.
Über Manuel berichten sie nicht.
Manuel ist zu meiner heimlichen Liebe geworden. Die ideale Liebe.
Er ist der perfekte Liebhaber. Ich muss nie auf ihn warten, weil er schon längst da ist. Das ist das Gute an den Toten. Man kann sich auf sie verlassen.

Bernd hat mich verlassen. Ich würde nicht zuhören, hat er gesagt.
Ich habe nichts erwidert. Reisende soll man ziehen lassen. Außerdem habe ich Manuel.
Ich streife die Unterhose über meine Füße. Mein Schwanz ragt in die Luft.
Manuels blutverschmiertes Gesicht lächelt mich an.
“Endlich”, sagt er.
“Tut mir leid. Ich stand im Stau.”
“Ich habe gewartet”, sagt Manuel.
“Das ist gut. Sehr gut sogar.”
Ich küsse ihn. Ich habe ihn zum Fressen gern. Irgendwann werde ich ein Stück aus seinem Körper beißen.
Ich bin noch nicht soweit. Aber der Tag nähert sich. Ich kann es spüren.
Ich habe mich nie lebendiger gefühlt. Der tote Manuel fickt mich. Ich schreie laut auf.
Das ist gut so. Das ist der Beweis.
Ich bin noch am Leben.

Der Richter

15. Juni 2011

Der Richter durchstöbert die Internetseiten. In der rechten Hand trägt er einen Rotstift. Er markiert Fehler. Er kann kaum noch etwas erkennen. Der Bildschirm ist über und über mit roter Farbe beschmiert.
Die Frau des Richters schläft noch. Er schleicht in ihr Zimmer hinüber. Beobachtet ihre Mundwinkel, die ihm falsch erscheinen. Die dürften nicht so hängen, denkt der Richter. Er zückt den Rotstift und markiert seine Frau. Die Frau ist das gewöhnt. Sie lässt sich nicht stören. Sie schläft. Weiter. Nur im Traum bleiben, denkt sie.
Der Richter schreitet mit dem Rotstift durch die Wohnung. Er markiert die falschen Geräusche und Düfte. Der Richter geht ins Badezimmer. Entdeckt im Spiegel sein Gesicht. Falsch, denkt er, ein falsches Gesicht. Also übermalt er sein Spiegelbild. Endlich kann er sich nicht mehr sehen. Geht doch, denkt der Richter und schreitet weiter durch den Tag, der noch auf seine roten Markierungen wartet.
Vor der Tür schreit ein kleines Kind. Der Richter fragt: Was ist mit dir? Ich habe Hunger, antwortet das Kind. Der Richter überlegt. Er kniet sich vor das Kind. Horcht am Bauch des Kindes. Eine Lüge, sagt der Richter. Er markiert das Kind mit seinem Rotstift. Dieses Kind muss verbessert werden. Man sollte das Kind gegen ein anderes Kind eintauschen, denkt der Richter.
Der Richter markiert in Gedanken den Verkehr. Da wird gegen so viele Verkehrsregeln verstoßen. Da wird ihm ganz übel. So etwas kann der Richter nicht ertragen. Er beugt sich über eine Mülltonne. Der Richter übergibt sich. Er überprüft sein Erbrochenes. Das kann nicht sein, denkt er. Da muss ein Fehler vorliegen. Das habe ich nicht gegessen. Er würde das Erbrochene allzu gerne markieren. Lässt es dann aber doch. Das ginge zu weit. Selbst für den Richter. Der überschreitet diese Grenze nicht. Er malt mit dem Rotstift ein imaginäres F an den Himmel. Gott gibt es nicht, flüstert der Richter.
Also zieht sich der Richter in seine Wohnung zurück. Sein Schneckenhaus. Seine Schale. Seine Tüte. Seinen Burg. Der Richter bleibt in seinem Arbeitszimmer. Arbeitet. Er klebt Buchstaben auf ein Papier. Die Buchstaben entstammen alten Gesetzesbüchern. Er will die Gesetze neu schreiben. Die alten Gesetze waren nicht richtig. Seiner Meinung nach.
Hin und wieder unterbricht er sich. Er greift nach einem Gedichtband. Enzensberger. Bruchthal. Er markiert die fehlerhaften Stellen. Diese Gedichte müssten neu geschrieben werden. Darum wird er sich kümmern. Später. Fleißig klebt er Buchstabe um Buchstabe. Immer hinein ins Schulheft. Er hat Heft um Heft gefüllt. Die Hefte liegen neben ihm. Er wird sich später um die Hefte kümmern. Er wird sie korrigieren.
Der Richter beobachtet seine Frau. Die Frau schleicht. Sie will nicht von dem Richter entdeckt werden. Der Richter sieht sie. Er greift nach dem Rotstift. Du warst ein Fehler, schreit der Richter und stürzt sich mit dem Rotstift auf sie. Er will sie bemalen. Er will sie aus seinem Leben heraus malen. Die Frau soll in einem Meer aus Rot verschwinden. Die Frau schreit. Der Richter sei ja verrückt geworden. Sie will von hier fort. Nur raus hier. Sie stürmt auf das Fenster zu. Sie stolpert. Sie stürzt aus dem Fenster. Ein letzter Schrei. Der Richter sieht zum Fenster hin. Das kann nicht sein. Ein Fehler. So hätte sie nicht sterben dürfen. Nicht durch einen Selbstmord. Er wird auf dem Friedhof mit einem Rotstift erscheinen. Das beschließt er in diesem Augenblick. Er wird es tun.
Sonnenlicht stürzt ins Zimmer. Romantik. Die hat hier nichts verloren. Der Richter streicht die Sonne mit seinem Rotstift aus dem Universum. Klappt nicht. Versuchen muss man das, flüstert der Richter. Sein Kopf hängt. Er ist müde. Die Welt lesen. Das strengt an. Überall findet man Fehler. So etwas muss man überstehen. Ohne einen Herzinfarkt. Unvorstellbar.
Der Richter wartet auf die Sirenen. Jemand wird einen Krankenwagen bestellt haben. Die Frau vor der Tür muss ja schließlich abtransportiert werden. Das ist nicht seine Aufgabe. Das wäre ein Fehler. Sie ist ihm einerlei gewesen. Schon lange. Die letzten Jahre.
Der Richter steigt in sein Bett. Er schließt die Augen. Seine Finger umschließen den Rotstift. Er ist bereit. Er wird den Träumen die Fehler schon austreiben.

Die Erfindung der Liebe

13. Juni 2011

Benazotti kann alles zugleich, eine Zigarette rauchen, drei Mitarbeiter feuern, die Namen speiend wie Kerne, die seine Sekretärin in ihrem Block auffängt, die sie beim Schließen darin zermalmen wird, den Schreien aus dem Blockinneren lauschend und lächelnd, dabei einen Espresso für ihren Chef Benazotti zubereitend, der sich indes ans Fenster lehnt, den Platz vor dem Gebäude inspizierend, dabei auf mich, den er nicht einmal anblicken will und muss, einsprechend, fragend, erzählend, befehlend, denn immerhin sei ich ja Schriftsteller, sind Sie doch, oder, fragt er nebenher, nicht interessiert, was ich dazu sagen möchte, fortfahrend, dann erfinden Sie mir eine Liebesgeschichte, das sagt er, zeigt zur Wand hin, zum Wandgemälde, darauf seine Frau neben Rosen steht, eine wunderschöne Frau, die so, ich weiß es, denn ich sah sie bereits in der Wirklichkeit, damals bei einer Abendgesellschaft im Hause Benazotti, überhaupt nicht aussieht, die vom Künstler geschönt wurde, die eine Fälschung ist, eine Erfindung, die nun Benazotti von mir verlangt, ich will, sagt er mit ruhigen und gesetzten Buchstaben, meine Geschichte, verstehen Sie, ich will, dass Sie meine Geschichte erfinden, die Geschichte meiner Frau, Sie sollen über unsere Liebe schreiben, ich werde Ihnen Anhaltspunkte geben, Orte und Zeiten, denn es soll ja den Anschein der Wahrheit haben, aber, unterbreche ich Benazotti, das ist nicht machbar, das ist mehr als schwer, was, schreit Benazotti auf, schwer, Sie sind doch ein professioneller Lügner, Sie müssen doch so etwas können, das sagt er, während seine Sekretärin in den Raum geschwebt kommt, ein Tablett mit Wasser und Espresso hinterlassend, eine Erscheinung wie aus einer anderen Welt, die durch Wände gehen kann, da bin ich mir sicher, sie würde es tun, würde es Benazotti von ihr verlangen, der nun wieder anfängt, die Stimme erhebend, Sie werden mir eine Lebensgeschichte erfinden, und Sie werden mit der Liebe zu meiner Frau beginnen, Sie werden Sie in rosa Buchstaben malen, schwülstig und großartig und zum Weinen, haben wir uns da verstanden, und dieses, haben wir uns da verstanden, war keine Frage, das war eine Ansage, ein Befehl, ein Knochen, hingeworfen, einfach so, von Benazotti, der sich nun genüsslich zurück lehnt, der mich ansieht und lächelt, das wird sich auch für Sie lohnen, sagt er, sicherlich und ganz gewiss, Sie können sich da auf mich verlassen, ich habe Kontakte, Beziehungen, ich kann sie bis ganz nach oben bringen, Sie wollen doch an die Spitze, einen Bestseller schreiben, nein, sage ich, leise, ganz leise, der müsse nicht sein, Benazotti schüttelt den Kopf, er kann das nicht verstehen, ein ehrgeizloser Autor, wo hat er so etwas denn schon einmal gesehen, er murmelt vor sich hin, er greift nach dem Espresso, er schlürft von der Brühe, er verzieht das Gesicht, kein Zucker, sagt er, die Schlampe hat den Zucker vergessen, ich werde sie, dann erinnert er sich an mich und blickt auf, nichts werde ich, sagt er, erst werden wir das Gespräch beenden, ich biete ihnen viel, auch viel Geld, Sie müssen nichts dafür tun, ein bisschen tippen, das können Sie doch, Sie sollen eine Geschichte erfinden, eine Liebesgeschichte, das werden Sie doch schaffen, oder, lassen Sie sich inspirieren, ein wenig Romeo und Julia, Sie dürfen sich mit diesem Shakesbär anlegen, schreiben sie diesen verschissenen Engländer an die Wand, ich will ihn daran erinnern, über wen er sich da auslasse, aber er winkt ab, Sie sind besser als diese teeschlürfende Tunte, haben Sie keine Angst, sollte er ihnen als Konkurrenz erscheinen, ich habe Geld, ich würde sogar eine Zeitmaschine bauen lassen, dann statten wir dem kleinen Spitzbart einen Besuch ab, er zwinkert mir zu, fährt fort, mit gebrochenen Fingern lässt sich schlecht schreiben, ich kann es nicht glauben, auch nicht fassen, was er da vorschlägt, dieser Benazotti, weil es ein ernsthafter Vorschlag ist, man kann es seinem Gesicht ablesen, solche Menschen, die tun alles, die lassen sich nicht aufhalten, es wird besser sein, wenn ich zustimme, wenn ich ihm seinen Roman schreiben werde, seine Lebensgeschichte, ich nicke also kurz, Benazotti schlägt mit der flachen Hand auf die Schreibtischplatte und ruft, ich wusste es, Sie fangen sofort an, Sie bekommen in unserer Stadtvilla ein Zimmer zugewiesen, dort finden Sie alles, was Sie brauchen, und sollte es Ihnen an etwas mangeln, dann lassen Sie es mich wissen, sagt Benazotti und winkt mich dabei schon aus seinem Arbeitszimmer, den Telefonhörer am Ohr, Geschäfte tätigend, zufrieden, bald sein Leben in den genehmsten Worten beschrieben zu sehen.


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